21.4.2018

Unterwegs.

Reisevorbereitungen? Kofferpacken? Es ist 21.00 Uhr, nix ist vorbereitet, nix ist gepackt, aber es es war ein weiterer herrlicher Tag im Freibad.

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20.4.2018

Unterwegs.

Das einzige, was an die melancholische Stimmung im Aussenbecken erinnert, sind die ausgeblichenen Banner, die am Geländer angebracht sind.

Der aufsteigende Dampf ist einer warmen Frühlingsluft gewichen, an den Zweigen der alten Bäume wachsen zarte, hellgrüne Blätter, statt winterlicher Stille kreischen Kinder, die vom Beckenrand springen, und überall um mich herum schwimmen lachende Menschen.

Heute ist offizieller Beginn der Freibadsaison. Auch wenn ich ja den ganzen Winter im Freien geschwommen bin.

Ich freue mich über meinen neuen Badeanzug, den ich heute das erste Mal trage; schwarz mit kleinen weissen Punkten, einer hübsch gerafften Vorderseite und breiten Trägern. Ich pausiere am Beckenrand und halte mein Gesicht in die Sonne. Auf meine Beine malen die Strahlen ein helles Netz, das im hellblauen Wasser leuchtet.

Heute schwimme ich nur 30 Minuten; ich rechne kurz durch, wieviele Sportstunden ich diese Woche absolviert habe (2 Stunden Taiji, 1 Stunde Herzsport, 1 Stunde Geräte), bin zufrieden und suche mir einen Platz auf dem Rasen. Dreimal creme ich mich mit Lichtschutzfaktor 50+ ein, sicher ist sicher.

Es war eine geschäftige Woche; neben der Arbeit und dem Sportprogramm habe ich noch in den Mittagspausen einen Personalausweis machen lassen, war beim Friseur, habe Geld für die Dienstreise getauscht, Gastgeschenke besorgt, Fotos machen lassen, ein Visum beantragt und mich impfen lassen. Am Wochenende folgen letzte Reisevorbereitungen und Kofferpacken.

Busy bee, denke ich. Eine echte Biene fliegt auf mich zu und setzt sich zu mir auf das Handtuch. Ich lasse sie sitzen.

15.4.2018

Unterwegs.

Ich gleite durch das Wasser, meine Bewegungen sind gleichmässig, mein Atem ist ruhig. Mit dem Ausbreiten der Arme formen sich seichte Wellen, auf der hellblau leuchtenden Wasseroberfläche bilden sich kleine Luftblasen, meine rechte Seite wird vom Licht, das an der Beckenwand eingelassen ist, angestrahlt und bildet einen schönen Kontrast zur Innenseite der Arme und Hände.

Heute ist Sonntag, da gönne ich mir das schicke Spa. Zwischen den zwei 30-minütigen Schwimmphasen liege ich mit der Decke auf der Liege, trinke einen Latte Macchiato, esse zwei Kekse, die mir die nette Bardame mit einem Lächeln zum Kaffee auf den Teller gelegt hat und blättere in der Gala.

Draußen regnet es. Das Wasser rinnt an den großen Fensterfronten hinunter und lässt den Hamburger Michel dahinter wie ein Aquarell wirken. Groß und grau türmt sich die Kirche draußen auf, Besucher sind bei diesem Wetter nicht auf der Aussichtsplattform oberhalb der goldenen Ziffern der Turmuhr auszumachen.

Hier drinnen ist es warm und gemütlich. An den Anblick der fast ausschliesslich Nackten um mich herum habe ich mich gewöhnt; ich bin wie immer in einem meiner Doutzen Kroes-Bikinis im Becken unterwegs.  Nachher werde ich mir noch einen neuen Badeanzug bestellen und eine schwarze Bikini-Hose, denn Doutzen Kroes I – das Unterteil – lässt in der Spannung nach und rutscht. Da ich aber in acht Tagen auf Dienstreise gehe und abends den Hotelpool eines unserer Häuser regelmässig zu frequentieren gedenke, möchte ich akkurat aussehen.

Interessanter als die Badebekleidung, die ich mit nach Asien nehmen werde, ist allerdings die Nachricht, dass heute zwei leichtere Erdbeben Yangon erschüttert haben. Ich erinnere mich an meinen letzten Besuch, der bereits knapp zwei Jahre zurückliegt (das Drama im letzten Jahr hatte meine Reisepläne durcheinander geworfen): ich saß abends lesend im Bett und stellte irgendwann fest, dass mir schwindelig ist und alles wackelt – obwohl es mir eigentlich gut ging. Suspekt war auch die Tatsache, dass die Lampe an der Wand hin- und her schwang. Als das Licht ausging und selbst die im Fenster sichtbare Shwedagon-Pagode – das Heiligtum der Burmesen – im Dunkeln lag, begriff ich, was das bedeutet. Erdbeben. Und ich sitze im Bett im vierten Stock eines Hotels und weiß in dem Moment nicht, was ich tun soll. Als ich das Erdbeben einer Website melde – Earthquake Today – die sämtliche Erdbeben weltweit dokumentiert und publiziert – erhalte ich zur Antwort, dass dieses Beben nicht registriert wurde. Doch auch andere Burmesen melden das Beben, das sehe ich auf der Facebook-Site – und meine Kollegen fragen am nächsten Tag, ob ich etwas gemerkt hätte. Ja, habe ich. Mein erstes Erdbeben.

Ich hoffe, dass sich die Erde bis nächste Woche wieder beruhigt, auch wenn ich mittlerweile weiß, dass man sich am besten unter einen Tisch verkriecht oder unter einen Türrahmen stellt, wenn man nicht draussen ist und eine freie Fläche aufsuchen kann. Wie man sich verhält, wenn man gerade mit Doutzen Kroes I samt neuem Unterteil im Pool herumschwimmt, ist noch in Erfahrung zu bringen.

10.4.2018

Unterwegs.

Auf heute Abend habe ich mich schon seit Monaten gefreut. Mein Taiji-Lehrer und ich stehen in dem verwunschenen Garten des Psychologenhauses, die Vögel zwitschern, die Luft ist kühl, die Sonne neigt sich über die Dächer der Altbauten um uns herum, hier mitten in der Stadt, deren Straßenlärm und wilde Geschäftigkeit am Hauseingang an der Garderobe abgegeben wurden.

Seit heute Abend sind wir wieder im Sommermodus: der erste Dienstag im Monat gehört der Meditation, die anderen Dienstage findet Taiji unter freiem Himmel statt. Weder meine Mitschüler vom montäglichen Taiji noch die Mitstreiter der Meditation lassen sich blicken, und so habe ich unverhofft das Glück eines Einzelunterrichts.

Auch mein Lehrer findet den Dienstag am schönsten, egal ob wir meditieren oder Taiji unter den alten Bäumen machen. Heute ist es anstrengend; jeder meiner Schritte wird akribisch begutachtet, korrigiert und nachjustiert, der Fauststoß muss schräg ausgeführt werden, der Ellenbogen in Richtung Kinn des fiktiven Gegners zeigen, die Handkante vorm Körper in Abwehrhaltung positioniert werden. Trotz der abendlichen Kühle wird mir warm unter meinen beiden Sportjacken. Doch plötzlich wird aus meinen eher friedlich-leichten Form-Bewegungen das, was Taiji eigentlich ist: ein Kampfsport, der zwar in seiner ursprünglichen Form nur noch in China ausgeübt wird, aber dessen Spuren wir heute folgen.

Ich bin konzentriert und fokussiert bei der Sache. Und dankbar, hier zu sein.

2.4.2018

Zuhause.

Wenn ich vom Zwitschern der Spatzen und dem Kreischen der Möwen geweckt werde.

Wenn die Sonne sich nicht nach der Wettervorhersage richtet und einfach scheint.

Wenn die Elbe glitzert und an die Kaimauer plätschert, ganz sanft.

Wenn ich spontan um 8.30h einen langen Spaziergang mache und Hamburg mir gehört.

27.3.2018

Im Krankenhaus.

Beidseitig, sage ich. Die Dame an der Rezeption schaut auf. Ich kenne diese Reaktion schon. Auch die medizinische Assistentin ist irritiert und fragt nach, ob eine beidseitige Mammographie gemacht werden soll. Das mache Sinn, antworte ich, und frage mich, ob man die Überweisung und den von mir ausgefüllten Fragebogen nicht angeschaut hat. Beidseitig Brustkrebs. Beidseitige Mammographie. Danach geht es zur Radiologin zum Ultraschall: die zwei kleinen Knoten sind auszumachen, die sich schon seit der Strahlentherapie im linken Narbengebiet befinden und ungefährlich sind. Es ist alles ok. Wer denn operiert habe, fragt sie noch, auf der rechten Seite sei keine Operationsnarbe auszumachen – dabei habe ich dort sogar zwei Narben. Das fände ich auch ziemlich cool, dass man dort nichts sehen könne, Prof. Dr. M. werde ich ewig dankbar sein. Nicht nur ob des guten OP-Ergebnisses, sondern vor allem für die richtigen Worte im richtigen Moment.

Vom Erdgeschoss gehts in die Dachstube zum nächsten Termin, diesmal bei der Gynäkologin.
Zum ersten Mal registriere ich, obwohl ich schon so oft hier war, dass man vom Wartezimmer auf den neuen Teil des Gebäudes schaut: eine Ärztin sitzt am Schreibtisch, eine Frau mit Mütze ist beim Arztgespräch, zwei weitere Frauen bekommen gerade ihre Chemo mit Kühlkappe. Ich sehe sie nur aus der Ferne, bin ihnen aber emotional sehr nah: ich fühle mit ihnen, und gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich mit zwei blauen Augen davongekommen bin.

Frau Dr. Z. kommt ins Wartezimmer und holt mich ab. Wer schon so früh aus der Radiologie zurück ist, der komme hier auch gleich früher dran. Sie untersucht mich nochmal sehr genau, freut sich mit mir über die Ergebnisse und die gute Optik, um dann ungläubig zu schauen. Das Basecamp sei aber sehr hoch gelegen, sagt sie, als ich ihr erzähle, dass ich jetzt mehrere Asienreisen vor mir habe und nicht sicher sei, wie ich mit der Tamoxifen-Einnahme verfahre, sollte es Magenbeschwerden oder Übelkeit geben (Antwort: einfach weiter einnehmen). Ich erkläre zum x-ten Mal, dass ich nicht klettern werde und es ja eine Akklimatisierung in Lhasa gebe – allerdings läge das auch schon auf 3.600m. Aber ich jetzt alles mache, was ich machen möchte. Vermutlich bin ich etwas extrem mit Reisen in die Antarktis und zum Everest, aber es ist das, was ich will.

Wir legen den nächsten Nachsorge-Termin zwischen die beiden anstehenden Asienreisen, dann mache ich mich auf ins Schwimmbad. Ich ziehe draußen meine Bahnen, bin dankbar und fröhlich, schenke mir unterwegs noch einen Blumenstrauss und beschliesse, den Nachmittag mit einem Prosecco an der Elbe zu verbringen, bevor ich dann angeheitert zur Meditation gehen werde.

1 Jahr und 5 Tage krebsfrei. Das Leben ist schön.

25.3.2018

Unterwegs.

Mo: Taiji ✔️

Di: Stretching & Meditation ✔️

Mi: Tube & Badminton ✔️

Do: Fitnessraum ✔️

Fr: Outdoor-Schwimmen ✔️

…und ein Kurzhaarschnitt… 💇🏻‍♀️

Diesen Dienstag habe ich einen Doppelnachsorgetermin: Radiologe und Gyn im Mammazentrum. Ich habe mir freigenommen. Und bin gelassen.

20.3.2018

Unterwegs.

Scheisse, murmelt der ca. 25-jährige, der verloren auf dem Bahnsteig steht. Er sieht aus wie der Trompeter meiner Lieblingsband und hält einen Blindenstock in der Hand. Die Passanten sind an ihm vorbeigegangen, ich bleibe stehen. Ob ich ihm helfen könne, frage ich. Ja, das könne ich, antwortet er, er sei in die falsche Richtung gefahren und habe es zu spät gemerkt. Nun müsse er auf den anderen Bahnsteig. Er hält mir seinen Arm hin, ich hake mich unter und gehe mit ihm zum Fahrstuhl. Die Station Baumwall ist tricky; um auf die andere Seite zu kommen, muss man einige Treppen steigen oder mit zwei langsamen Fahrstühlen fahren. Schwierig für jemanden, der nicht sehen kann. Mein blinder Begleiter ist noch etwas aufgelöst, ich beruhige ihn und bringe ihn zum anderen Bahnsteig, ganz nach hinten, von wo er später besser aussteigen kann.

Er bedankt sich, wir verabschieden uns, ich fahre zum dritten Mal mit dem langsamen Fahrstuhl, wandere nach Hause und vermute, dass mir der heutige Meditationsunterricht mehr Achtsamkeit gebracht hat.

19.3.2018

Unterwegs.

Ich bin glücklich, denke ich, als ich an der Bushaltestelle stehe und in die untergehende Sonne blinzele. Im Gegenlicht blicke ich auf die Masten der Segler, die im Sandtorhafen liegen. Mein neuer Rucksack trägt sich gut, und er trägt meine Turnschuhe, die ich mit zum Taiji-Unterricht nehme.

Am Freitag war ich auch glücklich, ich war schwimmen und abends noch einmal beim Konzert meiner New Yorker Lieblingsband. Wie schon in Amsterdam stand ich ganz vorne an der Bühne, wieder habe ich das Hier und Jetzt genossen, wieder habe ich zur Musik in der Menge getanzt.

Und meine bucket-list wurde übertroffen: ich habe nach dem Konzert wunderbare Fotos mit denen machen können, die mir so viel bedeuten. Weil sie mit ihren Live-Streams vom Union Square in meiner dunklen Zeit mein Lichtblick waren.

Es war zwar keine Zeit, dies kundzutun, aber immerhin konnte ich vermerken, dass ich extra einen gelben Rock angezogen habe, um zu Leos Haarfarbe zu passen. Prios setzen kann ich. 😉

13.3.2018

Unterwegs.

Den Club finde ich sofort, als ich abends das Hotel verlasse und im Zickzackkurs die Lijnbaansgracht ansteuere. Allerdings bin ich den Weg heute Nachmittag schon mal abgegangen. Sicher ist sicher, ich leide an Orientierungsschwäche.

Dass das Konzert ausverkauft ist, wusste ich. Nicht aber, dass wohl Tausende Menschen die ganze Straße blockieren und mit mir in den Club möchten. Ich stelle mich in die Masse und reihe mich irgendwie ein. Hilft ja nichts. Weiter vorm Eingang stelle ich fest, dass es sich um drei Reihen handelt; hier finden heute Abend parallel drei Konzerte statt. Zufälligerweise stehe ich in der richtigen Reihe an.

Doch dann werde ich umsortiert, wegen der Mitgliedschaft, die ich erworben habe und noch bezahlen muss. Mitgliedschaft?!? Ich bin irritiert, habe aber beim Ticketkauf, der nur auf holländisch machbar war, gesehen, dass da irgendwas war, was ich nicht durchschaut habe. Hinter mir diskutieren zwei Deutsche, auch sie wissen nicht, was uns in der separaten Schlange erwartet. Vielleicht ne Waschmaschine, sagt der Eine. Die krieg ich nicht mit ins Handgepäck, antworte ich.

Wir haben in der Tat eine vierwöchige Migliedschaft im Melkweg erworben. Da es sich nur um Euro 4,- handelt und ich jetzt einfach nur ins Konzert möchte, ist mir das egal.

Ein Raunen geht durch die Reihen, der King of Sludge – in farbenfreudigen Tigermantel – bahnt sich seinen Weg durch die Menge.

Ich gebe meinen blauen Mantel ab (dummerweise bin ich nicht im wasserfesten Antarktisoutfit sondern in feiner Stadtkleidung angereist), hoffe, dass ich die Garderobe nachher wiederfinde und gehe in einen Saal. Ich bestelle mir ein Bier an der Bar und frage mich – und den Barkeeper – ob ich hier im richtigen Raum bin. Aus der Anlage ertönen Simon & Garfunkel, das ist von Too Many Zooz soweit entfernt wie Amsterdam von der Antarktis.

Ich sei richtig, wird mir versichert und marschiere nach ganz vorne vor die Bühne.

Jubel, als der King of Sludge, der unter dem Tigermantel ein T-Shirt mit Ananasdesign und orange-karierte Strümpfe trägt, auf die Bühne kommt. Matt mit Mütze (wie immer), Leo mit gelbgefärbten Haaren und farblich passendem Outfit. Ich liebe die Jungs. Und ihre Konzerte. Ich glaube, ich habe selten Konzerte so genossen wie die von Too Many Zooz – und ich habe sicher Tausende Konzerte besucht.

Der Saal tobt, hüpft, ein Meer aus Armen bewegt sich rhythmisch zu Spoktopus, als Zugabe gibt es eine Hommage an AC/DC – T.N.T. mit Bari-Sax, Trompete und Schlagzeug intoniert.

Im Garderobengedrängel fragt mich ein Typ, wie mir das Konzert gefallen hat, er sieht wild aus, so wie es das Konzert war. Er scheint verblüfft und erfreut über mein Feedback, schon spricht mich der Nächste an, der mitbekommen hat, dass ich aus Deutschland komme. Ich plaudere etwas, bin aber auch etwas irritiert. Das Publikum ist gemischt, altersmässig dürfte ich nicht auffallen, ausserdem werde ich eh jünger geschätzt. Am Ausgang spricht mich wieder einer an, irgendwie geht es sehr nett und relaxt bei den Holländern zu. Was für ein grandioser Abend! Ich glaub, ich bin auch etwas verliebt 🤗