27.03.2019

Logbuch Israel – Tag 6

Wenn man nur flüchtig das Reiseprogramm liest und sich auf einen ruhigen Spaziergang durch alte Gassen eines kleinen Ortes freut, kann es passieren, dass sich Mesada als antike Palastfestung des König Herodes mitten in der Wüste herausstellt. Das ich entsprechend überrascht bin, sage ich niemanden. Wir sind heute Nachmittag in der Wüste gelandet, es ist heiss, die Sonne brennt. Mit der Seilbahn sind wir den Berg zur Festung hinaufgefahren, abwärts werden wir über die Römerrampe hinuntersteigen. Die Wanderelemente dieser Reise mag ich ganz gern.

Heute Vormittag haben wir Steinböcke und Klippschliefer gesehen (von deren Existenz wusste ich bis heute auch nichts), Kamelherden, die majestätisch auf Bergspitzen in der Wüste stehen und einen schwarz-türkis-schillernden Kolibri.

Ausserdem waren wir im Westjordanland in Jericho, das 24 Kilometer von Ramallah entfernt liegt. Es ist spannend, auf einmal in Gegenden zu sein, über die man sonst nur in den Nachrichten hört und die ganz anders wirken als gedacht.

Mein Tageshighlight war am Vormittag: nachdem wir (in meinen Augen durchgeknallte) weissgewandete Christen bei ihrer Taufe im schmutzigen Wasser des Jordans zugeschaut haben (hier wurde auch Jesus von Johannes dem Täufer getauft) und 10 Meter weiter auf jordanischer Seite dasselbe Spektakel stattgefunden hat, waren wir am Toten Meer. Ich habe im Toten Meer gebadet!

Nachtrag: ein weiteres Highlight ist, dass es erstmalig Kaffeeweisser im Hotelzimmer gibt (dafür keinen Föhn. Man kann nicht alles haben).

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26.03.2019

Logbuch Israel – Tag 5

Die Sonnenstrahlen legen sich sanft über die Berge. Überall blüht es: gelber Raps mischt sich mit Margariten und tiefroten Mohnblumen, rosablühende Pfirsichbäume wechseln sich mit Olivenhainen und hohen Palmen ab. Auf der Anhöhe 5 Kilometer weiter liegt ein Dorf, das weiß in der Sonne glitzert. Es scheint, als seien wir im Paradies angekommen.

Tatsächlich sind wir auf den Golanhöhen, die zu Syrien gehören und von Israel annektiert wurden. Das Dorf, auf das wir blicken, ist ein syrisches Dorf. Stacheldraht trennt die Straße von der pittoresken Landschaft, ‚Achtung Minen‚ steht auf den Schildern am Wegesrand. Oben auf einem Berg stossen wir auf israelische Bunkeranlagen. Ein Scheinparadies mit einer verlockend schönen Fassade, die sich wie eine Decke aus einem Blütenmeer über Gewalt und Krieg gelegt hat. Unter uns glitzert der See Genezareth in der Sonne.

Ein Überraschungsausflug, nachdem einige Mitreisende sich über den freien Nachmittag in Kinar und dem Hotel ohne nutzbaren Pool, ohne Ortschaft mit Café und ohne Strand am See beklagt hatten. Die Überraschung ist gelungen, wir schauen hinüber zu syrischen und jordanischen Dörfern, hier im Grenzgebiet der Golanhöhen.

Sind alle da?, ruft J. am Morgen in die Runde. Das fragt der Richtige, rufe ich zurück. J. ist heute ohne seine neue Kippa unterwegs, wir stehen vor der Kirche und dem Platz, an dem Jesu die Bergpredigt gehalten hat. Der ganze Vormittag läuft unter dem Motto Jesu: wir besichtigen Kapernaum, wo die Reste des Dorfes stehen, in dem Jesu und auch Petrus gelebt haben. Wir fahren nach Tabgha, dem Ort der wundersamen Brotvermehrung. Wir gleiten mit dem Boot über den See Genezareth, der spiegelglatt vor uns liegt, so als könne man über ihn laufen. Wir (also die anderen) essen Petrusfisch. Wir wandern durch Mangoplantagen. Wir überqueren den Jordan. Ich spaziere am Abend mit A. zum See, an dessen Ufer drei kleine jüdische Jungs herumplanschen und glücklich sind. Wir haben wieder einen beeindruckenden Tag.

25.03.2019

Logbuch Israel 2019 – Tag 4

Haifa Haifa, so heisst doch ein Song, sagt H. aus Hannover (!). So ähnlich, antworte ich, sie meine wohl Hyper Hyper. Meine Beziehung zu Menschen, die derartige Bemerkungen machen (und diese auch noch ernst meinen) und ausserdem Socken mit nem ‚L‘ und nem ‚R‘ tragen, ist kompliziert. Ich gehe zügig weiter.

Heute haben wir in Akko die Moschee, den Hafen und die Kreuzritterstadt besichtigt und zu Mittag am Bazar Falafel gegessen. Nach drei Tagen Falafel haben wir ein Falafel-Ranking angefangen, die heutigen nehmen #2 ein. Auch ein öffentliches-Toiletten-Ranking gibt es, das fällt in Israel sehr gut aus. Bis auf die Toiletten der griechisch-orthodoxen Kirche (keine Spülung, kein Papier und verschmutzt), liegen sie alle gleichauf mit 4,5 Punkten. Seit Tibet bin ich paralysiert, was sanitäre Anlagen angeht.

In Safed gibt es zwei Synagogen und das Künstlerviertel zu sehen, unterwegs verlieren wir J., der gesucht werden muss und nach 30 Minuten mit einer Kippa auf dem Kopf wieder gefunden wird. Danach suchen wir unseren Bus, den wir nach einem ungeplanten Marsch durch die Natur wiederfinden.

Unser staatenloser Busfahrer ist Moslem, die Reiseleiterin Jüdin, A. eine Reihe hinter mir ist Katholikin, eine Reihe weiter sitzen zwei Protestanten. Ich bin Atheist, und zusammen haben wir den Bahá’í-Tempel, die griechisch-orthodoxe Kirche und religiöse Stätten aller möglichen Richtungen angeschaut. Ein buntes Durcheinander und sehr interessant. In der Moschee müssen die Damen die Köpfe bedecken, in der Synagoge die Herren. Aber beim kulinarischen ist alles wieder im Einklang.

Unter uns liegt der See Genezareth, ein paar Kilometer weiter in Sichtweite die Golanhöhen.

Das Hotel in Kinar ist eine grosse Anlage, ich beziehe einen Garten-Bungalow mit nicht funktionierender Heizung. Der Hotelpool sei nicht nutzbar, teilt man mir an der Rezeption mit, als ich mich über die Heizung beschwere und frage, wann die Frauenbadezeiten sind. Auch einen Shop suche ich vergeblich. Dafür finde ich im Hotel eine Synagoge und einen Bunker (wobei ich unsicher bin, ob Nicht-Juden mit hineingenommen werden). Im Foyer spielen Musiker. Die Mitreisenden kehren enttäuscht vom See zurück, kein Strand, kein Café, und ausgerechnet morgen haben wir den Nachmittag zur freien Verfügung.

Übrigens verfolge ich die aktuell alarmierenden Nachrichten. Wir sind zur Zeit am See Genezareth (ziemlich weit weg von Gaza und Tel Aviv).

24.03.2019

Logbuch Israel – Tag 3

Es ist früh am Morgen: die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, in der Luft hängt der schwere Duft von Jasminblüten. Ich stehe auf der Dachterasse; links von mir der Hafen von Haifa, rechts schaue ich auf den persischen Garten, der am Berg angelegt ist und über dem der prächtige Bahá’í-Tempel mit der goldenen Kuppel aufragt.

Hier bekommen wir aber Fusspilz, raunt mir eine Mitreisende zu, als wir die Schuhe ausziehen, um das Innere des grössten Heiligtums der Bahá’í-Gemeinde zu besuchen. Ob sie schon mal in ’nem Schwimmbad gewesen sei?, antworte ich. Mich nerven dauernörgelnde Menschen, die sich nicht auf neue Erfahrungen einlassen und nur negatives zu sagen haben. Entspannt Euch einfach mal und geniesst das Leben…

Wir fahren an einem schweren Autounfall vorbei. Notärzte versorgen die Verunglückten, ich schliesse die Augen. Wie schrecklich, sagt A. hinter mir. Wie schnell kann Glück in Unglück umschlagen. Am Abend beim Verlassen unseres Busses klatschen wir und bedanken uns bei unserem Busfahrer, der uns auch heute wieder sicher zurück gebracht hat.

In Nazareth frage ich A., die Katholikin ist, ob der Erzengel Gabriel Maria zur Verkündigung der Geburt Jesu beim Wasserholen an der Quelle erschienen ist (griechisch orthodoxe Ansicht) oder in der Grotte (katholische Ansicht). Wir haben beide Orte und Kirchen – die Gabrielkirche und die Verkündigungskirche – besichtigt. Nichts von beiden, antwortet A. und ist da erstaunlich pragmatisch: Maria war keine Jungfrau. Eine kreative Idee mit dem Engel, finde ich, wenn man eine Schwangerschaft mitteilen muss. Als Atheist habe ich eh eine entspannte Haltung.

Nach einem frischen Granatapfelsaft und der mittäglichen Falafel auf der Mauer in der Sonne essend, machen wir uns auf den Jesus-Trail und wandern von Nazareth nach Zippori. Zippori war die einstige Hauptstadt Galiläas und ist heute eine imposante Ausgrabungsstätte. Wir wandern durch eine Schafsherde, der Raps leuchtet gelb und überhaupt blüht es bunt um uns herum. Was für ein schöner Tag.

23.03.2019

Logbuch Israel – Tag 2

Weckanruf um 5.45h und ein weiterer um 5.50h; die habe ich aber sicher nicht bestellt! Später beteuert die Reiseleiterin, dass sie die auch nicht geordert hätte. Immerhin hat auch der Rest der Reisegruppe um 5.45h senkrecht im Bett gestanden.

Wir besichtigen Jaffa (ich kaufe mir noch einen frischgepressten Jaffa-Orangensaft), wir entdecken den Wal, der Jona verschluckt hat, auf der Brücke, dort wo mein Sternzeichen angebracht ist, darf ich mir etwas wünschen, mit Blick zum Meer. Wir fahren durch’s Bauhausviertel und besuchen den Platz, an dem Ministerpräsident Rabin erschossen wurde.

In Caesarea, der alten Hafenstadt, die von Herodes gegründet wurde, besichtigen wir Ausgrabungsstätten und gehen an den Strand. Hier wird immer noch gefeiert, es ist Purim, viele sind verkleidet, Musiker spielen auf der Promenade, Kinder spielen im Sand. Die Menschen sind fröhlich, hier tobt das Leben. Zum Mittag gibt es Falafel auf die Hand, wir sitzen inmitten der Einheimischen.

Auch bei den Höhlen von Me’arot wird gefeiert: Familien picknicken unter dem rosa blühenden Judasbaum, wir probieren das hauchzarte Fladenbrot, das die Drusen backen. Dann wandern wir zu den Höhlen hinauf, in denen Neandertaler auf Homo Sapiens stießen.

Im Carmel-Gebirge bei Haifa wird mit einem Glas Wein (ich trinke heute Wasser) angestossen, dann muss sich jeder vorstellen. Ich bin A. aus Hamburg, das ist die Stadt mit der Elbphilharmonie. Die Gruppe lacht. Jetzt kennt man Hamburg. Und die Elbphilharmonie. Und mich auch.

22.03.2019

Logbuch Israel. Tag 1

Ich bereite mich selten akribisch vor.

Im Deutschunterricht in der Schule lese ich nicht wie vorgegeben Lessings Nathan der Weise; einen Abend vor der Klassenarbeit überrede ich meinen Vater, mir sein Ticket fürs Theater zu überlassen (macht der theatermüde Vater gerne!) und schaue mir das Stück an. Das ist effizient. Und visuell bin ich eh aufgeschlossener.

So bin ich auch freudig überrascht, dass am Abend vor der Abreise auf N3 eine Israel-Doku läuft. In den Reiseführer habe ich nicht wirklich reingeguckt.

Ich rufe meine Eltern an; ihr müsst schnell N3 einschalten, da läuft eine Doku über…TRINKE NICHT DAS WASSER AUS DEM TOTEN MEER, DANN STIRBST DU!!!! ruft mein Vater durch den Hörer. Sie gucken bereits die Doku. Ich lege schnell wieder auf.

Am Flughafen stelle ich fest, dass mein Flug nach München Verspätung hat, der darauffolgende ist komplett gestrichen. Am Gate wird bereits ausgerufen: wer einen Anschlussflug hat und schon hier sei, möge sofort kommen und in den früheren Flieger einsteigen. Ich lobe mich ob meiner Überpünktlichkeit.

Wenn man sich nicht akribisch vorbereitet, kann man auch überrascht werden.

In Tel Aviv ist Shabbat, vor der Passkontrolle stehen Tausende Menschen, und das ist kein Witz. Ich gehe zu nem Extraschalter, dort schauen die Menschen irritiert, zeigen auf mich, der Offizielle sagt was auf hebräisch, nun bin ich auch irritiert. Only for Israelis, übersetzt jemand. Wir lachen, ich gehe weiter und verliere mich in der Menge der Tausenden Wartenden.

Nach 90 Minuten bin ich aus dem Chaos raus, ich treffe die Anderen, der Bus fährt zum Hotel, es liegt direkt am Strand und leuchtet ganz bunt.

Durch die Verzögerung (im Übrigen hält am Shabbat auch der Fahrstuhl ungefragt in jeder Etage – und ich wohne im 14. Stock) und der Tatsache, dass es in aller Hergottsfrühe weitergeht, muss ich mein privates Abenddate canceln.

Dafür lerne ich A. aus Linz kennen, sie macht einen netten Eindruck, wir gehen nach dem Dinner an der Strandpromenade spazieren und trinken ein Glas Wein. Ich wollte ja auf meinen zweiten zweiten Geburtstag anstossen (das sage ich ihr natürlich nicht). Wir machen Fotos, am Strand hüpfen ein König und ein Pirat herum. Es ist nicht nur Shabbat, sondern auch Purim.

Vom Bett aus sehe ich das Meer.

22.03.2019

Logbuch Israel & Palästina 2019

Prolog.

Heute vor zwei Jahren, genau um diese Uhrzeit, bin ich in „meinem“ Krankenhaus operiert worden.

Heute vor zwei Jahren wurden die beiden Krebstumore entfernt. Der Feind in mir.

Heute ist sozusagen mein zweiter zweiter Geburtstag.

Heute, genau zwei Jahre später, sitze ich am Gate eines Flughafens. Ein Ort, an dem ich gern bin, ein Ort, an dem viel Trubel herrscht, ein Ort, der Aufbruch bedeutet und Vorfreude auf Neues verspricht und voller Leben ist.

Und heute Abend werde ich beim Sonnenuntergang am Strand von Tel Aviv stehen und auf den zweiten zweiten Geburtstag anstoßen. Das Leben ist schön.

 

Flughafenatmosphäre am Dubai International und Paris CDG

20.03.2019

Im Krankenhaus.

Ich schwitze. Schweißperlen bilden sich auf meiner Oberlippe, während ich versuche, die dicke rote Antarktisjacke auszuziehen und zeitgleich meinen Hausarzt anzurufen. Wählen Sie die Eins, wenn Sie ein Rezept möchten, wählen Sie die Zwei, wenn Sie eine Überweisung möchten, wählen Sie die…ich wähle die Drei. Live aus dem „großen Krankenhaus„, sage ich etwas atemlos, und ich habe es übersehen, dass ich für den heutigen Termin zur Nachuntersuchung eine Überweisung bräuchte. Und diese bräuchte das Krankenhaus genau jetzt, am besten gefaxt, hier hab‘ ich die Faxnummer, ohne Überweisung käme ich nicht dran, mein Hausarzt sei Herr Dr. X; seinen Namen bringe ich am Telefon allerdings mit dem Namen eines Buchautors durcheinander, ach, und auch ich sei gerade etwas durcheinander.
Es ist still am anderen Ende der Leitung.
Hallo?
Man würde die Überweisung gerade ausstellen und jetzt ans „große Krankenhaus“ faxen. In meiner Hausarztpraxis arbeiten Profis. Ich atme auf.
Die Rezeptionistin kommt mir entgegen, das Fax sei da, ich kann gleich weiter zum Arzt. Beim Ultraschall sieht alles gut aus, weiter gehts zur Blutabnahme, mir wird Tc-Pertechnetate gespritzt und eine Szintigrafie gemacht.
Die medizinische Assistentin mit den dunklen Augen und den lockigen Haaren lacht mich an, als ich ihr sage, dass ich in zwei Tagen nach Israel fliege. Sie sei gerade zurück aus Beirut, ihr Vater sei Palästinenser und in den 40ern in den Libanon geflohen. Warm sei es dort und schön, was ich mir alles anschauen werde, und – das sagt sie zweimal und sehr nachdrücklich – ich mir bitte beide Seiten anhören möge. Das werde ich ganz bestimmt, antworte ich, wir treffen auch Palästinenser zum Mittagessen.
Das TC-Pertechnetate muß 15 Minuten wirken, bevor die Szintigrafie gemacht werden kann: wir stellen fest, dass wir beide einen Bandscheibenvorfall haben/hatten, beide in „meinem“ Krankenhaus operiert wurden und beide im selben öffentlichen Bad schwimmen (bzw. sie früher dort geschwommen ist). Sie sei Lehrerin für Feldenkrais, wir sprechen über Sport und über gesunde Ernährung, über Krankenhauserfahrungen und gute und auch schlechte Ärzte.
Ich erzähle von meinen guten Hausärzten, ohne die ich in diesem Moment nicht hier sitzen würde (vergessene Überweisung) und auch davon, wo ich sonst zur Nachsorge hingehe. Sie fragt genau nach und schreibt mit, sie sucht gerade einen neuen Hausarzt und auch einen Gyn. Wir könnten uns noch viel länger austauschen.
Wir bedanken uns gegenseitig für dieses tolle Gespräch, ich gehe zurück zum Arzt wegen des Schreibens für den Flughafen („there is definetely no danger from the residual radioactivity for the public“), auch hier unterhalten wir uns noch etwas über meine anstehende Reise.
Was für ein Glücksfall heute Morgen im „großen Krankenhaus“.

Bevor ich auf dem Rückweg Dankeschön-Pralinen in meiner Hausarztpraxis abgebe,  mache mich auf ins Außenbecken des öffentlichen Bades.

17.03.2019

Unterwegs.

Note to myself: die Waage im schicken Spa sagt die Wahrheit. Die Waage im eigenen Haushalt lügt. Ich werde ihr keinen Glauben mehr schenken.
BMI: 20.0 – Top-Score.
Außerdem zeigen die regelmäßigen planks erste Resultate in Form von Bauch- und Armmuskeln.

Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Sole ✔️Stretching/Meditation✔️
Mittwoch: Heimtraining ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

Alle Bereiche abgedeckt: Ausdauer, Muskeltraining, Balance

Der innere Schweinehund ist ausgezogen.

15.03.2019

Unterwegs.

Das erste, was ich vorm Spiegel in der Damenumkleide des öffentlichen Bades sehe, ist eine große goldfarbene Tasche und ein Schal mit Glitzer. Das kann nur einer gehören, denke ich. Kurz darauf erscheint G. Hallo A., ruft sie, du bist spät dran! Ich habe dauernd zur Tür geschaut, ob du kommst!
Ich bin zu spät, ich war vorher noch bei der Bank, jetzt ist meine Schwimmfreundin bereits auf dem Rückzug. Fuerteventura war klasse, sie habe den Pool für sich gehabt, die anderen Gäste saßen nur faul drumherum. Außerdem war sie diese Woche schon dreimal zur Gymnastik, G. erzählt und glitzert vor meinen Augen, braungebrannt im hellen Wollpullover mit Kristallsteinchen-Besatz, ob sie die Mütze aufsetzen solle? Ja, sage ich, und die weiße Flauschmütze mit grünem Bommel landet auf ihrem Kopf. Hyazinth, der kleine Spanier, sei noch da, der sei ja immer vier Stunden im Bad, aber wo solle er auch sonst hin, sagt G., als Rentner mit einer Einzimmerwohnung. G. weiß alles und teilt alles, wir verabschieden uns und hoffen, dass wir bald wieder zusammen unsere Bahnen ziehen.

Es stürmt, es regnet in Strömen, und es ist kalt, als ich in den Außenbereich schwimme. Dampf steigt auf, die Regentropfen werfen kleine Ringe auf der Wasseroberfläche, links von mir pflügen die Kampfschwimmer durch’s Becken, rechts von mir bewegt sich das Walross langsam unter der Wasseroberfläche.
Immerhin habe ich meine turbanähnliche (und fürchterlich aussehende) Badekappe auf dem Kopf, da bleiben die Haare und Ohren trocken. Eine Dame taucht auf, mit einer Kopfbedeckung, die aussieht wie die Deckelverzierung eines Einmachglases, ein weißes Häubchen mit Gummiband drumherum. Ihre Arme wirft sie in die Luft und deutet damit eine Kraulbewegung an. Eine weitere Dame erscheint, ihr anscheinend langes Haar ist unter einer schwarzen Plastikschlange versteckt, es sieht aus, als hätte sie einen Fahrradreifen auf dem Kopf. Da bin ich mit dem Turban doch noch im oberen Bereich der Badeoutfits anzusiedeln, denke ich.

Hier im Becken vergesse ich die ernsten Gedanken, die mich heute bewegen: es berührt mich, wenn ich in der Zeitung lese, daß jemand verstorben ist, jung, fast plötzlich, kämpfend – ich weiß dann, um was für eine Krankheit es sich handelt. Es berührt mich, wenn Mitstreiterinnen, deren blogs ich verfolge und die genauso wie ich hoffen, dass alles gut bleibt, mit Knochenmetastasen in die zweite Runde gehen. Es ärgert mich, wenn Unwissende – auch wenn es lieb gemeint ist – dieses mit sinnfreien Sprüchen wie „du schaffst das schon“, „das wird schon wieder“, „du bist stark“ usw. kommentieren.
Fakt ist: ein Rezidiv bei Brustkrebs, das als Metastasen auftritt, ist zu 100% unheilbar. Palliativ-Behandlung heißt es dann – der Erkrankten eine möglichst lange und schmerzfreie Zeit zu ermöglichen. Da wird nix wieder. Da ist nix zu schaffen. Und genau das ist es, was Brustkrebs so düster macht: ein Erstschlag kann geheilt werden. Ein Zweitschlag (in Form von Metastasen) nicht.

Es macht jetzt keinen Sinn, zuhause zu sitzen, in Schockstarre zu verfallen und depressiv zu werden. Es macht Sinn, jeden Tag als etwas besonderes und als nicht selbstverständliches zu begreifen. Es macht Sinn – soweit es in der eigenen Macht steht – alles dafür zu tun, um die „Chance“ auf ein Rezidiv zu reduzieren. Und genau deshalb bin ich recht streng mit mir, was Ernährung und mein Sport- und Meditationsprogramm angeht. Und auch stolz darauf, dass ich bei Wind und Wetter im Aussenbecken des öffentlichen Bades anzufinden bin und nicht hygge-mit-Kerze-und-Chips auf dem Sofa vorm TV rumliege.
Im übrigen bringt es mir auch Spaß, und es tut mir gut, denn mein Fitnessprogramm kompensiert den Stress, den ich im Berufsleben habe.

Ich überprüfe den Einkaufskorb, alles drin, sage ich.
Nein, antworte ich, der Schokoriegel fehlt.
Aber es gab am Mittwoch den Frankfurter Kranz.
Aber schon letzte Woche hast du den Schokoriegel vergessen. Außerdem bist du 45 Minuten im strömenden Regen draußen geschwommen, das muß belohnt werden!
Ist es nicht schon eine Belohnung, nach der Arbeit schwimmen zu gehen und das Leben zu genießen?
Jetzt wirst du aber philosophisch.
Diskussionen mit mir selbst gefallen mir, eine Lösung gibt es immer. Und heute gibt es den Schokoriegel.