29.5.2018

Unterwegs.

Mein Taiji-Lehrer sitzt im verwunschenen Garten des Psychologenhauses auf dem Stuhl und schaut mir zu, wie ich die 19er Form laufe. Ein Phänomen sei ich, so sein Statement, während mir bei 33 Grad der Schweiss den Rücken herabrinnt. Ein Phänomen nicht nur deshalb, weil ich als Einzige von den Schnupper-Kursen aus dem Reha-Zentrum drangeblieben und zu den langjährigen Schülern in die feste Klasse gewechselt bin, sondern auch, weil ich vieles durch Beobachtung gelernt habe. Wobei ich noch an den Wechseln von der äusseren zur inneren Form arbeiten muss. Aber auch das werde ich hinbekommen.

Der Dienstag-Unterricht steht unter dem Motto ‚Wünsch-Dir-Was‘. Die beiden Mitstreiter wünschen sich die 75er-Form und gehen in den Nachbargarten, ich bleibe mit der 19er-Form und meinem Lehrer zurück. Weiter hinten unter den Bäumen spricht ein Psychologe mit seinem Patienten. Es duftet nach Rosen.

Trotzdem versuche ich, mich in den 120 Minuten nicht zu überanstrengen; eigentlich darf ich heute keinen Sport machen, da ich die erste von drei Tollwut-Impfungen bekommen habe. Eine wirtschaftliche Entscheidung, diese Impfung zu machen, meint der Arzt im Impfzentrum. Eine intelligente Entscheidung, meine ich. Nachdem ich im letzten Jahr nicht an Krebs gestorben bin, möchte ich nun nicht an einem Katzenkratzer oder Hundebiss in Tibet sterben. Und der Tod ist nach einem Tollwutkontakt ohne Impfung 100% sicher. Da zahle ich lieber die Euro 255,-. Das ist mir mein Leben wert. Mindestens.

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27.5.2018

Unterwegs.

Eine neue – eine schöne – Routine hat sich eingeschlichen: ich beginne die Wochenenden Freitag mittags im Aussenbecken des öffentlichen Schwimmbades und beende sie Sonntag Abend am selben Ort.

Die Sonne steht tief, langsam leert sich das Bad. Das ist meine Zeit, wenn ich ruhig meine Bahnen ziehen kann, mal dem roten Backsteinbau entgegen und dann wieder auf die alten Bäume zu, die das Becken einrahmen. Das Gekreische der tobenden Kinder schwindet, die Vögel zwitschern in der Abendstunde.

Ich könnte ewig weiterschwimmen und dem Gesang der Vögel lauschen, während die Sonne ein letztes Mal das Wasser glitzern lässt.

25.5.2018

Unterwegs.

Ob ich gerade bei Lidl gewesen sei, fragt der Mann. Er ist älter, untersetzt und macht einen etwas heruntergekommenen Eindruck, wie er am U-Bahnhof Schlump mit seinem Rollator vor mir stehenbleibt. Der Rollator ist  mit diversen vollen Plastiktüten beladen.

Nein, bei Penny, antworte ich. Da gehe ich freitags immer nach dem Schwimmen vorbei, der Penny liegt auf dem Weg zum Bahnhof. Diesmal habe ich mir Bio-Blaubeeren, Buttermilch und eine Butter geholt.

Bei Lidl gebe es jetzt Reiskocher, fährt der Mann fort und guckt mich erwartungsvoll an. Er habe gleich zwei gekauft, dann habe man mal ein Geschenk, fügt er hinzu. Ich lobe diese vorausschauende Kaufentscheidung, wünsche ihm viel Spaß beim Kochen und steige in meine Bahn ein.

Ich werde dauernd angesprochen. Vermutlich liegt es daran, dass ich ungefährlich erscheine und einigermaßen vertrauenserweckend auf meine Umwelt wirke. Jedenfalls nehme ich das an. Gestern an der Bushaltestelle in der Mönckebergstraße sprach mich ein älteres Paar auf eine Mitwartende an, die wüst vor sich hinschimpfte. Und vorgestern zwei Damen, die ihr Hotel suchten.

Interessant sind sie jedenfalls, diese zufälligen Gespräche auf der Straße, die kurze Bekanntschaft mit Fremden, die dann wieder ihres Weges gehen, zurück in die Anonymität, aus der sie gekommen sind.

Nachtrag:
Ein Reiskocher ist einer der Gegenstände, die ich wirklich noch nie haben wollte.

in eigener Sache (GDPR)

Da ich leider nicht weiss, wie ich den blog datenschutztechnisch umstellen muss, werde ich ihn zum 25.5. erstmal auf privat setzen. Interessierte dürfen eine Leseberechtigung anfragen, die ich dann sehr gern bestätige. Ob das legal ist, kann ich allerdings auch nicht sagen…

17.5.2018

Unterwegs.

Die Dämmerung setzt ein. Wir sitzen auf der Mauer, lassen die Beine baumeln, sprechen über Gott und die Welt und schauen auf die Lichter des Travemünder Hafens, die das Wasser in ein warmes gelbes Licht eintauchen lassen.

Davor waren mein Freund O. und ich am Yachthafen in einem kleinen Restaurant, saßen im Strandkorb und haben Spargel gegessen.

Auszeit am Meer. Auszeit vom Stress im Büro. Auszeit von vermehrten Arztbesuchen: Impfungen, Knochendichtemessungen, EKG, Blutwertecheck, es folgt noch ein Belastungs-EKG, mein Blutdruck ist leicht erhöht.

Aber hier, im Strandkorb und der klaren Seeluft, komme ich zur Ruhe.

10.5.2018

Unterwegs.

Ich höre die Stille. Die große Sporthalle, in der sonst immer die kleinen Kinder in ihren Fechtausrüstungen trainieren, ist leer. Sonnenstrahlen huschen über den Holzboden, Staubkörner tanzen im Licht. Auch die Gruppe der Herzis ist heute stark reduziert, wir sind nur zu fünft plus eine Ersatztrainerin und Doktor A. Dann können wir Tischtennis spielen, rufe ich. Das geht nur, wenn wir eine kleine Gruppe sind. Die Trainerin stimmt zu. M., mein Federballpartner und ich, geben uns Zeichen. Matchtime.

Doch vorher wärmen wir uns auf, eine gute Gelegenheit, um mit H., der alten weißhaarigen Dame zu plaudern, die früher im Alpenverein und in den Siebzigern drei Mal zum Trekken am Mount Everest war. Sie beklagt sich über ihre schmerzenden Knie, und überhaupt sei sie nicht mehr so fit. Ich werfe ein, dass sie zum Herzsport mit dem Fahrrad komme, zum Chor und ins Theater gehe sowie eine Spielgruppe besuche. Und zum Square Dance ginge sie auch, fügt sie noch hinzu. Vielleicht sollten wir akzeptieren, dass wir keine zwanzig mehr sind, sage ich vorsichtig. Das sage ihr Arzt auch, aber einsehen tue sie das nicht. Früher war das besser, wo sie noch in den USA gelebt und Jugendgruppen geleitet hat. Ich mag H. sehr gern und das, was sie schon alles in ihrem Leben gemacht hat und immer noch macht. Auch wenn sie sagt, sie werde langsam müde.

M. und ich einigen uns auf Punktspiele. Ich verliere drei Runden obwohl ich mich anstrenge und schwitze. Das nächste Mal spielen wir wieder Federball, tröstet mich M.

***

Am Donnerstag fülle ich zum zweiten Mal den vierseitigen Antrag für’s Chinavisum aus. Das erste Mal habe ich die Formulare falsch ausgefüllt, da ich die Anleitung zum Ausfüllen ignoriert habe. Diesmal gebe ich mir mehr Mühe und halte mich an die Vorgaben. Nur bei einem Feld bekomme ich Probleme, der Platz reicht nicht aus; führen Sie auf, wann und wo Sie in den letzten 12 Monaten im Ausland waren: Österreich, UK, Argentinien, Antarktis, Österreich (again), Zypern, Niederlande, Myanmar.
Zwei Reisen nach Sylt, einige Reisen an die Ostsee und ein Ausflug nach Berlin kommen noch dazu.
Eine ganze Menge an Reisen, trotz des Brustkrebs-Dramas, das mich letztes Jahr zeitweilig ausser Gefecht gesetzt hat. Oder wegen des Dramas?  Ich stecke den Visumsantrag in den Umschlag. Tibet – der nächste Meilenstein meiner Bucket-List.

6.5.2018

Unterwegs.

Um 23.30h sind wir vom Hotel aufgebrochen, der Nachtflug sollte um 2.20h gehen – nun ist es 5.20h, ich nächtige mit meinem Vorgesetzten, der zufällig wieder denselben Flug hat, auf dem Yangon International Airport in der Lounge. Technische Probleme. Die Anschlussflüge in Dubai kriegen wir wohl nicht.

Mit Glück komme ich morgen Nachmittag aus Dubai weiter (wenn wir aus Yangon wegkommen sollten), meine Reisebegleitung muss einen Tag in Dubai bleiben – und verpasst die Geburtstagsparty der kleinen Tochter. Die Stimmung auf dem Flughafen ist entsprechend.

Aber: schlimmer geht immer. Wir könnten auch zu den Passagieren gehören, die seit Hanoi in unserem Flieger sitzen und seit der Zwischenlandung nicht raus dürfen.

Um 6.30h ist der Flieger repariert, ich vergewissere mich bei der Stewardess, ob die Schäden wirklich behoben wurden. Sie bejaht, sonst würde sie wohl auch nicht weiterfliegen, denke ich.

Ich hasse Langstreckenflüge. Schlafen kann ich nicht, ich sitze glücklicherweise am Gang und kann umherwandern. Das ungesunde Flugzugessen verschmähe ich, die Stewardess ist besorgt; ob ich nicht wenigstens das Brötchen möchte, nein, das möchte ich nicht. Ich knabbere meine Walnüsse und trinke Tee.

In Dubai spurte ich zum Ausgang – Gate closed, lese ich auf der Anzeigetafel neben meinem Flug nach Hamburg. Ich marschiere zum Counter, mit mir hunderte andere Passagiere mit den gleichen Problemen. Ich bin vom 9.00h- auf den 15.00h-Flug umgebucht worden und bekomme einen Essensgutschein, den ich bei Mc Donalds gegen einen Burger oder im Café gegen ein Croissant und ein Wasser einlösen kann. Es ist 9.30h. Ich nehme ein Croissant.

Beim Transfer mit der Bahn zum anderen Terminal treffe ich wieder auf meinen Vorgesetzten, der jetzt überraschenderweise nach Beirut fliegt, um von dort nach Larnaca zu kommen. Ein Transit-Visum muss her, aber das schockt ihn auch nicht mehr. It is a desaster, murmelt er wieder. Am Montag wird er frei nehmen und einen extra-Geburtstag mit dem traurigen Kind feiern, da er sein Versprechen, am Geburtstag zuhause zu sein, nicht halten konnte.

Spät abends komme ich endlich in Hamburg an.

Ich bin k.o. Die Wäsche ist schmutzig. Der Kühlschrank ist leer. Ich dusche und falle ins Bett.

Und wache am Sonntag vom Vogelgezwitscher und den ersten Sonnenstrahlen auf, die durch das Zimmer gleiten. Ich spüre die kühle klare Frühlingsluft, die nach Blumen duftet. Das ist mein Paradies, denke ich. Und freue mich.

2.5.2018

Unterwegs.

10 Dollar. Für eine Gurke und eine Tomate, sagt C. Ich lache. Sind die aus dem goldenen Garten der Shwedagon?, scherze ich.

Mein Kollege, der etwas länger in Myanmar bleibt, hat 10 Kilo Black Eyed Peas aus Zypern mitgebracht, die er mir heute Abend mit Tomate, Gurke und Zitrone anbietet. Das ist mal etwas anderes; zypriotische Spezialitäten habe ich noch nie in Myanmar gegessen. Die Bohnen hätte man hier auch besorgen können, sagt der Koch und schüttelt etwas ungläubig den Kopf. Ich werfe ein, dass ich einige Packungen an Walnüssen und Rosinen aus Deutschland mitgebracht habe – und Zartbitterschokolade. Nüsse seien ok, die seien hier teuer, so der Experte.

Ein wenig erinnert mich das Szenario an die Chinesen bei der Antarktis-Expedition, die in der Lounge ihre Reiskocher aufgebauten und auch ansonsten einiges an Lebensmitteln aus der Heimat mit auf die Reise genommen hatten.

Unser Vorgesetzter, den ich fast jeden Abend zum Dinner treffe, hat nichts dergleichen importiert, er hält sich an das, was auf der Karte steht: wir bestellen wieder unser Lieblingsgetränk, frischen Wassermelonensaft.

Der hat schon am Sonntag für einen Lacher gesorgt; kaum lässt er sein Glas am Pool aus den Augen, greift eine Krähe an und verschwindet mit der Melonendeko.

Discount, raune ich C. zu. Wir bekommen hier Discount. Vielleicht auch auf eine Gurke und eine Tomate.

29.4.2018

Unterwegs.

Myo Myint Maung schaut mich irritiert an, als würde er mich nicht kennen. Das wiederum irritiert mich, denn ich besuche mein Patenkind regelmässig im Waisenhaus. Auch wenn der letzte Besuch zwei Jahre zurückliegt, so schreiben wir uns hin und wieder und schicken uns Geschenke.

Auch die anderen Jungs, zwischen denen ich am langen Mittagstisch sitze, scheint es die Sprache verschlagen zu haben. Sie kichern und gucken verstohlen, wenn ich sie anspreche, um etwas mit ihnen zu plaudern – in einfachem englisch, das lernen sie im Waisenhaus.

Ich esse den Reis und das Gemüse mit der Gabel, die Kinder essen mit den Fingern, das ist in Myanmar so üblich.

Nach dem Essen bestehe ich darauf, dass mir mein Kind das Mädchenwaisenhaus zeigt: beschirmt machen wir uns in der Mittagshitze auf den staubigen Weg. Und siehe da, er wird gesprächiger; ich halte ihm mein Handy unter die Nase und zeige ihm ein Bild, das uns bei meinem Besuch in 2011 zeigt. Das kenne er, das Foto habe er in seiner Box, in dem er meine Briefe und Fotos aufbewahrt. Die Fotos unserer Begegnungen schicke ich ihm, damit er später eine kleine Erinnerung hat. Myo Myint Maung ist jetzt 16 Jahre alt, wirkt aber, wie alle burmesischen Kinder, viel jünger. In einem Jahr macht er seinen Abschluss an der Dorfschule in Thanlyin; was er danach machen möchte, weiß er noch nicht. Studieren oder arbeiten, das sind die Optionen.

Die Mädchen freuen sich über den Besuch, springen vom Beten auf, falten die Hände und grüssen auf burmesisch. Vier von ihnen fragen, ob sie mir ihr Waisenhaus zeigen dürfen und führen mich durch Schlafräume, Betraum, Bastel- und Badezimmer. Alles ist sauber und ordentlich – und die Mädchen weitaus interessierter und eloquenter als mein Sohn, der etwas unschlüssig vor der Tür wartet.

Ich spüre, dass mein Kopf hochrot und mein Shirt durchgeschwitzt ist, als wir uns wieder auf den Rückweg machen. Die heiße und feuchte Witterung ist nicht meins: ich freue mich, als ich wieder im akklimatisierten Auto sitze und die 70minütige Fahrt zurück nach Yangon antrete.

28.4.2018

Unterwegs.

They are ugly, ruft der Junge. Nooo, they are beautiful, sage ich, wir lachen, inklusive mein Fotomotiv, vier Mädchen, die festlich gekleidet sind.

Die Hochsaison ist vorüber. Das erkenne ich daran, dass ich der einzige Ausländer bin, der – zwischen einem Gewusel von Burmesen – die Shwedagon Pagode besucht. Und meinen Tiger, natürlich, meinem buddhistischen Zeichen.

Neugierig werde ich angeschaut, schüchtern um Fotos gefragt, wir haben Spass. Die Shwedagon Pagode ist einer meiner Lieblingsorte.