16.08.2019

Unterwegs.

Da war ich noch gesund, denke ich, als die nächste Erinnerung bei Facebook aufploppt. Das denke ich immer, wenn die Fotos, die mir plötzlich angezeigt werden, älter als 2,5 Jahre sind. Du bist gesund, korrigiere ich mich (wenn man mal von dem defekten Gen, der wankelmütigen Schilddrüse, der tauben Wade und dem chronischen Husten absieht, was ich aber alles nicht als „krank“ bezeichne). Ich schaue mir die Erinnerungen besonders genau an; wie habe ich da ausgesehen, wie geschaut? Und stelle fest, dass ich jetzt besser aussehe und zufriedener dreinschaue. Das ist interessant. Und gut.

Da ich am Montag (keine Lust) und Dienstag (Unterricht fiel aus) mein Sportprogramm zuhause auf dem Dach absolviert habe, beschliesse ich, am Mittwoch zur Taiji-Class zu gehen. Der Mittwoch-Slot (ehemals Herzi-Programm) „verkommt“ immer mehr zum social-Slot, heute entscheide ich mich aber für das zweistündige Taiji-Programm.

In der alten Halle, die inmitten eines schönen Parks in Altona liegt, fällt mir auf, dass nur die  richtig guten Taiji’ler am Start sind. Schon das Aufwärmprogramm ist neu; unser Lehrer, der extrem kompetent und enthusiastisch ist, hat sich wieder etwas Neues für uns überlegt. Natürlich ist es anstrengend, natürlich bin ich nach fünf Minuten durchgeschwitzt, der Blick zur Seite bestätigt aber, dass es meinen Mitstreitern nicht anders geht. Die ersten klagen über Kreislaufprobleme, was mit einem „richtig atmen!“ kommentiert wird. Mitleid hat unser Lehrer nicht, da können H. und P. am Boden liegenbleiben.

Da wir die äussere Form ja alle können und wir hier nicht mehr Level 1 sind, möchte unser Lehrer in der nächsten Zeit den Fokus auf die innere Form legen. Die Stehende Säule wird in sechs Varianten aufgeteilt, nach denen mir die „normale“ Stehende Säule lächerlich unanstrengend erscheint. Weiter geht es mit Fang Song, und was bei unserem Lehrer so einfach erscheint, ist extrem ambitioniert.

Nach 90 Minuten der erlösende Aufruf, dass wir in die Form gehen. Ich freue mich. Unser Lehrer ergänzt: die 75er Form. Ich freue mich nicht mehr. Ich kann nur die 19er Form. Spätestens jetzt ist mir klar, warum beim Mittwoch-Unterricht nur die langjährigen Schüler angetreten sind; von der 19er über die 75er bis hin zur 38er und der Schwertform sind sie fit. Ich könne einfach kopieren, ruft mir mein Lehrer zu. Nach langer Zeit fühle mich wieder wie ein Anfänger. Trotzdem stapfe ich nach dem Unterricht glücklich nach Hause.

Das pink Deiner Badekappe beisst sich mit meinem knallig pink-roten Badeanzug, lache ich meiner Schwimmfreundin zu. G., die mich schon vermisst hatte, macht mir Komplimente zum neuen Outfit, wir schwimmen plaudernd nebeneinander her, dank des kühlen grauen Wetters ist es leer im Aussenbecken des öffentlichen Bades, einfach perfekt für uns.
Ihre Tochter fände sie albern, weil sie in ihrem Alter immer noch so großen Wert auf ihr Äußeres lege, sagt G. Ich finde das toll, antworte ich. Warum sollte man nicht auch mit 80 Jahren schick angezogen sein und auf seine Figur achten; das zeigt doch, dass man sich wertschätzt.
G. sieht das genauso so, sie erzählt von ihrem jungen und gutaussehenden Arzt, dem angeknacksten Fuss (der sie natürlich nicht vom Schwimmen abhält), der Fahrt nach Glückstadt und ihrem Blazer, der nicht mehr zugeht.

Am Freitag Mittag im Aussenbecken überkommt mich ein Urlaubsgefühl, obwohl ich bis vor einer halben Stunde im Büro mit Irland und Myanmar ge-skype-meetet und mit Zypern und Singapur telefoniert habe. Wie wunderbar ist es, plaudernd seine Bahnen zu ziehen und sich darüber zu freuen, einfach hier zu sein.

Fitnessprogramm der Woche:
Montag: Stretching ✔️
Dienstag: Taiji und Tubes ✔️
Mittwoch: Taiji-Class ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag/Sonntag: natürlich etwas Taiji und/oder Schwimmen

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28.07.2019

Unterwegs.

Es ist heiss. Das ist allerdings kein Argument, das Fitnessprogramm zu vernachlässigen, doch muss es den Gegebenheiten angepasst werden.

Da unser Taiji-Lehrer im Urlaub ist, beschliesse ich, am Montag und Dienstag nicht mit der Gruppe zu trainieren sondern mein Programm zuhause auf dem Dach zu absolvieren. Es ist warm, aber für Stretching, Tubes und die eine oder andere Form ist es wettertechnisch durchaus ok. Ausserdem mag ich es, auf der Yogamatte zu liegen, in den blauen Himmel zu schauen und dem Flug der Möwen zuzusehen.

Mittwoch, 35 Grad. Auf diesen Abend habe ich mich schon so lange gefreut! Meine Lieblingsband aus New York ist in der Stadt.
Die Tickets haben wir längst gekauft, genauso wie mein Outfit, welches ich eigentlich anziehen wollte. Allerdings passt ein schwarzer, enger Rollkragenpulli mit halblangen Ärmeln nicht zur Wetterlage oder in die Tiefen eines Musikclubs, wobei ich mit der Annahme richtig liege, dass es dort, auch wenn man fast zwei Stunden wild in der ersten Reihe tanzt, kühler ist als draussen.
Was für ein grandioser Abend!
Fangirlmässig warten wir nach dem Auftritt auf die Band, die wie immer bereitwillig für Fotos zur Verfügung steht. Ich bedanke mich bei ihnen für die tolle Musik, erzähle, dass ich sie heute das siebte Mal live sehen durfte und Leo eines meiner Fotos bei Insta geteilt hat.
Wir machen Fotos, ich bin glücklich.
Erstmals habe ich auch eine Freundin dabei, die nicht wie die anderen Freunde (und alle sind bisher freiwillig mitgekommen!) eigentümlich ruhig geblieben ist sondern genauso begeistert in der front row mitgetanzt hat. Die Band wird uns definitiv wiedersehen.

Heatwave am Donnerstag. Bei 36 Grad Aussentemperatur lasse ich den Besuch des Gyms ausfallen. Minimales Stretchingprogramm im Wohnzimmer, nicht der Rede wert.

Freitag wechsele ich auf die Kampfschwimmerbahn, auf der nur ein Kampfschwimmer und drei moderate Schwimmer (also meine Artgenossen) vorzufinden sind. Es schwimmt sich hier erstaunlich gut. G., meine Schwimmfreundin, ist nicht im Aussenbecken des öffentlichen Bades zu sehen, ich plaudere ein wenig mit Hyazinth, der genauso strahlt wie die Sonne am Himmel.

Am Samstag beschliesse ich, antizyklisch vorzugehen: um 20.00h schlage ich im Schwimmbad auf, eine gute Idee, die meisten Gäste sind bereits gegangen. Gemütlich ziehe ich meine Bahnen und bin zufrieden mit mir und der Welt.

Sonntag morgen um 8.00h gehe ich in den Hafen und mache Taiji. Noch sind keine Touristen unterwegs, nur ein Angler steht am Hafenbecken und versucht sein Glück. Lustigerweise treffe ich auf drei Chinesen im traditionellen Taiji-Outfit, die den Yang-Stil praktizieren, während ich weiter meinen Chen-Stil verfolge. Ein friedlicher Start in den Tag.

Montag: Stretching, Taiji ✔️
Dienstag: Stretching, Taiji ✔️
Mittwoch: Tanzen ✔️
Donnerstag: Hitzefrei
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Taiji ✔️

Nachtrag:
Das mir nachmittags auf dem Balkon eine Maus gegenübersitzt, bringt mich kurzzeitig aus der Balance. Lösungsfindung nächste Woche.

 

03.07.2019

Unterwegs.

Durch das weit geöffnete Fenster schaue ich in den Park.

Radfahrer sitzen im Gras, um sie herum liegen die Räder.

Kinder spielen Ball. Sie lachen.

Die Meditationsgruppe schweigt.

Ein Mädchen übt mit dem Langstock. Ich erkenne sie; es ist die kleine Chilenin, die manchmal zum Taiji-Unterricht erscheint.

Ein Mann jongliert.

Ein anderer sitzt auf der Bank und hält einfach nur sein Gesicht in die Sonne.

Der Wind weht durch die Blätter und malt Streifen ins Gras. Blüten rieseln von den Bäumen herab, sie glitzern golden in der Sonne, wie Sternenstaub.

Ich spüre den Wind, der durch das Fenster weht, ich sehe den Spatz, der durch das Gras hüpft.

Ich schaue in den Park.

Eigentlich sollte ich meine Augen bei der Stehenden Säule schliessen.

Aber die Welt ist so schön.

02.06.2019

Fitnessübersicht

Mo: Taiji Class ✔️

Di: Stretching/Taiji at home ✔️

Mi: Taiji Class ✔️

Do: Schwimmen ✔️

Fr: Schwimmen ✔️

Sa: Tubes/Taiji at home ✔️

So: Schwimmen ✔️

Am Sonntag war das öffentliche Bad so voll (kein Wunder bei 30 Grad Sonnenschein), dass ich a) keine Liege auf der Grünfläche bekommen habe und b) zum Schwimmen auf die Schnellschwimmerbahn ausweichen musste. Diese wiederum wichen auf die 50m-Bahnen aus (unbeheizt, ca. 17 Grad); aber Kampfschwimmer sind ja hart im Nehmen.

Zuhause mein selbstgemachtes Schokoladen- und Zitroneneis (zuckerfrei) getestet und für sehr lecker befunden. Von den fünf kreierten Milchschnitten ist nur noch eine übrig. Dafür habe ich noch circa 20 selbstgemachte Müsliriegel.

01.06.2019

Zuhause.

Es ist eine gute Idee, das Frühstück ausfallen zu lassen, wenn man nicht hungrig ist und die Tage zuvor (zu)viel gegessen hat.
Es ist keine gute Idee, das Frühstück ausfallen  zu lassen, wenn einen der Weg zum samstäglichen Einkaufen führt und man dann in den Gängen zwischen Chips und Süßigkeiten hungrig wird.
Ich gehe zurück in den Bereich der Brote und Brötchen und packe mir ein Kürbiskernbrötchen ein, für „auf die Hand“, wenn ich die Kasse passiert habe. Also ungefähr so, wie Eltern das mit Kleinkindern machen, die ebenfalls beim Einkaufen hungrig werden.

Ich schaue auf den Einkaufszettel, vergleiche mit dem, was in meinem Einkaufswagen liegt, es deckt sich, so soll es sein: Tomaten, Ingwer, Gurke, Salat, Avocado, Brokkoli (der Kreuzblütler ist wieder dabei!)  Birne, Trauben, Erdbeeren, Nektarinen, Himbeeren, noch mehr Himbeeren, Vanilleschote, Zimt, Vollkornbrot, veganer Brotaufstrich, Butter, Kakao, etwas Käse, Backpulver, Hafermilch, Kokosmehl; ich stelle fest, dass ich das Geschäft verlasse, ohne einen Schokoriegel gekauft zu haben. Schon gestern nach dem Schwimmen hätte er mir zugestanden, aber auch da hatte ich gar keine besondere Lust auf den Riegel.
Ausserdem stelle ich fest, dass sich mein Einkauf mit vielen Lebensmitteln, die in meinem Ernährungsbuch auf der guten Seite stehen, deckt, und das war nicht geplant.

Der Samstag ist mein Trödeltag, da kann ich machen, was ich möchte. Kein Sportprogramm steht auf dem Plan, aufgeräumt, gewaschen und geputzt habe ich gestern nach der Arbeit und dem Schwimmen und vor dem Besuch des japanischen Kirschblütenfeuerwerks an der Alster mit Freunden, heute verbringe ich den Tag  überraschenderweise in der Küche.

Ich beschliesse, selbst Milchschnitten herzustellen. Und Schokoladen- und Zitroneneis. Schnell ist alles eingesaut, Kakaopulver und Kokosmehl  sind gleichmässig und überall verstreut, Zitronensaft pappt überall, das Agar Agar geliert schneller als gedacht und will den Topf nicht mehr verlassen, dafür kann ich die erste Fuhre der Cremefüllung in die Tonne treten, da verflockt, zum Glück habe ich aber nur die Hälfte der angegebenen Mengen des Rezeptes vorbereitet und habe noch genügend übrig, um die Creme noch mal ordentlich herzustellen.

Mittlerweile ist mir heiß, eigentlich würde ich jetzt lieber beim Schwimmen sein oder auf dem Dach Taiji-Übungen machen, nun stehe ich allerdings im Chaos, das wieder beseitigt werden möchte.
Ich beschliesse, heute nicht auch noch den Spargel und die Kartoffeln zu kochen sondern schlicht einen Rohkostteller vorzubereiten. Ein drittes Mal Abwaschen habe ich keine Lust. Und vielleicht gehe ich heute Abend doch noch auf’s Dach und mache Übungen für die Hüftbeuger und nehme die Stehende Säule zur Entspannung ein. Ich darf am Trödeltag machen, was ich möchte, auch wenn es Sport ist.

Fazit, Stand: 18.40h: nebst einer mehrmals eingesauten Küche habe ich jetzt vier Zitronen- und zwei Schokoladeneis am Stil im Gefrier- und fünf drei Milchschnitten im Kühlschrank. Und noch immer nix über Kreuzblütler geschrieben.

05.05.2019

Zuhause.

Zehn große Tüten Chips zähle ich auf dem Band an der Kasse, dazu legt der Mann – etwas Abwechslung muß sein – noch Fertigfrikadellen und ein Currywurstgericht. Von diesem Mann trennt mich nicht nur der Warentrenner, denke ich und lege den griechischen Joghurt und die Mango auf’s Band. Mangos gibt es nicht auf dem Biowochenmarkt, auf dem ich am Samstag meinen Großeinkauf tätige.

Chips esse ich eigentlich gern, zählen aber bei mir zu den Todsünden (krebserregend) und werden entsprechend nicht gekauft. Das kritische Nachfragen bei einem Hersteller, der seine gesunden Linsenchips angepriesen hat, ergab, dass auch diese frittiert und somit auch nicht besser sind als die herkömmliche Kartoffelvariante.

Ich beschliesse, in Eigenproduktion zu gehen und finde ein Rezept (welchem ich natürlich nicht folge), in dem man Chips aus roten Linsen herstellt.
Klingt gut, schmeckt ok, mehr allerdings auch nicht (note to myself: Dir fehlten ja auch  Zutaten).
Ich kaufe weitere Zutaten ein, wähle ein anderes Rezept (dem ich auch wieder nicht folge) und gehe in die zweite Produktionsrunde.
Riecht jedenfalls nach Chips, denke ich, was auch kein Wunder ist, habe ich doch großzügig meine Gewürze aus Israel – verschiedene Chilisorten, Pfeffer und Kurkuma – mit verarbeitet, was auch farblich sehr ansprechend ausschaut. Dazu noch frische Zwiebeln, Knoblauch, Tomatenmark, etwas Weinessig und die roten Linsen, die ich vorher erst in Wasser habe quellen lassen, um sie danach noch in einer Gemüsebrühe zu köcheln; zumindest die Zutaten sind alle auf der guten Liste, was Krebsernährung angeht.
Ofenphase 1 läuft. Ich bin gespannt. Die Chips sind weich. Geschmacklich aber nicht schlecht.
Ofenphase 2 läuft. Ich sitze vorm Ofen und schaue zu, ob sich etwas tut. Dabei esse ich Nüsse aus meiner Nusssammlung, die mittlerweile ein ganzes Regal im Schrank füllen. Nüsse sind immer gut. Und schmecken. (note to myself: wenn Du jetzt die Nüsse isst, brauchste auch keine Chips mehr).
Man kann das essen, es schmeckt auch etwas nach Chips, zumindest nach Chili aber die Konsistenz ist katastrophal. Fail, denke ich. Absolute fail.

Dafür war die erste selbstgemachte rote Rhabarber-Erdbeergrütze ein kulinarischer Erfolg. Und die Sportwoche sowieso.

Montag: Taiji-Class ✔️
Dienstag: Taiji-Class ✔️
Mittwoch: Schwimmen ✔️ Taiji at home ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Alsterwanderung ✔️

Fail 1

Fail 2

Dessert kann ich aber gut.

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mein normaler Einkauf  (sieht doch fast aus wie in den Ernährungsbüchern)

30.04.2019

Unterwegs.

Und – was macht ihr am 1. Mai?, möchte unser Lehrer am Dienstag Abend nach dem Taiji-Training von uns wissen.

N.: Bogenschießen!
K.: Joggen!
C.: Crosstrainer!
Ich: Schwimmen!

Wir Taiji’ler sind so richtige Partymäuse 😉

Aber wir haben heute im verwunschenen Garten des Psychologenhauses wieder viel zusammen gelacht.
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29.04.2019

Unterwegs.

Die Sonne schien, da sie keine Wahl hatte, auf nichts Neues.
Samuel Beckett, Warten auf Godot.

Die Sonne scheint auf den Park mit den hohen Kastanienbäumen, sie sinkt langsam tiefer und taucht die Blätter und Gräser in sanftes Licht. Um die Bäume laufen Kinder, sie spielen Fangen mit einem bunten Ball. Die Haare der Mädchen flattern, es ist so warm in der Abendsonne, dass sie nur T-Shirts und Röcke anhaben. Sie lachen, das Lachen weht zu uns hinüber in den alten Turnsaal, dessen hohe Fenster weit geöffnet sind.
Ich lächele, während die Szenen draußen an mir vorbeiziehen, die tobenden Kinder, der Mann im Rollstuhl, die beiden Frauen, die kurz vor dem Fenster halten und neugierig hineinschauen.
Eigentlich sollte ich meine Augen bei der Stehenden Säule, die wir gerade im Taiji-Unterricht praktizieren, geschlossen haben. Du kannst Deine innere Balance nicht finden, wenn Du die Augen bei der Übung geöffnet hast, hat mein lieber Freund mal zu mir gesagt. Ich habe das letzte Woche versucht; im Gym auf dem Stepper und im Pool des schicken Spa’s; ich war neugierig, wie sich das anfühlt, mit geschlossenen Augen Bahnen zu ziehen und mich auf dem Stepper zu bewegen und ob ich dabei meine Mitte finde ohne ins Wanken zu geraten bzw. die Bahn zu verlieren (funktioniert genauso wie bei der Meditation, man muss sich auf den Atem konzentrieren, dann findet man die innere Balance).

Jetzt mag ich meine Augen nicht schließen, viel zu schön ist es, in den Park zu schauen, das wechselnde Licht und die Bäume zu sehen. Außerdem habe ich noch den süßen Geschmack des Kekses im Mund, die F. nach dem Aufwärmen angeboten hat. Es geht mir gut, denke ich, genau hier und jetzt möchte ich sein, genau hier und jetzt mich über den Keks freuen und über das Lachen und Kreischen der spielenden Kinder und den Korrekturen meines Lehrers nachspüren.

Die Sonne scheint immer noch, als ich den Rest des Heimweges zu Fuß antrete, sie steht jetzt ganz tief über dem Hafen und färbt den Himmel rot.

Ich lese noch etwas in dem Buch über Ernährung, welches C. mir geliehen hat.
Wenn wir begreifen, was Krebs ist, dann werden wir erkennen, dass diese Krankheit ein furchtbarer Feind ist, dem wir mit großem Respekt begegnen müssen, damit er uns nicht besiegt.

Die Sonne scheint nicht mehr.

Aber morgen wird sie wieder scheinen, wenn wir im verwunschenen Garten des Psychologenhauses Taiji trainieren, draußen zwischen den Rhododendren und dem blühenden Apfelbaum, den Blumen und den Büschen; wir werden uns in Achtsamkeit üben und stärken und uns nicht besiegen lassen.

17.03.2019

Unterwegs.

Note to myself: die Waage im schicken Spa sagt die Wahrheit. Die Waage im eigenen Haushalt lügt. Ich werde ihr keinen Glauben mehr schenken.
BMI: 20.0 – Top-Score.
Außerdem zeigen die regelmäßigen planks erste Resultate in Form von Bauch- und Armmuskeln.

Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Sole ✔️Stretching/Meditation✔️
Mittwoch: Heimtraining ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

Alle Bereiche abgedeckt: Ausdauer, Muskeltraining, Balance

Der innere Schweinehund ist ausgezogen.

17.02.2019

Unterwegs.

Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich, daß sie mich beobachtet. Sie steht oben auf der Kaimauer, flechtet an ihrem langen, dunklen Zopf, ein kleiner weißer Hund tobt um ihre Beine. Chinesin, vermute ich, und konzentriere mich wieder auf meine 19er-Form. Um 8.30h bin ich bereits am Hafen, nur ein einsamer Angler ist vor Ort – und die Chinesin. Die alten Segelboote liegen am Bootssteg und schaukeln langsam vor sich hin, am Horizont glitzern die vielen Fenster der Elbphilharmonie. Die Luft ist klar und kühl, trotzdem habe ich die Jacke abgelegt. Taiji bringt mich immer zum Schwitzen.

Als ich den Anleger nach oben wandere, steht sie dort. Sie hat auf mich gewartet. Ob ich hier öfters trainieren würde, fragt sie. Ab und an am Wochenende, frühmorgens, wenn  noch keine Menschen unterwegs seien, antworte ich. Chen-Style, stellt sie ausserdem fest, sie unterrichte den Yang-Style, gleich hier um die Ecke in der Schule. Ob ich gerade etwas Zeit hätte? fragt sie. Ich verneine freundlich, denn ich möchte erstmal frühstücken, nachdem ich bereits 45 Minuten hier draußen herumgeturnt bin. Außerdem befürchte ich, daß ein Intro in den Yang-Style meinen mühsam erlernten Chen-Style ins Schwanken bringen könnte (aber das sage ich nicht). Wir unterhalten uns noch etwas, stellen fest, dass wir fast Nachbarn sind, dann verabschieden wir uns. Eine schöne interessante Bekanntschaft am frühen Morgen. Ich jogge zum Bäcker und dann nach Hause.

Fitnessprogramm der Woche:
Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Gymnastik, Arm-/Bauchmuskeltraining*) ✔️
Mittwoch: Gym (Stepper, Geräte, Balanceübungen)✔️
Freitag: Schwimmen, Arm-/Bauchmuskeltraining ✔️
Samstag: Sole, Schwimmen, Plank-Challenge Day 1**), Arm-/Bauchmuskeltraining ✔️
Sonntag: Plank-Challenge Day 2, Taiji, Arm-/Bauchmuskeltraining, Mini-Joggen***) ✔️

Raus aus dem Wochenprogramm:
Herzsport

Rein ins Wochenprogramm:
*) Plank-Challenge Day 1-28
**) 4-6 Mal die Woche on top: 10 Minuten Arm-/Bauchmuskeltraining
***) neue Testreihe, inwieweit sich Joggen auf Asphalt mit einer gecrashten Bandscheibe vereinbaren lässt

 

15.02.2019

Unterwegs.

15 Grad. Der Himmel leuchtet blau, genauso wie das Wasser im Außenbecken des öffentlichen Bades. Die Schrift der Banner, die um die Außenbande befestigt sind, spiegelt sich auf der blauen Oberfläche, die kleinen Wellen lassen die Buchstaben schaukeln. Ich lehne am Beckenrand, die Arme ausgebreitet, mein Gesicht ist der Sonne zugewandt, die Strahlen werfen ein Gittermuster auf meine Beine. Ganz zart fühlt sich das Wasser heute an, es schmiegt sich an mich wie eine zweite Haut, ich schwimme und schwimme und schwimme, dort hinten, wo ein Kampfschwimmer durch das Becken pflügt, spritzen Wassertropfen hoch, ich schwimme weiter und weiter und freue mich so über die ersten warmen Sonnenstrahlen und das Blau um mich herum.

Am Mittwoch war ich im Fitnessraum. Jetzt pulsen die Herzis, denke ich, als ich auf das Trampolin springe. Kurz werde ich wehmütig.
Seit einer Woche gibt es ein neues Item im Gym: eine kleine runde instabile Scheibe, auf die man sich stellt und die Balance halten muss. Die Scheibe ist mit einem Computerprogramm verbunden. Man selbst ist als grüner Punkt dargestellt. Ziel ist es, den grünen Punkt im etwas größeren roten Punkt zu halten. Das klingt einfacher als es ist, der rote Punkt bewegt sich über den Bildschirm, mal nach links, nach rechts, im Kreis, wird schneller, wird langsamer oder steht einfach nur still. Gibt es ein Ranking?, frage ich die Physiotherapeutin, mein Ehrgeiz ist geweckt. Gibt es, lautet die Antwort, ich lande mit meinen 538 erzielten Punkten auf Platz 7 der Schwierigkeitsstufe 3. Nächste Woche möchte ich auf Platz 6 vorrücken oder besser noch auf Platz 5.

Beim Taiji kündige ich meinem Lehrer an, dass ich jetzt auch mittwochs – ab und an – zum Training erscheinen würde. Dann könne ich die 75er-Form lernen oder die 19er-Form weiter vertiefen, sagt er. Und am ersten Mittwoch des Monats wird push hands trainiert, eine wichtige Partnerübung im Taijiquan.
Zeit, um Neues zu lernen. Zeit, um sich weiterzuentwickeln. Zeit, um mich weiterzuentwickeln.

7.1.2019

Unterwegs.

Du bist vor einer halben Stunde von der Arbeit nach Hause gekommen, nass und verfroren, und nun willst Du schon wieder los?!? Mach‘ doch den Weihnachtsbaum nochmal an, leg‘ Dich auf’s Sofa und lies den Krimi weiter, den Du gestern angefangen hast. Vielleicht noch ein leckeres Brötchen mit Mandelmus und einen Tee?
Ich ziehe mein Sportzeug an und versuche, den inneren Schweinehund zu ignorieren.
Du kannst auch im Wohnzimmer Stretching machen. Oder meditieren? Und dann auf’s Sofa? Es ist so schön warm hier!
Ich ziehe die Regenhose über.
Ich ziehe die Regenhose wieder aus.
Ich fange an, mich zu ärgern.
Ich schaue auf die Uhr. In drei Minuten müsste ich los, wenn ich den Bus noch kriegen will.
Und dann steht der Bus wieder im Stau, und Du verpasst (und das nicht zum ersten Mal!)  den Anschlussbus und kannst im Regen zurücklaufen. Für nichts und wieder nichts. Besser, gleich zuhause zu bleiben!
Ich liege aber gut in der Zeit, ich kann einen Bus früher bekommen, dann klappt es auch mit dem Umsteigen an den Landungsbrücken.
Ich ziehe die Regenhose wieder an.
Ich packe die Turnschuhe ein, eine Box mit Nüssen und eine Flasche Wasser, in die ich schnell noch etwas frische Zitrone presse.
Der Schweinehund hüpft wild vorm Fenster und zeigt auf den Regen und die Dunkelheit. Langsam werde ich wirklich wütend. Es ist das erste Taiji-Training in diesem Jahr, das kann nicht schon geschwänzt werden! Ich ziehe die Antarktisjacke an, nehme meinen Rucksack und marschiere zur Bushaltestelle.
In den Unterstand an der Haltestelle regnet es hinein, mein Gesicht und meine Haare sind bereits nass, egal wie ich mich drehe.
Noch kannst Du umkehren, ruft der Schweinehund.
Ich versuche, den Kapuzenpullover tiefer ins Gesicht zu ziehen.
Der Bus kommt. Ich steige ein.
Ich bekomme an den Landungsbrücken den Anschlussbus, sogar einen früher als gedacht.
Auf dem Weg durch den Park zur Turnhalle kommen mir einige Mitschüler entgegen. Du kannst gleich wieder mit uns umkehren, wir gehen einen Tee trinken! Unser Lehrer komme später, und F. hätte den Schlüssel für die Halle vergessen und sei gerade auf dem Weg zurück nach Hause um ihn zu holen. Das Café hat geschlossen, wir stehen im Eingang, immerhin ist es trocken. Ich konnte mich kaum aufraffen, sagt K. Aber die erste Stunde im neuen Jahr kann man ja nicht schwänzen.
Unser Lehrer kommt, auch er durchnässt, wir warten immer noch auf F. und den Schlüssel. P. reicht eine Packung Schokokekse herum, die Stimmung ist fröhlich. R. ruft F. an und fragt wo er mit dem Schlüssel bliebe, ach Mallorca, das sei ja nett, sie lachen und scherzen am Telefon.
Die Schokokekse drehen eine zweite Runde, bevor wir wieder zurück durch den Park in Richtung Halle laufen.
F. taucht auf, mit ihm der Schlüssel, wir fangen leicht verspätet an, was unser Lehrer mit dem Ausfallen der Pausen wieder wettmacht.
Aufwärmen, Reeling Silk, drei 19-er Formen. Die Fenster sind geöffnet, trotzdem schwitze ich. Taiji ist anstrengend, auch wenn es nicht so aussieht.
Bis nächste Woche, verabschiede ich mich von K. Natürlich, antwortet sie. Bis nächste Woche!
Ich laufe im Regen durch Altona zurück zur Bushaltestelle, an türkischen Gemüsehändlern und Teestuben vorbei, meine Laune ist jetzt wieder bestens, wie eigentlich immer nach dem Unterricht.
Irgendwo hinter mir stolpert der Schweinehund hinterher. Abgehängt, rufe ich ihm über die Schulter zu. Disziplin kann ich. Und Laune aufbessern sowieso.

Montag Taiji: ✔️

so stell ich mir den inneren Schweinehund vor. (Also wie das Pokémon Traumato)

6.12.2018

Zuhause.

Einen Termin habe ich aber nicht, stellt mein Hausarzt fest, ob ich ein Notfall sei. Wie immer haben mich die netten Arzthelferinnen blitzschnell durchgewunken, obwohl das Wartezimmer voll ist. Ich verneine, ich bräuchte nur eine Krankmeldung, die könne das Krankenhaus nicht ausstellen. Dann sei ich ein Notfall, beschließt mein Gegenüber.
Wer mich denn ins Krankenhaus eingewiesen hätte, fragt er weiter. Sie, antworte ich.
Und wo ich die Blutwerte in zwei Wochen überprüfen lassen solle. Na auch bei ihm, sage ich und finde, dass einer von uns beiden heute ein Konzentrationsproblem hat. Ich bin das nicht.
Die Arzthelferinnen sind aber auf Zack, ich bekomme zum (kurzen) Warten einen Stuhl in den Konferenzraum gestellt, damit ich niemanden kontaminiere, der Termin zur Blutabnahme ist sofort abgemacht, die Krankmeldung ausgedruckt.

Bis auf einen dicken Hals und einem einzuhaltenden Sicherheitsabstand von einem Meter zu Anderen (vor allem zu Schwangeren und Kindern) geht es mir gut. Einkaufen und Busfahren darf ich, allerdings sind lange und enge Kontakte wie zum Beispiel Theaterbesuche, Büro und der Besuch meiner Sportgruppen, des Gyms und des öffentlichen Bades zu unterlassen. Keine Sportgruppen. Das trifft mich dann schon.
Spazierengehen könne ich, sagt mein Hausarzt und wiederholt damit, was mir auch die Ärztin im Krankenhaus gesagt hat.

Ich gehe spazieren. Durch die Hafencity im Regen und einem Eisbecher, den ich allein in der Kälte vor dem Café esse. Um die Aussenalster, es nieselt, bis auf ein paar Jogger und Hundebesitzer sind keine Menschen unterwegs. Im leeren Cliff streiten sich zwei Kellner, einer verlässt wütend das Lokal, den anderen kann ich heranwinken und bestelle eine Waffel mit heißen Kirschen und Sahne. In Eppendorf sind die weißen zuckergussartigen Jugendstilvillen von einem grauen Schleier bedeckt, ich kaufe mir Blumen für die Küche und das Wohnzimmer und ein Buch über die Anatomie des Taiji.
Zuhause gibt es Dinkelkaiserschmarrn mit Äpfeln.

Mittlerweile bin ich sehr ausgeglichen, so ausgeglichen, dass ich bereits alle Weihnachtskarten verschickt und alle Geschenke verpackt habe. Ich mache mich sogar an die Ablage der letzten zwei Jahre, die sich unsortiert in einem Schränkchen befindet und mir sofort entgegenfällt, als ich diesen öffne. Ich stelle Unterlagen für die Steuererklärung 2018 zusammen. Ich buche eine Reise. Lachen muß ich, als mich mein Azubi hektisch anruft, das Restaurant, bei dem ich für die Weihnachtsfeier gebucht habe und denen er – wie mit mir abgesprochen – die finale Teilnehmeranzahl durchgeben wollte – hätte keine Reservierung von uns vorliegen. Natürlich habe ich reserviert, ich dirigiere ihn aus der Ferne durch meine Ordner auf dem PC, auf die er zum Glück Zugriff hat, denn mein Firmenhandy speichert emails nur über einen bestimmten Zeitraum. Wenn ich schon gerade dabei bin, werfe ich auch einen Blick auf die eingegangenen 369 emails, auf zwei antworte ich.

Der Blick auf den Schrittzähler zeigt an, daß ich heute Abend noch eine Runde um den Block drehen muß. Ich liebäugele damit, spontan zwei Tage nach Sylt zu reisen. Am Strand längswandern ist schöner. Und kontaminieren lässt sich da auch niemand.

14.10.2018

Unterwegs.

Und danach kaufe ich mir ein Croissant für’s Frühstück, sagt meine innere Stimme, als ich mich auf den Weg in den Hafen mache, wo ich mir ein schönes Plätzchen zum Taiji-Üben suchen möchte. Nein, kein Croissant, antworte ich und lasse vorsichtshalber das Geld zuhause. Erstens zeigt die Waage eine Tendenz nach oben, zweitens wird das Wetter wieder wunderbar, da werde ich mir eventuell später ein Eis gönnen wollen. Eine kleine Sünde ist ok, zwei gestatte ich mir nicht.

Im Hafen sind nur eine Handvoll Angler um den Ponton verteilt, sonst ist es ruhig zu dieser frühen Stunde. Der Himmel ist leuchtend blau, die Elbe glitzert, an den Kaimauern wuchert es grün. Ich atme tief durch und beginne mit der 19er-Form.

Gestern Abend Treffen mit Freunden. Wir sitzen im Kerzenschein auf dem Balkon, den Blick gerichtet in den dunklen Garten und die weißen Jugendstilhäuser um uns herum. Es ist warm, so warm, als säßen wir in einer lauen Sommernacht, es mutet skurril an, Mitte Oktober, hier in Hamburg. Ab und an zwitschert ein Vogel, wir lachen, essen kleine Köstlichkeiten und trinken Rosé. Der Co-Gastgeber ist gebrieft und schenkt mir immer nur ganz wenig nach – so habe ich am Ende des Abends vielleicht ein Glas Wein getrunken, auch wenn es ausschaut, als hätte ich mehrere Gläser gehabt. Das gefällt mir, so mache ich nicht den Eindruck einer Spaßbremse und habe den ganzen Abend ein leicht gefülltes Glas in der Hand.

Da der Oktober ja als Brustkrebsmonat deklariert wird, habe ich es endlich vollbracht und einen Gastartikel für die liebe Nicole und ihre tolle Website https://www.prinzessin-uffm-bersch.de geschrieben (https://www.prinzessin-uffm-bersch.de/2018/10/07/der-feind-in-mir/).  Nicole, die einen Sohn mit schwerer Mehrfachbehinderung hat,  erkrankte 2010 an Brustkrebs. Heute arbeitet sie wieder und begleitet außerdem Menschen im Hospiz auf ihrem letzten Weg. Auf ihrer Website gibt es viele gute Tipps für Betroffene und Angehörige und ganz viel Mut und Hoffnung zu finden.
Das erinnert mich daran, daß auch ich mir vorgenommen habe, ehrenamtlich tätig zu werden um etwas von der Hilfe, die ich erfahren habe, zurückzugeben.

18.9.2018

Unterwegs.

Mein Taiji-Lehrer sitzt auf dem Gartenstuhl und schaut mich an. Ich warte ja noch auf etwas von ihm, stellt er fest. Das stimmt, antworte ich.

Er weiß von meiner Bucket List, auf der, irgendwo zwischen Everest und Antarktis, steht, daß ich die 19er Form fehlerfrei laufen können möchte.

Dann möge ich jetzt mein bestes geben und ihm die Form vorlaufen, fährt er fort. Ich atme tief durch, gehe in die Vorbereitungsstellung und beginne: Buddhas Wächter tritt aus dem Tempel… Eine kleine Stand-Korrektur bei einer Figur, den Rest laufe ich durch. Circa fünf Minuten später stehe ich wieder auf der Ausgangsposition, diesmal in der Endhaltung. R. erhebt sich, streckt mir die Ghettofaust entgegen, lobt mein Durchhaltevermögen und bestätigt mir offiziell, daß ich die 19er Form laufen kann. A tick on my bucket list ✔️. Ich freue mich sehr, ab jetzt folgt das finetuning.

Meine Mitstreiter – P. und R. üben die 38er, C. und I. die 75er – sind im Nachbargarten.

C., die auch letztes Jahr Brustkrebs hatte, hat mir vorhin eine SMS geschickt, ob ich heute zum Taiji kommen würde. Nun hält sie mir eine große Tüte mit frisch gepflückten Äpfeln aus ihrem Garten hin. Sie sind ungespritzt und duften. Wieder bin ich dankbar, daß ich hier bin, hier in dem verwunschenen Garten des Psychologenhauses, hier in der Dämmerung eines spätsommerlichen Abends, hier umgeben von wunderbaren Menschen, hier mit einer Tüte Äpfeln in der Hand und dem Wissen, einen weiteren Punkt auf meiner Liste abhaken zu können.

Das Leben ist schön.

15.9.2018

Unterwegs.

Es wird dunkel. Der September ist der letzte Monat, in dem wir dienstags Taiji draußen im Garten praktizieren; ab Oktober werden wir auf Wintermodus umstellen und im Yogaraum meditieren. Außerdem kommt erschwerend hinzu, daß am heutigen Wünsch-Dir-was-Dienstag vier Schüler etwas anderes möchten: H. stimmt für die 38er Form, N. hat sein Schwert mitgebracht, ich tendiere zum Vertiefen der 19er Form, R. kann sich nicht entscheiden und macht mal hier und mal dort mit. Unser Lehrer nimmt das mit Gleichmut, er hat für jeden von uns Zeit, bis wir uns um 20.00h verabschieden.

Bei den Herzis werden Kalender abgeglichen; wir beschließen, uns an einem Abend im November treffen, um Tibetfotos anzuschauen. T. raunt mir zu, daß sie eigentlich auch an Antarktisbildern interessiert sei; ich werde den zehnminütigen Film, den der chinesische Vogelkundler gedreht hat, auch noch mitnehmen, denn der ist wirklich beeindruckend. H., die kleine alte Dame, wärmt sich neben mir auf und schimpft; der Rücken und die Knie tun weh, der Körper mache nicht mehr so mit, wie sie es will. Ich stelle freundlich fest, daß sie nun keine 20 Jahre mehr sei und mit Chor, Square Dance, Theater, Fahrradfahren und Herzsport doch noch sehr aktiv sei. Sie sei 82 Jahre, antwortet sie und setzt wieder an, daß sie früher aber fitter gewesen sei. H. ist an unserem Tibetabend interessiert, auch wenn sie etwas schmunzeln muß, daß ich nicht wirklich trekken oder gar klettern war; sie hat in den 50ern bereits den Kilimandscharo erklommen, in den 70ern war sie dreimal in Nepal im Himalaya. Auch ich sei keine 20 Jahre mehr, erinnere ich sie grinsend.
In der Umkleide sagt mir B., daß sie ganz viel an mich gedacht hätte, und das ich meine Träume jetzt umsetze. Sie hatte auch einen großen Traum: eine lange Wanderung durch die USA zu machen. Das ginge nun nicht mehr. Aber sie denke über eine kleine Alternative nach; es gebe Fahrten mit Planwagen in der Heide, man übernachtet im Planwagen und macht kleinere Spaziergänge. Eine gute Idee, finde ich. Machen, was man noch machen kann.

Am Donnerstag im Fitnessraum treffe ich wieder auf G., mit der ich auch jedes Mal plaudere. Heute okkupieren wir beide den Spiegelraum; während sie sich boxenderweise mit dem Personal Trainer vorwärtsbewegt, laufe ich meine Form und versuche, den beiden auszuweichen.

Im Glitzerwasser in der Sonne lacht mir meine Freitagsfreundin zu; die 80jährige mit der tollen Figur, die ich auf maximal Mitte 60 geschätzt habe, trägt wieder einen bunten Badeanzug und eine pinke Blumenbadekappe. Ich passe mich ihrer Geschwindigkeit an, plaudernd schwimmen wir nebeneinander her. Seit 30 Jahren mache sie fünf- bis sechsmal die Woche Sport, und ab und an gehe sie von zu Hause los und spaziere um die Außenalster. Das seien 15 Kilometer Strecke. Wir stellen fest, daß wir an derselben Bahnstation wohnen und sozusagen Nachbarn sind. Hafenkinder. Wir nehmen dieselben Vitamin D-Tabletten, essen gern Salat und Rohkost und freuen uns wie kleine Kinder, wenn wir das Außenbecken für uns allein haben. Insgeheim nehme ich sie mir als Vorbild – so fit, fröhlich und gesund möchte ich mit 80 Jahren auch noch sein. Die Zeichen stehen gut.

Montag: 120 Min. Strandwanderung auf Sylt ✔️
Dienstag: 90 Min. Taiji ✔️
Mittwoch: 60 Min. Herzsport ✔️
Donnerstag: 60 Min. Geräteraum und Taiji ✔️
Freitag: 50 Min. Schwimmen ✔️
Samstag: Trödeltag (80 Min. zu Fuß gelaufen) ✔️
Sonntag: Spaziergang, Schwimmen oder Taiji auf dem Dach – mal schauen.

29.8.2018

Unterwegs.

Ich stehe in der alten Turnhalle des Sportvereins und bin gerührt: P. klatscht begeistert in die Hände, als ich das Thema Fotovortrag Tibet anspreche, um den sie mich letzte Woche gebeten hatte. Auch M. und B. möchten dabei sein und mehr über das Land in weiter Ferne, das sie aufgrund ihrer Herzprobleme nie selbst besuchen können, erfahren. Dr. A., die ich sehr gerne mag, und die auch immer am Reisen ist, hat auch Interesse. Nächste Woche werde ich das Thema offiziell in der Runde ansprechen, heute habe ich das zwischen dem ganzen Pulsen und den bunten Pezzibällen verbaselt. Wenn ich schon nicht an Souvenirs für die Herzis gedacht habe, dann gibt es nun wenigstens eine Reisereportage nach einer unserer nächsten Sportstunden.

Ich sitze auf der Bank an der Bushaltestelle neben mir und beobachte mich. Heute Mittag war ich mit S., einem Freund und ehemaligen Kollegen, in einer karibischen Salatbar. S. ist mit C. verheiratet, auch sie ist eine ehemalige Kollegin, wir drei haben zusammen gelernt. S. hat mir vor zwei Jahren erzählt, dass C. vor einigen Jahren Brustkrebs hatte. Heute erzählt er mir, dass der Krebs zurückgekommen ist. Knochenmetastasen. Metastasierender Brustkrebs ist unheilbar. Das weiß ich. S. weiß das natürlich auch. Zurückgezogen haben sie sich, sie leben glücklich mit den beiden Töchtern im Teenager-Alter, ab und an gingen sie in ein Restaurant, und sie fahren in Urlaub. Gesellschaften geben sie schon lange nicht mehr. Ich erzähle S., warum ich gerade jetzt etwas außergewöhnliche Reisen mache. Ich erzähle ihm von meiner Bucket List und davon, dass auch ich letztes Jahr Brustkrebs hatte. Und das wir jetzt leben. Nicht gestern und nicht morgen.
Auch S. würde gern zum Everest, am liebsten bis zur Spitze. Aber er fahre mit der Familie in die USA. Das sei auch sehr schön.
Später sende ich ihm eine Nachricht; wenn C. mal mit einer „Artgenossin“ reden möchte, könne sie mich kontaktieren. Ein paar Minuten später werden mir liebe Grüße ausgerichtet und C.’s Handynummer geschickt.
Ich sitze auf der Bank neben mir und beobachte mich.
Was macht die Nachricht von C.’s Wiedererkrankung mit mir? Sie lässt mich innehalten, stimmt nachdenklich und traurig und zeigt mir wieder auf, wie fragil das Leben und wie wertvoll der Moment ist.
Angst macht mir die Nachricht nicht, nicht auf mich bezogen. Ich werde C. diese Woche kontaktieren. Vielleicht freut sie sich. Vielleicht hilft ihr das. Vielleicht hilft mir das auch, auf die eine oder andere Weise.

Ich stehe im verwunschenen Garten des Psychologenhauses und bin ein bißchen stolz. Und glücklich. Wir sind nur drei Schüler, meine Mitstreiter sind schon viele Jahre beim Taijiquan, sie möchten in der (schwierigen) 38er Form weiterkommen. Ich „kann“ nur die 19er Form. Aber heute darf ich das erste Mal bei einer anderen Form mitmachen.

Ich komme nach Hause und schaue in den Briefkasten. Es ist eine Karte angekommen. Vom Nordpol. Vom Schiff, mit dem ich in der Antarktis war.
Es wird Zeit, die nächsten Ziele zu planen.

24.7.2018

Unterwegs.

Nur die Harten kommen in den Garten.

Bei 34 Grad am Abend sind es mein Taiji-Lehrer und ich, die im verwunschenen Garten des Psychologenhauses zum Training erschienen sind. Meine Mitschüler haben sich hitzefrei genommen, ich komme in den seltenen Genuß von 90 Minuten Einzelunterricht.

Am Ende bin ich total verschwitzt. Und total glücklich.

20.7.1018

Zuhause.

Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben. – Chinesische Weisheit

Diese Worte habe ich gerade irgendwo gelesen. Sie sind hängengeblieben und beschäftigen mich. Fand ich diese Weisheit erst 100% richtig, stimme ich nach einiger Überlegung nur noch zur Hälfte zu.

Wenn ich abends auf dem Dach Taijiquan übe, bin ich ganz bei mir. Ich bin aufmerksam und konzentriert aber gleichzeitig auch entspannt und gelassen. Ich stehe fest auf dem Boden und lasse gleichzeitig alle Gedanken los. Ich laufe die Form, spüre, dass die Abläufe immer flüssiger werden und – das mag jetzt vielleicht auch wishful thinking sein – der Weg von der äußeren zur inneren Form bereitet wird.

Ich spüre das Leben und mich selbst, hier allein auf dem Dach, nur die Möwen und der Himmel über mir.

Und trotzdem geht es auch darum – und da möchte ich der Weisheit widersprechen – dem Leben mehr Tage zu geben. Mehr Tage sind notwendig, gewollt und gewünscht, um noch all das zu machen, was ich machen möchte. Es geht um beides: den Tagen mehr Leben zu geben und dem Leben mehr Tage.

Und eigentlich sind es nicht nur mehr Tage, die notwendig sind, sondern sogar zusätzliche Leben, denn Großmeister Chen Xiaowang schreibt in ‚Die 5 Level des Taijiquan‘: Die Schönheit und die Wirksamkeit des Taijiquan in seiner gesamten Bandbreite kann niemals innerhalb eines Lebens erreicht werden.

Es bleibt spannend, das Leben.

17.7.2018

Zuhause.

Ich stehe vor verschlossener Tür. Mein Hausarzt hat Urlaub.

Seit vier Tagen liege ich im Bett. Grippaler Infekt. Das hat mir gerade noch gefehlt, wo ich mitten in den Abreisevorbereitungen für Tibet stecke. Auch wenn Kopf- und Halsschmerzen bereits wieder weg sind, bin ich nonstop am husten und schnupfen. Ich fühle mich schwach.

Die Dame in der Taxizentrale fragt, ob ich heute mit oder ohne Kundennummer fahre. Ohne, antworte ich. Zum Glück. Ich muss ja nur zum Vertretungsarzt, da ich eine Krankschreibung und eventuell ein Upgrade an Grippe-Medikamenten brauche. Die Kundennummer ist ein Relikt aus dem Vorjahr, wo ich täglich zur Strahlentherapie gefahren wurde. So schlimm ist es zum Glück nicht.

Mein Hausarzt wird vom Ärztezentrum vertreten, wo ich meine Impfungen für die Reise bekommen habe. Das Wartezimmer ist voll, ich schwitze und huste und komme nach einer Stunde Wartezeit an die Reihe. Ich lege meine Diagnose dar, lasse Fieber messen und mich abhorchen und stehe mit einem Rezept und einer Krankschreibung wieder auf der Straße. Wie der Arzt hiess, der mich gerade behandelt hat, weiß ich nicht. Ob er wusste wie ich heiße, weiß ich auch nicht. Wir haben uns nicht vorgestellt.

Trotzdem bin ich dankbar, dass ich hier die Möglichkeit habe, so schnell eine ärztliche Vertretung zu finden.

Auch wenn mir meine Stammärzte – von den Hausärzten über die Nachsorge im Krankenhaus, meinem Zahnarzt, der Herzi-Ärztin bis hin zur Hautärztin – alle viel lieber sind.

Was mich aber am meisten wurmt, ist dass ich bei Sonnenschein hustend in der eukalyptus-dampfenden Badewanne liege statt nach der Arbeit im glitzernden Wasser des Freibades zu schwimmen. Sport fällt bei einem grippalen Infekt aus.

Nur abends gehe ich auf das Dach unseres Hauses. Zwischen den Fliesen spriessen Blumen und Gräser, ich laufe langsam meine Taiji-Form. Über mir die kreischenden Möwen. Und ein blauer Himmel.

3.7.2018

Unterwegs.

K. ist allein im verwunschenen Garten des Psychologenhauses und praktiziert die Stehende Säule. Ganz ruhig steht sie mit geschlossenen Augen unter den alten Bäumen, die Sonnenstrahlen spielen mit ihren Locken.

Wir stehen oben am Fenster und sehen ihr eine Weile zu. Anscheinend hat sie vergessen, daß am ersten Dienstag im Monat Meditation im Yogaraum statt Taiji-Unterricht im Garten stattfindet.

R. ruft leise ihren Namen, K. reagiert nicht. Was wir nun machen sollen, frage ich.

Nichts, sagt mein Lehrer. K. habe eine Lösung für sich gefunden. Und sehe damit sehr zufrieden aus. Das stimmt, finde ich und werfe noch einen letzten Blick in den Garten, bevor wir die Fenster schliessen und uns der Meditation zuwenden.

In der Pause wird R. zu ihr gehen und unsere Abwesenheit erklären, wir werden sie lachen hören. Und nach der Meditation werden wir auf eine glücklich aussehende K. treffen, die allein 90 Minuten im Garten trainiert und ihre Lösung gefunden hat.

12.6.2018

Unterwegs.

G. huscht um die Rhododendronbüsche, ihre lila Haarsträhnen flattern im Wind. Die russische Künstlerin ist spät dran. Ich winke ihr aus der Stretchübung heraus zu. Auch R., T. und C., mit der ich das Schicksal Brustkrebs teile, stehen im Halbkreis um unseren Lehrer. Über uns hängen schwere graue Wolken, die Hitze der letzten Tage ist einer kühlen Brise gewichen. Solange es aber über 0 Grad sind und es nicht regnet, trainieren wir draußen im Garten.

G. und ich wechseln mit unserem Lehrer in den Nachbargarten und vertiefen die Übergänge zwischen den einzelnen Formen. Unsere Mitstreiter bleiben jenseits der Hecke, sie haben sich die 75-er Form gewünscht.

Nach knapp zwei Stunden gehen wir rüber um uns zu verabschieden. C. ruft, ich solle warten, sie habe mir etwas mitgebracht. Sie streckt mir ein Glas entgegen: selbstgemachtes Holunderblütengelee aus eigener Ernte. Ich freue mich.

Wir schlendern zusammen zum Bahnhof, G. möchte gerne mit zum Schwimmen kommen, können tue sie es allerdings nicht sehr gut. Ich versichere ihr, dass man auch im Aussenbecken stehen kann, wir halten locker den Sonntagabend fest. C. möchte sich noch etwas über Ernährung unterhalten, dann verabschieden wir uns.

Zuhause wartet meine Sonderaufgabe, das Blutdruckmessen. Ich habe das Unterfangen nach bereits einem Tag auf zwei Messungen – morgens und abends – reduziert, zur Arbeit nehme ich das Gerät sicher nicht mit. Und überhaupt passt der Blutdruck nicht zu mir, denn er ist wankelmütig. Der obere Wert schwankt zwischen 145 und 90, wirklich stimmen kann das nicht, auch wenn ich mich strikt an die Anleitung halte und das Gerät nur einen Knopf hat. Ich beschließe, dieses Projekt nicht überzubewerten und es nächste Woche beim Nachsorgetermin im Krankenhaus anzusprechen.

11.6.2018

Unterwegs.

Ich sei wieder richtig fit, stellt mein Taiji-Lehrer am Montagabend fest. Nachdem vor ein paar Tagen mein Hausarzt beim Belastung-EKG gefragt hatte, ob ich eigentlich Sport mache (ja – sechsmal in der Woche!) und mir dann noch das Blutdruckmessgerät verschrieben hat, freue ich mich umso mehr über das Feedback meines Lehrers, bei dem ich zweimal wöchentlich trainiere.

Heute ist das Training in Altona. Die Fenster der alten Turnhalle sind weit geöffnet, davor liegt der Park mit den großen Bäumen. Wir lassen unsere Gedanken davonfliegen, sagt R. als wir zur Stehenden Säule, dem meditativen Teil des Unterrichts, übergehen. Am Fenster fliegt eine Amsel vorbei.

Es ist so schön auf den Park und das Sonnenlicht zu blicken, das mit den Blättern spielt und bis zu uns in die Halle kommt, daß ich die Augen bei der Übung nicht schließen sondern die friedliche Stimmung aufnehmen möchte.

Danach folgen ein- und doppelhändige Seidenübungen, bevor wir die 19-er Form laufen.

Bis morgen dann, rufe ich zum Abschied. Morgen trainieren wir wieder in kleiner Runde im verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Ich freue mich jetzt schon.

29.5.2018

Unterwegs.

Mein Taiji-Lehrer sitzt im verwunschenen Garten des Psychologenhauses auf dem Stuhl und schaut mir zu, wie ich die 19er Form laufe. Ein Phänomen sei ich, so sein Statement, während mir bei 33 Grad der Schweiss den Rücken herabrinnt. Ein Phänomen nicht nur deshalb, weil ich als Einzige von den Schnupper-Kursen aus dem Reha-Zentrum drangeblieben und zu den langjährigen Schülern in die feste Klasse gewechselt bin, sondern auch, weil ich vieles durch Beobachtung gelernt habe. Wobei ich noch an den Wechseln von der äusseren zur inneren Form arbeiten muss. Aber auch das werde ich hinbekommen.

Der Dienstag-Unterricht steht unter dem Motto ‚Wünsch-Dir-Was‘. Die beiden Mitstreiter wünschen sich die 75er-Form und gehen in den Nachbargarten, ich bleibe mit der 19er-Form und meinem Lehrer zurück. Weiter hinten unter den Bäumen spricht ein Psychologe mit seinem Patienten. Es duftet nach Rosen.

Trotzdem versuche ich, mich in den 120 Minuten nicht zu überanstrengen; eigentlich darf ich heute keinen Sport machen, da ich die erste von drei Tollwut-Impfungen bekommen habe. Eine wirtschaftliche Entscheidung, diese Impfung zu machen, meint der Arzt im Impfzentrum. Eine intelligente Entscheidung, meine ich. Nachdem ich im letzten Jahr nicht an Krebs gestorben bin, möchte ich nun nicht an einem Katzenkratzer oder Hundebiss in Tibet sterben. Und der Tod ist nach einem Tollwutkontakt ohne Impfung 100% sicher. Da zahle ich lieber die Euro 255,-. Das ist mir mein Leben wert. Mindestens.

10.4.2018

Unterwegs.

Auf heute Abend habe ich mich schon seit Monaten gefreut. Mein Taiji-Lehrer und ich stehen in dem verwunschenen Garten des Psychologenhauses, die Vögel zwitschern, die Luft ist kühl, die Sonne neigt sich über die Dächer der Altbauten um uns herum, hier mitten in der Stadt, deren Straßenlärm und wilde Geschäftigkeit am Hauseingang an der Garderobe abgegeben wurden.

Seit heute Abend sind wir wieder im Sommermodus: der erste Dienstag im Monat gehört der Meditation, die anderen Dienstage findet Taiji unter freiem Himmel statt. Weder meine Mitschüler vom montäglichen Taiji noch die Mitstreiter der Meditation lassen sich blicken, und so habe ich unverhofft das Glück eines Einzelunterrichts.

Auch mein Lehrer findet den Dienstag am schönsten, egal ob wir meditieren oder Taiji unter den alten Bäumen machen. Heute ist es anstrengend; jeder meiner Schritte wird akribisch begutachtet, korrigiert und nachjustiert, der Fauststoß muss schräg ausgeführt werden, der Ellenbogen in Richtung Kinn des fiktiven Gegners zeigen, die Handkante vorm Körper in Abwehrhaltung positioniert werden. Trotz der abendlichen Kühle wird mir warm unter meinen beiden Sportjacken. Doch plötzlich wird aus meinen eher friedlich-leichten Form-Bewegungen das, was Taiji eigentlich ist: ein Kampfsport, der zwar in seiner ursprünglichen Form nur noch in China ausgeübt wird, aber dessen Spuren wir heute folgen.

Ich bin konzentriert und fokussiert bei der Sache. Und dankbar, hier zu sein.

5.2.2018

Unterwegs.

Ich freue mich, als ich durch das dunkle Altona in Richtung Bushaltestelle gehe. Heute beim Taiji habe ich mich zwischen den Profis nicht ganz so ungeschickt wie sonst angestellt. Die stehende Säule und Reeling Silk liegen mir, bei der 19er Form schummele ich nur noch im letzten Teil, den habe ich allerdings auch noch nicht ausführlich gelernt.

Da wir ab April am Dienstag Abend wieder in der Kleingruppe in dem schönen Garten des Psychologenhauses trainieren, werde ich die Form also auch bald können.

Ausserdem habe ich in den Pausen wieder mit G., der russischen Künstlerin, geplaudert. Wir verabreden uns locker für übernächsten Samstag zum Shopping in der Schanze.

N. ruft rüber, ob wir uns morgen bei der Meditation wiedersehen. Ich bejahe und freue mich, dass es hier so nette Mitstreiter gibt.

Morgen bei der Meditation treffe ich auch wieder C. Wir teilen dasselbe Schicksal: auch sie hat letztes Jahr die Diagnose Brustkrebs bekommen. Wir planen, Mitte Februar zusammen zu einem Vortrag über Ernährung in mein Mammazentrum zu gehen.

Gerade hatte ich überlegt, dass ich mal wieder etwas mehr socialisen sollte, da läuft es schon ganz automatisch. So wie mein Fitnessprogramm, denke ich. Das läuft ja auch.

15.10.2017

Zuhause.

Meine Freundin M. bittet mich, „das Taschentuch aufheben“ zu demonstrieren. So heisst die Form natürlich nicht, es gibt keine konkrete Bezeichnung für den Taiji-Teil, der an „die schräge Stellung einnehmen“ anknüpft. Aber es sieht aus, als wolle man mit der linken Hand ein imaginäres Taschentuch vom Boden aufheben.

Demonstration zwischen Kaffeetassen und Doppel-Dinkelkeksen, M. scheint zufrieden.

15.10.2017

Unterwegs.

Keine spektakulären Vorkommnisse am Donnerstag im Fitnessraum zu verzeichnen (lässt man den schwer stöhnenden Sporti ausser acht, der – spätestens, als er nen Kopfstand macht – alle Blicke auf sich gezogen hat).  Das Schwimmen am Freitag im Glitzerwasser des Outdoorbeckens kristallisiert sich zum Höhepunkt der sportlichen Wochen heraus.

Am Samstag nehme ich mir bewusst nichts weiter vor, gehe gemächlich Einkaufen und putze rudimentär die Wohnung. Die restliche Zeit liege ich auf dem Sofa, lese einen Comic, schaue fern, trinke einen Kaffee und relaxe. Um 18.00 Uhr werde ich nervös und stelle fest, dass mir die tägliche Bewegung fehlt. Laufe eine 19er Form im Wohnzimmer.

Am Sonntag springe ich früh aus dem Bett, frühstücke, gehe hinaus in den Nebel und schaue der Sonne zu, wie sie sich langsam durch das Grau über der Elbe kämpft. Sie gewinnt.

Wandere zurück nach Hause, gehe in den Garten und laufe im Sonnenschein drei weitere 19er Formen.

09.10.2017

Unterwegs.

Die Gruppe hat einen kleinen Kreis gebildet und schaut auf den Boden. In den Händen halten sie Schwerter. In der Mitte des Kreises liegt eine tote Mücke. Nicht erstochen, sondern mit einem Schwert zerquetscht.

Das erste Opfer des Zusatzprogramms, das sich unser Taiji-Lehrer für seine Schüler überlegt hat. Schwertkampf. Nach dem regulären Unterricht wird eine halbe Stunde drangehängt. Ich mache nicht mit, mir ist das zu lang, ausserdem bin ich immer noch mit der 19er Form beschäftigt.  Ich befürchte, dass mich weitere Lerneinheiten intellektuell überfordern könnten. Neben mir sind noch ein paar andere, die sich gegen den Schwertkampf entschieden haben. Trotzdem halten wir alle die Schwerter in der Hand, die unsere Mitschüler stolz und auch etwas aufgeregt herumzeigen. Wir freuen uns mit ihnen und scherzen herum.

Damit die Wartezeit zum Extra-Programm nicht zu lange wird, dürfen die Schwertkämpfer die Reeling Silk-Übungen mit Waffe üben, während wir Unbewaffneten die gängige Abwehrhaltung einnehmen.

Bevor es aber richtig losgeht, laufen wir unsere 19er Form – in Zeitlupe, während unser Lehrer durch die Reihen geht und korrigiert. Wer sich mit Taiji auskennt, weiß, dass es extrem anstrengend ist, die eh schon langsamen Bewegungen fast im Stand zu machen.

Um 20:00 Uhr ist für uns Unbewaffnete der Unterricht vorbei. Ich marschiere zur Bushaltestelle, es ist dunkel, es regnet, nachher wird mein Schrittzähler 9.000 Schritte anzeigen – das ist eine gute Leistung neben den 90 Minuten Taiji und dem Arbeitstag, der hinter mir liegt.

Ich gehe über die Brücke, die über die grau-braune Elbe führt und biege in meine Straße ein. Polizeiwagen stehen vor dem Wohnkomplex, der neben meinem Haus liegt. Eine Anwohnerin erklärt den Polizisten, dass die Gebäude eine Tiefgarage haben, die die Häuser verbindet. Da könnten sie entkommen sein. Ich gehe weiter. Und überlege, ob ich mich nicht doch noch für den Schwertkampf entscheiden sollte.

12.09.2017

Unterwegs.

Auch das macht mich glücklich: den Dienstag Abend in dem verwunschenen Garten der Psychologen in der Schanze zu verbringen. Mit mir mein Taiji-Lehrer und eine weitere Schülerin. Der Wind rauscht durch die Blätter der Bäume, der Regen hat ausgesetzt, die Füsse suchen einen festen Stand in dem Gras, wir laufen die 19er Form, und auf meinen Wunsch vertiefen wir den Part die Mähne des Pferdes teilen. Bis die Dunkelheit anbricht.

#Krebs

23.06.2017

Im Sanatorium. Tag 9

S. wird nachher den Chinesen anrufen, den ich unter meinem Baum entdeckt habe; am Dienstag Abend werden wir zusammen eine Probestunde Taiji bzw. Qigong nehmen und Einblicke in die Chinesische Medizin bekommen.

22.06.2017

Im Sanatorium. Tag 8

Da, wo die Felswand, auf der die Burgruine steht, einen breiten Absatz bildet, steht ein alter Haselbusch. Dicht verästelt ist er, und Schlehen und Weißdorn, Hundsrose und Brombeere bilden um ihn ein dichtes Verhau, und über ihn erstreckt sich das Laubwerk eines krummen Lindenbaumes, der sein knorriges Wurzelwerk in die Risse der Wand getrieben hat.
Das Geheimnis des Haselbusches

Es ist abends, die Vögel singen, unter meinen Schritten knirscht der steinige Waldboden. Die Sonne spielt mit den Blättern, die im Wind rauschen, sonst ist es still. Ich wandere durch den Wald, auf einem Baumstumpf entdecke ich ein Waldbuch, blättere es auf und fange an zu lesen. Zwei Eichhörnchen klettern auf einen Baum.

 

16.06.2017

Im Sanatorium. Tag 2 – Nachtrag 2

Vor der Zimmertür stoße ich mit meiner Nachbarin zusammen. Sie hält eine Schüssel mit Salat in der Hand, selbstgemacht, auf dem Zimmer. Das Essen sei hier ungesund, erklärt sie entschuldigend, sie hätte sich auch schon beschwert. Ich triumphiere innerlich.

Die Kartoffel-Wedges ignorierend, stelle ich meinen geschmuggelten Becher im Speisesaal ab und mache mich auf den Weg in den Kurpark. Buddhas Wächter ruft.

16.06.2017

Im Sanatorium. Tag 2 – Nachtrag

Da die Programmpunkte „Kennlerntreffen“ und „Soziales Seminar“ doch etwas an meiner guten Laune gezerrt haben, kurzen Prozess gemacht: Obst und andere leckere Lebensmittel eingekauft und mir on top einen Blumenstrauß geschenkt. Becher Kaffee auf’s Zimmer geschmuggelt und vorgezogenes Abendmahl genossen. Die Kantine fällt somit für mich aus – Problem gelöst, Stimmung wieder gut.

Nach heftigem Unwetter kommt auch die Sonne wieder zum Vorschein, ich werde mich gleich den chinesischen Kampfkünsten im Kurpark widmen.

10.05.2017

Unterwegs.

So übe ich die Bewegung vorwärts und rückwärts, der Rücken lockert sich, ich schwitze, halte das Holz fest im Griff, eine winzige Drehung des Handgelenks genügt, um es aus den Fingern gleiten zu lassen. Nach einer Weile sehe ich, dass die Rechte breiter ist als die Linke, ich wechsele die Hand. So holt ein Teil des Körpers den anderen ein, gleicht Schnelligkeit, Kraft und Müdigkeit aus.
Erri De Luca, Ich bin da

Bei schönem Wetter, so schrieb mein Lehrer, findet Taiji immer im Hinterhof-Garten statt, einfach in das Haus gehen, weiter geradeaus durch und dann in den Garten.

Es ist 18.30 Uhr, das Thermometer liegt bei 8 Grad, der Regen hängt in einer dunklen Wolke am Himmel fest; für meinen Lehrer ist das schönes Wetter.
Ich gehe durch die offene Eingangstür des weißen Altbaus, das in der Schröderstiftstraße liegt, durchquere einen langen Flur und lande in einer unaufgeräumten Küche, in die ich als Fremde irgendwie nicht hineingehöre. Hinter der Küche liegt ein wilder verwunschener Garten mit großen Bäumen, Tannen und Blumen. Im hohen Gras steht eine kleine Gruppe von Taiji-Schülern, man freut sich, mich zu sehen, ich stelle mich dazu. Wir praktizieren Seidenübungen, bevor wir die 19er-Form laufen. Wie immer bin ich der einzige Anfänger in der Gruppe und spätestens, als es heisst: „Die Jadefrau wirft das Weberschiffchen„, bin ich raus. Das macht nichts, ich bin glücklich, hier in diesem wilden Garten zu sein, zwischen meinen Mitschülern und – statt sich auf die riesige düstere Wolkenfront zu konzentrieren, die 19er-Form zu laufen. Nach einer Stunde gehe ich und mache mich auf den Heimweg. Es war anstrengend – die Strahlentherapie nimmt mich physisch und psychisch mehr mit als gedacht – aber ein Schritt zurück in meine Welt.

05.04.2017

Briefwechsel mit meinem Lehrer.

Hallo R.,

wie neulich schon angedeutet, bin ich zur Zeit leider gesundheitlich ausser Gefecht gesetzt, was die Teilnahme am Taiji und auch an der Meditation angeht.
Diagnose: Krebs. Das war ein Schock.
Ich war im Krankenhaus zur Operation, in knapp zwei Wochen, wenn das Ganze wieder zusammengewachsen ist (diverse Narben), geht es weiter mit Strahlentherapie etc. Zur Zeit sehe ich aus, als sei ein Lastwagen über mich gefahren…

Nichtsdestotrotz habe ich vor, schnellstmöglich wieder beim Taiji einzusteigen, noch kann ich allerdings nicht abschätzen, wie fit ich sein werde – im Moment darf/kann ich nicht mal die Arme richtig nach oben strecken und mich dehnen. Aber das wird wieder.

Ich versuche mal, in circa drei Wochen wieder beim Unterricht zu sein, auch wenn ich am Anfang eventuell nicht alles mitmachen kann (das wäre ja nix Neues 😉 ) oder wie lange ich überhaupt durchhalte. Denke aber, dass das fürs Mentale gut ist und für die Fitness sowieso. Darfst halt nicht sooo kritisch mit mir sein. 😉

Ich übe hier nach wie vor zuhause die Choreo, wenn auch etwas reduziert – und bald dann wieder in der Hospitalstraße und im Park, darauf freue ich mich.

Das wollte ich Dir kurz mitteilen, bevor Du mich vermisst 🙂

Viele Grüße und bis hoffentlich sehr bald wieder,
C.

****

Liebe C.,

danke für Deine Offenheit. Dass das ein Schock war kann ich mir vorstellen.
Ich wünsche Dir die nötige Kraft die OPs und die Bestrahlung gut durchzustehen.

Zumindest scheinst Du Deinen Humor nicht verloren zu haben. Und wenn Du noch lachen kannst, dann können es Deine Zellen bestimmt auch…!

Wann immer es Dir passt und es Dich zum Training, oder zur Meditation zieht, freu ich mich Dich zu sehen.

Dienstags findet die Meditation UND das Taiji in der Schröderstiftstrasse statt,
Meditation immer oben im Raum, den Du ja kennst. Bei schönem Wetter dann Taiji unten im Hinterhof-Garten. Da kommst Du ganz einfach hin, wenn Du unten nach dem Eingang ins Haus weiter gerade durch gehst.

Also, Kopf hoch und möge das Qi mit Dir sein. 🙂
Liebe Grüße, R.