14.03.2019

Unterwegs.

Brötchen ohne Weizenmehl hätte ich gern. Dinkel. Oder Vollkorn. Die Bäckereifachverkäuferin zeigt auf drei Sorten, die ich für gut befinde, je zwei von allen, sage ich und bin zufrieden. Und was haben Sie an gesundem Kuchen?, höre ich mich fragen.

Naja, die enthielten alle Fett und Zucker, aber die Mandelstückchen wären vielleicht ok. Die Verkäuferin deutet auf extrem langweilig und trocken aussehendes Gebäck, ich winke ab, mein Blick schweift über Sahnestückchen, Joghurttorte und Marzipanteilchen.

Ich nehme hiervon ein Stück, sage ich und zeige auf den Frankfurter Kranz. Die Verkäuferin lacht, damit habe sie jetzt nicht gerechnet. Ich eigentlich auch nicht. Buttercreme und Krokant, süsser und gehaltvoller geht es nicht. Ich gebe Ihnen das ganze Stück mit, es ist ja gleich Feierabend. Sie meint es gut mit mir.

Ich verlasse die Bäckerei mit Brötchen, die politically correct sind und nem Kilo fetter Buttercremetorte. Nach einem knappen Stück ist mir schon schlecht, geschieht mir recht, denke ich, ich kann solche extremen Sünden gar nicht mehr ab.

Ich bringe die Yogamatte, die Pilatesrolle und die Tubes in Position – zum Dessert gibt’s 50 Minuten intensives Home-Training.

Heute im Gym bin ich im Ranking beim Training auf der wackeligen Scheibe auf Platz 3 vorgestoßen. Brilliante Balance durch Buttercreme, vermute ich.

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06.03.2019

Unterwegs.

Ich mag es, mich auf das Schwimmen im Aussenbecken des öffentlichen Bades zu freuen, bei der U-Bahnstation an der Kirche auszusteigen, den mit hohen Bäumen gesäumten Weg zum Bad und an die Kasse zu gehen.

Ich mag es nicht, mich in der engen Umkleide umzuziehen (erst recht nicht im Winter), zu duschen und mich nass und fröstelnd auf den Weg ins Aussenbecken aufzumachen. Genauso wenig mag ich die ersten beiden Bahnen schwimmen, denn das Wasser ist kühl.

Aber dann mag ich es, die dritte Bahn zu schwimmen und die vierte und die fünfte und immer weiter, wenn ich mich an das kühle Wasser gewöhnt habe und im Bestfall noch eine Bahn ohne störende Kampfschwimmer oder tauchendes Walross gefunden habe.

Heute mag ich es sowieso, denn die Stimmung im Bad ist neu für mich: ich bin heute Abend direkt nach der Arbeit zum Schwimmen gegangen. Mittwochs ist jetzt mein flexibler Sport-Slot, da kann ich den Sport wählen, zu dem ich gerade Lust habe.

Die Lampen im Becken sind an, das Wasser leuchtet an einigen Stellen hellblau, um dann in ein schweres grau überzugehen, das sich mit der bleiernden Farbe des Himmels vermischt. Es regnet. Grey out statt white out.
Heute war ein ärgerlicher Arbeitstag. Es tut mir gut, jetzt meine Bahnen zu ziehen, hier draussen an der frischen Luft. Ich denke an das Gespräch mit M., einer Bekannten, mit der ich gestern beschlossen habe, im Frühling zusammen zum Stand Up Paddling auf die Alster zu gehen. Sie hat bereits einen Kurs absolviert, ich habe das noch nie gemacht, würde es aber zu gern mal ausprobieren. Das wäre eine perfekte Ergänzung meines Sportprogramms. Langsam wendet sich meine schlechte Laune.

Als ich vorhin im Bad angekommen bin, war das Innenbecken mit lauter kleinen quietschenden Kindern gefüllt. Als ich den Rückweg antrete, sind dort um die 50 Damen bei hämmernder Diskomusik mit Aquagymnastik beschäftigt. Sie hüpfen rhythmisch auf und ab und halten Gewichte mit ausgestreckten Armen über ihren Köpfen.

Ich dusche, klappe die hässliche turbanähnliche Badekappe über die Ohren und den Badeanzug nach unten, bevor ich mir das nasse Handtuch notdürftig um den Oberkörper wickele.
Vor der Dusche stoße ich mit J. zusammen, meinem französischen Mitstreiter der dienstäglichen Meditationsrunde. Er erkennt mich – und das sogar ohne Brille und im halbauf- und halbabgeklappten Bekleidungszustand. Wir umarmen uns, ich versuche dabei, das Handtuch festzuhalten, ich muss wirklich doof aussehen. Wir schreien uns etwas an, anders kann man sich bei dem Diskolärm nicht verständigen, er macht sich auf den Weg ins Aussenbecken, ich mache mich auf den Weg in die Kabine.

So doof siehste gar nicht aus, denke ich, als ich in den Spiegel der Umkleide gucke. Die Badekappe sitzt schief auf dem Kopf, Wassertropfen hängen an der Wange, aber ich habe eine ausgesprochen gesunde Gesichtsfarbe und schaue mir fröhlich entgegen. Nicht so, als hätte ich gerade einen ärgerlichen 9-stündigen Arbeitstag und 45 Minuten Schwimmen-im-Regen bestritten; ich sehe eher aus wie nach einem erholsamen Wellnesswochenende. Das ist gut, denke ich und mache mich auf den Weg nach Hause.

Erfolgreich umrunde ich Hürde 1 (Schokoriegelauslage an der Kasse des Supermarktes) und Hürde 2 (duftender Bonbonstand in der U-Bahnstation), packe in der Bahn die restliche Hälfte meines Quarkbrötchens aus und schaue aus dem Fenster, an dem der Regen runterrinnt. Mittlerweile bin ich so gut gelaunt, dass ich statt mit dem Bus zu fahren zu Fuß nach Hause marschiere.

Macht Sport glücklich? Ich denke ja. Bis auf die plank-challenge, die musste ich leider etwas nach unten korrigieren. 240-Sekunden-planks sind unrealistisch; ich bleibe zwischen 60 und 90 Sekunden hängen.
Wenn man sein Ziel nicht erreichen kann, muss man es korrigieren oder den Weg ändern: ich werde statt der 28 Tages-challenge die plank-challenge bis ans Ende des Jahres weiterführen; allerdings ohne Zeitdruck. Vielleicht erreiche ich dann die 240 Sekunden. Und wenn nicht, ist es auch ok.

 

23.02.2019

Unterwegs.

Vielleicht, weil ich so gern früh morgens an der Elbe langfahre, wenn die Sonne aufgeht und die Kräne am Hafen in rotgoldenes Licht taucht.

Vielleicht, weil die Möwen über die Elbstraße fliegen und mit dem aufgewirbelten Papier in der Luft tanzen.

Vielleicht, um einen Blick auf Sankt Pauli zu erhaschen, wo spärlich bekleidete Frauen mit biertrinkenden Männern an der Bar sitzen und draußen der Morgen naht.

Vielleicht, weil der Himmel über dem Altonaer Balkon sich rosa färbt und die Skulptur der wartenden Seeleute aus der Dunkelheit auftaucht.

Vielleicht, weil es im Bahnhof so trubelig ist und der Milchschaum auf dem Kaffee mit Kakao bestreut wird.

Vielleicht, weil die Bahn ratternd und schaukelnd durch die Felder fährt und mein Blick auf grasende Schafe fällt.

Vielleicht, weil die Gänse auffliegen.

Vielleicht, weil ich mich freue, bald am Meer zu sein, am Strand der Sonne entgegen zu wandern und den herannahenden Wellen zu lauschen.

Vielleicht, weil die Luft so klar ist.

Vielleicht, weil ich die Freiheit liebe.

Vielleicht, weil die Welt meine Heimat ist.

Vielleicht, weil ich fröhlich bin.

Vielleicht, weil ich dankbar bin.

Weil ich bin.

15.02.2019

Unterwegs.

15 Grad. Der Himmel leuchtet blau, genauso wie das Wasser im Außenbecken des öffentlichen Bades. Die Schrift der Banner, die um die Außenbande befestigt sind, spiegelt sich auf der blauen Oberfläche, die kleinen Wellen lassen die Buchstaben schaukeln. Ich lehne am Beckenrand, die Arme ausgebreitet, mein Gesicht ist der Sonne zugewandt, die Strahlen werfen ein Gittermuster auf meine Beine. Ganz zart fühlt sich das Wasser heute an, es schmiegt sich an mich wie eine zweite Haut, ich schwimme und schwimme und schwimme, dort hinten, wo ein Kampfschwimmer durch das Becken pflügt, spritzen Wassertropfen hoch, ich schwimme weiter und weiter und freue mich so über die ersten warmen Sonnenstrahlen und das Blau um mich herum.

Am Mittwoch war ich im Fitnessraum. Jetzt pulsen die Herzis, denke ich, als ich auf das Trampolin springe. Kurz werde ich wehmütig.
Seit einer Woche gibt es ein neues Item im Gym: eine kleine runde instabile Scheibe, auf die man sich stellt und die Balance halten muss. Die Scheibe ist mit einem Computerprogramm verbunden. Man selbst ist als grüner Punkt dargestellt. Ziel ist es, den grünen Punkt im etwas größeren roten Punkt zu halten. Das klingt einfacher als es ist, der rote Punkt bewegt sich über den Bildschirm, mal nach links, nach rechts, im Kreis, wird schneller, wird langsamer oder steht einfach nur still. Gibt es ein Ranking?, frage ich die Physiotherapeutin, mein Ehrgeiz ist geweckt. Gibt es, lautet die Antwort, ich lande mit meinen 538 erzielten Punkten auf Platz 7 der Schwierigkeitsstufe 3. Nächste Woche möchte ich auf Platz 6 vorrücken oder besser noch auf Platz 5.

Beim Taiji kündige ich meinem Lehrer an, dass ich jetzt auch mittwochs – ab und an – zum Training erscheinen würde. Dann könne ich die 75er-Form lernen oder die 19er-Form weiter vertiefen, sagt er. Und am ersten Mittwoch des Monats wird push hands trainiert, eine wichtige Partnerübung im Taijiquan.
Zeit, um Neues zu lernen. Zeit, um sich weiterzuentwickeln. Zeit, um mich weiterzuentwickeln.

08.02.2019

Unterwegs.

Es ist grau. Dampf steigt aus dem Wasser auf, als ich auf die Bäume zuschwimme, die wie schwarze Skelette vor mir aufragen. Heute glitzert nichts.
Ich versuche den Mann, der wie ein träges Walross anmutet und sich mehr unterhalb des Wassers  fortbewegt, zu überholen. Er schnauft.
Meine Schwimmfreundin ist die dritte Woche in Folge nicht aufgetaucht.

Als ich nach 45 Minuten in den Innenbereich wechsele, um noch ein paar Bahnen im Warmen zu schwimmen, sehe ich den kleinen älteren Italiener. Ich bin nicht sicher, ob er Italiener ist, aber er sieht wie ein Italiener aus. Ihn treffe ich jedesmal, wenn ich im öffentlichen Bad bin, auch wenn ich dort mal an einem anderen Tag oder zu einer anderen Zeit schwimme. Vermutlich wohnt er im öffentlichen Bad. Miteinander gesprochen haben wir allerdings noch nie. Das ändert sich heute; ich spreche ihn an.

Ich frage ihn, ob er G. in den letzten Wochen gesehen hätte, ich würde mir etwas Sorgen machen. Der kleine Italiener strahlt mich an; G. habe er vor zwei Tagen zuletzt gesehen. Das kann hinkommen, denke ich, denn ich weiß, dass sie auch mittwochs schwimmen geht. Ich bin beruhigt, wir plaudern noch etwas, bevor ich mich auf den Weg zu den Duschen mache.

Als ich aus der Umkleide komme, steht G. vor mir. Dezentes Make-up, rosé-farbene Uggs, schwarze Leggings, cremefarbener Wollpullover, kupferfarbene Daunenjacke, etwas Goldschmuck und eine große weiße Pudelmütze auf dem Kopf. Mit grünem Bommel. So, wie man sich eine 80-jährige vorstellt, die 56 Kilogramm wiegt und mit Stolz Kleidergröße 36 trägt.

G., ich habe dich vermisst, sage ich. Ich habe mich gerade bei dem kleinen Italiener nach dir erkundigt, also bei dem, der ausschaut wie ein Italiener.
Spanier, korrigiert sie mich, Hyazinth*) ist Spanier.
Hyazinth?
Das klingt für mich wie eine Pflanze.

Die letzten Wochen hätte sie wieder Probleme mit ihrer gebrochenen Hand gehabt, heute habe sie es leider auch nicht früher geschafft.
Sie lacht: aber weisst du was? Eben habe ich eine Reise nach Fuerteventura gebucht. Für Alleinstehende!
Sie lacht wieder. Das Hotel habe einen Pool und Sportkurse im Angebot, darauf freue sie sich schon.
Ich erzähle ihr, dass ich heute einen Flug nach Amsterdam gebucht habe, allerdings erst für den Mai. Da tourt meine US-Lieblingsband wieder durch Europa.

G. überlegt noch, welchen der mitgebrachten Badeanzüge sie heute tragen möchte, ich gehe zum Fönen.
Aber nächsten Freitag schwimmen wir nochmal zusammen, ruft sie mir hinterher. Danach geht es in den Urlaub!
Natürlich, rufe ich zurück.

Und freue mich, dass der graue Tag doch noch etwas Glitzer bekommen hat.

*) das ist der einzige Name, den ich in diesem blog nicht anonymisiere oder abkürze, da es das Zauberhafte nehmen würde. Hyazinth – das kann man nicht einfach mit einem langweiligen H. abkürzen.

18.1.2019

Zuhause.

Wenn mein lieber Freund mitteilt, daß er ab jetzt Veganer sei.
Wenn ich innerlich mit den Augen rolle und antworte, daß man da aber Nahrungsergänzungsmittel einnehmen müsse, um keine Mangelerscheinungen zu bekommen.
Wenn ich ein paar Tage abwarte und nachfrage, ob er immer noch Veganer sei.
Wenn er dies bejaht. (Disziplin können wir.)
Wenn ich feststelle, dass er mit dem Fisch-Restaurant, in dem wir – wie jedes Jahr zum Geburtstag – einen Tisch gebucht haben, selbst vorab diskutieren könne, was man ihm denn nun kredenzen dürfe.
Wenn der Tisch im Fisch-Restaurant abbestellt wird.
Wenn ich mich auf die Suche nach einem anderen Restaurant begebe, das am Feiertag geöffnet hat und etwas Veganes vorbereiten kann.
Wenn das Restaurant an der Elbchaussee sagt, sie könnten sich auf Veganer einstellen.
Wenn das vorgeschlagene 5-Gänge-Menü so interessant klingt, dass ich es für mich auch vorbestelle.
Wenn alle Gäste um uns herum Steaks und Enten und Gänse und Klöße mit Sauce essen.
Wenn das vegane 5-Gänge-Menü optisch grandios ausschaut und auch noch lecker ist.
Wenn wir für’s nächste Jahr sofort wieder reservieren. Veganes Menü, versteht sich.
Wenn ich abends in der Bar einen alkoholfreien Basilikum-Cocktail trinke.
Wenn ich mich frage, wo das noch enden soll 🤔

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7.1.2019

Unterwegs.

Du bist vor einer halben Stunde von der Arbeit nach Hause gekommen, nass und verfroren, und nun willst Du schon wieder los?!? Mach‘ doch den Weihnachtsbaum nochmal an, leg‘ Dich auf’s Sofa und lies den Krimi weiter, den Du gestern angefangen hast. Vielleicht noch ein leckeres Brötchen mit Mandelmus und einen Tee?
Ich ziehe mein Sportzeug an und versuche, den inneren Schweinehund zu ignorieren.
Du kannst auch im Wohnzimmer Stretching machen. Oder meditieren? Und dann auf’s Sofa? Es ist so schön warm hier!
Ich ziehe die Regenhose über.
Ich ziehe die Regenhose wieder aus.
Ich fange an, mich zu ärgern.
Ich schaue auf die Uhr. In drei Minuten müsste ich los, wenn ich den Bus noch kriegen will.
Und dann steht der Bus wieder im Stau, und Du verpasst (und das nicht zum ersten Mal!)  den Anschlussbus und kannst im Regen zurücklaufen. Für nichts und wieder nichts. Besser, gleich zuhause zu bleiben!
Ich liege aber gut in der Zeit, ich kann einen Bus früher bekommen, dann klappt es auch mit dem Umsteigen an den Landungsbrücken.
Ich ziehe die Regenhose wieder an.
Ich packe die Turnschuhe ein, eine Box mit Nüssen und eine Flasche Wasser, in die ich schnell noch etwas frische Zitrone presse.
Der Schweinehund hüpft wild vorm Fenster und zeigt auf den Regen und die Dunkelheit. Langsam werde ich wirklich wütend. Es ist das erste Taiji-Training in diesem Jahr, das kann nicht schon geschwänzt werden! Ich ziehe die Antarktisjacke an, nehme meinen Rucksack und marschiere zur Bushaltestelle.
In den Unterstand an der Haltestelle regnet es hinein, mein Gesicht und meine Haare sind bereits nass, egal wie ich mich drehe.
Noch kannst Du umkehren, ruft der Schweinehund.
Ich versuche, den Kapuzenpullover tiefer ins Gesicht zu ziehen.
Der Bus kommt. Ich steige ein.
Ich bekomme an den Landungsbrücken den Anschlussbus, sogar einen früher als gedacht.
Auf dem Weg durch den Park zur Turnhalle kommen mir einige Mitschüler entgegen. Du kannst gleich wieder mit uns umkehren, wir gehen einen Tee trinken! Unser Lehrer komme später, und F. hätte den Schlüssel für die Halle vergessen und sei gerade auf dem Weg zurück nach Hause um ihn zu holen. Das Café hat geschlossen, wir stehen im Eingang, immerhin ist es trocken. Ich konnte mich kaum aufraffen, sagt K. Aber die erste Stunde im neuen Jahr kann man ja nicht schwänzen.
Unser Lehrer kommt, auch er durchnässt, wir warten immer noch auf F. und den Schlüssel. P. reicht eine Packung Schokokekse herum, die Stimmung ist fröhlich. R. ruft F. an und fragt wo er mit dem Schlüssel bliebe, ach Mallorca, das sei ja nett, sie lachen und scherzen am Telefon.
Die Schokokekse drehen eine zweite Runde, bevor wir wieder zurück durch den Park in Richtung Halle laufen.
F. taucht auf, mit ihm der Schlüssel, wir fangen leicht verspätet an, was unser Lehrer mit dem Ausfallen der Pausen wieder wettmacht.
Aufwärmen, Reeling Silk, drei 19-er Formen. Die Fenster sind geöffnet, trotzdem schwitze ich. Taiji ist anstrengend, auch wenn es nicht so aussieht.
Bis nächste Woche, verabschiede ich mich von K. Natürlich, antwortet sie. Bis nächste Woche!
Ich laufe im Regen durch Altona zurück zur Bushaltestelle, an türkischen Gemüsehändlern und Teestuben vorbei, meine Laune ist jetzt wieder bestens, wie eigentlich immer nach dem Unterricht.
Irgendwo hinter mir stolpert der Schweinehund hinterher. Abgehängt, rufe ich ihm über die Schulter zu. Disziplin kann ich. Und Laune aufbessern sowieso.

Montag Taiji: ✔️

so stell ich mir den inneren Schweinehund vor. (Also wie das Pokémon Traumato)

4.1.2019

Unterwegs.

Pinker Punkt im trüben Grau.

Damit ist die Entscheidung gefallen; statt ins warme Innenbecken zu gehen, mache ich mich auf den Weg ins Aussenbecken des öffentlichen Bades.

Meine 80-jährige Schwimmfreundin ist nach längerer Abwesenheit wieder aufgetaucht und winkt mir zu; ihre Badekappe leuchtet im Dunst, der aus dem Becken steigt und sich mit dem Nieselregen vermischt. Fünf Grad plus immerhin, denke ich und schwimme dem grauen Himmel und meiner Schwimmfreundin entgegen.

G. – heute haben wir unsere Namen ausgetauscht – hält ihre Hand hoch, als ich ihr zurufe, dass ich sie schon vermisst habe. Gebrochen, ruft sie zurück und dreht das Gelenk hin- und her. Deshalb konnte sie die letzten Wochen nicht zum Schwimmen kommen; aber gestern wurde der Gips abgenommen, somit sei sie ab heute wieder am Start. Auch ihre Gymnastikkurse musste sie ausfallen lassen, stattdessen sei sie täglich ihre 15 Kilometer vom Hafen aus, wo sie wohne, um die Aussenalster spaziert. Das komme mir bekannt vor, erzähle ich ihr, auch ich wurde zwei Wochen durch die Radiojodtherapie vom Schwimmen und meinen Sportkursen abgehalten und sei etwas ratlos durch die Gegend gewandert. Eine ungewohnte Situation für uns beide, so ganz ohne tägliches Fitnessprogramm dazustehen.

Heute schwimmen wir wieder eine knappe Stunde gemütlich nebeneinander her und plaudern, vergessen, dass es nieselt, dass der Himmel grau und das Wasser kühl ist, vergessen die Zeit und haben Spaß daran, zusammen unsere Bahnen zu ziehen.

9.10.2018

Unterwegs.

Ich starre auf meine Füsse und rolle innerlich mit den Augen. Unterschiedliche Socken. Rechts mit Loch am kleinen Zeh und durchgeschubberter Hacke, links mit grauer fetter Aufschrift ‚Artengo‘. Das lese ich über Kopf. Was das heissen soll, weiss ich nicht.

C. hat sich in der Pause in ihre rote Wolldecke eingerollt, J., unser Lehrer und ich gehen schweigend durch den Meditationsraum. Am Fenster bleibe ich stehen. Es ist weit geöffnet, die kühle Abendluft streift mein Gesicht, mein Blick geht in den verwunschenen Garten des Psychologenhauses, der jetzt im Dunkeln liegt. Wie können Baumkronen eigentlich so schön rund wachsen, frage ich mich, bevor wir die Fenster wieder schließen und mit dem zweiten Teil des Sitzens in Stille beginnen.

18.9.2018

Unterwegs.

Mein Taiji-Lehrer sitzt auf dem Gartenstuhl und schaut mich an. Ich warte ja noch auf etwas von ihm, stellt er fest. Das stimmt, antworte ich.

Er weiß von meiner Bucket List, auf der, irgendwo zwischen Everest und Antarktis, steht, daß ich die 19er Form fehlerfrei laufen können möchte.

Dann möge ich jetzt mein bestes geben und ihm die Form vorlaufen, fährt er fort. Ich atme tief durch, gehe in die Vorbereitungsstellung und beginne: Buddhas Wächter tritt aus dem Tempel… Eine kleine Stand-Korrektur bei einer Figur, den Rest laufe ich durch. Circa fünf Minuten später stehe ich wieder auf der Ausgangsposition, diesmal in der Endhaltung. R. erhebt sich, streckt mir die Ghettofaust entgegen, lobt mein Durchhaltevermögen und bestätigt mir offiziell, daß ich die 19er Form laufen kann. A tick on my bucket list ✔️. Ich freue mich sehr, ab jetzt folgt das finetuning.

Meine Mitstreiter – P. und R. üben die 38er, C. und I. die 75er – sind im Nachbargarten.

C., die auch letztes Jahr Brustkrebs hatte, hat mir vorhin eine SMS geschickt, ob ich heute zum Taiji kommen würde. Nun hält sie mir eine große Tüte mit frisch gepflückten Äpfeln aus ihrem Garten hin. Sie sind ungespritzt und duften. Wieder bin ich dankbar, daß ich hier bin, hier in dem verwunschenen Garten des Psychologenhauses, hier in der Dämmerung eines spätsommerlichen Abends, hier umgeben von wunderbaren Menschen, hier mit einer Tüte Äpfeln in der Hand und dem Wissen, einen weiteren Punkt auf meiner Liste abhaken zu können.

Das Leben ist schön.

15.9.2018

Unterwegs.

Es wird dunkel. Der September ist der letzte Monat, in dem wir dienstags Taiji draußen im Garten praktizieren; ab Oktober werden wir auf Wintermodus umstellen und im Yogaraum meditieren. Außerdem kommt erschwerend hinzu, daß am heutigen Wünsch-Dir-was-Dienstag vier Schüler etwas anderes möchten: H. stimmt für die 38er Form, N. hat sein Schwert mitgebracht, ich tendiere zum Vertiefen der 19er Form, R. kann sich nicht entscheiden und macht mal hier und mal dort mit. Unser Lehrer nimmt das mit Gleichmut, er hat für jeden von uns Zeit, bis wir uns um 20.00h verabschieden.

Bei den Herzis werden Kalender abgeglichen; wir beschließen, uns an einem Abend im November treffen, um Tibetfotos anzuschauen. T. raunt mir zu, daß sie eigentlich auch an Antarktisbildern interessiert sei; ich werde den zehnminütigen Film, den der chinesische Vogelkundler gedreht hat, auch noch mitnehmen, denn der ist wirklich beeindruckend. H., die kleine alte Dame, wärmt sich neben mir auf und schimpft; der Rücken und die Knie tun weh, der Körper mache nicht mehr so mit, wie sie es will. Ich stelle freundlich fest, daß sie nun keine 20 Jahre mehr sei und mit Chor, Square Dance, Theater, Fahrradfahren und Herzsport doch noch sehr aktiv sei. Sie sei 82 Jahre, antwortet sie und setzt wieder an, daß sie früher aber fitter gewesen sei. H. ist an unserem Tibetabend interessiert, auch wenn sie etwas schmunzeln muß, daß ich nicht wirklich trekken oder gar klettern war; sie hat in den 50ern bereits den Kilimandscharo erklommen, in den 70ern war sie dreimal in Nepal im Himalaya. Auch ich sei keine 20 Jahre mehr, erinnere ich sie grinsend.
In der Umkleide sagt mir B., daß sie ganz viel an mich gedacht hätte, und das ich meine Träume jetzt umsetze. Sie hatte auch einen großen Traum: eine lange Wanderung durch die USA zu machen. Das ginge nun nicht mehr. Aber sie denke über eine kleine Alternative nach; es gebe Fahrten mit Planwagen in der Heide, man übernachtet im Planwagen und macht kleinere Spaziergänge. Eine gute Idee, finde ich. Machen, was man noch machen kann.

Am Donnerstag im Fitnessraum treffe ich wieder auf G., mit der ich auch jedes Mal plaudere. Heute okkupieren wir beide den Spiegelraum; während sie sich boxenderweise mit dem Personal Trainer vorwärtsbewegt, laufe ich meine Form und versuche, den beiden auszuweichen.

Im Glitzerwasser in der Sonne lacht mir meine Freitagsfreundin zu; die 80jährige mit der tollen Figur, die ich auf maximal Mitte 60 geschätzt habe, trägt wieder einen bunten Badeanzug und eine pinke Blumenbadekappe. Ich passe mich ihrer Geschwindigkeit an, plaudernd schwimmen wir nebeneinander her. Seit 30 Jahren mache sie fünf- bis sechsmal die Woche Sport, und ab und an gehe sie von zu Hause los und spaziere um die Außenalster. Das seien 15 Kilometer Strecke. Wir stellen fest, daß wir an derselben Bahnstation wohnen und sozusagen Nachbarn sind. Hafenkinder. Wir nehmen dieselben Vitamin D-Tabletten, essen gern Salat und Rohkost und freuen uns wie kleine Kinder, wenn wir das Außenbecken für uns allein haben. Insgeheim nehme ich sie mir als Vorbild – so fit, fröhlich und gesund möchte ich mit 80 Jahren auch noch sein. Die Zeichen stehen gut.

Montag: 120 Min. Strandwanderung auf Sylt ✔️
Dienstag: 90 Min. Taiji ✔️
Mittwoch: 60 Min. Herzsport ✔️
Donnerstag: 60 Min. Geräteraum und Taiji ✔️
Freitag: 50 Min. Schwimmen ✔️
Samstag: Trödeltag (80 Min. zu Fuß gelaufen) ✔️
Sonntag: Spaziergang, Schwimmen oder Taiji auf dem Dach – mal schauen.

8.9.2018

Unterwegs.

Eine Reise beginnt für mich in dem Moment, in dem ich die Haustür hinter mir schliesse. Ich mag die Fahrt mit dem Bus (zum Bahnhof) oder dem Taxi (zum Flughafen), ich mag es, aus dem Fenster zu schauen und den Hafen im Morgenlicht vorbeigleiten zu sehen, die Containerschiffe, die langsam die Elbe hochfahren und die Kräne, die von der Sonne in sanfte Pastelltöne getaucht werden.

Im Winter mag ich die Strecke in der Frühe zum Flughafen, wenn es dunkel ist und nur das eine oder andere Fenster der Jugendstilvillen am Rothenbaum leuchtet und die Stadt unter einer Schneedecke schläft.

Ich mag es, mir im Buchladen Zeitschriften für die Reise auszusuchen, mir einen kleinen Milchkaffee zu bestellen und die vorbeihastenden Menschen zu beobachten. So viele Menschen, so viele Ziele.

Heute Morgen stehe ich auf dem Bahnsteig in Altona und warte, dass mein Zug nach Westerland einfährt.

6.9.2018

Unterwegs.

Nächste Woche bringt ihr bitte Eure Kalender mit, ruft die Trainerin. Soeben habe ich verkündet, dass einige Herzis sich einen Tibetvortrag gewünscht haben. Auch unsere Trainerin möchte dabei sein, da sie aber mittwochs nach dem Herzsport noch die Prellballgruppe betreut, müssen wir einen anderen Termin suchen. Heute sind die aktiven Herzis zusammengeschrumpft: T. sitzt auf der Bank mit einer Zerrung im Fuß, H., die kleine alte Dame sitzt mit einem Spinalkanalproblem neben ihm. Auch Dr. A. hat sich zu den beiden gesellt und berät. M., der sonst immer schnaufend auf der Bank saß, ist in eine andere Gruppe gewechselt, bei der man nicht soviel laufen muss. S. möchte in eine Lungensport-Gruppe wechseln, er bekommt schlecht Luft. B. und C. sind heute auf einer Demonstration. Somit sind wir nur noch vier Sportsfreunde, die die Halle zum Federballspielen der Länge nach nutzen können. Später frage ich H., wie es ihr ginge. Nicht gut, antwortet sie. Sie bekomme jetzt Spritzen gegen die Schmerzen, die Ärzte möchten nicht operieren, da sie schon einmal eine Rücken-OP hatte und außerdem alt sei. Sie ist wütend auf ihren nicht mehr funktionierenden Körper; es fiele ihr immer schwerer, zum Chor oder ins Theater zu gehen oder gar Fahrrad zu fahren. Und so ein Schicksal der im Kopf fitten und immer interessierten H., die  in den 70ern zum Trekking mit dem Alpenverein im Himalaya war. Ich hoffe, daß auch sie zum Tibet-Vortrag kommen wird.

Einen Abend vorher war ich mit C. an der Außenalster. Sie sieht aus wie immer, auch wenn wir uns ewig nicht gesehen haben. Auch ich hätte mich nicht verändert, sagt C. Man würde uns auch nicht ansehen, was uns heute Abend nach so langer Zeit zusammengeführt hat. C. erzählt von ihrer Familie, den Reisen in die USA, daß sie so gern noch Australien sehen würde und was sie mit den Töchtern noch erleben möchte. Die Abiturabschlüsse miterleben. Oder den ersten Freund. Und sie erzählt vom Krebs, der zurückgekommen ist. Und nicht mehr gehen wird. Von den Schmerzen. Von der Angst, vielleicht doch nicht mehr soviel zu erleben, wie sie gern möchte. Ich erzähle von der Arbeit, meinen Reisen in die Antarktis und zum Everest und meinem Sport- und Ernährungsprogramm. Sie lobt meine Disziplin und bereut, dass sie nicht ganz so konsequent war. Trotz der düsteren Gemeinsamkeit, die uns heute zusammengebracht hat, ist es ein sehr schöner und intensiver Abend. Außerdem haben wir mit einem Glas Sekt angestoßen. Auf uns. Und auf das Leben.

19.8.2018

Unterwegs.

Montag: Schwimmen ✔️und Taiji ✔️

Dienstag: Schwimmen ✔️und Taiji ✔️

Mittwoch: nach der Arbeit auf Umwegen nach Hause gewandert ✔️

Donnerstag: Fitnessraum/Geräte ✔️

Freitag: Schwimmen ✔️

Samstag:
Ich wollte ja auch lieber ins Fontenay in die Bar, raune ich meinen Freunden zu, nachdem S. feststellt, dass wir beim nachbarlichen Gartengrillfest den Altersdurchschnitt senken. Meinen mitgebrachten Salat stelle ich auf den Buffet-Tisch, mein Hähnchenfleisch gebe ich in die Obhut des Grillmasters, mein Wasser mit frischer Zitrone und roten Johannisbeeren und das selbstgemachte Tzatziki platziere ich vor mir auf dem Tisch.
Auf meinem Teller landen schnell leckeres Krustenbrot, Melonensalat mit Chili und Schokokuchen, ich ertappe mich dabei, wie ich regelmäßig in die Schüssel mit dem süßen Popcorn und der Schokolade greife. M. schiebt die Schüssel von mir weg. Ich ziehe die Schüssel wieder zu mir heran. Einen Schluck Weißwein zum Anstoßen nehme ich dann auch gern, höre ich mich sagen und frage mich, wie man denn so inkonsequent sein kann.
Der Abend wird immer lustiger. Eine Nachbarin, mit der wir höchstens einen Gruß wechseln, erklärt uns in 30 Sekunden, dass sie ihren Freund für eine Jüngere freigegeben hat (hat er nicht noch vor meiner Tibetreise bei ihr gewohnt?) weil sie keine Kinder bekommen kann (sie ist locker Ende 40) und stellt uns ein paar Minuten später ihren neuen Freund (der hat schon Kinder) vor. Und dann bringt sie noch den Attaché samt Entourage des Präsidenten vom Niger mit, die, anzugsbekleidet, nicht recht ins Bild der Gartenparty passen wollen. Und ihr erzählt mir von New York und der geplanten Südafrika-Reise, ich stehe gerade vorm Mount Everest – alles langweilig, gegen diese Show hier, kommentiere ich. Mittlerweile freuen wir uns, daß wir hier im Garten auf der Holzbank am Grill sitzen und auch das Rätsel lösen, warum die letzten Wochen die Möwen in der Gegend so einen Lärm veranstaltet haben (Möwenbaby fiel auf Nachbars Balkon, nach Beratung mit dem Tierheim: durchfüttern. Möwenbaby samt Möwenmutter sind nach 2 Wochen glücklich von dannen geflogen).

Sonntag: ausgiebiger Spaziergang durchs Viertel (einen neuen Park mit Berg entdeckt). ✔️
Schoko- und Zitroneneis mit Sahne (wo ist meine Disziplin geblieben?).
Eventuell nachher noch zum Schwimmen.

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27.7.2018

Unterwegs.

Superglitzer. Eigentlich sollte ich zuhause weiterpacken, aber die Sehnsucht nach dem öffentlichen Bad ist größer. Außerdem bin ich gut darin, unangenehmen Dingen (aktuell: Kofferpacken) aus dem Weg und in diesem Fall stattdessen ins Freibad zu gehen.

Am Eingang ist eine Schlange, obwohl ich Punkt 10h im Kaifu aufschlage. Auch drinnen ist es voll – was kein Wunder ist, da ich mich in der Öffnungszeit geirrt habe. Das Becken wurde bereits um 9h von kreischenden Kindern mit Schwimmflügeln und Strandbällen und plaudernden Müttern in Beschlag genommen.

Ich wechsele auf die Schnellschwimmerbahn und gebe mein Schnellstes, was nicht sonderlich beeindruckend ist, da ich in die Kategorie alte-Damen-mit-Kopf-über-dem-Wasser-schwimmen falle. Auch andere Badegäste, die zu meiner Fraktion gehören, wechseln auf die Schnellschwimmerbahn. Das ist gut, denn die Kampfschwimmer geben auf und ziehen in das 50m-Becken um. Gemächlich schwimmen wir vor uns hin, ich komme mit einer Dame, die ich häufig im Bad sehe, ins Gespräch. Sie sieht toll aus: schlank, braungebrannt, hübsch geschminkt, braun gefärbte Haare und trägt eine pinke Blumenbadekappe und einen kunterbunten Badeanzug. Ich schätze sie auf Mitte/Ende 60. Dreimal wöchentlich gehe sie schwimmen, außerdem sei sie im Sportverein und mache noch dreimal die Woche Gymnastik und Muskeltraining, erzählt sie. Ich habe meine perfekte Gesprächspartnerin für den ersten Ferientag gefunden, mit dem Sportpensum halte ich mit. Sie sei 80 Jahre, ruft sie mir lachend zu, als sie in Rückenlage übergeht. Das könne ich nicht glauben, rufe ich brustschwimmend zurück. Sie sehe definitiv viel jünger aus. Regelmässig Sport, seit 30 Jahren schwimme sie hier in der Kaifu, und sie sei stolz, noch Kleidergröße 36 zu tragen und aufrecht zu gehen – nicht wie ihre Freundinnen, die mittlerweile vornübergebeugt unterwegs sind.

Sie deutet auf die andere Seite des Beckens; zwischen den quietschenden Kindern bahnt sich ein älteres Pärchen seinen Weg, sie schaut ihn verliebt an und gibt ihm einen flüchtigen Kuß. Die beiden seien 90 Jahre alt – und kämen auch regelmäßig zum Schwimmen, werde ich von meiner Gesprächspartnerin mit der pinken Badekappe aufgeklärt.

Nach einer Stunde Bahnenziehen verabschiede ich mich – was ich die nächsten 50 Jahre machen werde, steht fest.

24.7.2018

Unterwegs.

Nur die Harten kommen in den Garten.

Bei 34 Grad am Abend sind es mein Taiji-Lehrer und ich, die im verwunschenen Garten des Psychologenhauses zum Training erschienen sind. Meine Mitschüler haben sich hitzefrei genommen, ich komme in den seltenen Genuß von 90 Minuten Einzelunterricht.

Am Ende bin ich total verschwitzt. Und total glücklich.

17.7.2018

Zuhause.

Ich stehe vor verschlossener Tür. Mein Hausarzt hat Urlaub.

Seit vier Tagen liege ich im Bett. Grippaler Infekt. Das hat mir gerade noch gefehlt, wo ich mitten in den Abreisevorbereitungen für Tibet stecke. Auch wenn Kopf- und Halsschmerzen bereits wieder weg sind, bin ich nonstop am husten und schnupfen. Ich fühle mich schwach.

Die Dame in der Taxizentrale fragt, ob ich heute mit oder ohne Kundennummer fahre. Ohne, antworte ich. Zum Glück. Ich muss ja nur zum Vertretungsarzt, da ich eine Krankschreibung und eventuell ein Upgrade an Grippe-Medikamenten brauche. Die Kundennummer ist ein Relikt aus dem Vorjahr, wo ich täglich zur Strahlentherapie gefahren wurde. So schlimm ist es zum Glück nicht.

Mein Hausarzt wird vom Ärztezentrum vertreten, wo ich meine Impfungen für die Reise bekommen habe. Das Wartezimmer ist voll, ich schwitze und huste und komme nach einer Stunde Wartezeit an die Reihe. Ich lege meine Diagnose dar, lasse Fieber messen und mich abhorchen und stehe mit einem Rezept und einer Krankschreibung wieder auf der Straße. Wie der Arzt hiess, der mich gerade behandelt hat, weiß ich nicht. Ob er wusste wie ich heiße, weiß ich auch nicht. Wir haben uns nicht vorgestellt.

Trotzdem bin ich dankbar, dass ich hier die Möglichkeit habe, so schnell eine ärztliche Vertretung zu finden.

Auch wenn mir meine Stammärzte – von den Hausärzten über die Nachsorge im Krankenhaus, meinem Zahnarzt, der Herzi-Ärztin bis hin zur Hautärztin – alle viel lieber sind.

Was mich aber am meisten wurmt, ist dass ich bei Sonnenschein hustend in der eukalyptus-dampfenden Badewanne liege statt nach der Arbeit im glitzernden Wasser des Freibades zu schwimmen. Sport fällt bei einem grippalen Infekt aus.

Nur abends gehe ich auf das Dach unseres Hauses. Zwischen den Fliesen spriessen Blumen und Gräser, ich laufe langsam meine Taiji-Form. Über mir die kreischenden Möwen. Und ein blauer Himmel.

3.7.2018

Unterwegs.

K. ist allein im verwunschenen Garten des Psychologenhauses und praktiziert die Stehende Säule. Ganz ruhig steht sie mit geschlossenen Augen unter den alten Bäumen, die Sonnenstrahlen spielen mit ihren Locken.

Wir stehen oben am Fenster und sehen ihr eine Weile zu. Anscheinend hat sie vergessen, daß am ersten Dienstag im Monat Meditation im Yogaraum statt Taiji-Unterricht im Garten stattfindet.

R. ruft leise ihren Namen, K. reagiert nicht. Was wir nun machen sollen, frage ich.

Nichts, sagt mein Lehrer. K. habe eine Lösung für sich gefunden. Und sehe damit sehr zufrieden aus. Das stimmt, finde ich und werfe noch einen letzten Blick in den Garten, bevor wir die Fenster schliessen und uns der Meditation zuwenden.

In der Pause wird R. zu ihr gehen und unsere Abwesenheit erklären, wir werden sie lachen hören. Und nach der Meditation werden wir auf eine glücklich aussehende K. treffen, die allein 90 Minuten im Garten trainiert und ihre Lösung gefunden hat.

15.6.2018

Zuhause.

Meine Kollegin postet einen Artikel, der darüber informiert, daß ein Stern von einem schwarzen Loch gefressen wurde.

Wenn das mit der Erde geschehen würde, wären sämtliche Probleme auf einen Schlag gelöst.

Derweil ist mein Blutdruck bei 0:E2 gelandet.

Bei solchen News ist es nur konsequent, daß ich mich heute Abend zum WM-Spiel-Schauen Portugal:Spanien im lebendigen Portugiesenviertel am Hafen verabredet habe.

Life is now.

12.6.2018

Unterwegs.

G. huscht um die Rhododendronbüsche, ihre lila Haarsträhnen flattern im Wind. Die russische Künstlerin ist spät dran. Ich winke ihr aus der Stretchübung heraus zu. Auch R., T. und C., mit der ich das Schicksal Brustkrebs teile, stehen im Halbkreis um unseren Lehrer. Über uns hängen schwere graue Wolken, die Hitze der letzten Tage ist einer kühlen Brise gewichen. Solange es aber über 0 Grad sind und es nicht regnet, trainieren wir draußen im Garten.

G. und ich wechseln mit unserem Lehrer in den Nachbargarten und vertiefen die Übergänge zwischen den einzelnen Formen. Unsere Mitstreiter bleiben jenseits der Hecke, sie haben sich die 75-er Form gewünscht.

Nach knapp zwei Stunden gehen wir rüber um uns zu verabschieden. C. ruft, ich solle warten, sie habe mir etwas mitgebracht. Sie streckt mir ein Glas entgegen: selbstgemachtes Holunderblütengelee aus eigener Ernte. Ich freue mich.

Wir schlendern zusammen zum Bahnhof, G. möchte gerne mit zum Schwimmen kommen, können tue sie es allerdings nicht sehr gut. Ich versichere ihr, dass man auch im Aussenbecken stehen kann, wir halten locker den Sonntagabend fest. C. möchte sich noch etwas über Ernährung unterhalten, dann verabschieden wir uns.

Zuhause wartet meine Sonderaufgabe, das Blutdruckmessen. Ich habe das Unterfangen nach bereits einem Tag auf zwei Messungen – morgens und abends – reduziert, zur Arbeit nehme ich das Gerät sicher nicht mit. Und überhaupt passt der Blutdruck nicht zu mir, denn er ist wankelmütig. Der obere Wert schwankt zwischen 145 und 90, wirklich stimmen kann das nicht, auch wenn ich mich strikt an die Anleitung halte und das Gerät nur einen Knopf hat. Ich beschließe, dieses Projekt nicht überzubewerten und es nächste Woche beim Nachsorgetermin im Krankenhaus anzusprechen.

11.6.2018

Unterwegs.

Ich sei wieder richtig fit, stellt mein Taiji-Lehrer am Montagabend fest. Nachdem vor ein paar Tagen mein Hausarzt beim Belastung-EKG gefragt hatte, ob ich eigentlich Sport mache (ja – sechsmal in der Woche!) und mir dann noch das Blutdruckmessgerät verschrieben hat, freue ich mich umso mehr über das Feedback meines Lehrers, bei dem ich zweimal wöchentlich trainiere.

Heute ist das Training in Altona. Die Fenster der alten Turnhalle sind weit geöffnet, davor liegt der Park mit den großen Bäumen. Wir lassen unsere Gedanken davonfliegen, sagt R. als wir zur Stehenden Säule, dem meditativen Teil des Unterrichts, übergehen. Am Fenster fliegt eine Amsel vorbei.

Es ist so schön auf den Park und das Sonnenlicht zu blicken, das mit den Blättern spielt und bis zu uns in die Halle kommt, daß ich die Augen bei der Übung nicht schließen sondern die friedliche Stimmung aufnehmen möchte.

Danach folgen ein- und doppelhändige Seidenübungen, bevor wir die 19-er Form laufen.

Bis morgen dann, rufe ich zum Abschied. Morgen trainieren wir wieder in kleiner Runde im verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Ich freue mich jetzt schon.

29.5.2018

Unterwegs.

Mein Taiji-Lehrer sitzt im verwunschenen Garten des Psychologenhauses auf dem Stuhl und schaut mir zu, wie ich die 19er Form laufe. Ein Phänomen sei ich, so sein Statement, während mir bei 33 Grad der Schweiss den Rücken herabrinnt. Ein Phänomen nicht nur deshalb, weil ich als Einzige von den Schnupper-Kursen aus dem Reha-Zentrum drangeblieben und zu den langjährigen Schülern in die feste Klasse gewechselt bin, sondern auch, weil ich vieles durch Beobachtung gelernt habe. Wobei ich noch an den Wechseln von der äusseren zur inneren Form arbeiten muss. Aber auch das werde ich hinbekommen.

Der Dienstag-Unterricht steht unter dem Motto ‚Wünsch-Dir-Was‘. Die beiden Mitstreiter wünschen sich die 75er-Form und gehen in den Nachbargarten, ich bleibe mit der 19er-Form und meinem Lehrer zurück. Weiter hinten unter den Bäumen spricht ein Psychologe mit seinem Patienten. Es duftet nach Rosen.

Trotzdem versuche ich, mich in den 120 Minuten nicht zu überanstrengen; eigentlich darf ich heute keinen Sport machen, da ich die erste von drei Tollwut-Impfungen bekommen habe. Eine wirtschaftliche Entscheidung, diese Impfung zu machen, meint der Arzt im Impfzentrum. Eine intelligente Entscheidung, meine ich. Nachdem ich im letzten Jahr nicht an Krebs gestorben bin, möchte ich nun nicht an einem Katzenkratzer oder Hundebiss in Tibet sterben. Und der Tod ist nach einem Tollwutkontakt ohne Impfung 100% sicher. Da zahle ich lieber die Euro 255,-. Das ist mir mein Leben wert. Mindestens.

27.5.2018

Unterwegs.

Eine neue – eine schöne – Routine hat sich eingeschlichen: ich beginne die Wochenenden Freitag mittags im Aussenbecken des öffentlichen Schwimmbades und beende sie Sonntag Abend am selben Ort.

Die Sonne steht tief, langsam leert sich das Bad. Das ist meine Zeit, wenn ich ruhig meine Bahnen ziehen kann, mal dem roten Backsteinbau entgegen und dann wieder auf die alten Bäume zu, die das Becken einrahmen. Das Gekreische der tobenden Kinder schwindet, die Vögel zwitschern in der Abendstunde.

Ich könnte ewig weiterschwimmen und dem Gesang der Vögel lauschen, während die Sonne ein letztes Mal das Wasser glitzern lässt.

25.5.2018

Unterwegs.

Ob ich gerade bei Lidl gewesen sei, fragt der Mann. Er ist älter, untersetzt und macht einen etwas heruntergekommenen Eindruck, wie er am U-Bahnhof Schlump mit seinem Rollator vor mir stehenbleibt. Der Rollator ist  mit diversen vollen Plastiktüten beladen.

Nein, bei Penny, antworte ich. Da gehe ich freitags immer nach dem Schwimmen vorbei, der Penny liegt auf dem Weg zum Bahnhof. Diesmal habe ich mir Bio-Blaubeeren, Buttermilch und eine Butter geholt.

Bei Lidl gebe es jetzt Reiskocher, fährt der Mann fort und guckt mich erwartungsvoll an. Er habe gleich zwei gekauft, dann habe man mal ein Geschenk, fügt er hinzu. Ich lobe diese vorausschauende Kaufentscheidung, wünsche ihm viel Spaß beim Kochen und steige in meine Bahn ein.

Ich werde dauernd angesprochen. Vermutlich liegt es daran, dass ich ungefährlich erscheine und einigermaßen vertrauenserweckend auf meine Umwelt wirke. Jedenfalls nehme ich das an. Gestern an der Bushaltestelle in der Mönckebergstraße sprach mich ein älteres Paar auf eine Mitwartende an, die wüst vor sich hinschimpfte. Und vorgestern zwei Damen, die ihr Hotel suchten.

Interessant sind sie jedenfalls, diese zufälligen Gespräche auf der Straße, die kurze Bekanntschaft mit Fremden, die dann wieder ihres Weges gehen, zurück in die Anonymität, aus der sie gekommen sind.

Nachtrag:
Ein Reiskocher ist einer der Gegenstände, die ich wirklich noch nie haben wollte.

20.4.2018

Unterwegs.

Das einzige, was an die melancholische Stimmung im Aussenbecken erinnert, sind die ausgeblichenen Banner, die am Geländer angebracht sind.

Der aufsteigende Dampf ist einer warmen Frühlingsluft gewichen, an den Zweigen der alten Bäume wachsen zarte, hellgrüne Blätter, statt winterlicher Stille kreischen Kinder, die vom Beckenrand springen, und überall um mich herum schwimmen lachende Menschen.

Heute ist offizieller Beginn der Freibadsaison. Auch wenn ich ja den ganzen Winter im Freien geschwommen bin.

Ich freue mich über meinen neuen Badeanzug, den ich heute das erste Mal trage; schwarz mit kleinen weissen Punkten, einer hübsch gerafften Vorderseite und breiten Trägern. Ich pausiere am Beckenrand und halte mein Gesicht in die Sonne. Auf meine Beine malen die Strahlen ein helles Netz, das im hellblauen Wasser leuchtet.

Heute schwimme ich nur 30 Minuten; ich rechne kurz durch, wieviele Sportstunden ich diese Woche absolviert habe (2 Stunden Taiji, 1 Stunde Herzsport, 1 Stunde Geräte), bin zufrieden und suche mir einen Platz auf dem Rasen. Dreimal creme ich mich mit Lichtschutzfaktor 50+ ein, sicher ist sicher.

Es war eine geschäftige Woche; neben der Arbeit und dem Sportprogramm habe ich noch in den Mittagspausen einen Personalausweis machen lassen, war beim Friseur, habe Geld für die Dienstreise getauscht, Gastgeschenke besorgt, Fotos machen lassen, ein Visum beantragt und mich impfen lassen. Am Wochenende folgen letzte Reisevorbereitungen und Kofferpacken.

Busy bee, denke ich. Eine echte Biene fliegt auf mich zu und setzt sich zu mir auf das Handtuch. Ich lasse sie sitzen.

10.4.2018

Unterwegs.

Auf heute Abend habe ich mich schon seit Monaten gefreut. Mein Taiji-Lehrer und ich stehen in dem verwunschenen Garten des Psychologenhauses, die Vögel zwitschern, die Luft ist kühl, die Sonne neigt sich über die Dächer der Altbauten um uns herum, hier mitten in der Stadt, deren Straßenlärm und wilde Geschäftigkeit am Hauseingang an der Garderobe abgegeben wurden.

Seit heute Abend sind wir wieder im Sommermodus: der erste Dienstag im Monat gehört der Meditation, die anderen Dienstage findet Taiji unter freiem Himmel statt. Weder meine Mitschüler vom montäglichen Taiji noch die Mitstreiter der Meditation lassen sich blicken, und so habe ich unverhofft das Glück eines Einzelunterrichts.

Auch mein Lehrer findet den Dienstag am schönsten, egal ob wir meditieren oder Taiji unter den alten Bäumen machen. Heute ist es anstrengend; jeder meiner Schritte wird akribisch begutachtet, korrigiert und nachjustiert, der Fauststoß muss schräg ausgeführt werden, der Ellenbogen in Richtung Kinn des fiktiven Gegners zeigen, die Handkante vorm Körper in Abwehrhaltung positioniert werden. Trotz der abendlichen Kühle wird mir warm unter meinen beiden Sportjacken. Doch plötzlich wird aus meinen eher friedlich-leichten Form-Bewegungen das, was Taiji eigentlich ist: ein Kampfsport, der zwar in seiner ursprünglichen Form nur noch in China ausgeübt wird, aber dessen Spuren wir heute folgen.

Ich bin konzentriert und fokussiert bei der Sache. Und dankbar, hier zu sein.

2.4.2018

Zuhause.

Wenn ich vom Zwitschern der Spatzen und dem Kreischen der Möwen geweckt werde.

Wenn die Sonne sich nicht nach der Wettervorhersage richtet und einfach scheint.

Wenn die Elbe glitzert und an die Kaimauer plätschert, ganz sanft.

Wenn ich spontan um 8.30h einen langen Spaziergang mache und Hamburg mir gehört.

25.3.2018

Unterwegs.

Mo: Taiji ✔️

Di: Stretching & Meditation ✔️

Mi: Tube & Badminton ✔️

Do: Fitnessraum ✔️

Fr: Outdoor-Schwimmen ✔️

…und ein Kurzhaarschnitt… 💇🏻‍♀️

Diesen Dienstag habe ich einen Doppelnachsorgetermin: Radiologe und Gyn im Mammazentrum. Ich habe mir freigenommen. Und bin gelassen.

20.3.2018

Unterwegs.

Scheisse, murmelt der ca. 25-jährige, der verloren auf dem Bahnsteig steht. Er sieht aus wie der Trompeter meiner Lieblingsband und hält einen Blindenstock in der Hand. Die Passanten sind an ihm vorbeigegangen, ich bleibe stehen. Ob ich ihm helfen könne, frage ich. Ja, das könne ich, antwortet er, er sei in die falsche Richtung gefahren und habe es zu spät gemerkt. Nun müsse er auf den anderen Bahnsteig. Er hält mir seinen Arm hin, ich hake mich unter und gehe mit ihm zum Fahrstuhl. Die Station Baumwall ist tricky; um auf die andere Seite zu kommen, muss man einige Treppen steigen oder mit zwei langsamen Fahrstühlen fahren. Schwierig für jemanden, der nicht sehen kann. Mein blinder Begleiter ist noch etwas aufgelöst, ich beruhige ihn und bringe ihn zum anderen Bahnsteig, ganz nach hinten, von wo er später besser aussteigen kann.

Er bedankt sich, wir verabschieden uns, ich fahre zum dritten Mal mit dem langsamen Fahrstuhl, wandere nach Hause und vermute, dass mir der heutige Meditationsunterricht mehr Achtsamkeit gebracht hat.

19.3.2018

Unterwegs.

Ich bin glücklich, denke ich, als ich an der Bushaltestelle stehe und in die untergehende Sonne blinzele. Im Gegenlicht blicke ich auf die Masten der Segler, die im Sandtorhafen liegen. Mein neuer Rucksack trägt sich gut, und er trägt meine Turnschuhe, die ich mit zum Taiji-Unterricht nehme.

Am Freitag war ich auch glücklich, ich war schwimmen und abends noch einmal beim Konzert meiner New Yorker Lieblingsband. Wie schon in Amsterdam stand ich ganz vorne an der Bühne, wieder habe ich das Hier und Jetzt genossen, wieder habe ich zur Musik in der Menge getanzt.

Und meine bucket-list wurde übertroffen: ich habe nach dem Konzert wunderbare Fotos mit denen machen können, die mir so viel bedeuten. Weil sie mit ihren Live-Streams vom Union Square in meiner dunklen Zeit mein Lichtblick waren.

Es war zwar keine Zeit, dies kundzutun, aber immerhin konnte ich vermerken, dass ich extra einen gelben Rock angezogen habe, um zu Leos Haarfarbe zu passen. Prios setzen kann ich. 😉

3.3.2018

Zuhause.

Stehe im Wohnzimmer und freue mich. Seit ich die Möbel umgestellt und mit vielen verschiedenen Kissen (Hermes hat doch noch geliefert) dekoriert habe, trödele ich hier am Samstag besonders gern herum.

Heute trödele ich zwischen Kissenstapeln in Stufenlagerung auf dem Sofa. Mein rechter Oberschenkel tut weh, ein Lymphknoten ist geschwollen, zwei Wochen abwarten und beobachten, sagt der Hausarzt. Wenn es dann nicht besser geworden ist, wird investigiert. Ich tippe, nachdem ich keine Anzeichen für was Schlimmeres finde, auf Bandscheibe. Damit habe ich Erfahrung.

Morgen gehe ich schwimmen, neben Stufenlagerung ist Bewegung die richtige Maßnahme. Aber auch das Rumtrödeln in meinem Wohlfühlambiente mit Buch, Kerzen und frischem Mango-Ingwersmoothie tut meinem Bein und mir sehr gut.

Morgen ist bereits wieder Schluss mit Trödeln, ich werde Koffer packen.

21.2.2018

Unterwegs.

Ob wir denn gar nicht pulsen?, rufe ich der Gruppe hinterher, die sich in Bewegung setzt.

Das fiele aus, da wir spät dran seien, ruft die Trainerin zurück.

Oder ob ich heute was mit dem Herzen hätte, grinst mich die Ärztin an. Ich verneine und laufe den Herzis hinterher.

Das Hanteltraining finde ich anstrengend, aber danach gibt es Federball. Ich sehe, wie sich T. in meine Richtung aufmacht, doch H. ist schneller. Wollen wir zusammen spielen?, fragt er. Gerne, antworte ich. Wir liefern uns ein richtig gutes Duell, ich schwitze, die Ärztin fragt, ob ich öfters spiele. Sie spiele auch gern, aber nicht hier, sie müsse sehr auf uns aufpassen. Schon einmal sei ein Herzi beim Federball umgekippt, fiel auf die Nase, Fraktur, Reanimation. Und dann stellte sich heraus, dass er Leukämie hatte.

Da fällt mir nichts mehr zu ein, ausser, dass ich sehr froh bin, dass meine Herzis sich rechtzeitig auf die Bank setzen, wenn sie k.o. sind. Und ich froh bin, dass ich kein Herzi bin.

19.2.2018

Zuhause.

16.02., 08.00h

Beschließe, nachdem ich mein Wohnzimmer umgestellt habe, jenes auch neu zu dekorieren. Noch im Halbschlaf bestelle ich diverse Kissen in diversen Größen und Stoffen und in diversen Grauschattierungen. Passt zur grauen Wand, passt zu den weißen Sitzgelegenheiten und passt zu den dunkelbraunen Möbeln.

Die Vorfreude ist groß, ich tippe auf das Feld „Expresslieferung“. Das kostet mehr, aber geliefert wird bereits am Folgetag, und der Umdekoration steht nix im Wege. Vorfreude.

16.02.,11.00h

H&M Home meldet, dass die Bestellung an den Zulieferer übergeben wurde.

16.02., 11.36h

Hermes bestätigt die Lieferung für den Folgetag.

17.02.,00.31h

Bei Hermes gehen meine Kissen ein.

17.02.,06:49h

Die Kissen sind im Hermes Verteilzentrum in Hamburg eingetroffen.

Voraussichtliches Zustellfenster: unbekannt.

17.02., 12.00h DHL steht vor der Tür. Bin überrascht. Aber das bestellte Weizengras ist bereits da.

17.02., 13.00h

Voraussichtliches Zustellfenster bei Hermes: immer noch unbekannt.

Anruf bei Hermes. Die Ware würde nicht geliefert werden. H&M habe das so angeordnet.

Das bezweifle ich. Die Hermes-Dame und ich diskutieren. Nach einer Viertelstunde mit diversen Rückfragen der Dame ins Off die Bitte, ich möge doch bei H&M anrufen.

17.02. 13:30h

Anruf bei H&M. Der Kundenservice ist überrascht. Die Ware wurde ordnungsgemäss übergeben und soll geliefert werden. H&M klärt mit Hermes direkt.

17.02., 13:45h

H&M vermeldet, dass Hermes ohne die Expresspakete losgefahren ist. Und darauf hingewiesen hat, dass man Falschauskünfte an Kunden zu unterlassen hätte. Die Kosten für die Lieferung werden storniert. Die Kissen würden am 19.02. eintreffen.

18.02.

Stehe im Wohnzimmer und ärgere mich. Ich wollte dekorieren.

19.02., 07.45h

Hermes vermeldet, dass sich die Sendung in der Zustellung befindet. Die Zustellung soll am 17.02. stattfinden. Bin gespannt, wie das funktioniert.

19.02., 12.20h GLS liefert das Siebensalz-Magnesium aus Österreich. Bestellt am 17.02. Das ging ja fix.

19.02., 15.04h

Die Kissen bei Hermes befinden sich immer noch in der Zustellung. Das voraussichtliche Zustellzeitfenster ist noch nicht bekannt.

19.02., 15:06h

Hoffentlich ist der Taiji-Mitschüler heute Abend beim Unterricht, der bei Hermes arbeitet. Vielleicht kann er mir meine Kissen mitbringen?

Ich hasse Hermes.

14.2.2018

Unterwegs.

Ich gehe die Treppe des Rotklinkerhauses hoch und biege in den Gang mit den gelbgestrichenen Wänden ab. Rechts ist das Badezimmer, daneben der Aufenthaltsraum mit der Bücherwand, auf der anderen Seite liegen das Schwestern- und die Patientenzimmer. Hier habe ich vor knapp einem Jahr gelegen, sage ich zu C. und zeige auf eine Tür, hinter der jetzt drei andere Frauen liegen. Flashback. Wir gehen weiter durch eine Glastür und stehen kurze Zeit später im Konferenzraum des Krankenhauses.

C. aus meiner Meditationsrunde und ich besuchen heute einen Vortrag über Ernährung bei Brustkrebs. Dr. K., der bei mir die Stanzbiopsien vorgenommen hat und seine TCM-Kollegin erläutern in zwei Stunden, was gut ist und was nicht. Einer Meinung sind sie nicht immer, und auch meine Infos der Humangenetiker und der Reha-Ernährungsvorträge weichen in einigen Punkten ab. Trotzdem ist es sehr lehrreich, C. und ich nicken uns öfters bestätigend zu, denn wir stellen fest, dass wir gut aufgestellt sind. Auch die Wichtigkeit des regelmässigen Sports wird wieder mal erwähnt. Ich merke mir nicht die ganzen Begründungen, wieso was gesund ist oder auch nicht, und zum Teil hängt das auch davon ab, ob man es mit einem triple negativ Karzinom oder einem hormonrezeptorpositiven Tumor zu tun hat.

Ich notiere für mich als gut:

Birkenzucker/Xylit, Pure Encapsulation (Vitamin D), Sesam, Weizengras, Hummus, Tahini, Zwiebelschmalz, Weintrauben mit Kernen, Blaubeeren, Auberginen, Granatapfel mit Kernen, Maitake, Shitake-Pilze, Rosenkohl, Nüsse, Haferflocken, Chinoa, Amaranth, Kurkuma, Brokkoli, Brennesselextrakt, Mango, Ananas, Papaya, grüner Tee (aber nicht zur Tamoxifen-Einnahme).

Nicht gut:

Zucker generell, Sojajoghurt, Soja, Käse, Kuhmilch, Ginseng, Fisch, Schalentiere (es sei denn man mag Plastik und Schwermetalle), Leitungswasser, Wasser aus Plastikflaschen, Glukose-Fruktose-Sirup (auch im Brandt-Zwieback enthalten), Wurst, Fleisch.

Da wir so etwas wie ein Fachpublikum sind, brauchen Süssigkeiten, Chips, Frühstücksspeck oder Fertigprodukte nicht erwähnt werden.

Ok sei ein Glas Wein, Dr. K. fängt an von Spaghetti mit Parmesan zu schwärmen, mittlerweile ist es 19.15h, und ich bekomme Hunger. Zuhause mache ich mir Vollkornnudeln mit Tomaten und Basilikum, Parmesan hätte ich gern, habe ich aber nicht. Ich packe die Sporttasche. Morgen nach der Arbeit steht wieder der Fitnessraum auf dem Programm.

11.2.2018

Unterwegs.

Ich sei mir nicht sicher, ob er sich an mich erinnern könne, aber er habe mir vor knapp einem Jahr das Leben gerettet. Prof. Dr. M. kommt strahlend auf mich zu und gibt mir die Hand. Natürlich könne er sich an mich erinnern, antwortet er. Und er hätte ja nur etwas geholfen, mein Leben zu retten. Ich sähe gut aus, fügt er hinzu und schaut mich an. Ich erzähle ihm von meinen Lebens-Optimierungsmaßnahmen, der Ernährungsumstellung, dem Sportprogramm und der Arbeitszeitreduzierung. Sie werden gesund bleiben, meint er. Ich freue mich. Wir unterhalten uns noch etwas,  und zum Abschied sagt Prof. Dr. M., dass ich, sollte etwas sein, mich jederzeit bei ihm melden könne.

U., meine Schwester im Herzen, die ich in der Reha kennen gelernt habe, und ich sind heute beim Informationstag Brustkrebs Hamburg 2018, der von unserem Krankenhaus veranstaltet wird. Mit circa 350 Patientinnen, Angehörigen und Interessierten hören wir uns Vorträge an: über Brustkrebs und Vererbung, die Bedeutung der Pathologie, Haarschonung unter Chemotherapie, neue Therapiekonzepte und über Nachsorge. Es ist sehr interessant, auch wohin die Therapien der Zukunft gehen werden: weg von Operationen, hin zu Chemo und medikamentöser Behandlung. U. und ich sind da allerdings derselben Meinung: wir würden uns ohne zu Zögern wieder operieren lassen, wenn wir dadurch eine Chemo umgehen können. Aber ich bleibe ja gesund, denke ich. Auch wenn Prof. Dr. M. kein Wahrsager ist, glaube ich seinen Worten. So wie ich damals auch seinem Versprechen geglaubt habe, „dass wir das hinkriegen“. Und er sein Versprechen gehalten hat.

Danach gehen U. und ich im Grindelviertel vietnamesisch essen und gönnen uns noch einen Tee in dem Café, in dem sie sonst arbeitet. Sie erzählt mir vom Qi Gong, mit dem sie wieder gestartet-, und einer Tanzgruppe, der sie beigetreten ist. Ich erzähle von meinen Herzis und unseren Federball- und Tischtennisspielen. Das könnten wir doch auch mal machen, wenn es wärmer wird, schlägt U. vor. Im Innocentiapark gebe es Tischtennisplatten, und Platz für Federball sei dort auch. Sehr gerne, antworte ich und freue mich auf den Frühling.

8.2.2018

Unterwegs.

Nach einem ärgerlichen Arbeitstag versöhnt mich der Blick vom Stepper auf das Hamburger Rathaus, die Mönckebergstraße und einen grandiosen Sonnenuntergang.

Danach geht’s weiter in die Europapassage: der Rewe hat umgebaut, alles ist klar sortiert, das gesunde Sortiment wurde erweitert. Ich lege eine Mango, Himbeeren, Erdbeeren und ein frisches Brot in den Einkaufskorb, das wie ein Ziegelstein aussieht, dafür aber ohne Mehl und Zucker ist. Sehr lecker zu meiner Buttermilch mit Himbeeren.

Automatisch packe ich meine Tasche für‘s morgige Schwimmen – und bin schon etwas stolz auf mich und mein eingehaltenes Fitnessprogramm.

6.2.2018

Unterwegs.

Habt ihr meine sms bekommen?, fragt unser Taiji- und Meditationslehrer in die Runde.

Ja, antworte ich.

Was haben wir bekommen? N. guckt verstört.

Meine Textnachricht. Mit den Anfangszeiten für die Meditation, hilft unser Lehrer nach.

Ach so, ja, habe ich, sagt N.

C. guckt hoch, sie weiss es nicht genau.

Entschuldigung, worum geht es gerade? Jetzt taucht auch J. aus den Tiefen der Meditation auf.

Wir müssen lachen. Und ich bin beeindruckt, wie gut meine Mitschüler abschalten können.

5.2.2018

Unterwegs.

Ich freue mich, als ich durch das dunkle Altona in Richtung Bushaltestelle gehe. Heute beim Taiji habe ich mich zwischen den Profis nicht ganz so ungeschickt wie sonst angestellt. Die stehende Säule und Reeling Silk liegen mir, bei der 19er Form schummele ich nur noch im letzten Teil, den habe ich allerdings auch noch nicht ausführlich gelernt.

Da wir ab April am Dienstag Abend wieder in der Kleingruppe in dem schönen Garten des Psychologenhauses trainieren, werde ich die Form also auch bald können.

Ausserdem habe ich in den Pausen wieder mit G., der russischen Künstlerin, geplaudert. Wir verabreden uns locker für übernächsten Samstag zum Shopping in der Schanze.

N. ruft rüber, ob wir uns morgen bei der Meditation wiedersehen. Ich bejahe und freue mich, dass es hier so nette Mitstreiter gibt.

Morgen bei der Meditation treffe ich auch wieder C. Wir teilen dasselbe Schicksal: auch sie hat letztes Jahr die Diagnose Brustkrebs bekommen. Wir planen, Mitte Februar zusammen zu einem Vortrag über Ernährung in mein Mammazentrum zu gehen.

Gerade hatte ich überlegt, dass ich mal wieder etwas mehr socialisen sollte, da läuft es schon ganz automatisch. So wie mein Fitnessprogramm, denke ich. Das läuft ja auch.

1.1.2018

Unterwegs.

a. Neujahrskonzert?
b. Neujahrsskispringen?
c. Neujahrsspaziergang?

Ich entscheide mich für Antwort d., packe den Doutzen Kroes I – Bikini in meine Cote D’Azur-Strandtasche und mache mich auf zum Neujahrsschwimmen.

Ob ich die Einzige sei, frage ich die Dame an der Kasse, die sich heute für’s Schwimmen entschieden hat. Hören tu ich weder kreischende Kinder noch arschbombende Familienväter. Fast, antwortet sie. Ich freue mich, dass kaum jemand auf die Idee gekommen ist, das neue Jahr mit einem Besuch im Schwimmbad einzuläuten.

Das älteste und schönste Bad Hamburgs, das 1893 gebaut wurde und sich in einem großen roten Klinkerbau befindet, ist leer. Gerade mal eine Handvoll Mitschwimmer ziehen ihre Bahnen, zwei Kinder planschen an der Seite.

Nach einer halben Stunde mache ich mich auf ins Aussenbecken. Ein kalter Wind weht mir ins Gesicht, das Wasser dampft und zieht im Einklang mit den Wolken am Himmel über den Pool. Auf der Schnellbahn, die durch eine rot-weiße Plastikkette abgetrennt ist, sind gerade mal zwei Schwimmer unterwegs. Im Kopf-über-dem-Wasser-Schwimmer-Bereich sind es drei Enthusiasten – mit mir – , die der kühlen Witterung trotzen. Neulich hatten die Bäume noch bunte Blätter, denke ich. Nun haben sie ihre Blätter komplett verloren, die kahlen Äste und Zweige wirken wie dunkle Skelette, hinter denen ab und an die Sonne hervorkommt. Die Banner am Ende der Bahn sind ausgeblichen, die fahlen Rot, Blau- und Weißtöne harmonieren mit dem Wasser und der Plastikkette im Pool. Durch den Dampf sind die Schnellschwimmer zu erkennen, deren Arme beim Kraulen das Wasser aufwirbeln.

Ich atme tief durch, während ich mich durch diese melancholisch-morbide Szenerie bewege. Im Sommer wird der abgesperrte Bereich geöffnet sein, dahinter sind die Liegewiesen und die 50-Meter-Bahnen, die jetzt ohne Wasser sind. Ich freue mich auf die Freitage im Frühling, dann werde ich hier wunderbare Nachmittage verbringen.

27.11.2017

Antarktis. Tag 3

Es ist immer noch stürmisch: Ausläufer des Tiefs, das vor vier Tagen durch die Drakepassage zog und 11-12 Meter hohe Wellen mit sich brachte.

Y. ist nach zwei Tagen aufgestanden, nachdem ich den Bordarzt alarmiert habe.

Vorträge über Wale, Pinguine und Scott&Amundsen besucht.

Auf Deck 5 mit L., dem chinesischen Vogelkundler, den Albatros beobachtet. Es wird kälter.

Mittlerweile ist die Hälfte der insgesamt 108 Passagiere wieder auf den Beinen. In der Bibliothek stehen Staubsauger zum Reinigen der Expeditionsausrüstung bereit. G. schlägt vor, eine Poolparty zu machen. Der Jacuzzi an Deck ist allerdings noch ohne Wasser. Zu stürmisch.

Und dann kommt der grosse Moment: die ersten Eisberge sind in Sicht.

Laufe auf die Brücke. Der Kapitän deutet nach rechts: ‚A group of whales, starboard!‘ Es sind Buckelwale.

18.00h: Land in Sicht. Wir sind angekommen.

08.11.2017

Unterwegs.
Beim Herzsport berühre ich H. sachte am Arm und stelle ihr die Frage, die mich seit zwei Wochen beschäftigt: Sag mal, warst Du auch am Mount Everest? 

H., die wieder ihr blaues T-Shirt mit der Gebirgssilhuette und dem 50+ Aufdruck trägt und  um die 80 Jahre alt sein muss, strahlt mich an. 1972, 1973 und 1983, antwortet sie. Trekking, mit Zelt. Southface, Nepal. Sie war im Alpenverein. Und am Annapurna, fügt sie hinzu.

Vor meinem inneren Auge startet ein schwarz-weiss-Film, ich sehe die kleine Dame, leicht vorne übergebeugt und mit Rucksack durch unwegsames Gebiet wandern. Ich bin schwer beeindruckt, H. freut sich über mein Interesse und erzählt von ihren Abenteuern.

Ob sie uns auf einen Kaffee einladen soll, tönt es von der Seite, die Trainerin hat uns auf dem Kieker. Entschuldigung, sage ich. Wir sprechen über den Mount Everest, sagt H. Die Trainerin winkt ab. 

Und H. und ich sind kurzzeitig der muffigen Turnhalle und dem Behindertensport entflohen und geniessen den Ausflug zum Himalaya. 

Mein Ziel für 2018.

31.10.2017

Unterwegs.
It’s just a jump to the left. And then a step to the right. Put your hands on your hips…   Time Warp from Rocky Horror Picture Show / E.A. Smith

Es ist dunkel, düstere Fotos von Grabsteinen sind an die Wände projeziert, während eine Gruppe Skelette einen Sarg zur Bühne trägt.

Halloween meets Hamburg singt, das Chorevent, den meine Freundin M. und ich ab und an besuchen. 

Da Meditation ausfällt und ich heute Vormittag schon eine Stunde geschwommen bin, freue ich mich, wieder mal beim Singen dabei zu sein; 500 Menschen performen dreistimmig, was unwahrscheinlich schön klingt. Wir sind ganz vorn und singen – und tanzen – bei der hohen Stimme.

▶️ Thriller mit Choreo on stage 

▶️ Little Shop Of Horrors

▶️ Titelsong aus Tanz der Vampire

▶️ Time Warp

▶️ Sweet Dreams  

Und wieder ein Moment, für den ich dankbar bin, dass ich ihn erleben darf. Life is beautiful.

29.10.2017

Zuhause.

Sonntag, 08:00h. Lautsprecherdurchsagen, Polizeisirenen. Ich stehe auf und schaue aus dem Fenster: der Fussweg ist weg, der Strandkai gegenüber ist verschwunden, nur einzelne Baumspitzen gucken aus dem Wasser. Ein Helikopter kreist in der Luft.
Sturmflut vor der Haustür. 5.40m über NN, dröhnt es warnend aus den Lautsprechern des Wagens vom Bezirksamt.
Die Tarterie nebenan hat frische Brötchen direkt aus dem Ofen, Kaffee ist auch noch im Schrank. Alles ist gut. Noch.

Nach dem Frühstück krame ich meine Venedig-Acqua-Alta-Gummistiefel aus dem Schrank, ziehe meine wasserfeste Irland-Wanderjacke und meine Antarktis-Outdoorhose an und gehe vor die Tür. Das Wasser steigt.

Die Nachbarn, die ich aus meiner Straße treffe, machen Fotos. Die Nachbarn aus der Parallelstraße sind fassungslos und wütend: S. nimmt mich mit in den Eingangsbereich ihres Kellers, es rauscht bedenklich. Die Flutschutztore wurden nicht rechtzeitig geschlossen, in mehrere Häuser läuft die Elbe in die Keller und Tiefgaragen. Feuerwehr, Polizei und THW sind in Aktion. Ich drücke den Nachbarn die Daumen und hoffe, dass nicht der komplette Kellerinhalt zerstört ist. Ich gehe zurück zu meinem Haus, nehme die Treppe in den Keller und schaue vorsichtig durch die Glastüren. Alles ist gut. Unsere  Flutschutztore haben gehalten, die Keller samt Tiefgarage sind trocken.

Zum Glück wurde bisher niemand bei dem Orkan und der Sturmflut verletzt oder gar getötet, denke ich, als ich den Feuerwehrreport lese. Die Sonne scheint am blauen Himmel, was in diesem Moment skurril anmutet. Strange world.

28.10.2017

Unterwegs.

Ich kenne die Stimme, die hinter der geschlossenen Tür zu hören ist, als ich im Mammazentrum im Krankenhaus mein Rezept für eine weitere Packung Tamoxifen ausstellen lasse. Kurz darauf öffnet sich die Tür, hinter der ich viele Male bei Prof. Dr. M. gesessen und meine Therapien besprochen habe. Ich lächele und grüsse Prof. Dr. M., der mit Telefon am Ohr den Flur durchquert, er grüsst fröhlich zurück, während er telefonierend eine Runde dreht und wieder in seinem Zimmer verschwindet. Gern hätte ich mich etwas mit ihm unterhalten, aber er hat sicher Wichtigeres zu tun. Leben retten. So wie meines.

Vom Krankenhaus sind es nur wenige Minuten zum öffentlichen Bad, das ich bei herrlichem Sonnenschein betrete. Ich lege die Dauerkarte auf den Sensor, wie mir das der Kassierer letzte Woche gezeigt hat. Nichts passiert. Ich bewege die Karte etwas hin und her, es passiert immer noch nichts. Der Kassierer – heute ein anderer – schaut mich erwartungsvoll an. Funktioniert nicht, sage ich. Was ich denn möchte, fragt er mich. Schwimmen, antworte ich. Was soll ich denn sonst wollen, denke ich, aber spreche es nicht aus. Ach so, ich hätte ja auch in die Sauna oder die Sole wollen können, das seien ja andere Preise. Ich bleibe beim Schwimmen, sage ich, er bucht den rabattierten Betrag von meiner Karte ab.

Nach ein paar Bahnen im Innenbereich wechsele ich ins Aussenbecken. Die Bäume sind kahler geworden, eine Windböe weht goldene Blätter in den Pool, die ich beim Schwimmen zur Seite schiebe. Wolken hängen am Himmel, die Banner am Zaun sind ausgeblichen, aber der Pool liegt in der Sonne.  Hamburg, 10 Grad. Es wird Herbst.

Zuhause checke ich die Wetterapp, in der Antarktis sind es mittlerweile Minus 45 Grad, Windchill Minus 62 Grad. Ich ordere eine Nasen/Gesichtsmaske, wie sie auch die Skifahrer nutzen und danke Luisa für Ihren Tipp mit dem Nasenwärmer. Meine bestellten Fäustlinge sind irgendwo zwischen den Niederlanden und Deutschland unterwegs, der DHL-Status vermeldet ein „refused and return to sorting center“. Ich bleibe gelassen.

Am Samstag morgen ist es stürmisch, ich ziehe meine neue Outdoorhose an und besorge in einem Fotoladen an den Colonnaden einen Polarfilter für meine Kamera. Der Inhaber des kleinen Ladens ist freundlich, erklärt mir die Funktion des Filters und stellt mir schon mal meine Kamera richtig ein. Dann putzt er den alten Filter, der auf meiner Kamera sitzt. Ich freue mich über den Service, und noch mehr freue ich mich darüber, dass es draussen mittlerweile nicht nur stürmt sondern auch noch regnet. Da kann die Outdoorhose gleich mal zeigen, ob sie wirklich Wind und Wasser abhält. Ich beschliesse, zu Fuß nach Hause zu marschieren. Die Hose hält, die Turnschuhe nicht, aber von denen habe ich das auch nicht anders erwartet.

Auf dem Weg noch eine kleine Duschlotion, eine Milch und einen Kontoauszug geholt und begeistert festgestellt, dass ich das Ganze ohne Merkzettel bewältige. Kein Vergleich zu der Zeit der Strahlentherapie, in der meine Wohnung mit Post-Its dekoriert war  und ich es trotzdem nicht geschafft habe, vom Einkaufen mit den Teilen zurückzukommen, die auf dem Einkaufszettel standen. Die Konzentration ist zurück.

Am Montag werde ich die letzten Vorbereitungen treffen und britische Pfund (für Edinburgh), US Dollar (für Ausgaben auf dem Schiff) und argentinische Peso (für Ushuaia und Buenos Aires) besorgen. Damit liege ich sehr gut im Timing meiner Reiseplanungen, die neben der Arbeit, dem täglichen Sport, der mittäglichen Krankengymnastik und den Vergnügungen geschehen.

Das Jahr geht in den Endspurt. Und ich mit ihm.

26.10.2017

Zuhause.

Es sei dort Sommer, dort auf der anderen Seite der Welt, die ich in nicht mal mehr einem Monat besuchen werde.

Vorsichtshalber habe ich vorhin doch noch Fäustlinge und drei weitere Paar warme Socken besorgt, ich werde ja campen. Ohne Zelt. In der Antarktis. Das habe ich meiner Ärztin allerdings verschwiegen, als ich gefragt habe, ob ich Langstrecke und Kälte machen darf. Wobei Kälte gerade eine ungeahnte Dimension entwickelt.

Ich bin gespannt. Es wird ja Sommer, dort auf der anderen Seite der Welt.

16.10.2017

Unterwegs.

Genau die Stelle tut weh, rufe ich dem Krankengymnast zu, der, während ich mich bäuchlings auf der Liege befinde, im Bereich der linken Kniekehle herumdrückt.

Der innere Beugemuskel des Knies braucht Massagen und Wärme, lautet das Fazit. Gut, endlich zu wissen, was mir bei einigen Bewegungen Schmerzen bereitet. Und gut, dass man was dagegen tun kann. Ich bekomme eine Übung für zuhause mit auf den Weg und werde das Montags-Taiji,  das wir mit der Stehenden Säule beginnen, ausfallen lassen. Die Übung ist sicher nicht optimal für meinen angeschlagenen Beugemuskel.

Alternativ geht es zum Walken, danach dann Übungen mit der Pilates-Rolle.

15.10.2017

Zuhause.

Meine Freundin M. bittet mich, „das Taschentuch aufheben“ zu demonstrieren. So heisst die Form natürlich nicht, es gibt keine konkrete Bezeichnung für den Taiji-Teil, der an „die schräge Stellung einnehmen“ anknüpft. Aber es sieht aus, als wolle man mit der linken Hand ein imaginäres Taschentuch vom Boden aufheben.

Demonstration zwischen Kaffeetassen und Doppel-Dinkelkeksen, M. scheint zufrieden.

15.10.2017

Unterwegs.

Keine spektakulären Vorkommnisse am Donnerstag im Fitnessraum zu verzeichnen (lässt man den schwer stöhnenden Sporti ausser acht, der – spätestens, als er nen Kopfstand macht – alle Blicke auf sich gezogen hat).  Das Schwimmen am Freitag im Glitzerwasser des Outdoorbeckens kristallisiert sich zum Höhepunkt der sportlichen Wochen heraus.

Am Samstag nehme ich mir bewusst nichts weiter vor, gehe gemächlich Einkaufen und putze rudimentär die Wohnung. Die restliche Zeit liege ich auf dem Sofa, lese einen Comic, schaue fern, trinke einen Kaffee und relaxe. Um 18.00 Uhr werde ich nervös und stelle fest, dass mir die tägliche Bewegung fehlt. Laufe eine 19er Form im Wohnzimmer.

Am Sonntag springe ich früh aus dem Bett, frühstücke, gehe hinaus in den Nebel und schaue der Sonne zu, wie sie sich langsam durch das Grau über der Elbe kämpft. Sie gewinnt.

Wandere zurück nach Hause, gehe in den Garten und laufe im Sonnenschein drei weitere 19er Formen.