10.12.2018

Unterwegs.

Dort, wo sonst der Strand ist, ist nun das Meer. Der Sturm heult durch die Kälte, die meterhohen Wellen werfen sich krachend ans Land. Hinter den dunklen Wolkenschichten leuchtet es. Die Sonne scheint sich vervielfältigt zu haben. Gischt fliegt durch die Luft und mir ins Gesicht. Die Lippen sind salzig, die Augen voll Sand, sie tränen. Oder es ist der Regen, der an den Wangen herunterläuft, oder das Meer. Ich gehe eine Synergie mit der Natur ein, die so wild um mich tost. Das ist Leben. Und es ist wunderbar.

Nachtrag: ich vermute, dass ich heute beim großen Bahnstreik in der einzigen Bahn saß, die fuhr. Pünktlich. Nach Westerland.

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6.12.2018

Zuhause.

Einen Termin habe ich aber nicht, stellt mein Hausarzt fest, ob ich ein Notfall sei. Wie immer haben mich die netten Arzthelferinnen blitzschnell durchgewunken, obwohl das Wartezimmer voll ist. Ich verneine, ich bräuchte nur eine Krankmeldung, die könne das Krankenhaus nicht ausstellen. Dann sei ich ein Notfall, beschließt mein Gegenüber.
Wer mich denn ins Krankenhaus eingewiesen hätte, fragt er weiter. Sie, antworte ich.
Und wo ich die Blutwerte in zwei Wochen überprüfen lassen solle. Na auch bei ihm, sage ich und finde, dass einer von uns beiden heute ein Konzentrationsproblem hat. Ich bin das nicht.
Die Arzthelferinnen sind aber auf Zack, ich bekomme zum (kurzen) Warten einen Stuhl in den Konferenzraum gestellt, damit ich niemanden kontaminiere, der Termin zur Blutabnahme ist sofort abgemacht, die Krankmeldung ausgedruckt.

Bis auf einen dicken Hals und einem einzuhaltenden Sicherheitsabstand von einem Meter zu Anderen (vor allem zu Schwangeren und Kindern) geht es mir gut. Einkaufen und Busfahren darf ich, allerdings sind lange und enge Kontakte wie zum Beispiel Theaterbesuche, Büro und der Besuch meiner Sportgruppen, des Gyms und des öffentlichen Bades zu unterlassen. Keine Sportgruppen. Das trifft mich dann schon.
Spazierengehen könne ich, sagt mein Hausarzt und wiederholt damit, was mir auch die Ärztin im Krankenhaus gesagt hat.

Ich gehe spazieren. Durch die Hafencity im Regen und einem Eisbecher, den ich allein in der Kälte vor dem Café esse. Um die Aussenalster, es nieselt, bis auf ein paar Jogger und Hundebesitzer sind keine Menschen unterwegs. Im leeren Cliff streiten sich zwei Kellner, einer verlässt wütend das Lokal, den anderen kann ich heranwinken und bestelle eine Waffel mit heißen Kirschen und Sahne. In Eppendorf sind die weißen zuckergussartigen Jugendstilvillen von einem grauen Schleier bedeckt, ich kaufe mir Blumen für die Küche und das Wohnzimmer und ein Buch über die Anatomie des Taiji.
Zuhause gibt es Dinkelkaiserschmarrn mit Äpfeln.

Mittlerweile bin ich sehr ausgeglichen, so ausgeglichen, dass ich bereits alle Weihnachtskarten verschickt und alle Geschenke verpackt habe. Ich mache mich sogar an die Ablage der letzten zwei Jahre, die sich unsortiert in einem Schränkchen befindet und mir sofort entgegenfällt, als ich diesen öffne. Ich stelle Unterlagen für die Steuererklärung 2018 zusammen. Ich buche eine Reise. Lachen muß ich, als mich mein Azubi hektisch anruft, das Restaurant, bei dem ich für die Weihnachtsfeier gebucht habe und denen er – wie mit mir abgesprochen – die finale Teilnehmeranzahl durchgeben wollte – hätte keine Reservierung von uns vorliegen. Natürlich habe ich reserviert, ich dirigiere ihn aus der Ferne durch meine Ordner auf dem PC, auf die er zum Glück Zugriff hat, denn mein Firmenhandy speichert emails nur über einen bestimmten Zeitraum. Wenn ich schon gerade dabei bin, werfe ich auch einen Blick auf die eingegangenen 369 emails, auf zwei antworte ich.

Der Blick auf den Schrittzähler zeigt an, daß ich heute Abend noch eine Runde um den Block drehen muß. Ich liebäugele damit, spontan zwei Tage nach Sylt zu reisen. Am Strand längswandern ist schöner. Und kontaminieren lässt sich da auch niemand.

8.9.2018

Unterwegs.

Eine Reise beginnt für mich in dem Moment, in dem ich die Haustür hinter mir schliesse. Ich mag die Fahrt mit dem Bus (zum Bahnhof) oder dem Taxi (zum Flughafen), ich mag es, aus dem Fenster zu schauen und den Hafen im Morgenlicht vorbeigleiten zu sehen, die Containerschiffe, die langsam die Elbe hochfahren und die Kräne, die von der Sonne in sanfte Pastelltöne getaucht werden.

Im Winter mag ich die Strecke in der Frühe zum Flughafen, wenn es dunkel ist und nur das eine oder andere Fenster der Jugendstilvillen am Rothenbaum leuchtet und die Stadt unter einer Schneedecke schläft.

Ich mag es, mir im Buchladen Zeitschriften für die Reise auszusuchen, mir einen kleinen Milchkaffee zu bestellen und die vorbeihastenden Menschen zu beobachten. So viele Menschen, so viele Ziele.

Heute Morgen stehe ich auf dem Bahnsteig in Altona und warte, dass mein Zug nach Westerland einfährt.

3.6.2018

Unterwegs.

Ich setze mich auf. Die Menschen um mich herum packen ihre Badesachen ein; der eben noch blaue Himmel ist diesig und verschwimmt mit der Nordsee. Ich nehme mein Badetuch und mache mich auf den Rückweg.
Dann kann ich doch noch das nette Angebot meines kleinen Hotels, das am äussersten Zipfel von Westerland liegt, annehmen, es gibt verschiedene Kaffeesorten und Kuchen zwischen 15.00h und 17.00h auf’s Haus. Mit einem Latte Macchiato, zwei Keksen und einem Buch mache ich es mir  im Strandkorb, der im Garten steht, gemütlich.

Da ich keine Lust habe, heute Abend wieder ins Zentrum von Westerland zu marschieren, folge ich dem Tipp der Hotelmanagerin und zwei anderen Gästen, die ich an der Rezeption treffe: auf dem Campingplatz könne man sehr gut essen, dort gebe es eine Osteria. Das klingt skurril, und in mir schlägt definitiv kein Camperherz, aber ich bin neugierig und abenteuerlustig. Am Waldrand des Südwäldchens wandere ich Richtung Campingplatz, zur linken liegen Felder und Wiesen, ab und an überholt mich ein Radfahrer.
Die Campingwagen stehen dicht an dicht, dazwischen sitzen Menschen auf Klappstühlen. Ehrlich gesagt, ich kann mir schöneres vorstellen. Ganz am Ende des Platzes ist ein Holzhaus, das die Osteria beherbergt. Ich setze mich wieder in einen Strandkorb, der vor dem Haus steht und bin gespannt. Der junge Kellner ist supernett, duzt mich und rät zum Grauburgunder. Dazu nehme ich Putensteaks mit Gemüse und Kartoffelspalten. Ich freue mich, dass ich dem Tipp der drei Damen gefolgt bin, das Essen ist wirklich sehr lecker und das Ambiente ungewöhnlich, zumindest für mich.

Zurück geht’s durch den Wald; das Licht fällt durch die Baumwipfel, an einem See blühen gelbe Blumen. So gelb wie mein Dachzimmer im Hotel, das nicht nur gelbe Wände sondern auch gelbe Jalousien an allen drei Fenstern hat, durch die die Sonne den Raum zum Leuchten bringt.

28.1.2018

Unterwegs.

Das Restaurant in Westerland, in das ich eigentlich gehen wollte, hat geschlossen. Klar, denke ich, es würde auch nicht passen, wenn ein Restaurant, das sich „Badezeit“ nennt, im Januar geöffnet hätte. Ich mache mich auf den Weg zur Alternative, die ich mir schon am Nachmittag ausgeguckt habe. Jetzt ist es dunkel, es giesst in Strömen, während ich am Strand bei Windstärke 7 gegen den Sturm ankämpfe. Dann noch die Düne rauf, und ich stehe klatschnass vor der Bedienung, um mir einen Tisch zuweisen zu lassen.

Wenn ich allein im Restaurant esse, habe ich grundsätzlich ein Buch oder eine Zeitschrift dabei. Hier ist es duster, die Beleuchtung ist spärlich, und mit der Kerze auf dem Tisch kann ich kaum die Speisekarte lesen. Den Gästen an den Nachbartischen geht es ebenso. Allerdings haben sie ihre Kameraden zum Plaudern dabei.

Ich bestelle und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen, bis er an der Wand gegenüber hängen bleibt. Dort, über einem Tisch, an dem zwei Frauen sitzen, sitzt im Knick zwischen Wand und Zimmerdecke eine Nacktschnecke. Jedenfalls sieht es so aus, als sässe dort eine Nacktschnecke. Ich weiss nicht, ob das der richtige Ort und die richtige Jahreszeit für diese glitschigen Tiere ist. Vielleicht ist es auch nur ein Riss oder ein Fleck, der sich im flackernden Kerzenschein bewegt. Fragen mag ich niemand. Meinen Blick abwenden kann ich allerdings auch nicht. Macht auch nichts, lesen geht ja nicht. Und sie bewegt sich doch.

Am nächsten Morgen hat der Regen, der nachts durchgängig gegen die Fenster geprasselt ist, aufgehört. Der Sturm ist geblieben. Die Wellen türmen sich auf und werfen sich wütend an den Strand. Ich bleibe stehen und schaue fasziniert zu, bis ich von ihrer Schnelligkeit überrascht werde und lachend zurückstolpere, um ihnen knapp zu entkommen. Das Salz auf den Lippen bleibt.

27.1.2018

Unterwegs.

Mjam, Mjam? fragt eine Männerstimme hinter mir im Bus. Mjam, Mjam! antwortet eine Frauenstimme. Sie sprechen das übrigens wirklich aus. Dabei rascheln sie mit ihren Tüten aus der Bäckerei und schmatzen. Wenn ich etwas hasse, dann sind es Essgeräusche. Leicht genervt drehe ich mich um und blicke auf ein älteres Paar. Ein Kaffee dazu wäre jetzt toll, sagt die Frau. Ich höre bereits das Schlürfen und bin froh, dass es im Bus keinen Kaffee-Ausschank gibt.

Ich konnte übrigens nichts Leckeres in Kampen essen. Auch nichts Unleckeres. Kampen hat geschlossen. Wempe, Gucci, Gogärtchen, Pony, das Restaurant am Strand – alles geschlossen.

Es ist grau, der Wind weht mir empfindlich kalt ins Gesicht, während ich am Strand entlang marschiere, und ich freue mich ein weiteres Mal über mein wetterfestes Antarktis-Outfit, das ich mittlerweile fast nonstop trage. Von weitem leuchte ich wie ein roter Punkt, stelle ich mir vor. Allerdings sieht das niemand.

27.1.2018

Unterwegs.

Ich möchte ans Meer fahren, sage ich.

Am Strand entlangwandern, das Gesicht in die Sonne halten oder in den Wind oder den Regen. Und in Kampen etwas Leckeres essen. Die Schaufensterauslagen der reetdachgedeckten Geschäfte anschauen, füge ich noch hinzu.

Dann mach es doch, antworte ich und steige ein in die Bahn nach Sylt.

Ich mag Zwiegespräche mit mir selbst. Sie gehen grundsätzlich gut aus.