04.09.2019

Unterwegs.

Es wird Herbst.
Schon gestern Abend auf dem Weg zur Meditation fiel mir auf, dass es dunkler wird.
Wie lange machen wir eigentlich noch dienstags Taiji im Garten? fragt mich mein Lehrer. Die kleine Gruppe schaut erwartungsvoll zu mir herüber. Bis Ende September, antworte ich, danach wird es zu dunkel. Dann fängt unsere Winterzeit an, in der wir jeden Dienstag meditieren. Das mit der Dunkelheit leuchtet unserem Lehrer ein, also meditieren wir am ersten Dienstag des September-Monats und haben dann noch ein paar Taiji-Stunden im verwunschenen Garten des Psychologenhauses, bis wir im Oktober in den Wintermodus wechseln.

Auch am Mittwoch ist der Himmel wolkenverhangen, als ich mich auf den Weg ins öffentliche Bad mache.
Sie haben schon wieder die Farbe gewechselt!, ruft mir Walross 1 entgegen. Ich erzähle ihm, dass der rote Badeanzug in meinem Koffer sei und ich deshalb heute in dunkelblau und weißen Pünktchen antrete.
G., meine 80-jährige Schwimmfreundin, bahnt sich den Weg zu mir durch und umarmt mich. Sie freue sich so, mich zu sehen, ruft sie und strahlt. Ich strahle zurück.
Es ist Mittwoch, 11.00h, und dieselben Menschen, die sonst am Freitag um 12..15h ihre Bahnen im Aussenbecken ziehen, sind auch heute hier. Nur Hyazinth fehlt. Der kleine Spanier ist eigentlich jeden Wochentag im Aussen- und im Innenbecken zu finden, erst schwimmend, dann Wassergymnastik machend, immer lächelnd, immer freundlich. Ein guter Mensch, sagt G., der neben dem Schwimmen ehrenamtlich im Hospiz als Sterbebegleitung tätig sei.

Am Montag habe sie an mich gedacht; sie möchte wissen, wie es mir beim Projekt „Darmspiegelung“ ergangen sei. Wir lachen zusammen, während ich die Aktion nochmal für sie zusammenfasse, dann gehen wir zum Thema B12 und D3 über, während wir nebeneinander herschwimmen.  Aber wenn Du aus der Arktis zurück bist, dann müssen wir uns unbedingt auf einen Kaffee treffen, sagt G. Ich bejahe, das müssten wir auf alle Fälle tun, und wir freuen uns, die Wolken brechen auf, wir halten unsere Gesichter in die herbstliche Sonne, es ist so schön, das Leben.

Zuhause packe ich die restlichen Dinge in den Koffer: rot, weiß, dunkelblau, schwarz. Alles passt zu allem. Alles kommt mit.
Morgen geht es auf Reisen.

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03.07.2019

Unterwegs.

Durch das weit geöffnete Fenster schaue ich in den Park.

Radfahrer sitzen im Gras, um sie herum liegen die Räder.

Kinder spielen Ball. Sie lachen.

Die Meditationsgruppe schweigt.

Ein Mädchen übt mit dem Langstock. Ich erkenne sie; es ist die kleine Chilenin, die manchmal zum Taiji-Unterricht erscheint.

Ein Mann jongliert.

Ein anderer sitzt auf der Bank und hält einfach nur sein Gesicht in die Sonne.

Der Wind weht durch die Blätter und malt Streifen ins Gras. Blüten rieseln von den Bäumen herab, sie glitzern golden in der Sonne, wie Sternenstaub.

Ich spüre den Wind, der durch das Fenster weht, ich sehe den Spatz, der durch das Gras hüpft.

Ich schaue in den Park.

Eigentlich sollte ich meine Augen bei der Stehenden Säule schliessen.

Aber die Welt ist so schön.

02.07.2019

Unterwegs.

Ich laufe die alte Treppe hinunter, vom zweiten Stock ins Erdgeschoss, wo neben der Küche das Regal mit den roten Wolldecken steht. An den Füßen trage ich nur Socken, dazu ein geringeltes T-Shirt und eine Jogginghose. Ich fühle mich ganz wie zuhause, dabei bin ich im Psychologenhaus, wo wir Taiji im verwunschenen Garten hinter der Küche praktizieren oder wie heute oben im Meditationsraum in Stille sitzen und die Decken benötigen.

Da „unser“ Raum verkleinert wurde, um ein weiteres Psychologenzimmer herzurichten, sind „unsere“ Decken ins Erdgeschoss unter der Treppe vor die Küchentür verlagert worden. Dafür wurde der Raum um zwei Sessel, einen kleinen runden Tisch, eine Pflanze vor dem Fenster und einer blechern klingenden Klangschale ergänzt. Die Psychologen haben sich Mühe gegeben und sich in Interior-Design versucht. Erwartungsvoll stehen sie in der Tür, erklären uns stolz, dass sie weitere Lampen an den Wänden angebracht haben und auch die neue Pflanze den Raum verschönert; wir nicken und sagen etwas Freundliches, sie meinen es gut mit uns. Was wir allerdings brauchen, ist Platz und Weite, um den Raum zu durchschreiten und unsere Felle, Decken und Kissen auszubreiten.

Wenn unsere Tür geschlossen ist, räumen wir alles zur Seite. Später, wenn die 10-Mann-starke Yogagruppe kommt, werden die Möbel kurzerhand ins Treppenhaus verfrachtet. Aber das bekommen die Psychologen zum Glück nicht mit. Es ist ihr Haus. Wir sind die Gäste.

Im Raum bleiben dürfen die kleinen Schränkchen mit den Plastik-Spielfiguren und die (vermutlich) lebensgroße Stofftierlöwin und ihr Löwenbaby.

Manchmal schauen uns die Psychologen aus dem Fenster des Altbaus zu, wenn wir im Garten Taiji machen. Oder sie kommen direkt in den Garten. Sie sind aufgeschlossen, neugierig und unterhalten sich gern mit uns. Wenn ich mal einen Psychologen bräuchte, würde ich hier sofort einen ansprechen. Dann könnten wir im Garten sitzen und reden. Allerdings brauche ich keinen Psychologen; lieber hätte ich den Garten oder den Meditationsraum, aber ohne den ganzen Klimbim, den gutgemeinten.

Die nächsten Wochen ist unser Lehrer im Urlaub, und ich habe wieder die Schlüssel für das Psychologenhaus. Und wer die Schlüssel zu einem Haus hat, darf da auch in Socken rumlaufen und sich wie zuhause fühlen.

09.05.2019

Zuhause.

Ich überlege, ob ich über Kreuzblütler (dazu gehört mein Hassliebe-Gemüse Brokkoli) schreiben soll.

Ich überlege, ob ich über die Meditation am Dienstag berichte, bei der nur mein Lehrer und ich anwesend waren und wir beide feststellen mussten, wie wunderbar diese 90 Minuten sind, in der wir in die Stille abtauchen, während draussen das Leben tobt.

Ich überlege, ob ich darüber schreibe, dass mir heute ein Kapitän ein Foto seiner Tomaten- und Gurkenplantage geschickt hat, die er auf der Brücke (sprich: seinem Arbeitsplatz oben auf dem Schiff) angelegt hat, was ich zwar einerseits sehr kreativ (und gesund) finde, was andererseits aber nicht geht, da die Fenster auf der Brücke zum Rausgucken sind, damit man nicht überraschenderweise gegen einen Eisberg donnert und nicht für wild rankende Gewächse, die einem die Sicht  auf eben jenen Eisberg nehmen könnten.

Ich überlege, ob ich erzähle, dass ich am Samstag ein Interview mit einem französischen Autor führen werde, der den Prix Goncourt, den renommiertesten Literaturpreis Frankreichs, erhalten hat. Ich bin gespannt auf meinen Gesprächspartner, den ich in einem Café treffen werde. Da mein Französisch zu schlecht ist und seine Deutschkenntnisse nicht für ein Interview reichen, haben wir uns auf englisch geeinigt. Nur die Fragen, die ich ihm stellen werde, die habe ich mir noch nicht überlegt.

Ich überlege, ob das so intelligent war, mich morgen nach dem Schwimmen im Gewühl des Hafengeburtstags mit meinen Schwestern im Herzen zu verabreden. Wir haben uns schon lange nicht mehr getroffen. Ich bin gespannt, wie es ihnen geht.

Am meisten überlege ich aber, was ich am kommenden Dienstag Abend zum Konzert in Amsterdam anziehen möchte; mein Lieblingssaxophonist hat gerade wieder gelbgefärbte Haare, da könnte ich passend dazu den kurzen gelben Rock anziehen. Oder doch eher Jeans, T-Shirt und Trainingsjacke?

Ich überlege…

Das bin ich (anonymisiert) mit meiner Lieblingsband 2018. Auch dort trug ich schon den gelben Rock, passend zu Leos gelben Haaren.
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03.02.2019

Unterwegs.

S: Weißt Du, dass es beim „Burning Man“ in der Wüste keine sanitären Anlagen gibt? Und man seinen Müll wieder mitnehmen muß?

Das ist mir entgangen, allerdings habe ich mich noch nicht so genau mit dem Event, der jährlich in der Wüste von Nevada stattfindet, auseinandergesetzt. Ich habe die Fotos von J., eines der California Girls, das ich in der Antarktis kennen gelernt habe, gesehen, und war Feuer und Flamme. Ich möchte zum Burning Man. S. ist auch interessiert, hat aber schon etwas besser recherchiert. Dieses Jahr wird es eh nix, denn meine Reiseplanung 2019 steht bereits. Was sanitäre Anlagen angeht, bin ich seit Tibet paralysiert. Ich werde etwas tiefer in die Recherche gehen, wenn es an der Zeit ist.
Dann erzählt S. von Israel, dem Toten Meer, dem See Genezareth, Bethlehem und Jerusalem und Tel Aviv und dem guten Essen, das sie dort im November genossen hat, und ich freue mich auf meine Exkursion im März.

Waage: Du hast zugenommen.

Ich schiebe die Waage durch’s Bad, manchmal bringt das ein paar Gramm, wenn sie woanders steht.

Schilddrüse: Ich bin nicht schuld!
Ich: Ich weiß. Und dafür bin ich sehr dankbar, dass Du trotz hinterhältigen Radiojod-Angriff weiter funktionierst.

Mülleimer: Was sind das neuerdings für Tüten – Kokoschips, Popcorn, Gemüsechips, Chinoa-Flips?
Waage laut aus dem Bad: Aha!
Ich: Das waren Testkäufe. Passiert nicht wieder. Ich wollte leckere Snacks, die gesund sind, aber so gesund sind die leider auch wieder nicht. Allerdings arbeitet der Hersteller an nicht-frittierten Chinoa-Flips, die würden mich dann schon interessieren.
Bauch: Könntest Du den oberen Knopf der Hose auflassen? Oder die Skiunterwäsche ausziehen. So geht das jedenfalls nicht.
Ich: Schon gut. Wir fahren jetzt an die See, dann wird geschwommen und gewandert.

Himmel über Travemünde: Ich bin grau. 
Ich: Das stört mich nicht. Ich mag Dich, egal ob blau, grau, schwarz oder bald auch Nordlichter-grün.

Café Niederegger: He – Du kommst gar nicht herein? Was ist los?
Ich: Ich hatte mehr Appetit auf ein Vollkornbrötchen mit Frischkäse. Und einen Kaffee ohne Milch. Bääm! Zwei Sünden weniger.

Ich gehe weiter, kehre in meinem Lieblingsladen ein, gönne mir ein neues T-Shirt (geplant) und eine gestreifte Bluse (ungeplant).
Abends geht es in mein Lieblingsrestaurant, ich bekomme einen schönen Tisch am Fenster – ganz ohne Reservierung, und es ist voll – schaue auf die großen Schiffe, die die Ostsee hinunterfahren, ganz dicht an meinem Gesicht vorbei und wie Hochhäuser aus dem Meer herausragen. Putenfilet, Wok-Gemüse, Ofenkartoffel, eine kleine Weißweinschorle und ein Buch – mehr braucht es nicht, um glücklich zu sein.
Draußen ist es dunkel und kalt. Der Wind weht mir die Schneeflocken ins Gesicht, ich glitsche vorsichtig am Kai entlang, der Weg zum Hotel geht aufwärts, ich muß aufpassen, es ist rutschig und nass.

Vom Hotelzimmer im 13.ten Stock schaue ich über die Lübecker Bucht. Die beleuchtete Rentiergruppe steht nicht mehr am grüngestreiften Leuchtturm, sondern weiter unten kurz vorm Grand Hotel Atlantic.
Morgens um 8.00h bin ich bereits wieder im Pool und ziehe meine Bahnen. Danach ein gesundes aber ausgiebiges Frühstück (note to myself: was die Waage sagt, kannste Dir denken) und ein ausgedehnter Spaziergang am Strand entlang.

Ich: Wohin geht ihr?
Rentiergruppe: Immer weiter, weiter, weiter.

Himmel über Hamburg: Ich bin blau.
Haushalt: Du musst Dich um mich kümmern!
Wäscheständer: Die Wäsche ist längst trocken.
Koffer: Ich muss ausgepackt werden.
Badeanzug: Ich möchte nicht mehr im Bad rumhängen.
Waage: Du…
Ich: Ich ignoriere Dich!
Fußboden: Warum schüttelst Du die Regenhose aus, jetzt ist alles voller Sand. Ich muß gewischt werden.
Bett: Nicht die Regenhose! Zu spät. Sand ist im Bett.
Tulpen in Bad, Wohnzimmer, Schlafzimmer: — Keine Reaktion. Sie sind tot. Ich werfe sie weg.
Baum: Ich habe alle Blätter abgeworfen. 
Ich: Das sehe ich.
Abwasch: Also wenn Du Tee trinken möchtest, müsstest Du erst eine Tasse abwaschen.
Neue Bluse: In diesen Kleiderschrank soll ich? Es ist hier unordentlich.

Ich: Wie geht es Dir?
Ich stelle mich neben mich und schaue mich an.
Ich: Es geht mir gut.
Und koche mir erstmal einen Figurschmeichler-Tee (Kurkuma-Mate), bevor ich den Haushalt in Angriff nehme.

Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Stretching und Meditation ✔️
Mittwoch: Herzsport ❌ (stattdessen Schauspielhaus: Krankenakte Robert Schumann mit Mathias Brandt, und das war bereits das Theater-Highlight 2019!)
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️und 11.167 Schritte ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️und 7.246 Schritte (Stand: 15.34h) und Aktion Haushalt 🔛

 

25.01.2019

Unterwegs.

Ich stelle die Klangschale, die ich aus Lhasa mitgebracht habe, vor mich hin, und dann kommt der Moment, auf den ich mich schon den ganzen Tag gefreut habe: der Ton der Schale ist wunderschön, leicht vibrierend und immer leiser werdend leitet er uns in die Tiefen der Stille.

Vorher habe ich C., mit der ich am Dienstag allein bei der Meditation bin, gefragt, ob sie einen Onkologen hat. Ich habe nämlich keinen. Sie auch nicht. Meine Hausarztpraxis ist stutzig geworden, da ich bei der Blutabnahme nicht nur den Schilddrüsen- und den Vitamin-D-Wert bestimmen lassen wollte, sondern auch die Werte, die aufgrund der Tamoxifen-Einnahme in die Schräglage geraten könnten. Und dafür sei der Onkologe zuständig. Aber meine Hausärzte sind freundlich und lassen alle Werte überprüfen.

Im Büro angekommen, stelle ich fest, dass ich mein Pillendöschen mit dem Tamoxifen nicht zurück in die rote Handtasche gesteckt habe. Ich ärgere mich, das ist mir noch nie passiert. Ich fahre zurück nach Hause, renne die Treppen hoch, stecke das Döschen ein und laufe die Treppe wieder hinunter. Vor der Tür stelle ich fest, daß ich die Handschuhe nicht mehr dabei habe. Ich ärgere mich wieder, da ich aber nur sportliche sieben Minuten Zeit habe, um die Bahn zurück zum Büro zu bekommen, spurte ich zum Bahnhof. Um 10.10h ruft T. an und fragt, ob unser Meeting heute nicht stattfände. Doch, sage ich, und schaue auf die Uhr; ich bin zu spät dran. Meinen Grafiker frage ich, warum wir denn vier Formate von derselben Anzeige bekommen hätten; während er anfängt zu erklären, merke ich, daß mir die Antwort bekannt vorkommt. J., Habe ich Dich das schon mal gefragt? Er bejaht und gibt sich diplomatisch, diesmal würde er aber noch einen screenshot zur Verdeutlichung schicken. Ich werde vergesslich. Ich gebe meiner Schilddrüse die Schuld, wahrscheinlich ist sie jetzt doch noch in die Unterfunktion gefallen, da stellt sich Vergesslichkeit ein.

Meine Hausarztpraxis ruft an, alle Blutwerte seien in Ordnung. Die Schilddrüse ist unschuldig. Vielleicht komme ich mit drei Meetings am Tag, einem Friseurtermin in der Mittagspause und dem Sport direkt nach der Arbeit etwas ins Straucheln? Ich stelle mich neben mich und fest, daß dem nicht so ist. Ich bin ganz ruhig, mein Blutdruck und mein Puls sind es auch. Vielleicht ist das Wetter schuld? (note to myself: vielleicht wirst Du einfach alt).

Beim Schwimmen bleibe ich drin, da ich im Aussenbecken des öffentlichen Bades keine pinke Badekappe samt Schwimmfreundin darunter ausmachen kann, mit der ich beim Bahnenziehen bei minus 3 Grad die Zeit verplaudern könnte. Im Innenbecken schwimme ich schneller und konzentriert. Hier ist keine Ablenkung in Sicht, dafür umso mehr Platz. Ich sage in Gedanken das Alphabet auf, ein kleiner Test, den ich bestehe. Auch die Einkaufszettel für Freitag und Samstag habe ich im Kopf, genauso wie die Verabredungen am Wochenende. (note to myself: vielleicht darf man einfach mal was vergessen). Zuhause angekommen, stelle ich fest, dass ich alles, was ich mit zur Arbeit und ins öffentliche Bad genommen habe, auch wieder mit zurückgebracht habe. Dafür fällt mir jetzt kein Abschlusssatz ein. (note to myself: es gab schon andere, die Werke unvollendet ließen).

ein unvollendeter Text, dafür ein vollendeter Ton

15.1.2018

Unterwegs.

Und hier ist unsere sonnige Oase, sage ich. Wir stehen in Socken auf dem orangenen Teppich des Meditationsraumes, das Licht ist weich, die Heizung wärmt, an der Wand leuchtet die goldene Buddha-Figur.
R. hat sich über den Dauerregen beklagt, er und C. und ich sind klatschnass im Psychologenhaus eingetroffen. Den Regen finde ich auch schön, sage ich, und auch den Sturm, das Wetter ist so lebendig, jeden Tag neu und jeden Tag anders. Ich sehe das also von der positiven Seite, setze ich hinzu und schaue aus dem Fenster. Auf der gegenüberliegenden Seite trainieren Fussballer im Flutlicht, in dem der Regen tanzt, der Rasen leuchtet grün.

Nächste Woche sei er nicht da, sagt unser Lehrer, aber wir können trotzdem zum Meditieren kommen. C. und ich nicken uns zu, R. übergibt mir den Schlüsselbund, damit bin ich für den Meditationsraum am nächsten Dienstag verantwortlich. Und der andere Schlüssel sei für die Eingangstür, falls die abgeschlossen sein sollte. Die Eingangstür steht immer offen. Jeder kann ins Psychologenhaus spazieren, in die Gesprächsräume, die Küche, die Stube und in den verwunschenen Garten. Die Psychologen scheinen ein solides Grundvertrauen in die Menschen zu haben.
Dann könnte ich endlich mein Mobiliar herschaffen und hier einziehen, wo ich jetzt die Schlüssel zu meinem Lieblingshaus habe, sage ich.

Am Bahnhof erzähle ich C. von meinen selbstgemachten zuckerfreien Zitronen-Joghurt Gums und den Müsliriegeln, die erstaunlich lecker sind.
Am Bahnhof bleiben wir jeden Dienstag zwanzig Minuten stehen.
Am Bahnhof sprechen wir über ‚unser‘ Thema.
Wir machen das richtig, sagt C. und guckt mich erwartungsvoll an. Wir machen das richtig, bestätige ich ihr. Sie strahlt. Das höre sie immer so gern von mir, dass wir das richtig machen. Mit dem Sport. Mit der Meditation. Mit der gesunden Ernährung. Mit dem positiven Denken. Ein Restrisiko bleibt, meine ich. Aber auch die Gewissheit, sich niemals Vorwürfe machen zu müssen, denn wir tun alles, was wir tun können.
Wir machen das richtig.

Und dann wandere ich wieder zurück durch den Regen und den Sturm, durch die Lichter am Hafen und durch das Leben.

18.12.2018

Unterwegs.

J. trägt einen grün-seidenen Kimono als er die Tür öffnet. Er ist barfuß. Ich schnaufe. Die  Wohnung liegt im Dachgeschoß eines Altbaus in Eimsbüttel, einen Fahrstuhl gibt es nicht, dafür fünf Stockwerke und eine Wendeltreppe. Zur letzten Meditation des Jahres hat J. uns zu sich nach Hause eingeladen; nach dem Sitzen wollen wir gemeinsam essen. J. führt mich durch die Wohnung, die anders aussieht, als ich es von dem (normalerweise) im Anzug erscheinenden Mitstreiter, der bei einem Flugzeugbauer arbeitet und Meetings mit chinesischen Kunden hat, erwartet habe. Die Zimmer sind mit japanischen Tatami-Matten ausgelegt, auf denen bunte Kissen liegen, eine Klangschale steht vorm Spiegel auf dem Flur. Es gibt unzählige Bücher und Holzkisten.  Frauenportaits aus einem entfernten Jahrhundert hängen museumsgleich an den Wänden, aber auf Oberschenkelhöhe. Jetzt weiß ich, was mich irritiert. In dieser Wohnung gibt es keine Möbel. Kein Bett, kein Kleiderschrank, keine Couch, keine Sitzecken, keine Stühle, keine hohen Tische. Zwei Sitzgelegenheiten ohne Beine und ein Tisch, vor den man sich hinknien kann, stehen im Wohnbereich. Dann passt es auch mit den niedrig hängenden Bildern an den Wänden, denke ich.

C. erscheint, auch sie ist am Schnaufen. Sie streckt mir ein Glas selbstgemachtes Reneklodengelee entgegen, ich habe ihr ein Gesundheitsmagazin mitgebracht. C. hat einen Radiobeitrag eines Arztes über Mikronährstoffe gehört, über den sie sich sofort mit mir austauschen möchte. Ich esse immer das, was mir schmeckt, sagt unser französischer Gastgeber. Er weiß nicht, daß zwei Brustkrebspatientinnen vor ihm stehen, die ihre Ernährung auf den Kopf gestellt haben und sich dienstags nach der Meditation mit Begeisterung darüber austauschen. Wir sind jedenfalls schon gespannt, was es nachher bei unserem Franzosen zu essen geben wird.

Der Gong ertönt, am immer leiser werdenden Ton gleite ich hinab in mein Inneres und fokussiere mich auf den Atem. Mit dem Gongschlag 70 Minuten später kehre ich wieder zurück.

Wir platzieren die bunten Sitzkissen um den niedrigen Tisch, es wird eng mit sechs Personen, aber es geht. J. hat eine Süßkartoffel-Ingwer-Suppe mit frischen Kräutern gekocht. Dazu gibt es einen grünen Salat, leckeres dunkles Brot, Butter, diverse Käsesorten,  vegetarische Brotaufstriche, Mandarinen und grünen Tee. C. und ich sind begeistert, das passt perfekt in unser Ernährungskonzept.

Die Konversation ist locker und anregend; mit R. besuchen wir Meditations-Retreats und reisen nach China, mit N. verfolgen wir das dumpfe Grollen in der Mongolei, das langsam anschwillt und zu einer riesigen Yak-Herde gehört, die um uns herum galoppiert, ich nehme die Gruppe mit in die weiten Hochsteppen des Himalaya zum Teetrinken, derweil unser Bus im reißenden Fluss feststeckt und auf Rettung wartet. Wir besuchen C. in ihrem schönen Garten im Grünen, aus dem sie mir immer Äpfel mitbringt und fahren mit A. und J. nach Japan.

Es ist ein wundervoller Abend, an dem wir gemeinsam durch die Welt und zu uns selbst reisen. Wir schmieden Pläne für’s nächste Jahr. Vielleicht ein gemeinsames Retreat. Vielleicht zusammen C. in ihrem Garten besuchen. Und gemeinsam Schweigen werden wir sowieso.

passend zum post trifft gerade das Rezept ein (evtl geht auch Haferdrink statt Milch – muss ich mal testen)

25.11.2018

Unterwegs.

Du wirst im Krankenhaus eine Menge Schluckauf haben, sagt B.
Warum? frage ich das Herzi erstaunt.
Weil wir an Dich denken werden, antwortet sie.
Ich mag meine Herzis.

J.? rufe ich. Der Franzose dreht sich erstaunt um. J! Wir vermissen Dich schon bei der Meditation! J. hat mich erst gar nicht erkannt, außerhalb unseres Meditationsraumes, in dem ich immer in dunkelblauem Sportdress sitze.
Heute stehen wir uns überraschenderweise im öffentlichen Bad gegenüber, in Badehose beziehungsweise getüpfelten Badeanzug und einer Badekappe, die wie ein Turban ausschaut. Die Badekappe habe ich mir für draußen zugelegt, da es mir langsam zu kalt wird, eine Stunde mit nassem Kopf durch das morbid-herbstliche Ambiente des Aussenbeckens zu schwimmen.
C. habe letztes Mal selbstgemachtes Renekloden-Gelee für ihn dabei gehabt, ich würde immer noch jeden Dienstag den Glücksbringer aus Tibet für ihn mitbringen. J. freut sich und wird versuchen, am Dienstag wieder dabei zu sein, wenn es die Arbeit erlaubt.

Zitronen, Wurzeln, Haferflocken, Nüsse, Bananen, Fön – stehen auf meiner Merkliste für den Koffer, den ich angefangen habe, für das Krankenhaus zu packen.

Außerdem werde ich mein Laptop mitnehmen und ein Konzept für die Stiftung ‚meines‘ Krankenhauses erstellen; das nächste Meeting für Mitte Dezember wurde heute bestätigt. Da kann ich die Zeit in der Abgeschiedenheit der Nuklearmedizin effizient nutzen.

6.11.2018

Unterwegs.

Ich atme tief durch, als ich nach draußen schwimme. Das Wasser ist kalt, die Luft noch kälter. Dunst steigt über dem Aussenbecken des öffentlichen Bades auf, doch einige Tapfere ziehen ihre Bahnen. Das 90-jährige Pärchen ist nach mehreren Wochen Krankheit wieder dabei, drei plaudernde Rentnerinnen und ich. Auf der Schnellbahn ist mehr los; in gleichmäßigem Rhythmus kraulen die Kampfschwimmer hin und her, Wassertropfen fliegen durch die Luft um wieder ins Becken einzutauchen.

Während ich meine Bahnen ziehe, denke ich an das phänomenale Konzert und die Ansprachen, die Matt, Leo und der King of Sludge auf der Bühne gehalten haben: wie dankbar sie seien, dass sie hier in Zürich auftreten können und überhaupt 11 Monate im Jahr on tour sind – weil wir, ihre Fans, es ermöglichen, weil wir sie sehen möchten, eine Band, die mit täglichen Auftritten in der U-Bahn in New York gestartet ist. Und sie so gut wie nie ihre Familie und die Freunde sähen, weil sie nie zu Hause seien, sagt Matt. Aber dass er täglich mit seinen zwei besten Freunden zusammen sein darf, antwortet Leo. Und dass sie ihren Traum leben. Und jeder seine Träume leben soll. Und dass Kreativität wichtig sei, bei ihnen dürfe jedes Bandmitglied auf der Bühne machen was es will.
Und das schafft wunderbare einzigartige Konzerte, die alle anders ausfallen, das kann ich mittlerweile gut beurteilen.
Außerdem stünden sie – wie nach jedem Konzert – zum meet & greet mit ihren Fans zur Verfügung, sie freuen sich darauf, Fragen zu beantworten oder selfies mit ihnen zu machen.
Nicht nur die Musik ist brillant – auch die Werte, die die Band hier anspricht, stimmen mit meinen überein: Dankbarkeit, Demut, Respekt, positives Denken und das Leben der eigenen Träume.

Auf dem Flughafen stöbere ich mich durch die Lindt- und Sprüngli-Shops: ich suche nach Schokolade mit über 73% Kakaoanteil, die ich noch nicht kenne. Und werde bei einem anderen Schweizer Label fündig – Noir Noisette – sans sucre ajouté. Ohne Zucker, mit Stevia. Ich kaufe eine Tafel für mich und eine für C., die ich ihr heute als Dank für die Äpfel zur Meditation mitbringen werde.

31.10.2018

Unterwegs.

Ob ich allein mit dem Stretching-Part klar komme, fragt mein Lehrer. Ich bejahe. Er liegt bereits auf seinem Schafsfell und ist schon im zweiten Teil unserer Übungen angelangt. Kein Wunder; er hat um 18.00h mit dem Unterricht begonnen, eine halbe Stunde früher als geplant, und eine Stunde vorher spontan per sms angekündigt. So spontan bin ich nicht, ich muss erst von der Arbeit nach Hause fahren, mich umziehen, um dann in die andere Richtung zur U-Bahn zu laufen und zum Psychologenhaus zu fahren, welches in einem anderen Stadtviertel liegt.
Auch meine Mitschüler scheinen nicht so flexibel gewesen zu sein, ich bin die Erste, die nach meinem Lehrer im Meditationsraum eingetroffen ist.
Still schweigend beginne ich mit dem Stretching.
Um 18.30h trifft C. ein, sie habe die sms unseres Lehrers zu spät gesehen. In der Hand hält sie eine große Tüte mit Äpfeln aus ihrem Garten. Für mich. Ich sage ihr, wie sehr ich mich über die Äpfel freue, sie freut sich wiederum, dass ich mich freue.
G., N. und J. erscheinen erst gar nicht zur Meditation, wir bleiben in kleiner Besetzung und richten unseren Platz mit Schafsfell, Decke und Sitzkissen ein.
Wir haben zwar heute früher angefangen, was allerdings nicht heißt, dass wir früher aufhören – unser Lehrer liebt seinen Job und hängt gern extra Zeit dran, wann immer er es einrichten kann. Heute haben wir – nach dem Stretching – 90 Minuten Zeit für unsere Sitzmeditation, unterbrochen von einer kurzen Pause, in der wir schweigend durch den Raum gehen.
Am Ende des Abends tauschen wir uns aus; was macht die Meditation mit uns? Wie geht es uns? Mir geht es gut; ich bin so gern in diesem Raum mit dem orangenen Teppich, den hohen Wänden und dem Stuck an der Decke, vor allem bin ich gern ein Teil dieser kleinen angenehmen Gruppe, die Geborgenheit gibt. Diese Zeit des „Nichtstuns“, in der wir nur auf uns selbst achten brauchen, ist für mich wahrer Luxus.

Zuhause fülle ich meinen Obstkorb auf und hole den Koffer aus dem Keller. Am Wochenende geht es nach Zürich, Too Many Zooz – meine Lieblingsband – kommt wieder nach Europa. In Zürich war ich noch nie, also ein Grund mehr, dort ins Konzert zu gehen.

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9.10.2018

Unterwegs.

Ich starre auf meine Füsse und rolle innerlich mit den Augen. Unterschiedliche Socken. Rechts mit Loch am kleinen Zeh und durchgeschubberter Hacke, links mit grauer fetter Aufschrift ‚Artengo‘. Das lese ich über Kopf. Was das heissen soll, weiss ich nicht.

C. hat sich in der Pause in ihre rote Wolldecke eingerollt, J., unser Lehrer und ich gehen schweigend durch den Meditationsraum. Am Fenster bleibe ich stehen. Es ist weit geöffnet, die kühle Abendluft streift mein Gesicht, mein Blick geht in den verwunschenen Garten des Psychologenhauses, der jetzt im Dunkeln liegt. Wie können Baumkronen eigentlich so schön rund wachsen, frage ich mich, bevor wir die Fenster wieder schließen und mit dem zweiten Teil des Sitzens in Stille beginnen.

3.10.2018

Unterwegs.

Cut! ruft der Regisseur. Ich stehe neben Kristen Stewart und ihren zwei Schauspielerkolleginnen, quasi als vierter Engel für Charlie. Wer hat sie durch die Absperrung gelassen? Der Regisseur ist ungehalten, die Szene muss nochmal gedreht werden.
So hätte es sein können, wenn ich denn durchgelassen worden wäre, aber die Sicherheitskräfte sind auf zack. Ich muß warten und kann die Straße, in der ich wohne, nicht verlassen. Heute ist hier Hollywood, Drei Engel für Charlie wird gedreht. Bis gestern wurde hier ein Werbefilm erstellt, vor meiner Haustür der Imbiss „Moviemampf“ aufgebaut. Was für ein bescheuerter Name, denke ich, als ich aus dem Küchenfenster auf den Wagen mit der Theke schaue, an der sich gerade ein zerzauster Typ eine Packung Kekse und einen Becher Kaffee holt. Vor meiner Haustür wird dauernd geshootet, gedreht, fotografiert, sich in Szene gesetzt. Ich finde das eher langweilig. Nun stehe ich in Sportzeug an der Absperrung und warte darauf, daß ich den Weg in Richtung schickes Spa fortsetzen kann. Heute ist Feiertag, der Herzsport fällt aus, ich entscheide mich gegen das öffentliche Bad und schwimme im Doutzen-Bikini 1 (Generation 2) meine Bahnen mit Blick auf den Hamburger Michel. Zwischen den Schwimmeinheiten mache ich es mir mit Wolldecke und Cappuccino auf der Liege bequem und blättere in den Zeitschriften.

Ich denke an gestern, als unser Lehrer vor dem Meditieren fragte, ob wir uns manchmal fragen würden, wie es uns ginge. C., die mir wieder eine große Tüte mit selbstgeernteten Äpfeln und Birnen aus dem Garten mitgebracht hat und ich bejahen die Frage. Wir fragen uns das recht häufig, meist geht es uns gut, und sollte dem mal nicht so sein, denken wir darüber nach, was uns gerade stört und wie wir die Störung beheben können. Unser Lehrer tut das auch, er habe mehrere Stimmen in sich, die sich austauschen. Schulz von Thun und die „Mitglieder des Inneren Teams“ – davon haben wir auch schon gehört. Ich habe einen hohen freundlichen Anteil in mir, stelle ich fest, und stehe mir sehr wohlgesonnen gegenüber; überhaupt geht es meiner Meinung nach um die Kunst, sich selbst zu lieben.

Auf dem Rückweg vom schicken Spa nach Hause scheint die Sonne, die Straßensperrungen sind abgebaut. Hollywood hat Feierabend. Ich kehre in das Atelier meiner russischen Nachbarin ein, wir plaudern über dies und das, auch sie bietet mir Äpfel aus dem Garten ihres  Häuschens an der See an. Eine gute Jahreszeit, stelle ich fest. Und eine sehr leckere. Ob es mir gut ginge? frage ich mich. Was für eine Frage.

20.7.1018

Zuhause.

Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben. – Chinesische Weisheit

Diese Worte habe ich gerade irgendwo gelesen. Sie sind hängengeblieben und beschäftigen mich. Fand ich diese Weisheit erst 100% richtig, stimme ich nach einiger Überlegung nur noch zur Hälfte zu.

Wenn ich abends auf dem Dach Taijiquan übe, bin ich ganz bei mir. Ich bin aufmerksam und konzentriert aber gleichzeitig auch entspannt und gelassen. Ich stehe fest auf dem Boden und lasse gleichzeitig alle Gedanken los. Ich laufe die Form, spüre, dass die Abläufe immer flüssiger werden und – das mag jetzt vielleicht auch wishful thinking sein – der Weg von der äußeren zur inneren Form bereitet wird.

Ich spüre das Leben und mich selbst, hier allein auf dem Dach, nur die Möwen und der Himmel über mir.

Und trotzdem geht es auch darum – und da möchte ich der Weisheit widersprechen – dem Leben mehr Tage zu geben. Mehr Tage sind notwendig, gewollt und gewünscht, um noch all das zu machen, was ich machen möchte. Es geht um beides: den Tagen mehr Leben zu geben und dem Leben mehr Tage.

Und eigentlich sind es nicht nur mehr Tage, die notwendig sind, sondern sogar zusätzliche Leben, denn Großmeister Chen Xiaowang schreibt in ‚Die 5 Level des Taijiquan‘: Die Schönheit und die Wirksamkeit des Taijiquan in seiner gesamten Bandbreite kann niemals innerhalb eines Lebens erreicht werden.

Es bleibt spannend, das Leben.

3.7.2018

Unterwegs.

K. ist allein im verwunschenen Garten des Psychologenhauses und praktiziert die Stehende Säule. Ganz ruhig steht sie mit geschlossenen Augen unter den alten Bäumen, die Sonnenstrahlen spielen mit ihren Locken.

Wir stehen oben am Fenster und sehen ihr eine Weile zu. Anscheinend hat sie vergessen, daß am ersten Dienstag im Monat Meditation im Yogaraum statt Taiji-Unterricht im Garten stattfindet.

R. ruft leise ihren Namen, K. reagiert nicht. Was wir nun machen sollen, frage ich.

Nichts, sagt mein Lehrer. K. habe eine Lösung für sich gefunden. Und sehe damit sehr zufrieden aus. Das stimmt, finde ich und werfe noch einen letzten Blick in den Garten, bevor wir die Fenster schliessen und uns der Meditation zuwenden.

In der Pause wird R. zu ihr gehen und unsere Abwesenheit erklären, wir werden sie lachen hören. Und nach der Meditation werden wir auf eine glücklich aussehende K. treffen, die allein 90 Minuten im Garten trainiert und ihre Lösung gefunden hat.

11.6.2018

Unterwegs.

Ich sei wieder richtig fit, stellt mein Taiji-Lehrer am Montagabend fest. Nachdem vor ein paar Tagen mein Hausarzt beim Belastung-EKG gefragt hatte, ob ich eigentlich Sport mache (ja – sechsmal in der Woche!) und mir dann noch das Blutdruckmessgerät verschrieben hat, freue ich mich umso mehr über das Feedback meines Lehrers, bei dem ich zweimal wöchentlich trainiere.

Heute ist das Training in Altona. Die Fenster der alten Turnhalle sind weit geöffnet, davor liegt der Park mit den großen Bäumen. Wir lassen unsere Gedanken davonfliegen, sagt R. als wir zur Stehenden Säule, dem meditativen Teil des Unterrichts, übergehen. Am Fenster fliegt eine Amsel vorbei.

Es ist so schön auf den Park und das Sonnenlicht zu blicken, das mit den Blättern spielt und bis zu uns in die Halle kommt, daß ich die Augen bei der Übung nicht schließen sondern die friedliche Stimmung aufnehmen möchte.

Danach folgen ein- und doppelhändige Seidenübungen, bevor wir die 19-er Form laufen.

Bis morgen dann, rufe ich zum Abschied. Morgen trainieren wir wieder in kleiner Runde im verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Ich freue mich jetzt schon.

6.2.2018

Unterwegs.

Habt ihr meine sms bekommen?, fragt unser Taiji- und Meditationslehrer in die Runde.

Ja, antworte ich.

Was haben wir bekommen? N. guckt verstört.

Meine Textnachricht. Mit den Anfangszeiten für die Meditation, hilft unser Lehrer nach.

Ach so, ja, habe ich, sagt N.

C. guckt hoch, sie weiss es nicht genau.

Entschuldigung, worum geht es gerade? Jetzt taucht auch J. aus den Tiefen der Meditation auf.

Wir müssen lachen. Und ich bin beeindruckt, wie gut meine Mitschüler abschalten können.

15.10.2017

Unterwegs.

Keine spektakulären Vorkommnisse am Donnerstag im Fitnessraum zu verzeichnen (lässt man den schwer stöhnenden Sporti ausser acht, der – spätestens, als er nen Kopfstand macht – alle Blicke auf sich gezogen hat).  Das Schwimmen am Freitag im Glitzerwasser des Outdoorbeckens kristallisiert sich zum Höhepunkt der sportlichen Wochen heraus.

Am Samstag nehme ich mir bewusst nichts weiter vor, gehe gemächlich Einkaufen und putze rudimentär die Wohnung. Die restliche Zeit liege ich auf dem Sofa, lese einen Comic, schaue fern, trinke einen Kaffee und relaxe. Um 18.00 Uhr werde ich nervös und stelle fest, dass mir die tägliche Bewegung fehlt. Laufe eine 19er Form im Wohnzimmer.

Am Sonntag springe ich früh aus dem Bett, frühstücke, gehe hinaus in den Nebel und schaue der Sonne zu, wie sie sich langsam durch das Grau über der Elbe kämpft. Sie gewinnt.

Wandere zurück nach Hause, gehe in den Garten und laufe im Sonnenschein drei weitere 19er Formen.

10.10.2017

Unterwegs.

Die Yoga-Leute, die nach uns den Raum haben, hätten den Vorschlag gemacht, ein Mal leise an die Tür zu klopfen, damit wir wüssten, dass sie da seien, erklärt unser Meditationslehrer, der übrigens auch unser Taijilehrer ist.
G. und ich müssen lachen. Die Yogatruppe besteht aus circa 15 Leuten, die laut trampelnd die Treppe des Altbaus hochpoltert, um sich dann vor unserer Tür zu unterhalten. Die Befürchtung, sie nicht wahrzunehmen, teilen wir nicht.
Heute ist Sitzmeditation im Yogaraum des Psychologen-Hauses in der Schanze. Vom Raum, der im zweiten Stock liegt, guckt man in den verwunschenen Garten, in dem wir in der Sommersaison Taiji praktizieren.
Der Yogaraum strahlt Ruhe und Wärme aus; die Wände sind hellgelb gestrichen, der Teppich orangefarben, die hohen Decken sind mit Stuck verziert, das Licht ist gedimmt. Wir sitzen auf Schafsfellen und Meditationskissen und haben uns in rote Wolldecken eingehüllt. Nach den Dehnübungen schweigen wir, nur unterbrochen von den Worten unseres Lehrers, der uns in die Stille der Meditation führt.
Heute sind wir nur zu zweit, die russische Künstlerin G., die ich ob ihres Akzentes als Belgierin ausgemacht hatte und ich. G. ist sehr sympathisch; quirlig, lustig, aufgeschlossen. Schon gestern beim Taiji haben wir uns über Klamotten ausgetauscht, während die Schwerter unserer Mitschüler herumgereicht wurden.
Wir könnten doch mal zusammen shoppen gehen, schlägt G. mir heute vor. Ich willige fröhlich ein. Und beende den heutigen Tag mit 6.500 Schritten.