16.05.2019

Was glücklich macht.

Wir tanzen. Die Masse bebt im Rhythmus der Musik, ein Meer aus Armen reckt sich in die Luft, das Licht, die Farben ändernd, wandert über die Musiker und das tanzende Publikum, das Leo, ein „Too many“ rufend, mit einem frenetischen „Zooz“ antwortet.

Rechts aus dem Augenwinkel sehe ich die circa 75-jährige Frau, die mit mir schon am Eingang gewartet hat und der man eigentlich einen Stuhl vorn an die Bühne gestellt hatte, lachen und tanzen. Daneben eine Gruppe punkiger Mädchen mit zerrissenen schwarzen Netzstrümpfen, kurzen Röcken, knappen Shirts, bunt gefärbten Haaren und wild geschminkt, etwas weiter links ein paar amerikanische Jungs in Jeans und T-Shirt, dann wieder ein paar ältere Jazz-Fans, rechts von mir ein Holländer mit Ohrstöpseln und starrem Blick auf die Bühne, ein anderer mit Glatze und begeistert lachend, links von mir ein sehr sympathisches Amsterdamer Pärchen, mit dem ich schon vor dem Konzert ins Gespräch gekommen bin; nun tanzen wir gemeinsam in der ersten Reihe direkt vor der Bühne, strahlen uns an und rufen uns zu, wie grandios dieser und jener Song ist, lachen über die Choreografie, die es überraschender- und stellenweise gibt und über Leos Gesangsversuche. Saxophon spielen kann er besser.

Ich bin glücklich, hier in Amsterdam nachts im Club, vor mir auf der Bühne die Band, die nicht nur musikalisch einfach grandios ist, sondern auch kommuniziert, wie dankbar sie ist, genau jetzt hier zu sein und das zu tun, wozu sie Lust haben: Live your life. Life is now.
Genau hierher passen die Statements, genau hierher zu dem Abend und der Band, die mich vor zwei Jahren per live-stream virtuell mit in die New Yorker U-Bahn genommen hat, wo sie Tag für Tag spielten und ich für einige Momente vergessen konnte, dass ich mit Fatigue und einer Strahlentherapie geschafft in der Wohnung lag. Und deren Konzertbesuch im August 2017 in Berlin, in einer Dienstag Nacht, mein erstes erklärtes Ziel war, was ich ansteuern würde, denn bis dahin wollte ich gesund sein.

Was für ein wilder, wunderbarer Abend, was für ein Glück, dabei sein zu dürfen.

13.05.2019

Zuhause.

18.00h

Koffer gepackt. Geduscht. Haare gewaschen. Blumen gegossen. Taxi für 4.30h vorbestellt. Handies aufgeladen. Müll weggebracht. Reiseproviant vorbereitet (2 Kürbisbrötchen, 2 Wurzeln, Nüsse).

21.00h

Tickets und Hotel gecheckt. Koffer umgepackt. Das erste Reisebrötchen aufgegessen.

Das fängt ja gut an.

09.05.2019

Zuhause.

Ich überlege, ob ich über Kreuzblütler (dazu gehört mein Hassliebe-Gemüse Brokkoli) schreiben soll.

Ich überlege, ob ich über die Meditation am Dienstag berichte, bei der nur mein Lehrer und ich anwesend waren und wir beide feststellen mussten, wie wunderbar diese 90 Minuten sind, in der wir in die Stille abtauchen, während draussen das Leben tobt.

Ich überlege, ob ich darüber schreibe, dass mir heute ein Kapitän ein Foto seiner Tomaten- und Gurkenplantage geschickt hat, die er auf der Brücke (sprich: seinem Arbeitsplatz oben auf dem Schiff) angelegt hat, was ich zwar einerseits sehr kreativ (und gesund) finde, was andererseits aber nicht geht, da die Fenster auf der Brücke zum Rausgucken sind, damit man nicht überraschenderweise gegen einen Eisberg donnert und nicht für wild rankende Gewächse, die einem die Sicht  auf eben jenen Eisberg nehmen könnten.

Ich überlege, ob ich erzähle, dass ich am Samstag ein Interview mit einem französischen Autor führen werde, der den Prix Goncourt, den renommiertesten Literaturpreis Frankreichs, erhalten hat. Ich bin gespannt auf meinen Gesprächspartner, den ich in einem Café treffen werde. Da mein Französisch zu schlecht ist und seine Deutschkenntnisse nicht für ein Interview reichen, haben wir uns auf englisch geeinigt. Nur die Fragen, die ich ihm stellen werde, die habe ich mir noch nicht überlegt.

Ich überlege, ob das so intelligent war, mich morgen nach dem Schwimmen im Gewühl des Hafengeburtstags mit meinen Schwestern im Herzen zu verabreden. Wir haben uns schon lange nicht mehr getroffen. Ich bin gespannt, wie es ihnen geht.

Am meisten überlege ich aber, was ich am kommenden Dienstag Abend zum Konzert in Amsterdam anziehen möchte; mein Lieblingssaxophonist hat gerade wieder gelbgefärbte Haare, da könnte ich passend dazu den kurzen gelben Rock anziehen. Oder doch eher Jeans, T-Shirt und Trainingsjacke?

Ich überlege…

Das bin ich (anonymisiert) mit meiner Lieblingsband 2018. Auch dort trug ich schon den gelben Rock, passend zu Leos gelben Haaren.
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05.05.2019

Zuhause.

Zehn große Tüten Chips zähle ich auf dem Band an der Kasse, dazu legt der Mann – etwas Abwechslung muß sein – noch Fertigfrikadellen und ein Currywurstgericht. Von diesem Mann trennt mich nicht nur der Warentrenner, denke ich und lege den griechischen Joghurt und die Mango auf’s Band. Mangos gibt es nicht auf dem Biowochenmarkt, auf dem ich am Samstag meinen Großeinkauf tätige.

Chips esse ich eigentlich gern, zählen aber bei mir zu den Todsünden (krebserregend) und werden entsprechend nicht gekauft. Das kritische Nachfragen bei einem Hersteller, der seine gesunden Linsenchips angepriesen hat, ergab, dass auch diese frittiert und somit auch nicht besser sind als die herkömmliche Kartoffelvariante.

Ich beschliesse, in Eigenproduktion zu gehen und finde ein Rezept (welchem ich natürlich nicht folge), in dem man Chips aus roten Linsen herstellt.
Klingt gut, schmeckt ok, mehr allerdings auch nicht (note to myself: Dir fehlten ja auch  Zutaten).
Ich kaufe weitere Zutaten ein, wähle ein anderes Rezept (dem ich auch wieder nicht folge) und gehe in die zweite Produktionsrunde.
Riecht jedenfalls nach Chips, denke ich, was auch kein Wunder ist, habe ich doch großzügig meine Gewürze aus Israel – verschiedene Chilisorten, Pfeffer und Kurkuma – mit verarbeitet, was auch farblich sehr ansprechend ausschaut. Dazu noch frische Zwiebeln, Knoblauch, Tomatenmark, etwas Weinessig und die roten Linsen, die ich vorher erst in Wasser habe quellen lassen, um sie danach noch in einer Gemüsebrühe zu köcheln; zumindest die Zutaten sind alle auf der guten Liste, was Krebsernährung angeht.
Ofenphase 1 läuft. Ich bin gespannt. Die Chips sind weich. Geschmacklich aber nicht schlecht.
Ofenphase 2 läuft. Ich sitze vorm Ofen und schaue zu, ob sich etwas tut. Dabei esse ich Nüsse aus meiner Nusssammlung, die mittlerweile ein ganzes Regal im Schrank füllen. Nüsse sind immer gut. Und schmecken. (note to myself: wenn Du jetzt die Nüsse isst, brauchste auch keine Chips mehr).
Man kann das essen, es schmeckt auch etwas nach Chips, zumindest nach Chili aber die Konsistenz ist katastrophal. Fail, denke ich. Absolute fail.

Dafür war die erste selbstgemachte rote Rhabarber-Erdbeergrütze ein kulinarischer Erfolg. Und die Sportwoche sowieso.

Montag: Taiji-Class ✔️
Dienstag: Taiji-Class ✔️
Mittwoch: Schwimmen ✔️ Taiji at home ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Alsterwanderung ✔️

Fail 1

Fail 2

Dessert kann ich aber gut.

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mein normaler Einkauf  (sieht doch fast aus wie in den Ernährungsbüchern)

30.04.2019

Unterwegs.

Und – was macht ihr am 1. Mai?, möchte unser Lehrer am Dienstag Abend nach dem Taiji-Training von uns wissen.

N.: Bogenschießen!
K.: Joggen!
C.: Crosstrainer!
Ich: Schwimmen!

Wir Taiji’ler sind so richtige Partymäuse 😉

Aber wir haben heute im verwunschenen Garten des Psychologenhauses wieder viel zusammen gelacht.
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29.04.2019

Unterwegs.

Die Sonne schien, da sie keine Wahl hatte, auf nichts Neues.
Samuel Beckett, Warten auf Godot.

Die Sonne scheint auf den Park mit den hohen Kastanienbäumen, sie sinkt langsam tiefer und taucht die Blätter und Gräser in sanftes Licht. Um die Bäume laufen Kinder, sie spielen Fangen mit einem bunten Ball. Die Haare der Mädchen flattern, es ist so warm in der Abendsonne, dass sie nur T-Shirts und Röcke anhaben. Sie lachen, das Lachen weht zu uns hinüber in den alten Turnsaal, dessen hohe Fenster weit geöffnet sind.
Ich lächele, während die Szenen draußen an mir vorbeiziehen, die tobenden Kinder, der Mann im Rollstuhl, die beiden Frauen, die kurz vor dem Fenster halten und neugierig hineinschauen.
Eigentlich sollte ich meine Augen bei der Stehenden Säule, die wir gerade im Taiji-Unterricht praktizieren, geschlossen haben. Du kannst Deine innere Balance nicht finden, wenn Du die Augen bei der Übung geöffnet hast, hat mein lieber Freund mal zu mir gesagt. Ich habe das letzte Woche versucht; im Gym auf dem Stepper und im Pool des schicken Spa’s; ich war neugierig, wie sich das anfühlt, mit geschlossenen Augen Bahnen zu ziehen und mich auf dem Stepper zu bewegen und ob ich dabei meine Mitte finde ohne ins Wanken zu geraten bzw. die Bahn zu verlieren (funktioniert genauso wie bei der Meditation, man muss sich auf den Atem konzentrieren, dann findet man die innere Balance).

Jetzt mag ich meine Augen nicht schließen, viel zu schön ist es, in den Park zu schauen, das wechselnde Licht und die Bäume zu sehen. Außerdem habe ich noch den süßen Geschmack des Kekses im Mund, die F. nach dem Aufwärmen angeboten hat. Es geht mir gut, denke ich, genau hier und jetzt möchte ich sein, genau hier und jetzt mich über den Keks freuen und über das Lachen und Kreischen der spielenden Kinder und den Korrekturen meines Lehrers nachspüren.

Die Sonne scheint immer noch, als ich den Rest des Heimweges zu Fuß antrete, sie steht jetzt ganz tief über dem Hafen und färbt den Himmel rot.

Ich lese noch etwas in dem Buch über Ernährung, welches C. mir geliehen hat.
Wenn wir begreifen, was Krebs ist, dann werden wir erkennen, dass diese Krankheit ein furchtbarer Feind ist, dem wir mit großem Respekt begegnen müssen, damit er uns nicht besiegt.

Die Sonne scheint nicht mehr.

Aber morgen wird sie wieder scheinen, wenn wir im verwunschenen Garten des Psychologenhauses Taiji trainieren, draußen zwischen den Rhododendren und dem blühenden Apfelbaum, den Blumen und den Büschen; wir werden uns in Achtsamkeit üben und stärken und uns nicht besiegen lassen.

22.04.2019

Unterwegs.

C: Asterix ✖️

A: Obelix ✖️

N: Rest ✖️

Abends im Pyjama im Bett liegen und mit meinen kleinen Zwillings-Patenkindern Asterix in Italien lesen. Die Rollenverteilung übernimmt N. C. und ich haben entspannte Abende. Erstmals wird mir klar, wie wenig Obelix zu sagen hat.

Aufwachen am Morgen unter der lachenden Piratensonne.

Bucket List: Zeit mit meinen Patenkindern verbringen ✔️

16.04.2019

Zuhause.

Ich kann nicht kochen. Ich kann nicht kochen, da es mich schlichtweg nicht interessiert, stundenlang in der Küche rumzuwerkeln um dann in viel kürzerer Zeit das aufzuessen, was man in mühevoller Kleinarbeit (und folgendem Großabwasch) zubereitet hat.
Außerdem fehlt mir dafür die Zeit; in meiner Prioritätensetzung sind Haushalt und Küche ans Ende gerutscht.

Schlimm ist das auch nicht, ich esse gern meine Eigenkreationen an frischen Salaten, die selbstgebackenen zuckerfreien Müsliriegel, Rohkost und auch Nüsse. Im Rohzustand bleiben auch die Vitamine der meist auf dem Biowochenmarkt gekauften Lebensmittel erhalten.

Das ich nicht kochen kann, scheint auch meinen Freunden aufgefallen zu sein. Zum Geburtstag habe ich ein Kochbuch und somit den Wink mit dem Zaunpfahl bekommen.
Ich entscheide mich dafür, daß meine Freunde mich nicht auf meinen Makel aufmerksam machen, sondern mir etwas Gutes tun wollen: das Kochbuch gefällt mir. Es ist idiotensicher, die Rezepte lassen sich schnell zubereiten, und man saut nicht die ganze Küche ein.

Wenn man ein Rezept aufschlägt, ist dort erstmal ein großes Farbfoto des jeweiligen Gerichts zu sehen. Die Autorin geht auf Nummer Sicher (sie kennt ihre Zielgruppe). Es folgt der übersichtliche Einkaufszettel und dann das Beste: auf eine Doppelseite sind die Zutaten akkurat und strukturiert aufgemalt, darüber legt man ein Backpapier, die Zutaten aus dem Buch scheinen durch, und man packt das geschnittene Gemüse, Obst usw. einfach obendrauf. Dann kippt man etwas Olivenöl und Gewürze drüber, macht aus dem Backpapier ein Päckchen, bindet es zu, und ab in den Ofen. Fertig.

Das ganze ist so simpel, daß ich mich beim ersten Rezept circa 80% an die Anleitung gehalten habe (ich bin da eher der lockere Koch), ab Rezept Nummer 2 habe ich meine Päckchen selbst kreiert. Geht super. Schmeckt prima.
Und ist eine schöne Alternative zu Rohkost, Salaten und Gemüsepfanne.

Ich kann zwar immer noch nicht kochen, aber meine Kreationen sind hübsch anzusehen und lecker und gesund. Derweil ist die Küche immer noch in einem begehbaren Zustand.

14.04.2019

Unterwegs.

Links von mir liegt der weiße Altbau, ich biege ab und gehe hinein. Nicht nach vorn gucken, mahne ich mich; dort lauern schlechte Erinnerungen. Im Erdgeschoss ist der Eingang zur Praxis des Frauenarztes, der mir vor zwei Jahren eine Überweisung mit den Worten „Verdacht auf Mammakarzinom“ in die Hand gedrückt (ohne das vorher im Gespräch zu thematisieren) und mir dann gleich noch eine Adresse für den falschen Radiologen mitgegeben hat („wir machen seid Jahren keine Mammographien mehr“ sagt die med. Assistenz, als ich eine Woche später zum Termin erscheine. Momente, die ich nie vergessen werde).

Heute muß ich in den zweiten Stock, dort sitzt die Hautärztin, bei der ich auch vor zwei Jahren einen Termin zur Krebsvorsorge hatte und den ich fast abgesagt hätte, da ich in dem Moment nicht davon ausging, dass ich den noch brauche (ich war im Katastrophenmodus).  Im Nachhinein war es gut, dass ich hingegangen bin, da es eine sehr emphatische und eloquente Ärztin ist, die sich auf De-Eskalation versteht und das Thema Brustkrebs mit mir durchgesprochen hat.

Gut sehen Sie aus, sagt sie heute zu mir und schaut mich an. Sie korrigiert sich. Sie sehen sehr gut aus. Ich freue mich, sie möchte wissen, was seit dem letzten Besuch alles so passiert ist. Ich fange an zu erzählen. Von dem Leben im Jetzt. Von den Reisen. Von Sport und Meditation. Von gesunder Ernährung. Von der Wertschätzung jedes Tages. Davon, daß ich gesund bin. Davon, daß ich das Drama als positives Ereignis sehen kann und mein Leben viel bewusster lebe.

Morgens fahre sie immer mit dem Fahrrad zur Arbeit, an der Alster längs, erzählt sie mir. Und heute habe ein kleiner Laster mitten auf der Straße gehalten. Das habe sie gewundert. Den Fahrer habe sie dann am Alsterufer ausgemacht. Er machte Fotos. Weil es ein so wunderschöner Sonnenaufgang war.
Wir sind auf einer Wellenlänge und tauschen uns weiter aus, dazwischen prüft sie akribisch die Muttermale, Arme hoch, Fußsohlen zeigen, alles ist gut. Ich setze mich wieder hin, unser Gespräch ist noch nicht zu Ende.
Als ich die Praxis verlasse, schaue ich auf die Uhr. 30 Minuten hat unsere Unterhaltung gedauert, abends um 18.30h, und ich war nicht die letzte Patientin. Aber eine fröhliche (das steht jetzt auch bei ihr im PC).

Außerdem werde ich wieder vierteljährliche Brustkrebs-Nachsorgetermine haben, so wie es im Leitlinienprogamm Onkologie zu finden ist. Einerseits gefällt es mir, dass die Ärzte glauben, dass ich gesund bleibe (das glaube ich selbst auch) – aber da ich bis heute ratlos bin, wieso ich einen beidseitigen Brustkrebs und somit gleich zwei Tumore bekommen habe, möchte ich lieber auf Nummer Sicher gehen und die kürzeren Intervalle einhalten.

Seit Anfang April ist Taiji wieder im verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Das Thermometer zeigt 5 Grad, wir kämpfen uns durch 90 Minuten an der sehr frischen Luft. Zum Glück habe ich meine Skiunterwäsche untergezogen. Dafür hat C. Handschuhe dabei.
Trotz der Kälte finden wir es schön, wieder draußen in unserem Garten zu trainieren.

Dienstag: Taiji ✔️
Mittwoch: Hometraining ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Taiji ✔️

07.04.2019

Unterwegs.

Mein Körper ist von der Reise zurückgekommen. Meine Seele ist zurückgeblieben. Verloren gegangen irgendwo in der Wüste, oben auf dem Berg bei Masada, im Gewühl des arabischen Bazars in Jerusalem, im Olivenbaumgarten in Beit Jala im Westjordanland, am Strand von Tel Aviv, im persischen Garten von Haifa, im Toten Meer.

Es fühlt sich unwirklich an. Vor 24 Stunden habe ich vor der Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg im Regen gestanden, jetzt stehe ich in Hamburg auf dem Isemarkt und kaufe frisches Obst und Gemüse.

C. bringe ich zur Meditation Gewürze aus Jerusalem und leere Gläser mit. Sie hat für mich ein volles Glas mit selbstgemachtem Johannisbeergelee dabei.

Ich habe mir ein Gewürzregal gekauft und fülle meine mitgebrachten Gewürze aus Tüten und Dosen in Glasbehältnisse um. Sieht super aus, ist eine Schweinerei. Am Ende sind alle 18 Gläser mit scharfem Chili, süßem Chili, Kreuzkümmel, Muskatnüssen, Salz, Kardamom, Kurkuma usw. befüllt.

Ist etwas verwischt? fragt mich G. im Aussenbecken des öffentlichen Bades. Sie hat eine Welle abbekommen und fürchtet um ihr Make-Up. Ne, sieht alles noch gut aus, antworte ich. Nachdem ich am Mittwoch nur Hyazinth, den kleinen Spanier, im Bad angetroffen habe, ist am Freitag meine Schwimmfreundin wieder mit am Start. Letzte Woche sei sie 81 Jahre alt geworden, erzählt sie fröhlich. Ich gratuliere ihr zum 62igsten, älter sieht sie wirklich nicht aus. Sie freut sich, wir schwimmen gemächlich und plaudernd den rosablühenden Bäumen entgegen.

Samstag Nacht wache ich auf. Es ist dunkel, die Uhr zeigt 4h an. Trotzdem bin ich hellwach. Allerdings auch kein Wunder, wenn man bereits um 20.30h todmüde ins Bett gefallen ist. Ich checke emails und die gängigen social media accounts, um 5h bin ich immer noch wach und schaue Schuhe im Onlineshop. Vier Paar schaffen es in den Warenkorb. Nur nicht auf „kaufen“ klicken!, warne ich mich. Nachts habe ich grundsätzlich eine andere, eine extremere Wahrnehmung.
Um 9h habe ich nach reiflicher Überlegung ein Paar Schuhe auf „Merkzettel“ zurückgestuft und nach weniger reiflicher Überlegung die restlichen drei Paar bestellt. Ich rede mir gut zu, die Schuhe sind nicht tragisch teuer, aber gesundheitsbequem und schick, sie sehen nach Frühling aus und eigentlich habe ich nicht viele Schuhe. Ich überlege, zu welchen Hosen und Röcken ich sie kombinieren könnte und stelle fest, dass ich eigentlich auch noch die Hosen erwerben müsste, die zu den neuen Schuhen passen würden. Ich rolle innerlich mit den Augen.

Am Sonntag bin ich Punkt 10h im Bad, eine ehemalige Kollegin kommt mir entgegen, obwohl das Bad eigentlich erst um 10h öffnet. Frühschwimmerclub, klärt sie mich auf, da könne man ab 7h morgens schwimmen. Morgens um 7h bin ich noch nicht schwimmbereit (da kaufe ich ja online Schuhe), aber mein Erfolgserlebnis, die erste im Aussenbecken zu sein, tritt somit nicht ein: viele Frühschwimmer sind unterwegs, keine G., kein Hyazinth, nicht mal Walross 1 und Walross 2 sind im Becken auszumachen. Trotzdem bin ich begeistert, die Sonne scheint, lässt das Wasser glitzern und mich ihr entgegenblinzeln.
Später lese ich noch im Garten unter den blühenden Magnolien.
Und irgendwie ist nun auch meine Seele wieder ein Stückchen näher gekommen.

Montag: Tempelberg, Supersprint durch den Münchner Flughafen ✔️
Dienstag: Stretching/Meditation ✔️
Mittwoch: Schwimmen ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

03.04.2019

Logbuch Israel – Epilog.

Was bleibt.

Interessante Einblicke in so unterschiedliche Welten, die sich in einer vereinen.
Ein Fahrstuhl am Freitag, dessen Knöpfe man nicht drücken kann und der in jeder Etage hält und in dem ein Stuhl steht.
Geschirr für den Morgen und Geschirr für den Abend, streng auseinander gehalten.

24 Kilometer von Ramallah entfernt, 20 Kilometer vom Gazastreifen, 5 Kilometer von Syrien, 10 Meter von Jordanien, auf dem Tempelberg vor der Al-Aqsa-Moschee und auf den Golanhöhen gestanden.
An geschichtsträchtigen Orten zu sein, die ich bisher nur aus den Nachrichten kannte und zu denen ich nun eine Beziehung aufbaue und sie versuche zu verstehen.
Rosa blühende Pfirsichbäume, Rapsfelder, Mohnblumen und Olivenhaine auf den Golanhöhen. Unter mir der See Genezareth. Ein scheinbares Paradies, in dem sich Stacheldraht und Bunker verstecken.
Masada in unendlicher Wüste gelegen, oben auf dem Berg  im gleißenden Sonnenlicht.
Im Toten Meer baden.
Durch den persischen Garten zum Bahai-Tempel in Haifa spazieren.
Wandern auf dem Jesus-Trail.

Hunderte weißgewandete Christen, die sich in den schmutzigen Jordan stürzen, um sich dort wie Jesus taufen zu lassen.
Der Ruf des Muezzin über Jerusalem.
Kirchenglockengeläut.
Klezmermusik und fröhlich tanzende Juden, die zum Fest an die Klagemauer ziehen.
Jüdische Frauen mit Perücken und turbanähnlichen Kopfbedeckungen, verhüllt in züchtiger Kleidung.
Moslimische Frauen, verhüllt in schwarze Gewänder.
Große Holzkreuze, die man sich mieten kann, um damit die Via Dolorosa in Jerusalem zu beschreiten, wie Jesus.

Das österreichische ehemalige Hospiz, das mitten in Jerusalem liegt und so etwas wie ein Heimkommen bedeutet, heim zu Kaffee und Sachertorte und warmen Apfelstrudel.
Köstliches Essen in Israel und Palästina, so viele Salate, so viel Gemüse, so viel Obst und so viel Kuchen. Gewürze, die ich im arabischen Bazar und dem Mahane Yehudi-Markt kaufe.
Falafel – unser Highlight zum Mittagessen.
Ein wunderbares Picknick zwischen Olivenbäumen und Kakteen.

Schöne Gespräche und Wunscherfüllung-Freizeit  mit meinen neuen Freunden.

Emotionale Momente.
Im Olivenbaum-Garten stehen von F., der Palästinenserin, der an einer riesigen Betonmauer mit Stacheldraht abrupt endet. In dem wir einen kleinen Olivenbaum pflanzen, und dem wir wünschen, dass er niemals ausgerissen wird. Zur jüdischen Siedlung blicken, die hinter der Mauer liegt.
Yad Vashem. Der dunkle Saal mit den fünf Kerzen, die sich in den Spiegelwänden vervielfältigen und die unerträgliche Dimension des Holocausts und der vielen getöteten Kinder widerspiegelt.
Jüdische Kinder auf dem Dach spielend, hinter Stacheldraht, abgegrenzt vom arabischen Viertel.

Was bleibt, ist außerdem J. Er bleibt in Jerusalem im Krankenhaus. 15E, sein Platz im Flieger, bleibt leer.

Ende

01.04.2019

Logbuch Israel – Tag 11

Es ist 7.50h. Wir stehen im Gedränge und im strömenden Regen vor der Sicherheitskontrolle, die das jüdische Viertel vom Tempelberg trennt. Der Tempelberg ist das Heiligtum der muslimischen Welt, hier stehen die Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom, dessen goldene Kuppel eines der prägnantesten Wahrzeichen von Jerusalem ist.

Wir müssen unsere Taschen ausleeren, Gebetsbücher und Kultgegenstände anderer Religionen dürfen nicht mit zum Tempelberg. Am Tempelberg brechen öfters Unruhen aus; Juden wurde das Zelebrieren von Schlachtopfern auf dem Tempelberg verboten, was Teil einer liturgischen Übung zum Bau des Dritten Tempels sein sollte. Auch hat man bereits die Pläne für den Bau sowie die Innenausstattung organisiert. Ein schwerer marmorner Grundstein für den neuen Tempel wurde bis zur Stadtmauer transportiert: den Grundstein wollte eine Gruppe fundamentalistischer Juden auf dem Tempelberg vergraben. Dass das von der arabischen Welt nicht geduldet wird, war vorhersehbar. Vorsorglich hat man den Felsendom Stück für Stück abfotografiert, um ihn im Ernstfall – eine Sprengung – wieder aufbauen zu können.

Während wir im Regen warten, zieht eine jüdische Familie an uns vorbei, lachend und tanzend, sie singen Hevenu Shalom Alechem und werden von Musikern begleitet. Die Gruppe ist auf dem Weg zur Klagemauer, wo sie heute Bar Mitzvah feiern werden.

Jeden Tag gibt es eine kleine Überraschung von der Reiseleitung: mal ist es frischer Granatapfelsaft, mal arabisches Sesambrot mit salzigem Sanar-Gewürz zum dippen, heute sollte es eigentlich das lang ersehnte Eis werden. Wir stehen mittlerweile vor der Klagemauer (enttäuschend auf der Seite, wo die Frauen hindürfen), nicht nur die Temperaturen sondern auch die Stimmung geht ihrem Tiefpunkt entgegen. Wann können wir zurück zum Bus? wird nicht nur ein Mal gefragt. Eis möchte niemand mehr. Die Reiseleiterin lädt uns in ein kleines Café ein, meine kalten Finger umschliessen die Kaffeetasse, die endlich etwas Wärme bringt. K. und ich teilen uns (mal wieder) ein sehr leckeres Stück Kuchen, das aus Paranüssen, Walnüssen und Schokolade besteht und warm aus dem Ofen kommt.
Ich habe Bedenken, mich zuhause auf die Waage zu stellen; meine Outdoor-Hose, die ich eigentlich für schlechtes Wetter dabei hatte, musste bereits unangezogen im Koffer bleiben, da weder der Knopf noch der Reissverschluss zugehen.

Auf einem Berg in der Nähe der Stadt gibt es ein letztes Glas Rotwein (ich verzichte), dann geht es Richtung Tel Aviv und zum Flughafen.

Der Flug von Tel Aviv nach München hat über 30 Minuten Verspätung, als wir landen, habe ich noch 10 Minuten bis zum Boarding der Anschlussmaschine nach Hamburg. Aus meiner Reisegruppe bin ich die Einzige aus Hamburg; ich spurte mit zwei jungen Israelis, die eine Reihe vor mir im Flieger gesessen haben, los. Ab und an treffen wir auf Flughafenpersonal, die Gate-Änderungen unseres Fluges hochhalten und hektisch in die eine und die andere Richtung zeigen. Wir passieren zwei (!) Ausweiskontrollen und eine Kontrolle fürs Handgepäck, ich laufe weiter und weiter, ich schwitze und bekomme kaum noch Luft. Am Gate ist niemand mehr zu sehen, aber das Lesegerät nimmt mein Ticket noch an, ich renne zum Flieger, geht der nach Hamburg? Ja, antwortet die Stewardess, dann lasse ich mich in Reihe 5 auf meinen Platz fallen. Ich bin am Ende.

Nach 10 Minuten erscheinen meine israelischen Sportskollegen, sie blicken mir anerkennend entgegen. First, rufe ich. Die Daumen gehen nach oben. Meine Stimmung auch. Als Belohnung für diese sportliche Höchstleistung bestelle ich ein halbes Glas Weisswein und esse die kleine Tüte mit den Chips.

Morgen geht es auf die Waage. Und auf den Isemarkt um Gemüse und Obst zu kaufen.

31.03.2019

Logbuch Israel – Tag 10

Sieben Grad. Es giesst in Strömen. Der Himmel liegt bleiern über dem großen steinernden Platz.

Wir gehen langsam durch den dunklen Gang, der nur von fünf Kerzen beleuchtet wird, die sich in zig tausenden Spiegeln vervielfältigen und dem Raum eine unglaubliche Dimension geben. Vom Band ertönen Namen. Drei Monate dauert es, bis alle 1,5 Millionen Namen, Alter und Herkunftsländer verlesen sind. Es sind die Namen von 1,5 Millionen jüdischen Kindern, die im Holocaust ermordet wurden.

Während ich durch das Flackern der Lichter gehe, streichen die Finger meiner rechten Hand über den kleinen Zweig eines Olivenbaumes, den ich gestern im Garten Gethsemane in die Jackentasche gesteckt habe. Ich bin froh, den Zweig in der Tasche zu haben. Es ist gut, sich an etwas festhalten zu können.

Heute besuchen wir Yad Vashem, Gedenkstätte für die Opfer des Holocausts. Ein weiterer emotionaler Moment dieser Reise.

Das Museum erspare ich mir, nach dem Gedenksaal für die Kinder gehe ich erstmal einen Tee trinken.

Auf dem Mahane-Yehuda-Markt kaufen wir Gewürze, Nüsse und Brot, danach ist Freizeit. A., S., K. und ich nehmen das Damaskustor in die Altstadt, wir schlendern nochmal durch das arabische Viertel und den Bazar, der abrupt endet und in den jüdischen Teil übergeht. Eine unsichtbare Grenze trennt das laute Treiben der überfüllten Stände mit Schals, Früchten, Schuhen, Gewürzen, Tees und Schüsseln von Kunsthandel und edlen Silbergeschäften auf der anderen Seite.

Nachdem K. dreimal erwähnt hat, dass sie zu gerne noch einen Apfelstrudel essen würde und wir alle einen guten Kaffee trinken möchten, landen wir wieder im österreichischen ehemaligen Hospiz. Das nächste Mal sollten wir zusammen nach Österreich fahren.

30.03.2019

Logbuch Israel – Tag 9

Könnt ihr mich alle hören? Wir gehen rechts rum, rechts! An der Absperrung (schschhhhhssshhrauschen) vorbei, rechts, die Treppe (schschschhhhhhhrauschen) hoch!!

Letzte Worte aus dem Audio-Guide, bevor die Verbindung zur Reiseleitung abbricht. Statt im Gedränge zwischen Tausenden Gläubigen zu versinken, mache ich am Eingang der Grabeskirche in Jerusalem kehrt und setze mich am Vorplatz auf die Stufen in die Sonne. Ich entdecke R., L. und K., die ebenfalls keine Lust auf die Menschenmassen haben. Jetzt einen Kaffee, sagt R. Und ein Stückchen Apfelstrudel, ergänze ich. Das hätte es im österreichischen ehemaligen Hospiz gegeben, aber wir durften nur auf die Dachterrasse und den Blick über Jerusalem bestaunen.

Wir warten. Punkt 14.45h – auf die Deutschen ist Verlass – kommt der Rest der Gruppe aus der Grabeskirche. Endlich frei, das erste Mal seit Beginn der Reise! Die freie Zeit verbringe ich mit A., K. und S., wir haben jeder einen Wunsch frei. Ich wünsche mir den Apfelstrudel in Österreich, wir kämpfen uns zurück durch die Menschenmassen und den Bazar des arabischen Viertels.

Bei Strudel, Caffe Latte und Sachertorte überlegen sich die anderen Drei, was sie sich wünschen könnten. Shopping! Wir werfen uns wieder ins Getümmel des Bazars und kaufen Schälchen, Schals, Gewürze und geschnitzte Kamele. Endlich sich im eigenen Tempo treiben lassen, das mag ich ja gern.

Ausserdem mag ich K., A. und S. sehr gern, die sich auch für gesunde Ernährung begeistern und sogar fasten. Da jetzt aber Urlaub ist, teilen wir uns am Abend zu Dritt 15 verschiedene Kuchen und Desserts.

Am Vormittag waren wir im Übrigen in mindestens fünf weiteren Kirchen (in einer haben wir gesungen…) und auf dem Ölberg sowie gestern in Bethlehem in der Geburtskirche, damit ist mein Bedarf an Kirchenbesuchen für dieses Jahr gedeckt.

Was sonst noch? Bei der etwas ambitionierten Wanderung über glitschige Felsen gab es einen Kollektivsturz der Luxemburger, zum Glück nur ein paar Schrammen. Und J.? Der liegt noch im Krankenhaus, nachdem die Ärzte eine Lungenentzündung diagnostiziert haben.

29.03.2019

Logbuch Israel – Tag 8

Die Nachbarn riefen, da sind Soldaten und Bagger in eurem Garten! Wir trommelten unsere Familie und Freunde zusammen und rannten los.

Die Olivenbäume müssen weg, sagen die Soldaten. Hier kommt eine Mauer hin.

Wisst ihr, wie lange es dauert, bis ein Olivenbaum Früchte trägt? Eine Generation! Die Bäume sind mit uns gewachsen!

Wir stellen uns schützend vor unsere Bäume. Ich erkenne einen der Baggerfahrer. Warum tust du das? schreie ich.

Weil ich meine Kinder ernähren muss. Wenn ich es nicht mache, holen die Israelis jemand anderen. Es tut mir leid.

Wir weinen, als die Bagger unsere Bäume ausreissen.

F., palästinensischer Tourguide im Westjordanland

Heute nimmt uns F. mit zu sich nach Hause. Wir essen dort, sie erzählt uns ihre Geschichte, wir lernen die andere Seite kennen. Wir fahren zu dem übriggebliebenen Garten. Er grenzt an eine hohe Betonmauer mit Stacheldraht. Hinter der Mauer liegt eine jüdische Siedlung.

Heute pflanzen wir einen neuen Olivenbaum in ihrem Garten. Und wünschen ihm, dass er niemals ausgerissen wird.

28.03.2019

Logbuch Israel – Tag 7

Wenn ich im Beduinensupermarkt für eine Banane, zwei Schokoriegel (Rex und Pokemix) sowie eine Haarbürste 10 Schekel (Euro 2,50) zahle.

Wenn ich nach sieben Tagen endlich wieder eine Bürste habe (im Gepäck hatte ich nur einen zusammenklappbaren Kamm von einer Airline).

Wenn wir bereits um 9.00h die erste Ausgrabungsstätte in Tel Arad besichtigen. Das Wetter spielt mit.

Wenn wir aus Sicherheitsgründen Umwege fahren. Der Gazastreifen liegt 20 Kilometer von uns entfernt. Die Straße über Hebron ist unsicher.

Wenn wir mittags in die Höhlen von Bet Guvrin-Maresha hinabsteigen.

Wenn wir durch Wiesen und Felder wandern.

Wenn wir zwischen Olivenbäumen und Kakteen ein Picknick ausbreiten. Mit Tischdecke.

Wenn wir ein Weingut besuchen und israelische Weine verköstigen.

Wenn wir J. ins Krankenhaus in die Notaufnahme bringen müssen. Seit gestern hat er Husten, Fieber und kann nicht mehr schlucken. Der 85-jährige trinkt nicht und ist schwach. Die Ärzte unter den Mitreisenden kümmern sich gut um ihn und raten abends an, ihn ins Krankenhaus zu bringen. N., unser local guide, bleibt bei ihm.

Wenn wir beim Abendessen festellen, dass ich im Hotel eine Suite mit Blick auf Jerusalems Altstadt bekommen habe, während meine Mitreisenden auf Garagendächer schauen und gelbe Badezimmertüren haben.

Wenn sich die andere Reisegruppe im Hotel an die falschen Tische setzt, die schon für’s Frühstück vorbereitet wurden und die Kellner panisch das Geschirr wegräumen. Ein koscheres Hotel muss für die Mahlzeiten unterschiedliches Geschirr haben. Auf Geschirr, auf denen Milchspeisen lagen, darf kein Fleisch aufgefüllt werden und umgekehrt. Morgens gibt es Milchprodukte. Und abends gibt es Fleisch.

Wenn ich die Abendtour ausfallen lasse, um mal für mich zu sein und mich in die Bar setze. Ich muss die ganzen Eindrücke sortieren. Die Reise ist intensiv. Und eine der schönsten, die ich bisher gemacht habe.

27.03.2019

Logbuch Israel – Tag 6

Wenn man nur flüchtig das Reiseprogramm liest und sich auf einen ruhigen Spaziergang durch alte Gassen eines kleinen Ortes freut, kann es passieren, dass sich Mesada als antike Palastfestung des König Herodes mitten in der Wüste herausstellt. Das ich entsprechend überrascht bin, sage ich niemanden. Wir sind heute Nachmittag in der Wüste gelandet, es ist heiss, die Sonne brennt. Mit der Seilbahn sind wir den Berg zur Festung hinaufgefahren, abwärts werden wir über die Römerrampe hinuntersteigen. Die Wanderelemente dieser Reise mag ich ganz gern.

Heute Vormittag haben wir Steinböcke und Klippschliefer gesehen (von deren Existenz wusste ich bis heute auch nichts), Kamelherden, die majestätisch auf Bergspitzen in der Wüste stehen und einen schwarz-türkis-schillernden Kolibri.

Ausserdem waren wir im Westjordanland in Jericho, das 24 Kilometer von Ramallah entfernt liegt. Es ist spannend, auf einmal in Gegenden zu sein, über die man sonst nur in den Nachrichten hört und die ganz anders wirken als gedacht.

Mein Tageshighlight war am Vormittag: nachdem wir (in meinen Augen durchgeknallte) weissgewandete Christen bei ihrer Taufe im schmutzigen Wasser des Jordans zugeschaut haben (hier wurde auch Jesus von Johannes dem Täufer getauft) und 10 Meter weiter auf jordanischer Seite dasselbe Spektakel stattgefunden hat, waren wir am Toten Meer. Ich habe im Toten Meer gebadet!

Nachtrag: ein weiteres Highlight ist, dass es erstmalig Kaffeeweisser im Hotelzimmer gibt (dafür keinen Föhn. Man kann nicht alles haben).

26.03.2019

Logbuch Israel – Tag 5

Die Sonnenstrahlen legen sich sanft über die Berge. Überall blüht es: gelber Raps mischt sich mit Margariten und tiefroten Mohnblumen, rosablühende Pfirsichbäume wechseln sich mit Olivenhainen und hohen Palmen ab. Auf der Anhöhe 5 Kilometer weiter liegt ein Dorf, das weiß in der Sonne glitzert. Es scheint, als seien wir im Paradies angekommen.

Tatsächlich sind wir auf den Golanhöhen, die zu Syrien gehören und von Israel annektiert wurden. Das Dorf, auf das wir blicken, ist ein syrisches Dorf. Stacheldraht trennt die Straße von der pittoresken Landschaft, ‚Achtung Minen‚ steht auf den Schildern am Wegesrand. Oben auf einem Berg stossen wir auf israelische Bunkeranlagen. Ein Scheinparadies mit einer verlockend schönen Fassade, die sich wie eine Decke aus einem Blütenmeer über Gewalt und Krieg gelegt hat. Unter uns glitzert der See Genezareth in der Sonne.

Ein Überraschungsausflug, nachdem einige Mitreisende sich über den freien Nachmittag in Kinar und dem Hotel ohne nutzbaren Pool, ohne Ortschaft mit Café und ohne Strand am See beklagt hatten. Die Überraschung ist gelungen, wir schauen hinüber zu syrischen und jordanischen Dörfern, hier im Grenzgebiet der Golanhöhen.

Sind alle da?, ruft J. am Morgen in die Runde. Das fragt der Richtige, rufe ich zurück. J. ist heute ohne seine neue Kippa unterwegs, wir stehen vor der Kirche und dem Platz, an dem Jesu die Bergpredigt gehalten hat. Der ganze Vormittag läuft unter dem Motto Jesu: wir besichtigen Kapernaum, wo die Reste des Dorfes stehen, in dem Jesu und auch Petrus gelebt haben. Wir fahren nach Tabgha, dem Ort der wundersamen Brotvermehrung. Wir gleiten mit dem Boot über den See Genezareth, der spiegelglatt vor uns liegt, so als könne man über ihn laufen. Wir (also die anderen) essen Petrusfisch. Wir wandern durch Mangoplantagen. Wir überqueren den Jordan. Ich spaziere am Abend mit A. zum See, an dessen Ufer drei kleine jüdische Jungs herumplanschen und glücklich sind. Wir haben wieder einen beeindruckenden Tag.

25.03.2019

Logbuch Israel 2019 – Tag 4

Haifa Haifa, so heisst doch ein Song, sagt H. aus Hannover (!). So ähnlich, antworte ich, sie meine wohl Hyper Hyper. Meine Beziehung zu Menschen, die derartige Bemerkungen machen (und diese auch noch ernst meinen) und ausserdem Socken mit nem ‚L‘ und nem ‚R‘ tragen, ist kompliziert. Ich gehe zügig weiter.

Heute haben wir in Akko die Moschee, den Hafen und die Kreuzritterstadt besichtigt und zu Mittag am Bazar Falafel gegessen. Nach drei Tagen Falafel haben wir ein Falafel-Ranking angefangen, die heutigen nehmen #2 ein. Auch ein öffentliches-Toiletten-Ranking gibt es, das fällt in Israel sehr gut aus. Bis auf die Toiletten der griechisch-orthodoxen Kirche (keine Spülung, kein Papier und verschmutzt), liegen sie alle gleichauf mit 4,5 Punkten. Seit Tibet bin ich paralysiert, was sanitäre Anlagen angeht.

In Safed gibt es zwei Synagogen und das Künstlerviertel zu sehen, unterwegs verlieren wir J., der gesucht werden muss und nach 30 Minuten mit einer Kippa auf dem Kopf wieder gefunden wird. Danach suchen wir unseren Bus, den wir nach einem ungeplanten Marsch durch die Natur wiederfinden.

Unser staatenloser Busfahrer ist Moslem, die Reiseleiterin Jüdin, A. eine Reihe hinter mir ist Katholikin, eine Reihe weiter sitzen zwei Protestanten. Ich bin Atheist, und zusammen haben wir den Bahá’í-Tempel, die griechisch-orthodoxe Kirche und religiöse Stätten aller möglichen Richtungen angeschaut. Ein buntes Durcheinander und sehr interessant. In der Moschee müssen die Damen die Köpfe bedecken, in der Synagoge die Herren. Aber beim kulinarischen ist alles wieder im Einklang.

Unter uns liegt der See Genezareth, ein paar Kilometer weiter in Sichtweite die Golanhöhen.

Das Hotel in Kinar ist eine grosse Anlage, ich beziehe einen Garten-Bungalow mit nicht funktionierender Heizung. Der Hotelpool sei nicht nutzbar, teilt man mir an der Rezeption mit, als ich mich über die Heizung beschwere und frage, wann die Frauenbadezeiten sind. Auch einen Shop suche ich vergeblich. Dafür finde ich im Hotel eine Synagoge und einen Bunker (wobei ich unsicher bin, ob Nicht-Juden mit hineingenommen werden). Im Foyer spielen Musiker. Die Mitreisenden kehren enttäuscht vom See zurück, kein Strand, kein Café, und ausgerechnet morgen haben wir den Nachmittag zur freien Verfügung.

Übrigens verfolge ich die aktuell alarmierenden Nachrichten. Wir sind zur Zeit am See Genezareth (ziemlich weit weg von Gaza und Tel Aviv).

24.03.2019

Logbuch Israel – Tag 3

Es ist früh am Morgen: die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, in der Luft hängt der schwere Duft von Jasminblüten. Ich stehe auf der Dachterasse; links von mir der Hafen von Haifa, rechts schaue ich auf den persischen Garten, der am Berg angelegt ist und über dem der prächtige Bahá’í-Tempel mit der goldenen Kuppel aufragt.

Hier bekommen wir aber Fusspilz, raunt mir eine Mitreisende zu, als wir die Schuhe ausziehen, um das Innere des grössten Heiligtums der Bahá’í-Gemeinde zu besuchen. Ob sie schon mal in ’nem Schwimmbad gewesen sei?, antworte ich. Mich nerven dauernörgelnde Menschen, die sich nicht auf neue Erfahrungen einlassen und nur negatives zu sagen haben. Entspannt Euch einfach mal und geniesst das Leben…

Wir fahren an einem schweren Autounfall vorbei. Notärzte versorgen die Verunglückten, ich schliesse die Augen. Wie schrecklich, sagt A. hinter mir. Wie schnell kann Glück in Unglück umschlagen. Am Abend beim Verlassen unseres Busses klatschen wir und bedanken uns bei unserem Busfahrer, der uns auch heute wieder sicher zurück gebracht hat.

In Nazareth frage ich A., die Katholikin ist, ob der Erzengel Gabriel Maria zur Verkündigung der Geburt Jesu beim Wasserholen an der Quelle erschienen ist (griechisch orthodoxe Ansicht) oder in der Grotte (katholische Ansicht). Wir haben beide Orte und Kirchen – die Gabrielkirche und die Verkündigungskirche – besichtigt. Nichts von beiden, antwortet A. und ist da erstaunlich pragmatisch: Maria war keine Jungfrau. Eine kreative Idee mit dem Engel, finde ich, wenn man eine Schwangerschaft mitteilen muss. Als Atheist habe ich eh eine entspannte Haltung.

Nach einem frischen Granatapfelsaft und der mittäglichen Falafel auf der Mauer in der Sonne essend, machen wir uns auf den Jesus-Trail und wandern von Nazareth nach Zippori. Zippori war die einstige Hauptstadt Galiläas und ist heute eine imposante Ausgrabungsstätte. Wir wandern durch eine Schafsherde, der Raps leuchtet gelb und überhaupt blüht es bunt um uns herum. Was für ein schöner Tag.

23.03.2019

Logbuch Israel – Tag 2

Weckanruf um 5.45h und ein weiterer um 5.50h; die habe ich aber sicher nicht bestellt! Später beteuert die Reiseleiterin, dass sie die auch nicht geordert hätte. Immerhin hat auch der Rest der Reisegruppe um 5.45h senkrecht im Bett gestanden.

Wir besichtigen Jaffa (ich kaufe mir noch einen frischgepressten Jaffa-Orangensaft), wir entdecken den Wal, der Jona verschluckt hat, auf der Brücke, dort wo mein Sternzeichen angebracht ist, darf ich mir etwas wünschen, mit Blick zum Meer. Wir fahren durch’s Bauhausviertel und besuchen den Platz, an dem Ministerpräsident Rabin erschossen wurde.

In Caesarea, der alten Hafenstadt, die von Herodes gegründet wurde, besichtigen wir Ausgrabungsstätten und gehen an den Strand. Hier wird immer noch gefeiert, es ist Purim, viele sind verkleidet, Musiker spielen auf der Promenade, Kinder spielen im Sand. Die Menschen sind fröhlich, hier tobt das Leben. Zum Mittag gibt es Falafel auf die Hand, wir sitzen inmitten der Einheimischen.

Auch bei den Höhlen von Me’arot wird gefeiert: Familien picknicken unter dem rosa blühenden Judasbaum, wir probieren das hauchzarte Fladenbrot, das die Drusen backen. Dann wandern wir zu den Höhlen hinauf, in denen Neandertaler auf Homo Sapiens stießen.

Im Carmel-Gebirge bei Haifa wird mit einem Glas Wein (ich trinke heute Wasser) angestossen, dann muss sich jeder vorstellen. Ich bin A. aus Hamburg, das ist die Stadt mit der Elbphilharmonie. Die Gruppe lacht. Jetzt kennt man Hamburg. Und die Elbphilharmonie. Und mich auch.

22.03.2019

Logbuch Israel. Tag 1

Ich bereite mich selten akribisch vor.

Im Deutschunterricht in der Schule lese ich nicht wie vorgegeben Lessings Nathan der Weise; einen Abend vor der Klassenarbeit überrede ich meinen Vater, mir sein Ticket fürs Theater zu überlassen (macht der theatermüde Vater gerne!) und schaue mir das Stück an. Das ist effizient. Und visuell bin ich eh aufgeschlossener.

So bin ich auch freudig überrascht, dass am Abend vor der Abreise auf N3 eine Israel-Doku läuft. In den Reiseführer habe ich nicht wirklich reingeguckt.

Ich rufe meine Eltern an; ihr müsst schnell N3 einschalten, da läuft eine Doku über…TRINKE NICHT DAS WASSER AUS DEM TOTEN MEER, DANN STIRBST DU!!!! ruft mein Vater durch den Hörer. Sie gucken bereits die Doku. Ich lege schnell wieder auf.

Am Flughafen stelle ich fest, dass mein Flug nach München Verspätung hat, der darauffolgende ist komplett gestrichen. Am Gate wird bereits ausgerufen: wer einen Anschlussflug hat und schon hier sei, möge sofort kommen und in den früheren Flieger einsteigen. Ich lobe mich ob meiner Überpünktlichkeit.

Wenn man sich nicht akribisch vorbereitet, kann man auch überrascht werden.

In Tel Aviv ist Shabbat, vor der Passkontrolle stehen Tausende Menschen, und das ist kein Witz. Ich gehe zu nem Extraschalter, dort schauen die Menschen irritiert, zeigen auf mich, der Offizielle sagt was auf hebräisch, nun bin ich auch irritiert. Only for Israelis, übersetzt jemand. Wir lachen, ich gehe weiter und verliere mich in der Menge der Tausenden Wartenden.

Nach 90 Minuten bin ich aus dem Chaos raus, ich treffe die Anderen, der Bus fährt zum Hotel, es liegt direkt am Strand und leuchtet ganz bunt.

Durch die Verzögerung (im Übrigen hält am Shabbat auch der Fahrstuhl ungefragt in jeder Etage – und ich wohne im 14. Stock) und der Tatsache, dass es in aller Hergottsfrühe weitergeht, muss ich mein privates Abenddate canceln.

Dafür lerne ich A. aus Linz kennen, sie macht einen netten Eindruck, wir gehen nach dem Dinner an der Strandpromenade spazieren und trinken ein Glas Wein. Ich wollte ja auf meinen zweiten zweiten Geburtstag anstossen (das sage ich ihr natürlich nicht). Wir machen Fotos, am Strand hüpfen ein König und ein Pirat herum. Es ist nicht nur Shabbat, sondern auch Purim.

Vom Bett aus sehe ich das Meer.

22.03.2019

Logbuch Israel & Palästina 2019

Prolog.

Heute vor zwei Jahren, genau um diese Uhrzeit, bin ich in „meinem“ Krankenhaus operiert worden.

Heute vor zwei Jahren wurden die beiden Krebstumore entfernt. Der Feind in mir.

Heute ist sozusagen mein zweiter zweiter Geburtstag.

Heute, genau zwei Jahre später, sitze ich am Gate eines Flughafens. Ein Ort, an dem ich gern bin, ein Ort, an dem viel Trubel herrscht, ein Ort, der Aufbruch bedeutet und Vorfreude auf Neues verspricht und voller Leben ist.

Und heute Abend werde ich beim Sonnenuntergang am Strand von Tel Aviv stehen und auf den zweiten zweiten Geburtstag anstoßen. Das Leben ist schön.

 

Flughafenatmosphäre am Dubai International und Paris CDG

20.03.2019

Im Krankenhaus.

Ich schwitze. Schweißperlen bilden sich auf meiner Oberlippe, während ich versuche, die dicke rote Antarktisjacke auszuziehen und zeitgleich meinen Hausarzt anzurufen. Wählen Sie die Eins, wenn Sie ein Rezept möchten, wählen Sie die Zwei, wenn Sie eine Überweisung möchten, wählen Sie die…ich wähle die Drei. Live aus dem „großen Krankenhaus„, sage ich etwas atemlos, und ich habe es übersehen, dass ich für den heutigen Termin zur Nachuntersuchung eine Überweisung bräuchte. Und diese bräuchte das Krankenhaus genau jetzt, am besten gefaxt, hier hab‘ ich die Faxnummer, ohne Überweisung käme ich nicht dran, mein Hausarzt sei Herr Dr. X; seinen Namen bringe ich am Telefon allerdings mit dem Namen eines Buchautors durcheinander, ach, und auch ich sei gerade etwas durcheinander.
Es ist still am anderen Ende der Leitung.
Hallo?
Man würde die Überweisung gerade ausstellen und jetzt ans „große Krankenhaus“ faxen. In meiner Hausarztpraxis arbeiten Profis. Ich atme auf.
Die Rezeptionistin kommt mir entgegen, das Fax sei da, ich kann gleich weiter zum Arzt. Beim Ultraschall sieht alles gut aus, weiter gehts zur Blutabnahme, mir wird Tc-Pertechnetate gespritzt und eine Szintigrafie gemacht.
Die medizinische Assistentin mit den dunklen Augen und den lockigen Haaren lacht mich an, als ich ihr sage, dass ich in zwei Tagen nach Israel fliege. Sie sei gerade zurück aus Beirut, ihr Vater sei Palästinenser und in den 40ern in den Libanon geflohen. Warm sei es dort und schön, was ich mir alles anschauen werde, und – das sagt sie zweimal und sehr nachdrücklich – ich mir bitte beide Seiten anhören möge. Das werde ich ganz bestimmt, antworte ich, wir treffen auch Palästinenser zum Mittagessen.
Das TC-Pertechnetate muß 15 Minuten wirken, bevor die Szintigrafie gemacht werden kann: wir stellen fest, dass wir beide einen Bandscheibenvorfall haben/hatten, beide in „meinem“ Krankenhaus operiert wurden und beide im selben öffentlichen Bad schwimmen (bzw. sie früher dort geschwommen ist). Sie sei Lehrerin für Feldenkrais, wir sprechen über Sport und über gesunde Ernährung, über Krankenhauserfahrungen und gute und auch schlechte Ärzte.
Ich erzähle von meinen guten Hausärzten, ohne die ich in diesem Moment nicht hier sitzen würde (vergessene Überweisung) und auch davon, wo ich sonst zur Nachsorge hingehe. Sie fragt genau nach und schreibt mit, sie sucht gerade einen neuen Hausarzt und auch einen Gyn. Wir könnten uns noch viel länger austauschen.
Wir bedanken uns gegenseitig für dieses tolle Gespräch, ich gehe zurück zum Arzt wegen des Schreibens für den Flughafen („there is definetely no danger from the residual radioactivity for the public“), auch hier unterhalten wir uns noch etwas über meine anstehende Reise.
Was für ein Glücksfall heute Morgen im „großen Krankenhaus“.

Bevor ich auf dem Rückweg Dankeschön-Pralinen in meiner Hausarztpraxis abgebe,  mache mich auf ins Außenbecken des öffentlichen Bades.

17.03.2019

Unterwegs.

Note to myself: die Waage im schicken Spa sagt die Wahrheit. Die Waage im eigenen Haushalt lügt. Ich werde ihr keinen Glauben mehr schenken.
BMI: 20.0 – Top-Score.
Außerdem zeigen die regelmäßigen planks erste Resultate in Form von Bauch- und Armmuskeln.

Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Sole ✔️Stretching/Meditation✔️
Mittwoch: Heimtraining ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

Alle Bereiche abgedeckt: Ausdauer, Muskeltraining, Balance

Der innere Schweinehund ist ausgezogen.

15.03.2019

Unterwegs.

Das erste, was ich vorm Spiegel in der Damenumkleide des öffentlichen Bades sehe, ist eine große goldfarbene Tasche und ein Schal mit Glitzer. Das kann nur einer gehören, denke ich. Kurz darauf erscheint G. Hallo A., ruft sie, du bist spät dran! Ich habe dauernd zur Tür geschaut, ob du kommst!
Ich bin zu spät, ich war vorher noch bei der Bank, jetzt ist meine Schwimmfreundin bereits auf dem Rückzug. Fuerteventura war klasse, sie habe den Pool für sich gehabt, die anderen Gäste saßen nur faul drumherum. Außerdem war sie diese Woche schon dreimal zur Gymnastik, G. erzählt und glitzert vor meinen Augen, braungebrannt im hellen Wollpullover mit Kristallsteinchen-Besatz, ob sie die Mütze aufsetzen solle? Ja, sage ich, und die weiße Flauschmütze mit grünem Bommel landet auf ihrem Kopf. Hyazinth, der kleine Spanier, sei noch da, der sei ja immer vier Stunden im Bad, aber wo solle er auch sonst hin, sagt G., als Rentner mit einer Einzimmerwohnung. G. weiß alles und teilt alles, wir verabschieden uns und hoffen, dass wir bald wieder zusammen unsere Bahnen ziehen.

Es stürmt, es regnet in Strömen, und es ist kalt, als ich in den Außenbereich schwimme. Dampf steigt auf, die Regentropfen werfen kleine Ringe auf der Wasseroberfläche, links von mir pflügen die Kampfschwimmer durch’s Becken, rechts von mir bewegt sich das Walross langsam unter der Wasseroberfläche.
Immerhin habe ich meine turbanähnliche (und fürchterlich aussehende) Badekappe auf dem Kopf, da bleiben die Haare und Ohren trocken. Eine Dame taucht auf, mit einer Kopfbedeckung, die aussieht wie die Deckelverzierung eines Einmachglases, ein weißes Häubchen mit Gummiband drumherum. Ihre Arme wirft sie in die Luft und deutet damit eine Kraulbewegung an. Eine weitere Dame erscheint, ihr anscheinend langes Haar ist unter einer schwarzen Plastikschlange versteckt, es sieht aus, als hätte sie einen Fahrradreifen auf dem Kopf. Da bin ich mit dem Turban doch noch im oberen Bereich der Badeoutfits anzusiedeln, denke ich.

Hier im Becken vergesse ich die ernsten Gedanken, die mich heute bewegen: es berührt mich, wenn ich in der Zeitung lese, daß jemand verstorben ist, jung, fast plötzlich, kämpfend – ich weiß dann, um was für eine Krankheit es sich handelt. Es berührt mich, wenn Mitstreiterinnen, deren blogs ich verfolge und die genauso wie ich hoffen, dass alles gut bleibt, mit Knochenmetastasen in die zweite Runde gehen. Es ärgert mich, wenn Unwissende – auch wenn es lieb gemeint ist – dieses mit sinnfreien Sprüchen wie „du schaffst das schon“, „das wird schon wieder“, „du bist stark“ usw. kommentieren.
Fakt ist: ein Rezidiv bei Brustkrebs, das als Metastasen auftritt, ist zu 100% unheilbar. Palliativ-Behandlung heißt es dann – der Erkrankten eine möglichst lange und schmerzfreie Zeit zu ermöglichen. Da wird nix wieder. Da ist nix zu schaffen. Und genau das ist es, was Brustkrebs so düster macht: ein Erstschlag kann geheilt werden. Ein Zweitschlag (in Form von Metastasen) nicht.

Es macht jetzt keinen Sinn, zuhause zu sitzen, in Schockstarre zu verfallen und depressiv zu werden. Es macht Sinn, jeden Tag als etwas besonderes und als nicht selbstverständliches zu begreifen. Es macht Sinn – soweit es in der eigenen Macht steht – alles dafür zu tun, um die „Chance“ auf ein Rezidiv zu reduzieren. Und genau deshalb bin ich recht streng mit mir, was Ernährung und mein Sport- und Meditationsprogramm angeht. Und auch stolz darauf, dass ich bei Wind und Wetter im Aussenbecken des öffentlichen Bades anzufinden bin und nicht hygge-mit-Kerze-und-Chips auf dem Sofa vorm TV rumliege.
Im übrigen bringt es mir auch Spaß, und es tut mir gut, denn mein Fitnessprogramm kompensiert den Stress, den ich im Berufsleben habe.

Ich überprüfe den Einkaufskorb, alles drin, sage ich.
Nein, antworte ich, der Schokoriegel fehlt.
Aber es gab am Mittwoch den Frankfurter Kranz.
Aber schon letzte Woche hast du den Schokoriegel vergessen. Außerdem bist du 45 Minuten im strömenden Regen draußen geschwommen, das muß belohnt werden!
Ist es nicht schon eine Belohnung, nach der Arbeit schwimmen zu gehen und das Leben zu genießen?
Jetzt wirst du aber philosophisch.
Diskussionen mit mir selbst gefallen mir, eine Lösung gibt es immer. Und heute gibt es den Schokoriegel.

14.03.2019

Unterwegs.

Brötchen ohne Weizenmehl hätte ich gern. Dinkel. Oder Vollkorn. Die Bäckereifachverkäuferin zeigt auf drei Sorten, die ich für gut befinde, je zwei von allen, sage ich und bin zufrieden. Und was haben Sie an gesundem Kuchen?, höre ich mich fragen.

Naja, die enthielten alle Fett und Zucker, aber die Mandelstückchen wären vielleicht ok. Die Verkäuferin deutet auf extrem langweilig und trocken aussehendes Gebäck, ich winke ab, mein Blick schweift über Sahnestückchen, Joghurttorte und Marzipanteilchen.

Ich nehme hiervon ein Stück, sage ich und zeige auf den Frankfurter Kranz. Die Verkäuferin lacht, damit habe sie jetzt nicht gerechnet. Ich eigentlich auch nicht. Buttercreme und Krokant, süsser und gehaltvoller geht es nicht. Ich gebe Ihnen das ganze Stück mit, es ist ja gleich Feierabend. Sie meint es gut mit mir.

Ich verlasse die Bäckerei mit Brötchen, die politically correct sind und nem Kilo fetter Buttercremetorte. Nach einem knappen Stück ist mir schon schlecht, geschieht mir recht, denke ich, ich kann solche extremen Sünden gar nicht mehr ab.

Ich bringe die Yogamatte, die Pilatesrolle und die Tubes in Position – zum Dessert gibt’s 50 Minuten intensives Home-Training.

Heute im Gym bin ich im Ranking beim Training auf der wackeligen Scheibe auf Platz 3 vorgestoßen. Brilliante Balance durch Buttercreme, vermute ich.

12.03.2019

Im Krankenhaus.

Ich schwebe auf dem Wasser, es ist grün-grau, ganz hell und weich. Wenn ich mit den Fingerkuppen sanft die Wasseroberfläche streife, fühlt es sich an, als würde ich flüchtig über Seide streichen. Das Sole-Bad ist meine neueste Entdeckung, ein wunderbarer Ort um zu entspannen. Das alte Gebäude erinnert an eine Kathedrale: die Sonne flutet durch die runden Fenster direkt in den Pool und direkt auf mich, als ich auf dem Rücken im Wasser liege und die Augen geschlossen habe.

Zur Feier des Tages gönne ich mir eine Schachtel Eiskonfekt, während ich auf der Liege mein Buch weiterlese.

Heute habe ich mir frei genommen. Heute früh war ich wieder in „meinem“ Krankenhaus zur Nachsorge. Rundumcheck inklusive Blutabnahme, auf meinem Rezept habe ich ab jetzt ein Extra-Kreuzchen, damit die Krankenkasse endlich wieder das Tamoxifen bezahlt. Die letzten Male mußte ich das selbst zahlen, da sich die Kasse geweigert hat. Aber mit dem Kreuz auf dem Rezept ändert sich das.
Ich bin immer noch etwas unsicher ob des verlängerten neuen Nachsorge-Rhythmus (Mammographie 1x jährlich, 2x jährlich zu meiner Ärztin) und auch, was nicht erklärbare (Rippen-) Schmerzen angeht; das macht mich ja immer nervös, wenn ich nicht weiß, wo etwas herkommt. Allerdings sind die Schmerzen wieder weg, und bei meinen vielen Sportaktivitäten kann es leicht passieren, dass mal etwas verspannt. Außerdem bleibe ich die Einzige, die sich sorgt. Während ich mich wieder ankleiden gehe, sagt die Ärztin, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit gesund bleibe.

1 Jahr und 355 Tage krebsfrei.

07.03.2019

Zuhause.

Tel Aviv. Strand. Nachtleben. Glaspaläste. Jaffa. Bauhaus. Granatapfel-Campari-Eis. Caesarea. Hafenstadt. Meerwind. Persische Gärten. Haifa. Nazareth. Pilger. Olivenhaine. Zippori. Galiläa. Duft des Orients. Honigkekse. Minze. Bergland. Synagogen. See Genezareth. Sternenhimmel. Petrusfisch. Bootsfahrt. Wüste. Westjordanland. Totes Meer.  Seilbahnfahrt. Palastfestung Masada. Beduinen. Arad. Bet Guvrin. Höhlen. Johannisbrotbäume. Oliven. Wein. Bergland. Jerusalem. Betlehem. Palästinensisches Autonomiegebiet. Geburtskirche. Heilige Stadt. Ölberg. Kirchtürme. Minarette. Kuppeln. Glockengeläut. Yad Vaschem. Mahane-Yehuda-Markt. Gewürze. Felsendom. Tempelberg.

Meine Reiseunterlagen sind angekommen. In zwei Wochen geht es los. Große Vorfreude.

 

06.03.2019

Unterwegs.

Ich mag es, mich auf das Schwimmen im Aussenbecken des öffentlichen Bades zu freuen, bei der U-Bahnstation an der Kirche auszusteigen, den mit hohen Bäumen gesäumten Weg zum Bad und an die Kasse zu gehen.

Ich mag es nicht, mich in der engen Umkleide umzuziehen (erst recht nicht im Winter), zu duschen und mich nass und fröstelnd auf den Weg ins Aussenbecken aufzumachen. Genauso wenig mag ich die ersten beiden Bahnen schwimmen, denn das Wasser ist kühl.

Aber dann mag ich es, die dritte Bahn zu schwimmen und die vierte und die fünfte und immer weiter, wenn ich mich an das kühle Wasser gewöhnt habe und im Bestfall noch eine Bahn ohne störende Kampfschwimmer oder tauchendes Walross gefunden habe.

Heute mag ich es sowieso, denn die Stimmung im Bad ist neu für mich: ich bin heute Abend direkt nach der Arbeit zum Schwimmen gegangen. Mittwochs ist jetzt mein flexibler Sport-Slot, da kann ich den Sport wählen, zu dem ich gerade Lust habe.

Die Lampen im Becken sind an, das Wasser leuchtet an einigen Stellen hellblau, um dann in ein schweres grau überzugehen, das sich mit der bleiernden Farbe des Himmels vermischt. Es regnet. Grey out statt white out.
Heute war ein ärgerlicher Arbeitstag. Es tut mir gut, jetzt meine Bahnen zu ziehen, hier draussen an der frischen Luft. Ich denke an das Gespräch mit M., einer Bekannten, mit der ich gestern beschlossen habe, im Frühling zusammen zum Stand Up Paddling auf die Alster zu gehen. Sie hat bereits einen Kurs absolviert, ich habe das noch nie gemacht, würde es aber zu gern mal ausprobieren. Das wäre eine perfekte Ergänzung meines Sportprogramms. Langsam wendet sich meine schlechte Laune.

Als ich vorhin im Bad angekommen bin, war das Innenbecken mit lauter kleinen quietschenden Kindern gefüllt. Als ich den Rückweg antrete, sind dort um die 50 Damen bei hämmernder Diskomusik mit Aquagymnastik beschäftigt. Sie hüpfen rhythmisch auf und ab und halten Gewichte mit ausgestreckten Armen über ihren Köpfen.

Ich dusche, klappe die hässliche turbanähnliche Badekappe über die Ohren und den Badeanzug nach unten, bevor ich mir das nasse Handtuch notdürftig um den Oberkörper wickele.
Vor der Dusche stoße ich mit J. zusammen, meinem französischen Mitstreiter der dienstäglichen Meditationsrunde. Er erkennt mich – und das sogar ohne Brille und im halbauf- und halbabgeklappten Bekleidungszustand. Wir umarmen uns, ich versuche dabei, das Handtuch festzuhalten, ich muss wirklich doof aussehen. Wir schreien uns etwas an, anders kann man sich bei dem Diskolärm nicht verständigen, er macht sich auf den Weg ins Aussenbecken, ich mache mich auf den Weg in die Kabine.

So doof siehste gar nicht aus, denke ich, als ich in den Spiegel der Umkleide gucke. Die Badekappe sitzt schief auf dem Kopf, Wassertropfen hängen an der Wange, aber ich habe eine ausgesprochen gesunde Gesichtsfarbe und schaue mir fröhlich entgegen. Nicht so, als hätte ich gerade einen ärgerlichen 9-stündigen Arbeitstag und 45 Minuten Schwimmen-im-Regen bestritten; ich sehe eher aus wie nach einem erholsamen Wellnesswochenende. Das ist gut, denke ich und mache mich auf den Weg nach Hause.

Erfolgreich umrunde ich Hürde 1 (Schokoriegelauslage an der Kasse des Supermarktes) und Hürde 2 (duftender Bonbonstand in der U-Bahnstation), packe in der Bahn die restliche Hälfte meines Quarkbrötchens aus und schaue aus dem Fenster, an dem der Regen runterrinnt. Mittlerweile bin ich so gut gelaunt, dass ich statt mit dem Bus zu fahren zu Fuß nach Hause marschiere.

Macht Sport glücklich? Ich denke ja. Bis auf die plank-challenge, die musste ich leider etwas nach unten korrigieren. 240-Sekunden-planks sind unrealistisch; ich bleibe zwischen 60 und 90 Sekunden hängen.
Wenn man sein Ziel nicht erreichen kann, muss man es korrigieren oder den Weg ändern: ich werde statt der 28 Tages-challenge die plank-challenge bis ans Ende des Jahres weiterführen; allerdings ohne Zeitdruck. Vielleicht erreiche ich dann die 240 Sekunden. Und wenn nicht, ist es auch ok.

 

03.03.2019

Unterwegs.

Was uns sofort ins Auge fällt, sind die bunten Blumen. Die sehen fröhlich und nach Frühling aus. Die Urne ist aus Holz, ganz schlicht, auch das sieht schön aus und passt zu unserem Großonkel, genauso wie die bunten Frühlingsblumen, die so wunderbar seine Freundlichkeit und seine Verbundenheit zur Natur widerspiegeln.
Als wir zur Beerdigung fuhren, haben wir gerätselt, wer wohl die Trauerrede halten wird. Onkel G. war erklärter Atheist. Seine Tochter und sein Schwiegersohn sind Pastoren.

Eine Pastorin erscheint, Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm, immerhin weist sie darauf hin, dass Onkel G. nicht gläubig aber doch getauft war, wir singen Himmel, Erde, Luft und Meer, in den Liedern kommt die Natur vor, es ist ein gelungener Kompromiss, finde ich. Wir weinen etwas, aber eher, weil wir berührt sind, unser Großonkel ist immerhin 93 Jahre alt geworden und friedlich eingeschlafen. Die Pastorin lässt sein Leben Revue passieren, auch das ist schön, die Erinnerungen werden geweckt an den orangenen VW-Bus, mit dem er in den Schulferien – unser Onkel war Rektor einer Sonderschule – durch Europa gereist ist, genauso wie die unbeschwerten Familienausflüge mit seinem kleinen Segelboot über die Elbe hinüber nach Schweinesand.

Tante W., die nun Witwe ist, setzt sich beim Kaffee neben mich: Deine Reiselust hast Du von Onkel G. geerbt, sagt sie. Das glaube ich auch, antworte ich, von meinen Eltern kommt das jedenfalls nicht. Die stranden ja regelmässig in Neustadt an der Ostsee (den bösen Blick meiner mir gegenüber sitzenden Eltern ignoriere ich geflissentlich).
Zwei mir unbekannte Damen fragen mich nach der Antarktis und dem Everest, anscheinend bin ich Gesprächsthema bei der Verwandtschaft und auf alle Fälle von Interesse für die beiden Damen, die Deutschland noch nie verlassen haben.

Am Sonntag beim Frühstück im Wasserschloss arbeiten meine Cousine T. und ich die Beerdigung und unsere Familiengeschichte auf. Und Uroma F. war im Waisenhaus und hat dort unseren Uropa kennengelernt, sagt T. Ich bin verblüfft, das habe ich ja noch nie gehört! Dann wissen wir gar nicht, wo wir herkommen? Wir schicken eine sms an meinen Vater, das muss rückbestätigt werden. Und auch, wie die Geschwister von unserer Oma W. hießen. Du hast aber einen Stammbaumzettel von uns! kommt postwendend zurück, und sie würden gerade essen. Zwischenzeitlich sind uns noch weitere Fragen eingefallen, die wir simsen, es folgt eine kurze Auskunft und ein Mahlzeit!, damit wird uns klargemacht, dass die Prioritäten um 11.45h gerade nicht auf der Familiengeschichte liegen.

Wir könnten mal mit allen zusammen frühstücken gehen oder ein ein Familienfest planen! Wahrscheinlich lernen wir noch so einiges über die Familiengeschichte. T. und ich sind in unserem Element. Nach Schweden (T.) und Israel (ich) werden wir das angehen.

Eigentlich wollte ich farblich abgestimmte Blumen pflanzen; nun kaufe ich lila und weiße Hyazinthen, gelbe Narzissen, pastellgelbe und rosafarbene Rosen, es wird bunt, bunt wie der Frühling. Und bunt wie das Leben.

23.02.2019

Unterwegs.

Vielleicht, weil ich so gern früh morgens an der Elbe langfahre, wenn die Sonne aufgeht und die Kräne am Hafen in rotgoldenes Licht taucht.

Vielleicht, weil die Möwen über die Elbstraße fliegen und mit dem aufgewirbelten Papier in der Luft tanzen.

Vielleicht, um einen Blick auf Sankt Pauli zu erhaschen, wo spärlich bekleidete Frauen mit biertrinkenden Männern an der Bar sitzen und draußen der Morgen naht.

Vielleicht, weil der Himmel über dem Altonaer Balkon sich rosa färbt und die Skulptur der wartenden Seeleute aus der Dunkelheit auftaucht.

Vielleicht, weil es im Bahnhof so trubelig ist und der Milchschaum auf dem Kaffee mit Kakao bestreut wird.

Vielleicht, weil die Bahn ratternd und schaukelnd durch die Felder fährt und mein Blick auf grasende Schafe fällt.

Vielleicht, weil die Gänse auffliegen.

Vielleicht, weil ich mich freue, bald am Meer zu sein, am Strand der Sonne entgegen zu wandern und den herannahenden Wellen zu lauschen.

Vielleicht, weil die Luft so klar ist.

Vielleicht, weil ich die Freiheit liebe.

Vielleicht, weil die Welt meine Heimat ist.

Vielleicht, weil ich fröhlich bin.

Vielleicht, weil ich dankbar bin.

Weil ich bin.

22.02.2019

Unterwegs.

Ich schaue vom Schreibtisch auf, blicke auf den Kalender und bleibe am Datum hängen: heute ist der 22. Februar.
Vor genau zwei Jahren hat man mir wortlos eine Überweisung zum Radiologen in die Hand gedrückt, auf der Verdacht auf Brustkrebs stand. Heute vor zwei Jahren stand die Welt für mich still.
Wie schnell die Zeit vergangen ist, denke ich, und was ich seitdem alles gemacht habe – und doch ist der 22. Februar 2017 ganz nah.

Ich skype meinen Grafiker an:
I just had a look at the wall calendar, two days ago THE drama started.
Ich schicke hinterher, no, I mean two years ago – not two days. Time is flying.
Wow, I thought it was last year, already two years?
Yep, shall go for a drink now.
Would join you for the drink if I were in Hamburg.
Alright, then no drink, then off to swimming!

Ich schaue zum Fenster. Der graue Morgenhimmel ist aufgebrochen, blau strahlt es jetzt, keine Zeit für Sentimentalitäten, denke ich, der Himmel ist blau, die Sonne kommt raus, 5 Grad, aber immerhin, ich schalte den Computer aus, nehme meine Tasche und laufe los, das Leben muss gelebt werden.

Wir stehen im Weg, ruft das Mädchen ihrem Freund im Becken zu, kein Problem, rufe ich, ich umrunde euch einfach, dann umrunde ich auch noch das Walross, das sich wie immer ganz langsam unter der Wasseroberfläche bewegt und schwimme dem blauen Himmel entgegen.

Diesmal habe ich nicht nur das Duschgel sondern auch noch die Bodylotion vergessen. Macht nix, denke ich, das ist nichts, worüber ich mich aufrege. Auch das Deo ist nicht in der Sporttasche, als ich es suche, fällt mir ein, dass ich es gestern in der Umkleide des Gyms in den linken Turnschuh gesteckt habe.
Dafür habe ich ein Quarkbrötchen dabei. Wenn ich das auf dem Weg zum Bahnhof esse – so meine Theorie – könnte ich den Schokoriegel, den ich mir freitags immer nach dem Schwimmen gönne, ausfallen lassen (nice try…but fail…so einfach lasse ich mir nicht meinen Schokoriegel-der-Woche nehmen).

Ich mache mir einen Kaffee, setze mich nach draußen in die Sonne, der Koffer kann später gepackt werden. Das Leben ist schön.

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17.02.2019

Unterwegs.

Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich, daß sie mich beobachtet. Sie steht oben auf der Kaimauer, flechtet an ihrem langen, dunklen Zopf, ein kleiner weißer Hund tobt um ihre Beine. Chinesin, vermute ich, und konzentriere mich wieder auf meine 19er-Form. Um 8.30h bin ich bereits am Hafen, nur ein einsamer Angler ist vor Ort – und die Chinesin. Die alten Segelboote liegen am Bootssteg und schaukeln langsam vor sich hin, am Horizont glitzern die vielen Fenster der Elbphilharmonie. Die Luft ist klar und kühl, trotzdem habe ich die Jacke abgelegt. Taiji bringt mich immer zum Schwitzen.

Als ich den Anleger nach oben wandere, steht sie dort. Sie hat auf mich gewartet. Ob ich hier öfters trainieren würde, fragt sie. Ab und an am Wochenende, frühmorgens, wenn  noch keine Menschen unterwegs seien, antworte ich. Chen-Style, stellt sie ausserdem fest, sie unterrichte den Yang-Style, gleich hier um die Ecke in der Schule. Ob ich gerade etwas Zeit hätte? fragt sie. Ich verneine freundlich, denn ich möchte erstmal frühstücken, nachdem ich bereits 45 Minuten hier draußen herumgeturnt bin. Außerdem befürchte ich, daß ein Intro in den Yang-Style meinen mühsam erlernten Chen-Style ins Schwanken bringen könnte (aber das sage ich nicht). Wir unterhalten uns noch etwas, stellen fest, dass wir fast Nachbarn sind, dann verabschieden wir uns. Eine schöne interessante Bekanntschaft am frühen Morgen. Ich jogge zum Bäcker und dann nach Hause.

Fitnessprogramm der Woche:
Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Gymnastik, Arm-/Bauchmuskeltraining*) ✔️
Mittwoch: Gym (Stepper, Geräte, Balanceübungen)✔️
Freitag: Schwimmen, Arm-/Bauchmuskeltraining ✔️
Samstag: Sole, Schwimmen, Plank-Challenge Day 1**), Arm-/Bauchmuskeltraining ✔️
Sonntag: Plank-Challenge Day 2, Taiji, Arm-/Bauchmuskeltraining, Mini-Joggen***) ✔️

Raus aus dem Wochenprogramm:
Herzsport

Rein ins Wochenprogramm:
*) Plank-Challenge Day 1-28
**) 4-6 Mal die Woche on top: 10 Minuten Arm-/Bauchmuskeltraining
***) neue Testreihe, inwieweit sich Joggen auf Asphalt mit einer gecrashten Bandscheibe vereinbaren lässt

 

15.02.2019

Unterwegs.

15 Grad. Der Himmel leuchtet blau, genauso wie das Wasser im Außenbecken des öffentlichen Bades. Die Schrift der Banner, die um die Außenbande befestigt sind, spiegelt sich auf der blauen Oberfläche, die kleinen Wellen lassen die Buchstaben schaukeln. Ich lehne am Beckenrand, die Arme ausgebreitet, mein Gesicht ist der Sonne zugewandt, die Strahlen werfen ein Gittermuster auf meine Beine. Ganz zart fühlt sich das Wasser heute an, es schmiegt sich an mich wie eine zweite Haut, ich schwimme und schwimme und schwimme, dort hinten, wo ein Kampfschwimmer durch das Becken pflügt, spritzen Wassertropfen hoch, ich schwimme weiter und weiter und freue mich so über die ersten warmen Sonnenstrahlen und das Blau um mich herum.

Am Mittwoch war ich im Fitnessraum. Jetzt pulsen die Herzis, denke ich, als ich auf das Trampolin springe. Kurz werde ich wehmütig.
Seit einer Woche gibt es ein neues Item im Gym: eine kleine runde instabile Scheibe, auf die man sich stellt und die Balance halten muss. Die Scheibe ist mit einem Computerprogramm verbunden. Man selbst ist als grüner Punkt dargestellt. Ziel ist es, den grünen Punkt im etwas größeren roten Punkt zu halten. Das klingt einfacher als es ist, der rote Punkt bewegt sich über den Bildschirm, mal nach links, nach rechts, im Kreis, wird schneller, wird langsamer oder steht einfach nur still. Gibt es ein Ranking?, frage ich die Physiotherapeutin, mein Ehrgeiz ist geweckt. Gibt es, lautet die Antwort, ich lande mit meinen 538 erzielten Punkten auf Platz 7 der Schwierigkeitsstufe 3. Nächste Woche möchte ich auf Platz 6 vorrücken oder besser noch auf Platz 5.

Beim Taiji kündige ich meinem Lehrer an, dass ich jetzt auch mittwochs – ab und an – zum Training erscheinen würde. Dann könne ich die 75er-Form lernen oder die 19er-Form weiter vertiefen, sagt er. Und am ersten Mittwoch des Monats wird push hands trainiert, eine wichtige Partnerübung im Taijiquan.
Zeit, um Neues zu lernen. Zeit, um sich weiterzuentwickeln. Zeit, um mich weiterzuentwickeln.

08.02.2019

Unterwegs.

Es ist grau. Dampf steigt aus dem Wasser auf, als ich auf die Bäume zuschwimme, die wie schwarze Skelette vor mir aufragen. Heute glitzert nichts.
Ich versuche den Mann, der wie ein träges Walross anmutet und sich mehr unterhalb des Wassers  fortbewegt, zu überholen. Er schnauft.
Meine Schwimmfreundin ist die dritte Woche in Folge nicht aufgetaucht.

Als ich nach 45 Minuten in den Innenbereich wechsele, um noch ein paar Bahnen im Warmen zu schwimmen, sehe ich den kleinen älteren Italiener. Ich bin nicht sicher, ob er Italiener ist, aber er sieht wie ein Italiener aus. Ihn treffe ich jedesmal, wenn ich im öffentlichen Bad bin, auch wenn ich dort mal an einem anderen Tag oder zu einer anderen Zeit schwimme. Vermutlich wohnt er im öffentlichen Bad. Miteinander gesprochen haben wir allerdings noch nie. Das ändert sich heute; ich spreche ihn an.

Ich frage ihn, ob er G. in den letzten Wochen gesehen hätte, ich würde mir etwas Sorgen machen. Der kleine Italiener strahlt mich an; G. habe er vor zwei Tagen zuletzt gesehen. Das kann hinkommen, denke ich, denn ich weiß, dass sie auch mittwochs schwimmen geht. Ich bin beruhigt, wir plaudern noch etwas, bevor ich mich auf den Weg zu den Duschen mache.

Als ich aus der Umkleide komme, steht G. vor mir. Dezentes Make-up, rosé-farbene Uggs, schwarze Leggings, cremefarbener Wollpullover, kupferfarbene Daunenjacke, etwas Goldschmuck und eine große weiße Pudelmütze auf dem Kopf. Mit grünem Bommel. So, wie man sich eine 80-jährige vorstellt, die 56 Kilogramm wiegt und mit Stolz Kleidergröße 36 trägt.

G., ich habe dich vermisst, sage ich. Ich habe mich gerade bei dem kleinen Italiener nach dir erkundigt, also bei dem, der ausschaut wie ein Italiener.
Spanier, korrigiert sie mich, Hyazinth*) ist Spanier.
Hyazinth?
Das klingt für mich wie eine Pflanze.

Die letzten Wochen hätte sie wieder Probleme mit ihrer gebrochenen Hand gehabt, heute habe sie es leider auch nicht früher geschafft.
Sie lacht: aber weisst du was? Eben habe ich eine Reise nach Fuerteventura gebucht. Für Alleinstehende!
Sie lacht wieder. Das Hotel habe einen Pool und Sportkurse im Angebot, darauf freue sie sich schon.
Ich erzähle ihr, dass ich heute einen Flug nach Amsterdam gebucht habe, allerdings erst für den Mai. Da tourt meine US-Lieblingsband wieder durch Europa.

G. überlegt noch, welchen der mitgebrachten Badeanzüge sie heute tragen möchte, ich gehe zum Fönen.
Aber nächsten Freitag schwimmen wir nochmal zusammen, ruft sie mir hinterher. Danach geht es in den Urlaub!
Natürlich, rufe ich zurück.

Und freue mich, dass der graue Tag doch noch etwas Glitzer bekommen hat.

*) das ist der einzige Name, den ich in diesem blog nicht anonymisiere oder abkürze, da es das Zauberhafte nehmen würde. Hyazinth – das kann man nicht einfach mit einem langweiligen H. abkürzen.

06.02.2019

Unterwegs.

Irgendwann muß jeder gehen.
H., die kleine alte Dame mit den lachenden Augen, winkt mir zu. Sie möchte mit mir Federball spielen. Ein letztes Mal.

Dr. A. hat mir gerade überraschenderweise erklärt, daß eigentlich letzte Woche bereits mein Rezept und meine Reha-Stunden bei den Herzis abgelaufen seien. 46 der 50 Stunden habe ich eingelöst, die anderen Stunden sind verfallen, da ich irgendwo zwischen Antarktis und dem Everest anstatt in der kleinen muffigen Turnhalle in Eilbek rumgeturnt bin. Dr. A. ändert das Datum. Heute kann ich bleiben. Und mit H. Federball spielen.

Natürlich könne ich jederzeit wiederkommen, sei es mit Rezept oder mit Eintritt in den Turnverein. Ich möchte nicht in den Verein eintreten; er ist nicht bei mir in der Nähe, und ich muß immer zusätzliche Fahrkarten kaufen; außerdem neigt sich immer wieder etwas dem Ende zu. Auch wenn mich das Ende heute unerwartet trifft.

Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht sofort umdenken und Alternativen planen würde. Ich erzähle Dr. A., daß ich den Mittwochabend für eine zusätzliche Schwimmeinheit nutzen werde. Oder zum Taiji-Training gehe. Oder es im Frühjahr mit joggen versuche. Oder zuhause Gymnastik mache. Jedenfalls wird es am Mittwoch weiterhin Sport für mich geben.
Sie mache sich überhaupt keine Sorgen um mich, sagt Dr. A. Sie erinnert sich an die Österreicherin, die zweite Krebs-Patientin neben mir in der Herzgruppe, die nach ein paar Wochen hingeworfen hat; keine Zeit für Sport, zuviel Stress bei der Arbeit. Prädestiniert für einen Rückfall, meint Dr. A. Das kenne sie schon, auch von den Herzis.

M. und B. sind geschockt, wir tauschen Adressen aus. Ob sie die auch an B., die heute nicht da ist, weitergeben dürften? Und ob ich trotzdem zu unserem Weihnachtstreffen im Winter kommen könnte? Auch T. schaut irritiert, als ich mich verabschiede. Das Ganze ist doch etwas spontan.

Ich bahne mir meinen Weg durch die fechtenden Kinder, winke H. vor der Tür der alten Halle noch einmal zu und mache mich durch den Regen auf den Heimweg.

Irgendwann muß jeder gehen. Heute gehe ich.
Vermissen werde ich sie, meine Herzis.

03.02.2019

Unterwegs.

S: Weißt Du, dass es beim „Burning Man“ in der Wüste keine sanitären Anlagen gibt? Und man seinen Müll wieder mitnehmen muß?

Das ist mir entgangen, allerdings habe ich mich noch nicht so genau mit dem Event, der jährlich in der Wüste von Nevada stattfindet, auseinandergesetzt. Ich habe die Fotos von J., eines der California Girls, das ich in der Antarktis kennen gelernt habe, gesehen, und war Feuer und Flamme. Ich möchte zum Burning Man. S. ist auch interessiert, hat aber schon etwas besser recherchiert. Dieses Jahr wird es eh nix, denn meine Reiseplanung 2019 steht bereits. Was sanitäre Anlagen angeht, bin ich seit Tibet paralysiert. Ich werde etwas tiefer in die Recherche gehen, wenn es an der Zeit ist.
Dann erzählt S. von Israel, dem Toten Meer, dem See Genezareth, Bethlehem und Jerusalem und Tel Aviv und dem guten Essen, das sie dort im November genossen hat, und ich freue mich auf meine Exkursion im März.

Waage: Du hast zugenommen.

Ich schiebe die Waage durch’s Bad, manchmal bringt das ein paar Gramm, wenn sie woanders steht.

Schilddrüse: Ich bin nicht schuld!
Ich: Ich weiß. Und dafür bin ich sehr dankbar, dass Du trotz hinterhältigen Radiojod-Angriff weiter funktionierst.

Mülleimer: Was sind das neuerdings für Tüten – Kokoschips, Popcorn, Gemüsechips, Chinoa-Flips?
Waage laut aus dem Bad: Aha!
Ich: Das waren Testkäufe. Passiert nicht wieder. Ich wollte leckere Snacks, die gesund sind, aber so gesund sind die leider auch wieder nicht. Allerdings arbeitet der Hersteller an nicht-frittierten Chinoa-Flips, die würden mich dann schon interessieren.
Bauch: Könntest Du den oberen Knopf der Hose auflassen? Oder die Skiunterwäsche ausziehen. So geht das jedenfalls nicht.
Ich: Schon gut. Wir fahren jetzt an die See, dann wird geschwommen und gewandert.

Himmel über Travemünde: Ich bin grau. 
Ich: Das stört mich nicht. Ich mag Dich, egal ob blau, grau, schwarz oder bald auch Nordlichter-grün.

Café Niederegger: He – Du kommst gar nicht herein? Was ist los?
Ich: Ich hatte mehr Appetit auf ein Vollkornbrötchen mit Frischkäse. Und einen Kaffee ohne Milch. Bääm! Zwei Sünden weniger.

Ich gehe weiter, kehre in meinem Lieblingsladen ein, gönne mir ein neues T-Shirt (geplant) und eine gestreifte Bluse (ungeplant).
Abends geht es in mein Lieblingsrestaurant, ich bekomme einen schönen Tisch am Fenster – ganz ohne Reservierung, und es ist voll – schaue auf die großen Schiffe, die die Ostsee hinunterfahren, ganz dicht an meinem Gesicht vorbei und wie Hochhäuser aus dem Meer herausragen. Putenfilet, Wok-Gemüse, Ofenkartoffel, eine kleine Weißweinschorle und ein Buch – mehr braucht es nicht, um glücklich zu sein.
Draußen ist es dunkel und kalt. Der Wind weht mir die Schneeflocken ins Gesicht, ich glitsche vorsichtig am Kai entlang, der Weg zum Hotel geht aufwärts, ich muß aufpassen, es ist rutschig und nass.

Vom Hotelzimmer im 13.ten Stock schaue ich über die Lübecker Bucht. Die beleuchtete Rentiergruppe steht nicht mehr am grüngestreiften Leuchtturm, sondern weiter unten kurz vorm Grand Hotel Atlantic.
Morgens um 8.00h bin ich bereits wieder im Pool und ziehe meine Bahnen. Danach ein gesundes aber ausgiebiges Frühstück (note to myself: was die Waage sagt, kannste Dir denken) und ein ausgedehnter Spaziergang am Strand entlang.

Ich: Wohin geht ihr?
Rentiergruppe: Immer weiter, weiter, weiter.

Himmel über Hamburg: Ich bin blau.
Haushalt: Du musst Dich um mich kümmern!
Wäscheständer: Die Wäsche ist längst trocken.
Koffer: Ich muss ausgepackt werden.
Badeanzug: Ich möchte nicht mehr im Bad rumhängen.
Waage: Du…
Ich: Ich ignoriere Dich!
Fußboden: Warum schüttelst Du die Regenhose aus, jetzt ist alles voller Sand. Ich muß gewischt werden.
Bett: Nicht die Regenhose! Zu spät. Sand ist im Bett.
Tulpen in Bad, Wohnzimmer, Schlafzimmer: — Keine Reaktion. Sie sind tot. Ich werfe sie weg.
Baum: Ich habe alle Blätter abgeworfen. 
Ich: Das sehe ich.
Abwasch: Also wenn Du Tee trinken möchtest, müsstest Du erst eine Tasse abwaschen.
Neue Bluse: In diesen Kleiderschrank soll ich? Es ist hier unordentlich.

Ich: Wie geht es Dir?
Ich stelle mich neben mich und schaue mich an.
Ich: Es geht mir gut.
Und koche mir erstmal einen Figurschmeichler-Tee (Kurkuma-Mate), bevor ich den Haushalt in Angriff nehme.

Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Stretching und Meditation ✔️
Mittwoch: Herzsport ❌ (stattdessen Schauspielhaus: Krankenakte Robert Schumann mit Mathias Brandt, und das war bereits das Theater-Highlight 2019!)
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️und 11.167 Schritte ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️und 7.246 Schritte (Stand: 15.34h) und Aktion Haushalt 🔛

 

01.02.2019

Unterwegs.

Dear colleagues,
please kindly note that we are organizing an event for World Cancer Day which will be held at M on 4th of February.
Professor Dr. D (Dental Surgeon, Professor and Head of Department of Oral medicine) and Dr. M (AR Hospital) will speak about Oral Cancer, Breast Cancer and Ovarian Cancer. We would like to invite all business units to attend.

Ich bin überrascht und auch etwas gerührt über die Nachricht im Posteingang, die aus unserem Büro in Südostasien kommt. Die asiatische Geschäftsleitung organisiert einen Event zum World Cancer Day und lädt einige hundert Kollegen dazu ein. Ich schreibe zurück, lobe sie ob dieser ungewöhnlichen Aktivität, wundere mich insgeheim aber auch etwas, da Krebs eher ein Problem der ersten Welt ist, in der die Menschen zuviel Zucker und Junkfood essen und sich zu wenig bewegen (verkürzt ausgedrückt). Im nächsten email folgt die Info, daß vor allem die Kollegen erscheinen mögen, die Betelnüsse kauen. Betelnüsse gelten als krebserregend. Also ist Krebs doch kein ausschließliches First World-Problem, denn Betelnüsse kauen dort fast alle. Ich weise meine Abteilung vor Ort an, Fotos zu machen und einen Artikel über den Event zu schreiben, den wir im nächsten Newsletter veröffentlichen können.

Man schickt mir vorab die Präsentation der Professoren; ein, zwei Schockbilder, Texte in burmesischer Kringelschrift, aber auch Fotos, wie man sich die Brust abtastet (was schon wirklich sehr offen für die dortige Kultur ist, vor allem in einer öffentlichen Präsentation) und icons, die Meditation, Bewegung, Rauchen (durchgestrichen), Alkohol (durchgestrichen), Junkfood (durchgestrichen), Gemüse (nicht durchgestrichen) darstellen. Das finde ich jetzt mal eine wirklich gute Aktion.

Eine weitere Einladung ist in der Post, ‚mein‘ Krankenhaus lädt zum Informationstag Brustkrebs Hamburg 2019 ein.

Als ich mich auf den Weg ins öffentliche Bad mache, fängt es an zu schneien. Schneeflocken irren durch den Dampf, der aus dem Becken steigt, mein Blick irrt im Becken umher und sucht die pinke Badekappe. Meine Schwimmfreundin fehlt.

 

25.01.2019

Unterwegs.

Ich stelle die Klangschale, die ich aus Lhasa mitgebracht habe, vor mich hin, und dann kommt der Moment, auf den ich mich schon den ganzen Tag gefreut habe: der Ton der Schale ist wunderschön, leicht vibrierend und immer leiser werdend leitet er uns in die Tiefen der Stille.

Vorher habe ich C., mit der ich am Dienstag allein bei der Meditation bin, gefragt, ob sie einen Onkologen hat. Ich habe nämlich keinen. Sie auch nicht. Meine Hausarztpraxis ist stutzig geworden, da ich bei der Blutabnahme nicht nur den Schilddrüsen- und den Vitamin-D-Wert bestimmen lassen wollte, sondern auch die Werte, die aufgrund der Tamoxifen-Einnahme in die Schräglage geraten könnten. Und dafür sei der Onkologe zuständig. Aber meine Hausärzte sind freundlich und lassen alle Werte überprüfen.

Im Büro angekommen, stelle ich fest, dass ich mein Pillendöschen mit dem Tamoxifen nicht zurück in die rote Handtasche gesteckt habe. Ich ärgere mich, das ist mir noch nie passiert. Ich fahre zurück nach Hause, renne die Treppen hoch, stecke das Döschen ein und laufe die Treppe wieder hinunter. Vor der Tür stelle ich fest, daß ich die Handschuhe nicht mehr dabei habe. Ich ärgere mich wieder, da ich aber nur sportliche sieben Minuten Zeit habe, um die Bahn zurück zum Büro zu bekommen, spurte ich zum Bahnhof. Um 10.10h ruft T. an und fragt, ob unser Meeting heute nicht stattfände. Doch, sage ich, und schaue auf die Uhr; ich bin zu spät dran. Meinen Grafiker frage ich, warum wir denn vier Formate von derselben Anzeige bekommen hätten; während er anfängt zu erklären, merke ich, daß mir die Antwort bekannt vorkommt. J., Habe ich Dich das schon mal gefragt? Er bejaht und gibt sich diplomatisch, diesmal würde er aber noch einen screenshot zur Verdeutlichung schicken. Ich werde vergesslich. Ich gebe meiner Schilddrüse die Schuld, wahrscheinlich ist sie jetzt doch noch in die Unterfunktion gefallen, da stellt sich Vergesslichkeit ein.

Meine Hausarztpraxis ruft an, alle Blutwerte seien in Ordnung. Die Schilddrüse ist unschuldig. Vielleicht komme ich mit drei Meetings am Tag, einem Friseurtermin in der Mittagspause und dem Sport direkt nach der Arbeit etwas ins Straucheln? Ich stelle mich neben mich und fest, daß dem nicht so ist. Ich bin ganz ruhig, mein Blutdruck und mein Puls sind es auch. Vielleicht ist das Wetter schuld? (note to myself: vielleicht wirst Du einfach alt).

Beim Schwimmen bleibe ich drin, da ich im Aussenbecken des öffentlichen Bades keine pinke Badekappe samt Schwimmfreundin darunter ausmachen kann, mit der ich beim Bahnenziehen bei minus 3 Grad die Zeit verplaudern könnte. Im Innenbecken schwimme ich schneller und konzentriert. Hier ist keine Ablenkung in Sicht, dafür umso mehr Platz. Ich sage in Gedanken das Alphabet auf, ein kleiner Test, den ich bestehe. Auch die Einkaufszettel für Freitag und Samstag habe ich im Kopf, genauso wie die Verabredungen am Wochenende. (note to myself: vielleicht darf man einfach mal was vergessen). Zuhause angekommen, stelle ich fest, dass ich alles, was ich mit zur Arbeit und ins öffentliche Bad genommen habe, auch wieder mit zurückgebracht habe. Dafür fällt mir jetzt kein Abschlusssatz ein. (note to myself: es gab schon andere, die Werke unvollendet ließen).

ein unvollendeter Text, dafür ein vollendeter Ton

19.1.2019

Unterwegs.

Eine weiße Schneedecke, die sich über die Gärten des Belvedere, die Oper, die Burg, den Stephansdom und die Kärtner Straße legt…den Gefallen tut mir meine Lieblingsstadt leider nicht. Stattdessen liegt der Himmel grau und schwer über Wien. Es ist kalt.

Um 4.15h bin ich in Hamburg aufgestanden, um 9.30h stehe ich bereits an der Rezeption des weißen stuckverzierten Hotels, das nur einen Steinwurf von der Wiener Oper entfernt liegt. Das Zimmer, welches man für mich im siebten Stock reserviert habe, stehe erst zum regulären Check In um 15h bereit. Man könne mir aber ein Zimmer in der ersten Etage anbieten, das ich sofort beziehen könne. Ich fahre in den ersten Stock, packe kurz aus und mache mich auf den Weg zum Naschmarkt. Ein frühes Mittag mit Shakshuka, das Neni ist proppenvoll. Ich sitze am Tresen und schaue dem lebhaften Treiben zu.

Es ist schön, hier zu sein; ich mag es, Vertrautes wiederzusehen und gleichzeitig Neues zu entdecken. Ich mag es, ganz spontan zu entscheiden, was ich als nächstes machen möchte, ich liebe die Freiheit, einfach dem zu folgen, wozu ich gerade Lust habe.

Heute habe ich Lust auf einen Bummel durch die Kärtner Straße und die Geschäfte. Im Stephansdom zünde ich wieder zwei Kerzen an (eine für Dich, lieber Alex – für ein gesundes, langes Leben).

Im Café an der Oper gönne ich mir Topfenstrudel und ein Glas Sekt, bevor ich eine Ruhepause im Hotel einlege und mich für den Abend im Burgtheater zurechtmache.

Moderne trifft Klassik, und das gleich doppelt: das Ticket ist per App auf meinem Smartphone gelandet, meine Loge in der altehrwürdigen Burg hat ein eigenes Vorzimmer mit samtroter Couch, verschnörkeltem Spiegel und Garderobe.

Die klassische Tragödie Medea (nach Euripides, 431 v.Chr.) wird in die heutige Zeit verlegt und basiert auf einer realen Tragödie, die sich in den USA ereignete.

Anna ermordet ihre Kinder und zündet das Haus an, während der Ruß ganz sanft in das schneeweiße Bühnenbild rieselt.

Auf dem Platz gegenüber vorm Rathaus wird Schlittschuh gelaufen.

18.1.2019

Zuhause.

Wenn mein lieber Freund mitteilt, daß er ab jetzt Veganer sei.
Wenn ich innerlich mit den Augen rolle und antworte, daß man da aber Nahrungsergänzungsmittel einnehmen müsse, um keine Mangelerscheinungen zu bekommen.
Wenn ich ein paar Tage abwarte und nachfrage, ob er immer noch Veganer sei.
Wenn er dies bejaht. (Disziplin können wir.)
Wenn ich feststelle, dass er mit dem Fisch-Restaurant, in dem wir – wie jedes Jahr zum Geburtstag – einen Tisch gebucht haben, selbst vorab diskutieren könne, was man ihm denn nun kredenzen dürfe.
Wenn der Tisch im Fisch-Restaurant abbestellt wird.
Wenn ich mich auf die Suche nach einem anderen Restaurant begebe, das am Feiertag geöffnet hat und etwas Veganes vorbereiten kann.
Wenn das Restaurant an der Elbchaussee sagt, sie könnten sich auf Veganer einstellen.
Wenn das vorgeschlagene 5-Gänge-Menü so interessant klingt, dass ich es für mich auch vorbestelle.
Wenn alle Gäste um uns herum Steaks und Enten und Gänse und Klöße mit Sauce essen.
Wenn das vegane 5-Gänge-Menü optisch grandios ausschaut und auch noch lecker ist.
Wenn wir für’s nächste Jahr sofort wieder reservieren. Veganes Menü, versteht sich.
Wenn ich abends in der Bar einen alkoholfreien Basilikum-Cocktail trinke.
Wenn ich mich frage, wo das noch enden soll 🤔

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15.1.2018

Unterwegs.

Und hier ist unsere sonnige Oase, sage ich. Wir stehen in Socken auf dem orangenen Teppich des Meditationsraumes, das Licht ist weich, die Heizung wärmt, an der Wand leuchtet die goldene Buddha-Figur.
R. hat sich über den Dauerregen beklagt, er und C. und ich sind klatschnass im Psychologenhaus eingetroffen. Den Regen finde ich auch schön, sage ich, und auch den Sturm, das Wetter ist so lebendig, jeden Tag neu und jeden Tag anders. Ich sehe das also von der positiven Seite, setze ich hinzu und schaue aus dem Fenster. Auf der gegenüberliegenden Seite trainieren Fussballer im Flutlicht, in dem der Regen tanzt, der Rasen leuchtet grün.

Nächste Woche sei er nicht da, sagt unser Lehrer, aber wir können trotzdem zum Meditieren kommen. C. und ich nicken uns zu, R. übergibt mir den Schlüsselbund, damit bin ich für den Meditationsraum am nächsten Dienstag verantwortlich. Und der andere Schlüssel sei für die Eingangstür, falls die abgeschlossen sein sollte. Die Eingangstür steht immer offen. Jeder kann ins Psychologenhaus spazieren, in die Gesprächsräume, die Küche, die Stube und in den verwunschenen Garten. Die Psychologen scheinen ein solides Grundvertrauen in die Menschen zu haben.
Dann könnte ich endlich mein Mobiliar herschaffen und hier einziehen, wo ich jetzt die Schlüssel zu meinem Lieblingshaus habe, sage ich.

Am Bahnhof erzähle ich C. von meinen selbstgemachten zuckerfreien Zitronen-Joghurt Gums und den Müsliriegeln, die erstaunlich lecker sind.
Am Bahnhof bleiben wir jeden Dienstag zwanzig Minuten stehen.
Am Bahnhof sprechen wir über ‚unser‘ Thema.
Wir machen das richtig, sagt C. und guckt mich erwartungsvoll an. Wir machen das richtig, bestätige ich ihr. Sie strahlt. Das höre sie immer so gern von mir, dass wir das richtig machen. Mit dem Sport. Mit der Meditation. Mit der gesunden Ernährung. Mit dem positiven Denken. Ein Restrisiko bleibt, meine ich. Aber auch die Gewissheit, sich niemals Vorwürfe machen zu müssen, denn wir tun alles, was wir tun können.
Wir machen das richtig.

Und dann wandere ich wieder zurück durch den Regen und den Sturm, durch die Lichter am Hafen und durch das Leben.

7.1.2019

Unterwegs.

Du bist vor einer halben Stunde von der Arbeit nach Hause gekommen, nass und verfroren, und nun willst Du schon wieder los?!? Mach‘ doch den Weihnachtsbaum nochmal an, leg‘ Dich auf’s Sofa und lies den Krimi weiter, den Du gestern angefangen hast. Vielleicht noch ein leckeres Brötchen mit Mandelmus und einen Tee?
Ich ziehe mein Sportzeug an und versuche, den inneren Schweinehund zu ignorieren.
Du kannst auch im Wohnzimmer Stretching machen. Oder meditieren? Und dann auf’s Sofa? Es ist so schön warm hier!
Ich ziehe die Regenhose über.
Ich ziehe die Regenhose wieder aus.
Ich fange an, mich zu ärgern.
Ich schaue auf die Uhr. In drei Minuten müsste ich los, wenn ich den Bus noch kriegen will.
Und dann steht der Bus wieder im Stau, und Du verpasst (und das nicht zum ersten Mal!)  den Anschlussbus und kannst im Regen zurücklaufen. Für nichts und wieder nichts. Besser, gleich zuhause zu bleiben!
Ich liege aber gut in der Zeit, ich kann einen Bus früher bekommen, dann klappt es auch mit dem Umsteigen an den Landungsbrücken.
Ich ziehe die Regenhose wieder an.
Ich packe die Turnschuhe ein, eine Box mit Nüssen und eine Flasche Wasser, in die ich schnell noch etwas frische Zitrone presse.
Der Schweinehund hüpft wild vorm Fenster und zeigt auf den Regen und die Dunkelheit. Langsam werde ich wirklich wütend. Es ist das erste Taiji-Training in diesem Jahr, das kann nicht schon geschwänzt werden! Ich ziehe die Antarktisjacke an, nehme meinen Rucksack und marschiere zur Bushaltestelle.
In den Unterstand an der Haltestelle regnet es hinein, mein Gesicht und meine Haare sind bereits nass, egal wie ich mich drehe.
Noch kannst Du umkehren, ruft der Schweinehund.
Ich versuche, den Kapuzenpullover tiefer ins Gesicht zu ziehen.
Der Bus kommt. Ich steige ein.
Ich bekomme an den Landungsbrücken den Anschlussbus, sogar einen früher als gedacht.
Auf dem Weg durch den Park zur Turnhalle kommen mir einige Mitschüler entgegen. Du kannst gleich wieder mit uns umkehren, wir gehen einen Tee trinken! Unser Lehrer komme später, und F. hätte den Schlüssel für die Halle vergessen und sei gerade auf dem Weg zurück nach Hause um ihn zu holen. Das Café hat geschlossen, wir stehen im Eingang, immerhin ist es trocken. Ich konnte mich kaum aufraffen, sagt K. Aber die erste Stunde im neuen Jahr kann man ja nicht schwänzen.
Unser Lehrer kommt, auch er durchnässt, wir warten immer noch auf F. und den Schlüssel. P. reicht eine Packung Schokokekse herum, die Stimmung ist fröhlich. R. ruft F. an und fragt wo er mit dem Schlüssel bliebe, ach Mallorca, das sei ja nett, sie lachen und scherzen am Telefon.
Die Schokokekse drehen eine zweite Runde, bevor wir wieder zurück durch den Park in Richtung Halle laufen.
F. taucht auf, mit ihm der Schlüssel, wir fangen leicht verspätet an, was unser Lehrer mit dem Ausfallen der Pausen wieder wettmacht.
Aufwärmen, Reeling Silk, drei 19-er Formen. Die Fenster sind geöffnet, trotzdem schwitze ich. Taiji ist anstrengend, auch wenn es nicht so aussieht.
Bis nächste Woche, verabschiede ich mich von K. Natürlich, antwortet sie. Bis nächste Woche!
Ich laufe im Regen durch Altona zurück zur Bushaltestelle, an türkischen Gemüsehändlern und Teestuben vorbei, meine Laune ist jetzt wieder bestens, wie eigentlich immer nach dem Unterricht.
Irgendwo hinter mir stolpert der Schweinehund hinterher. Abgehängt, rufe ich ihm über die Schulter zu. Disziplin kann ich. Und Laune aufbessern sowieso.

Montag Taiji: ✔️

so stell ich mir den inneren Schweinehund vor. (Also wie das Pokémon Traumato)

4.1.2019

Unterwegs.

Pinker Punkt im trüben Grau.

Damit ist die Entscheidung gefallen; statt ins warme Innenbecken zu gehen, mache ich mich auf den Weg ins Aussenbecken des öffentlichen Bades.

Meine 80-jährige Schwimmfreundin ist nach längerer Abwesenheit wieder aufgetaucht und winkt mir zu; ihre Badekappe leuchtet im Dunst, der aus dem Becken steigt und sich mit dem Nieselregen vermischt. Fünf Grad plus immerhin, denke ich und schwimme dem grauen Himmel und meiner Schwimmfreundin entgegen.

G. – heute haben wir unsere Namen ausgetauscht – hält ihre Hand hoch, als ich ihr zurufe, dass ich sie schon vermisst habe. Gebrochen, ruft sie zurück und dreht das Gelenk hin- und her. Deshalb konnte sie die letzten Wochen nicht zum Schwimmen kommen; aber gestern wurde der Gips abgenommen, somit sei sie ab heute wieder am Start. Auch ihre Gymnastikkurse musste sie ausfallen lassen, stattdessen sei sie täglich ihre 15 Kilometer vom Hafen aus, wo sie wohne, um die Aussenalster spaziert. Das komme mir bekannt vor, erzähle ich ihr, auch ich wurde zwei Wochen durch die Radiojodtherapie vom Schwimmen und meinen Sportkursen abgehalten und sei etwas ratlos durch die Gegend gewandert. Eine ungewohnte Situation für uns beide, so ganz ohne tägliches Fitnessprogramm dazustehen.

Heute schwimmen wir wieder eine knappe Stunde gemütlich nebeneinander her und plaudern, vergessen, dass es nieselt, dass der Himmel grau und das Wasser kühl ist, vergessen die Zeit und haben Spaß daran, zusammen unsere Bahnen zu ziehen.

28.12.2018

Rückblick. Ausblick.

Rückblick.
Wien – Sylt – Travemünde – Zypern – Amsterdam – Myanmar – Travemünde – Sylt – Tibet – Sylt – Travemünde- Zürich – Sylt – Travemünde

14 Reisen in 12 Monaten. Davon 6 Auslandsreisen. Da bin ich jetzt auch etwas baff, als ich meinen Kalender durchblättere.

Montag: Taiji – Dienstag: Meditation (Winter) / Taiji (Sommer)  – Mittwoch: Herzsport – Donnerstag: Geräteraum – Freitag: Schwimmen – Sonntag: Schwimmen/Spaziergehen

6 Tage die Woche Sport und Achtsamkeit, 52 Wochen lang, nach der Arbeit. Es hat Spaß gebracht.

Highlights 2018
Ich stand auf 5200 Metern im Basecamp (Northface) des Mount Everest. Meine Nr. 1 auf der Bucket List. ✔️
Mein erster Gedanke, als ich die Krebsdiagnose hatte, war, dass ich nicht zum Everest gereist bin. Und es jetzt nicht mehr tun kann. Weil es ‚das‘ nun gewesen ist. Ein (wenn nicht sogar DER) mentaler Tiefpunkt im Drama.
Umso wichtiger für mich, genau dieses Abenteuer jetzt angegangen zu sein. Um – was auch immer noch kommen mag – nie wieder den Gedanken haben zu müssen, es nicht gemacht zu haben.
Ein emotionaler Moment, als die Wolken, die über Wochen den Everest verdeckt haben, sich beiseite schoben, am 8. August. Am Tag, an dem er unser Tagesziel war. In dem Moment, als wir vor ihm standen.

Mein Taiji-Lehrer, der mich im Sommer die 19-er Form vorlaufen ließ, um mir dann offiziell zu bestätigen, dass ich sie jetzt laufen kann. Auch das war ein Punkt auf meiner Bucket List. ✔️
Viele wunderbare Taiji-Stunden im verwunschenen Garten des Psychologenhauses mit meinem Lehrer und den Mitschülern.

Dreimal durfte ich dieses Jahr meine Lieblingsband Too Many Zooz live erleben: Amsterdam, Hamburg, Zürich. Jedesmal in der ersten Reihe, jedesmal aufgeregt und glücklich, tanzend und verschwitzt. Ein Foto mit der Band. ❤️ Noch ein ✔️ auf der Bucket List.

Viele schöne Momente im öffentlichen Bad, draußen beim Schwimmen. Den Dunst sehen, der vom Wasser aufsteigt. Das Glitzern der Wasseroberfläche. Die Sonne, die mich zwinkern lässt. Die Bäume, bunt gefärbt. Die klare Luft im Winter. Die Gespräche mit meiner 80-jährigen Schwimmfreundin mit der pinken Badekappe.

Herzerwärmende Momente bei den Herzis. B., die in die Hände klatscht und sich so freut, als ich auf ihren Vorschlag eingehe, einen Vortrag über Tibet zu halten und meine Fotos zu zeigen. Weil Herzis da nicht hinfahren können. H., mit der ich statt in der muffigen Halle in Gedanken im Himalaya unterwegs bin. Dr. A., die immer fröhlich und ansprechbar ist, nicht nur bei Herzproblemen.

Die Wellen und der Wind in Westerland. Die friedliche Stimmung auf der Hafenmole in Travemünde. Der blinkende Leuchtturm. Enlightenment Day of Buddha, zelebriert bei der Shwedagon Pagode in Yangon. Und ich mittendrin in den myanmarischen Festivitäten.

Das Entdecken neuer Lieblingszeitschriften (ein Gesundheitsmagazin und ein Magazin über Psychologie), die ich mir als Reiselektüre im Buchladen auf dem Bahnhof oder am Flughafen kaufe.

Der Gedankenaustausch bei der Meditation mit meinem Lehrer und den Mitschülern. Besonders mit C., die auch letztes Jahr Brustkrebs hatte. Die vielen Äpfel und Birnen aus C.’s Garten und das selbstgemachte Reneklodengelee, welches sie mir mitbringt.

Viele Theater- und Konzertbesuche und Stunden mit Freunden und Familie.

Meine erste Buchveröffentlichung im Dezember! Eine sechsseitige Reisereportage (Auftragsarbeit, nicht zu verwechseln mit dem Logbuch) über die Antarktis wurde in einem Reiseführer veröffentlicht. Darauf bin ich stolz.

Dank der Radiojodtherapie Ende November kann ich viel besser atmen und schlucken und schlafen. Die ersten Blutwerte zeigen, dass die Schilddrüse trotz der heimtückischen radioaktiven Attacke tapfer weiterarbeitet und nicht bockig mit einer Unterfunktion kontert.

Mich neben mich zu setzen und zu fragen: wie geht es Dir? Das tue ich häufig. Ich achte auf mich selbst.

Die Erkenntnis, dass es darum geht, sich selbst zu lieben. (klingt egozentrisch und pathetisch, aber ein liebevoller Umgang mit sich selbst ist lebenswichtig).

Nicht-Highlights 2018
Momente der Angst, wenn mir irgendetwas wehtut, was ich nicht einordnen kann. Rippenschmerzen. Schulterschmerzen. Geschwollener Lymphknoten. Der falsch gelesene Arztbericht der vorstationären Untersuchung der Schilddrüse des großen Krankenhauses. Worte wie Malignität, Thyroid Cancer Guidelines und abklärungsbedürftig lassen meinen Verstand kurzzeitig aussetzen. Die Angst hat einen realen Hintergrund. Deshalb ist sie ok. Und es ist ok, achtsam zu sein. Und – sobald der Verstand wieder durchblitzt – diesen zu nutzen und lösungsorientiert vorzugehen. Das läuft eigentlich ganz gut. Und es sind sehr wenige Momente, in denen ich mich ängstige.

Stress bei der Arbeit. Lösungsvorschläge habe ich bereits erarbeitet. Es liegt ausschliesslich an mir, welchen Weg ich nun einschlagen werde. Wie allerdings schon die Psychologin im Juli 2017 im Sanatorium treffend feststellte – ich bin niemand, der mit einem Sachbearbeiterjob glücklich sein würde. Mein ungebrochener Enthusiasmus und Ehrgeiz machen dem einen Strich durch die Rechnung. Das wird noch interessant in 2019.

Ausblicke und Ziele 2019.
Ich werde am 25. März nachts unter dem Sternenhimmel am See Genezareth stehen.
Und im toten Meer baden.
Im Zodiac um Eisschollen herummanövrieren, während über mir die Nordlichter, die Aurora Borealis, tanzen, irgendwo in Grönland, irgendwo im Schnee.
Ich werde Too Many Zooz auf einem Konzert ihrer Europatournee 2019 zujubeln, in einer Stadt, in der ich noch nicht gewesen bin.
Zu einer britischen Hochzeit nach Cheshire werde ich fahren. Mit Hut.
Viele schöne Stunden mit Taiji und Mediation und beim Schwimmen im Aussenbecken des öffentlichen Bades werde ich erleben. Das steht fest, genauso wie mein Sportprogramm.
Treffen und Lachen mit Freunden und Familie.
Die Stiftung ‚meines‘ Krankenhauses ehrenamtlich unterstützen.
Neue Ziele ausmachen.
Vielleicht doch Trekking zum Basecamp (Nepal/Southface) mit George Hillary (dem Enkel von Sir Edmund Hillary) auf die Bucket List setzen. George Hillary hat ein Everest-post von mir auf Instagram gelikt, ich bin begeistert! (note to myself: auch dort wird es keine sanitären Anlagen geben – und Du hast in Tibet wirklich darunter gelitten! Und wer beim Stiefmütterchenpflanzen schon Rückenprobleme bekommt, der wird nicht tagelang mit Rucksack durchs Gebirge klettern können! tbd with myself)

Gesund bleiben.

Ich freue mich auf 2019.

23.12.2018

Meine Weihnachtsgeschichte oder der 25. Dezember

Seit frühester Kindheit pflegt unsere Familie eine besondere Weihnachtstradition: Wir gehen am 25. Dezember in die Abendvorstellung des Hansa-Theaters. Das Hansa-Theater liegt am Steindamm; ein altes Variete-Theater, das nicht so recht in seine verwahrloste  Umgebung in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs passt. Das Hansa-Theater hat seine besten Zeiten hinter sich. Hier traten schon Hans Albers auf und Siegfried und Roy mit ihren Tigern. Und hier gehen wir jedes Jahr mit der Familie hin. Als Kind war dies ein größerer Ausflug – nebst Eltern und kleinem Bruder waren auch Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, Oma und Opa und sogar Uroma mit von der Partie. Übrig geblieben sind meine Eltern und ich. Die anderen Familienmitglieder sind gestorben oder wohnen jetzt in anderen Teilen der Welt.

Jedes Jahr gibt es das gleiche Procedere: bevor wir in die Abendvorstellung können, müssen wir noch mindestens eine halbe Stunde im kalten Auto auf dem kleinen Parkplatz hinter dem Theater warten, da mein Vater alle Jahre wieder Angst hat, nicht rechtzeitig einen Parkmöglichkeit zu finden. So sitzen wir im dunklen im Auto auf dem halbleeren Platz und schauen gespannt auf die Wohnwagen der Künstler, die hier ebenfalls parken, sehen das Licht hinter den kleinen Fenstern mit den Spitzengardinen, und manchmal sieht man sogar schon einen Pudel, der später auf der Bühne das Publikum begeistert.

Wir gehen stets durch den Hintereingang ins Theater, an der Garderobe und den wunderschönen antiken Toiletten vorbei,  hinein in den Saal. Vorne im Saal und in den Logen stehen runde Tische – der hintere Bereich besteht aus kleinen Viererreihen mit plüschigen Sesseln, vor denen ein schmaler Tisch mit dekorativen Schmiedeelementen, einer kleinen Lampe und dem Schalter, mit dem man den Kellner rufen kann, angebracht ist. Früher bestellten wir uns immer den Theaterteller: der bestand aus kleinen Stücken Schwarzbrot mit Käse und Mettwurst, und als Deko  gab es zwei Salzstangen. Noch Wochen nach unserem Besuch bekamen wir zuhause zum Abendbrot von unserer Mutter einen Theaterteller.

Nach der Diashow, die die Geschichte des Hansa-Theaters zeigt und dem ersten  Einsatz des Live-Orchesters, beginnt die Show: Willkommen im Hansa-Theater. Clowns schlagen Purzelbäume,  der Pudel vom Parkplatz springt mit seinen Brüdern und Schwestern durch die Reifen, die Akrobaten bauen menschliche Pyramiden, während sie auf dem Rad die kleine Bühne umkreisen. Wir sitzen im hinteren Teil des Saals – der Grund ist, dass wir alle nicht darauf erpicht sind, von den Spaßmachern auf die Bühne gebeten zu werden und ihnen bei ihrem Auftritt zu assistieren – und das passiert hier in schöner Regelmäßigkeit, wenn man vorne seinen Platz hat.

Einmal waren wir am 26. Dezember in der Vorstellung. Am 26. Dezember habe ich Geburtstag.  „Hat heute jemand Geburtstag?“ fragt der Komiker auf der Bühne. Meine im ganzen Saal verstreute Familie dreht sich erwartungsvoll zu mir um. Mein Herz schlägt bis zum Hals – ich will nicht auf die Bühne. Also melde ich mich nicht. Eine andere Dame meldet sich – sie bekommt ein Geburtstagsständchen vorgetragen – Happy Birthday, rückwärts gesungen. Grad noch mal gut gegangen, auch wenn die Familie etwas enttäuscht über meine Nicht-Meldung ist. In der Pause stehen die Raucher vor der Tür und schauen auf den tristen Steindamm. Ich stehe vor dem Tannenbaum im Foyer, der jedes Jahr reich mit Lametta behängt und mit glänzenden silbernen Kugeln geschmückt ist. Das ist mein Lieblingsweihnachtsbaum. Mein eigener Weihnachtsbaum sieht heute noch aus wie ein Zwilling des Baumes im Hansa-Foyer.

Es kann übrigens noch schlimmeres passieren, als unfreiwillig auf der Bühne  assistieren zu müssen. Ich bin 9 Jahre alt. Wir sitzen an unserem schmalen Tisch mit dem hübschen Gitter, das uns von der Reihe vor uns trennt. Und da passiert es. Mein Orangensaft kippt um. Gebannt starre ich auf den Saft, der langsam in den Kragen des Herren vor mir tropft. Clowns schlagen Purzelbäume, der Pudel vom Parkplatz springt mit seinen Brüdern und Schwestern durch die Reifen – und der Saft tropft weiter in den Kragen meines Vordermannes. Von der Show bekomme ich nichts mit – der Herr zum Glück auch nichts von dem Unglück hinter ihm. Selbst nach der Pause – und ich erwarte ein Donnerwetter – geschieht nichts.

Doch es kommt schlimmer.

Jedes Jahr nach der Pause folgt der eigentliche Höhepunkt. Es  sind nicht die Radfahrer, Sänger oder Bauchredner, die uns zu Tränen rühren und unser persönliches Weihnachts-Highlight sind. Jedes Jahr nach der Pause, wenn die Zuschauer ihre Plätze eingenommen haben und es dunkel und still im Saal wird, ertönt „O Tannebaum“;  die schwarz gekleideten Kellnerinnen mit den weißen Spitzenschürzen und die  einen schwarzen Anzug tragenden Kellner schreiten langsam hintereinander die Gänge hinunter, jeder hat einen kleinen beleuchteten Weihnachtsbaum in der Hand. Während die Kirchenglocken vom Band läuten, wünscht uns das Hansa-Theater frohe Weihnachten. Es ist der festlichste Moment im Jahr.

Eines Jahres waren wir am 27. Dezember in unserem Hansa-Theater: die Pause ist beendet, wir sitzen im Dunkeln erwartungsvoll auf unserem Platz, die Kellner nehmen ihrerseits ihre Plätze im Saal ein – und dann geschieht es. Kein „O Tannebaum“ erklingt – es ist ein anderes Lied – und schlimmer – die Kellner haben ihre Weihnachtsbäumchen gegen silberne Tabletts  ausgetauscht, die sie emporstrecken. Auf den Tabletts präsentieren sie dicke rosa Glücksschweine. Was für eine Enttäuschung! Seitdem gehen wir wieder am 25. Dezember ins Hansa-Theater. Nicht am 26. Dezember und erst recht nicht am 27. Dezember.

Das Theater  war einige Jahre geschlossen; als ich vor der Schließung ein letztes Mal die Karten an der Kasse am Steindamm holte, durfte ich mir meine Sitzplätze im Saal aussuchen. Die Proben liefen gerade, als mir der alte Herr zeigte, unter welchen Plätzen ich noch wählen könnte. In den Jahren dazwischen sind wir in die Oper ausgewichen: Hänsel und Gretel statt Clowns, Zauberflöte statt Akrobatik, Boheme statt Theaterteller.

Nun hat das Hansa-Theater seine Pforten wieder geöffnet. Meine Eintrittskarten muss ich zwar im Internet auf dem Sitzplan auswählen, der klassische Theaterteller wurde vom teuren Fischteller verdrängt, wir gehen nicht mehr mit der Großfamilie sondern zu dritt. Aber wir gehen wieder am 25. Dezember in die Abendvorstellung. Und wir freuen uns auf das Ende der Pause. Dann werden die Kellner wieder zu „O Tannebaum“ mit ihren beleuchteten Tannenbäumchen ihre Aufstellung einnehmen und uns frohe Weihnachten wünschen.

Dezember 2010

Ich wünsche Euch ein besinnliches Weihnachtsfest und friedliche Feiertage.

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18.12.2018

Unterwegs.

J. trägt einen grün-seidenen Kimono als er die Tür öffnet. Er ist barfuß. Ich schnaufe. Die  Wohnung liegt im Dachgeschoß eines Altbaus in Eimsbüttel, einen Fahrstuhl gibt es nicht, dafür fünf Stockwerke und eine Wendeltreppe. Zur letzten Meditation des Jahres hat J. uns zu sich nach Hause eingeladen; nach dem Sitzen wollen wir gemeinsam essen. J. führt mich durch die Wohnung, die anders aussieht, als ich es von dem (normalerweise) im Anzug erscheinenden Mitstreiter, der bei einem Flugzeugbauer arbeitet und Meetings mit chinesischen Kunden hat, erwartet habe. Die Zimmer sind mit japanischen Tatami-Matten ausgelegt, auf denen bunte Kissen liegen, eine Klangschale steht vorm Spiegel auf dem Flur. Es gibt unzählige Bücher und Holzkisten.  Frauenportaits aus einem entfernten Jahrhundert hängen museumsgleich an den Wänden, aber auf Oberschenkelhöhe. Jetzt weiß ich, was mich irritiert. In dieser Wohnung gibt es keine Möbel. Kein Bett, kein Kleiderschrank, keine Couch, keine Sitzecken, keine Stühle, keine hohen Tische. Zwei Sitzgelegenheiten ohne Beine und ein Tisch, vor den man sich hinknien kann, stehen im Wohnbereich. Dann passt es auch mit den niedrig hängenden Bildern an den Wänden, denke ich.

C. erscheint, auch sie ist am Schnaufen. Sie streckt mir ein Glas selbstgemachtes Reneklodengelee entgegen, ich habe ihr ein Gesundheitsmagazin mitgebracht. C. hat einen Radiobeitrag eines Arztes über Mikronährstoffe gehört, über den sie sich sofort mit mir austauschen möchte. Ich esse immer das, was mir schmeckt, sagt unser französischer Gastgeber. Er weiß nicht, daß zwei Brustkrebspatientinnen vor ihm stehen, die ihre Ernährung auf den Kopf gestellt haben und sich dienstags nach der Meditation mit Begeisterung darüber austauschen. Wir sind jedenfalls schon gespannt, was es nachher bei unserem Franzosen zu essen geben wird.

Der Gong ertönt, am immer leiser werdenden Ton gleite ich hinab in mein Inneres und fokussiere mich auf den Atem. Mit dem Gongschlag 70 Minuten später kehre ich wieder zurück.

Wir platzieren die bunten Sitzkissen um den niedrigen Tisch, es wird eng mit sechs Personen, aber es geht. J. hat eine Süßkartoffel-Ingwer-Suppe mit frischen Kräutern gekocht. Dazu gibt es einen grünen Salat, leckeres dunkles Brot, Butter, diverse Käsesorten,  vegetarische Brotaufstriche, Mandarinen und grünen Tee. C. und ich sind begeistert, das passt perfekt in unser Ernährungskonzept.

Die Konversation ist locker und anregend; mit R. besuchen wir Meditations-Retreats und reisen nach China, mit N. verfolgen wir das dumpfe Grollen in der Mongolei, das langsam anschwillt und zu einer riesigen Yak-Herde gehört, die um uns herum galoppiert, ich nehme die Gruppe mit in die weiten Hochsteppen des Himalaya zum Teetrinken, derweil unser Bus im reißenden Fluss feststeckt und auf Rettung wartet. Wir besuchen C. in ihrem schönen Garten im Grünen, aus dem sie mir immer Äpfel mitbringt und fahren mit A. und J. nach Japan.

Es ist ein wundervoller Abend, an dem wir gemeinsam durch die Welt und zu uns selbst reisen. Wir schmieden Pläne für’s nächste Jahr. Vielleicht ein gemeinsames Retreat. Vielleicht zusammen C. in ihrem Garten besuchen. Und gemeinsam Schweigen werden wir sowieso.

passend zum post trifft gerade das Rezept ein (evtl geht auch Haferdrink statt Milch – muss ich mal testen)