4.10.2018

Zuhause.

Das habe ich noch nie gemacht, denke ich. Langzeitplanung. Weder vor dem Drama noch nach dem Drama. Das ist übrigens meine Zeitrechnung: es gibt ein ‚vorher‘ (bis 21.3.2017) und ein ‚danach‘ (ab 22.3.2017 – Tag der OP). Danach habe ich in extrem kurzen Zeiträumen geplant: spontan das nächste Wochende nach Sylt oder Wien oder nach Edinburgh und Amsterdam, die Antarktis habe ich im September gebucht und bin zwei Monate später losgereist. So ganz habe ich dem Frieden, dass der Feind fernbleibt, nicht getraut.

Und nun habe ich ein wunderbares Abenteuer für den September 2019 gebucht. Langzeitplanung. Ich denke, dass das ein gutes Zeichen ist.

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3.10.2018

Unterwegs.

Cut! ruft der Regisseur. Ich stehe neben Kristen Stewart und ihren zwei Schauspielerkolleginnen, quasi als vierter Engel für Charlie. Wer hat sie durch die Absperrung gelassen? Der Regisseur ist ungehalten, die Szene muss nochmal gedreht werden.
So hätte es sein können, wenn ich denn durchgelassen worden wäre, aber die Sicherheitskräfte sind auf zack. Ich muß warten und kann die Straße, in der ich wohne, nicht verlassen. Heute ist hier Hollywood, Drei Engel für Charlie wird gedreht. Bis gestern wurde hier ein Werbefilm erstellt, vor meiner Haustür der Imbiss „Moviemampf“ aufgebaut. Was für ein bescheuerter Name, denke ich, als ich aus dem Küchenfenster auf den Wagen mit der Theke schaue, an der sich gerade ein zerzauster Typ eine Packung Kekse und einen Becher Kaffee holt. Vor meiner Haustür wird dauernd geshootet, gedreht, fotografiert, sich in Szene gesetzt. Ich finde das eher langweilig. Nun stehe ich in Sportzeug an der Absperrung und warte darauf, daß ich den Weg in Richtung schickes Spa fortsetzen kann. Heute ist Feiertag, der Herzsport fällt aus, ich entscheide mich gegen das öffentliche Bad und schwimme im Doutzen-Bikini 1 (Generation 2) meine Bahnen mit Blick auf den Hamburger Michel. Zwischen den Schwimmeinheiten mache ich es mir mit Wolldecke und Cappuccino auf der Liege bequem und blättere in den Zeitschriften.

Ich denke an gestern, als unser Lehrer vor dem Meditieren fragte, ob wir uns manchmal fragen würden, wie es uns ginge. C., die mir wieder eine große Tüte mit selbstgeernteten Äpfeln und Birnen aus dem Garten mitgebracht hat und ich bejahen die Frage. Wir fragen uns das recht häufig, meist geht es uns gut, und sollte dem mal nicht so sein, denken wir darüber nach, was uns gerade stört und wie wir die Störung beheben können. Unser Lehrer tut das auch, er habe mehrere Stimmen in sich, die sich austauschen. Schulz von Thun und die „Mitglieder des Inneren Teams“ – davon haben wir auch schon gehört. Ich habe einen hohen freundlichen Anteil in mir, stelle ich fest, und stehe mir sehr wohlgesonnen gegenüber; überhaupt geht es meiner Meinung nach um die Kunst, sich selbst zu lieben.

Auf dem Rückweg vom schicken Spa nach Hause scheint die Sonne, die Straßensperrungen sind abgebaut. Hollywood hat Feierabend. Ich kehre in das Atelier meiner russischen Nachbarin ein, wir plaudern über dies und das, auch sie bietet mir Äpfel aus dem Garten ihres  Häuschens an der See an. Eine gute Jahreszeit, stelle ich fest. Und eine sehr leckere. Ob es mir gut ginge? frage ich mich. Was für eine Frage.

28.9.2018

Im Krankenhaus.

C., meine Taiji-Freundin, die ebenfalls letztes Jahr an Brustkrebs erkrankt ist, und ich sitzen im Konferenzraum meines Krankenhauses. Wir haben uns zum Vortrag „Mikronährstoffe in der Onkologie“ angemeldet. Der Raum ist gut gefüllt, die Stimmung gemischt: zwei Chemo-Patientinnen streiten sich: die eine ist leicht erkältet, die andere hat Bedenken, sich anzustecken. Trotz der Tatsache, dass sie auf der anderen Seite des Raumes sitzt, besteht sie darauf, daß die Verschnupfte einen Mundschutz anlegt. Andere hingegen schauen erwartungsvoll auf die Leinwand, auf der uns gleich Dr. P. diverse Mikronährstoffe erläutern wird.
Kurz zusammengefasst: zu Mikronährstoffen gehören Vitamine, Mineralstoffe, Aminosäuren, Enzyme, Spurenelemente, essentielle Fettsäuren, Vitaminoide, bioaktive Pflanzenstoffe und probiotische Mikroorganismen.
Vitamin D kann man nicht ausreichend durch die Nahrung aufnehmen, durch die Sonne nur in der Mittagszeit – und auch nur dann, wenn man nicht mit einem hohen Lichtschutzfaktor eingecremt ist. Fast alle Menschen im Norden haben Vitamin D-Mangel; Vitamin D senkt die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs und an Rezidiven zu erkranken. Also Tabletten nehmen. Am besten täglich, am besten nicht die auf Erdnussölbasis (genau die nehme ich allerdings, und zwar einmal die Woche).
Weiter gehts mit Antioxidantien: Vitamin C, E, Selen, Zink, Q10 etcetc.
Auch Selen ist superwichtig, deshalb essen C. und ich täglich Paranüsse,  dem Nahrungsmittel mit dem höchsten Selenanteil. Die seien allerdings meist radioaktiv belastet, fährt Dr. P. in seinem Vortrag fort, deshalb seien sie nur schwer im Handel zu finden. Das stimmt. C. und ich schauen uns an. Das werden wir auf dem Nachhauseweg diskutieren. B6, B12, Q10 – für alles scheint es Tabletten zu geben, die Dr. P.  auch alle selbst nimmt. Mir ist das zuviel, ich möchte keine 20 Tabletten täglich nehmen, außerdem dachte ich, es ginge heute um Ernährung. Doch auch hier gibt es einen Dämpfer: Forschungen zeigen, daß die Vitamine und Nährstoffe in Gemüse und Obst seit 1985 stark geschwunden sind. Und wir uns mit Glyphosat und anderen Pestiziden selbst vergiften bzw. diese zur Entstehung von Freien Radikalen beitragen.
Und Wasser? Am besten ohne Mineralien – und auch hier habe ich andere Infos, denn genau das Wasser mit dem höchsten Mineraliengehalt trinke ich, da es von der Ärztin, die meine Knochendichte gemessen hat, empfohlen wurde.
Etwas irritiert machen wir uns nach 2,5 Stunden auf den Heimweg, vorher verlaufen wir uns allerdings noch auf den Gängen des Krankenhauses, in dem es schon abendstill geworden ist.

Am nächsten Abend beim amüsanten und interessanten Vortrag von Dr. Eckart von Hirschhausen, der im Rahmen des Harbourfront Festivals stattfindet, geht es um die Zufriedenheit im Alter. Und die Zufriedenheit nach schweren Schicksalsschlägen, die sehr oft steigt. Und um eine positive Lebenseinstellung, die um 50% die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, reduziert. Es geht um Bewegung und darum, daß zuviele Medikamente uns krank machen. Ob jemand 80-jährige kenne, die als Vorbild dienen? Sofort fällt mir meine freitägliche Schwimmfreundin mit der pinken Badekappe ein.

Ich erzähle ihr, dass ich am Donnerstag an sie gedacht habe, als wir gemütlich nebeneinander herschwimmen, natürlich im sonnendurchfluteten Außenbecken. Schicksalsschläge hätte sie schon gehabt, drei Ehemänner seien verstorben (wobei sie von zweien schon geschieden war), und ihre Tochter, die sich sehr verändert habe,  seit sie an Brustkrebs erkrankt sei. Ich oute mich und erzähle ihr, dass dies der ausschlaggebende Wendepunkt zu meinem gesunden und bewussten Leben war. Ob ich verheiratet sei? fragt sie mich. Ich verneine. Dabei sehen Sie so schön aus! ruft sie und strahlt mich an. Ich freue mich über das Lob, fühle, wie der Stress des Arbeitstages abfällt und keine Freien Radikalen entstehen lassen kann und ich gerade einige Mikronährstoff-Tabletten einspare.

21.9.2018

Unterwegs.

Ich stehe am Bahnsteig und widerstehe der Versuchung in den einfahrenden Zug, der mich nach Hause in mein Bett bringen könnte, zu springen. Am liebsten täte ich genau das: ein Sturm ist angekündigt, und stürmen tut es auch in mir. Turbulent war es bei der Arbeit, wo ich dem Top-Management mitteilen musste, dass eine nicht-existente Abteilung aufgrund von Kündigungen und nicht verlängerten Verträgen den Betrieb leider nicht aufrecht erhalten kann. Ich leite diese Abteilung. Eine Antwort habe ich zwar noch nicht bekommen, aber immerhin gleich Vorschläge unterbreitet, wie man – bis mehrere neue Kollegen gefunden und eingestellt sind – die Aufgaben umverteilen kann.

Ich warte, bis die Bahn in Richtung Schwimmbad einfährt und steige ein. Spät sei ich dran, stellt meine 80-jährige Freundin mit der pinken Badekappe fest, sie ist bereits in der Umkleide. Sie wäre extra etwas früher gekommen wegen des Sturms. Draußen herrsche die Ruhe vor dem Sturm, sage ich und wünsche ihr einen sicheren Heimweg.

Die Ruhe ist weg, der Sturm ist da, als ich ins Außenbecken möchte. Wellen kringeln sich auf dem Wasser, Blätter wirbeln durch die Luft, der Regen hat eingesetzt. Ich entscheide mich für das Innenbecken, in dem nur ein Schnellschwimmer und zwei Rentner plaudernd am Beckenrand zu finden sind. Schnell schwimme ich heute auch, ich verarbeite die Ärgernisse des Tages. Positive thinking, mahne ich mich – das Becken gehört mir fast allein, die Beleuchtung bringt zumindest etwas Glitzer, und als ich aufbreche, hat der Regen aufgehört. Zuhause mache ich mir einen Kaffee und schaue aus dem Fenster. Die Gartenzwerge im Garten unter mir hat es erwischt, sie liegen leblos im schlammigen Beet.

Nachtrag: ich amüsiere mich über mich selbst, während ich das schreibe. Irdische Dinge sollten mich eigentlich nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen. Es geht hier nicht um Leben und Tod.

18.9.2018

Unterwegs.

Mein Taiji-Lehrer sitzt auf dem Gartenstuhl und schaut mich an. Ich warte ja noch auf etwas von ihm, stellt er fest. Das stimmt, antworte ich.

Er weiß von meiner Bucket List, auf der, irgendwo zwischen Everest und Antarktis, steht, daß ich die 19er Form fehlerfrei laufen können möchte.

Dann möge ich jetzt mein bestes geben und ihm die Form vorlaufen, fährt er fort. Ich atme tief durch, gehe in die Vorbereitungsstellung und beginne: Buddhas Wächter tritt aus dem Tempel… Eine kleine Stand-Korrektur bei einer Figur, den Rest laufe ich durch. Circa fünf Minuten später stehe ich wieder auf der Ausgangsposition, diesmal in der Endhaltung. R. erhebt sich, streckt mir die Ghettofaust entgegen, lobt mein Durchhaltevermögen und bestätigt mir offiziell, daß ich die 19er Form laufen kann. A tick on my bucket list ✔️. Ich freue mich sehr, ab jetzt folgt das finetuning.

Meine Mitstreiter – P. und R. üben die 38er, C. und I. die 75er – sind im Nachbargarten.

C., die auch letztes Jahr Brustkrebs hatte, hat mir vorhin eine SMS geschickt, ob ich heute zum Taiji kommen würde. Nun hält sie mir eine große Tüte mit frisch gepflückten Äpfeln aus ihrem Garten hin. Sie sind ungespritzt und duften. Wieder bin ich dankbar, daß ich hier bin, hier in dem verwunschenen Garten des Psychologenhauses, hier in der Dämmerung eines spätsommerlichen Abends, hier umgeben von wunderbaren Menschen, hier mit einer Tüte Äpfeln in der Hand und dem Wissen, einen weiteren Punkt auf meiner Liste abhaken zu können.

Das Leben ist schön.

15.9.2018

Unterwegs.

Es wird dunkel. Der September ist der letzte Monat, in dem wir dienstags Taiji draußen im Garten praktizieren; ab Oktober werden wir auf Wintermodus umstellen und im Yogaraum meditieren. Außerdem kommt erschwerend hinzu, daß am heutigen Wünsch-Dir-was-Dienstag vier Schüler etwas anderes möchten: H. stimmt für die 38er Form, N. hat sein Schwert mitgebracht, ich tendiere zum Vertiefen der 19er Form, R. kann sich nicht entscheiden und macht mal hier und mal dort mit. Unser Lehrer nimmt das mit Gleichmut, er hat für jeden von uns Zeit, bis wir uns um 20.00h verabschieden.

Bei den Herzis werden Kalender abgeglichen; wir beschließen, uns an einem Abend im November treffen, um Tibetfotos anzuschauen. T. raunt mir zu, daß sie eigentlich auch an Antarktisbildern interessiert sei; ich werde den zehnminütigen Film, den der chinesische Vogelkundler gedreht hat, auch noch mitnehmen, denn der ist wirklich beeindruckend. H., die kleine alte Dame, wärmt sich neben mir auf und schimpft; der Rücken und die Knie tun weh, der Körper mache nicht mehr so mit, wie sie es will. Ich stelle freundlich fest, daß sie nun keine 20 Jahre mehr sei und mit Chor, Square Dance, Theater, Fahrradfahren und Herzsport doch noch sehr aktiv sei. Sie sei 82 Jahre, antwortet sie und setzt wieder an, daß sie früher aber fitter gewesen sei. H. ist an unserem Tibetabend interessiert, auch wenn sie etwas schmunzeln muß, daß ich nicht wirklich trekken oder gar klettern war; sie hat in den 50ern bereits den Kilimandscharo erklommen, in den 70ern war sie dreimal in Nepal im Himalaya. Auch ich sei keine 20 Jahre mehr, erinnere ich sie grinsend.
In der Umkleide sagt mir B., daß sie ganz viel an mich gedacht hätte, und das ich meine Träume jetzt umsetze. Sie hatte auch einen großen Traum: eine lange Wanderung durch die USA zu machen. Das ginge nun nicht mehr. Aber sie denke über eine kleine Alternative nach; es gebe Fahrten mit Planwagen in der Heide, man übernachtet im Planwagen und macht kleinere Spaziergänge. Eine gute Idee, finde ich. Machen, was man noch machen kann.

Am Donnerstag im Fitnessraum treffe ich wieder auf G., mit der ich auch jedes Mal plaudere. Heute okkupieren wir beide den Spiegelraum; während sie sich boxenderweise mit dem Personal Trainer vorwärtsbewegt, laufe ich meine Form und versuche, den beiden auszuweichen.

Im Glitzerwasser in der Sonne lacht mir meine Freitagsfreundin zu; die 80jährige mit der tollen Figur, die ich auf maximal Mitte 60 geschätzt habe, trägt wieder einen bunten Badeanzug und eine pinke Blumenbadekappe. Ich passe mich ihrer Geschwindigkeit an, plaudernd schwimmen wir nebeneinander her. Seit 30 Jahren mache sie fünf- bis sechsmal die Woche Sport, und ab und an gehe sie von zu Hause los und spaziere um die Außenalster. Das seien 15 Kilometer Strecke. Wir stellen fest, daß wir an derselben Bahnstation wohnen und sozusagen Nachbarn sind. Hafenkinder. Wir nehmen dieselben Vitamin D-Tabletten, essen gern Salat und Rohkost und freuen uns wie kleine Kinder, wenn wir das Außenbecken für uns allein haben. Insgeheim nehme ich sie mir als Vorbild – so fit, fröhlich und gesund möchte ich mit 80 Jahren auch noch sein. Die Zeichen stehen gut.

Montag: 120 Min. Strandwanderung auf Sylt ✔️
Dienstag: 90 Min. Taiji ✔️
Mittwoch: 60 Min. Herzsport ✔️
Donnerstag: 60 Min. Geräteraum und Taiji ✔️
Freitag: 50 Min. Schwimmen ✔️
Samstag: Trödeltag (80 Min. zu Fuß gelaufen) ✔️
Sonntag: Spaziergang, Schwimmen oder Taiji auf dem Dach – mal schauen.

11.9.2018

Im Krankenhaus.

Wie es am Mount Everest gewesen sei, fragt mich Dr. C. Es ist die erste Frage, die mir die Gynäkologin stellt und nicht die einzige zu meiner Reise. Auch über Ernährung, Klöster, Höhe und Mitreisende möchte sie mehr erfahren. Dabei brenne ich darauf, ihr zu sagen, daß ich gerade aus der Radiologie im Erdgeschoß komme und die Mammographie und der Ultraschall wieder gut ausgefallen sind. Selbst meine Unsicherheit ob des dritten Knotens, den ich ertastet habe und den sie vor drei Monaten nicht nachvollziehen konnte, konnte ausgeräumt werden. Knoten 3 sei kein Knoten, erklärt die Radiologin, sondern Milchgänge, die sich mit dem Alter verändern, man erst eine Tiefe ertaste und dann etwas festes. Knoten 1 und 2, die mich schon seit der Strahlentherapie begleiten, sind auch unverändert. Also alles unbedenklich.

Ob man noch etwas zur Eierstockkrebsfrüherkennung machen könnte, möchte ich wissen. Mehr als Ultraschall und Tastuntersuchung ginge nicht, und beides hätten wir gemacht. Ich bekomme mein Tamoxifen-Rezept, verabschiede mich, wandere zum Blumenladen und schenke mir einen gelben Blumenstrauß. Dann lade ich mich auf eine Kürbiscremesuppe im Feinkostladen mit Blick auf die Elbe ein. Dafür muß diesmal das Nachsorgetermin-Ritual des Glas-Sekt-auf-das-Leben-trinken ausfallen: mein dritter Arzttermin wird mich nachher zum Hausarzt führen, der mir eine Überweisung ins Krankenhaus für die Radiojodtherapie meiner Schilddrüse ausstellen wird. Besser heiter als angeheitert beim Hausarzt erscheinen, denke ich und bleibe bei der Suppe.

1 Jahr, 6 Monate und 5 Tage krebsfrei.

8.9.2018

Unterwegs.

Eine Reise beginnt für mich in dem Moment, in dem ich die Haustür hinter mir schliesse. Ich mag die Fahrt mit dem Bus (zum Bahnhof) oder dem Taxi (zum Flughafen), ich mag es, aus dem Fenster zu schauen und den Hafen im Morgenlicht vorbeigleiten zu sehen, die Containerschiffe, die langsam die Elbe hochfahren und die Kräne, die von der Sonne in sanfte Pastelltöne getaucht werden.

Im Winter mag ich die Strecke in der Frühe zum Flughafen, wenn es dunkel ist und nur das eine oder andere Fenster der Jugendstilvillen am Rothenbaum leuchtet und die Stadt unter einer Schneedecke schläft.

Ich mag es, mir im Buchladen Zeitschriften für die Reise auszusuchen, mir einen kleinen Milchkaffee zu bestellen und die vorbeihastenden Menschen zu beobachten. So viele Menschen, so viele Ziele.

Heute Morgen stehe ich auf dem Bahnsteig in Altona und warte, dass mein Zug nach Westerland einfährt.

6.9.2018

Unterwegs.

Nächste Woche bringt ihr bitte Eure Kalender mit, ruft die Trainerin. Soeben habe ich verkündet, dass einige Herzis sich einen Tibetvortrag gewünscht haben. Auch unsere Trainerin möchte dabei sein, da sie aber mittwochs nach dem Herzsport noch die Prellballgruppe betreut, müssen wir einen anderen Termin suchen. Heute sind die aktiven Herzis zusammengeschrumpft: T. sitzt auf der Bank mit einer Zerrung im Fuß, H., die kleine alte Dame sitzt mit einem Spinalkanalproblem neben ihm. Auch Dr. A. hat sich zu den beiden gesellt und berät. M., der sonst immer schnaufend auf der Bank saß, ist in eine andere Gruppe gewechselt, bei der man nicht soviel laufen muss. S. möchte in eine Lungensport-Gruppe wechseln, er bekommt schlecht Luft. B. und C. sind heute auf einer Demonstration. Somit sind wir nur noch vier Sportsfreunde, die die Halle zum Federballspielen der Länge nach nutzen können. Später frage ich H., wie es ihr ginge. Nicht gut, antwortet sie. Sie bekomme jetzt Spritzen gegen die Schmerzen, die Ärzte möchten nicht operieren, da sie schon einmal eine Rücken-OP hatte und außerdem alt sei. Sie ist wütend auf ihren nicht mehr funktionierenden Körper; es fiele ihr immer schwerer, zum Chor oder ins Theater zu gehen oder gar Fahrrad zu fahren. Und so ein Schicksal der im Kopf fitten und immer interessierten H., die  in den 70ern zum Trekking mit dem Alpenverein im Himalaya war. Ich hoffe, daß auch sie zum Tibet-Vortrag kommen wird.

Einen Abend vorher war ich mit C. an der Außenalster. Sie sieht aus wie immer, auch wenn wir uns ewig nicht gesehen haben. Auch ich hätte mich nicht verändert, sagt C. Man würde uns auch nicht ansehen, was uns heute Abend nach so langer Zeit zusammengeführt hat. C. erzählt von ihrer Familie, den Reisen in die USA, daß sie so gern noch Australien sehen würde und was sie mit den Töchtern noch erleben möchte. Die Abiturabschlüsse miterleben. Oder den ersten Freund. Und sie erzählt vom Krebs, der zurückgekommen ist. Und nicht mehr gehen wird. Von den Schmerzen. Von der Angst, vielleicht doch nicht mehr soviel zu erleben, wie sie gern möchte. Ich erzähle von der Arbeit, meinen Reisen in die Antarktis und zum Everest und meinem Sport- und Ernährungsprogramm. Sie lobt meine Disziplin und bereut, dass sie nicht ganz so konsequent war. Trotz der düsteren Gemeinsamkeit, die uns heute zusammengebracht hat, ist es ein sehr schöner und intensiver Abend. Außerdem haben wir mit einem Glas Sekt angestoßen. Auf uns. Und auf das Leben.

29.8.2018

Unterwegs.

Ich stehe in der alten Turnhalle des Sportvereins und bin gerührt: P. klatscht begeistert in die Hände, als ich das Thema Fotovortrag Tibet anspreche, um den sie mich letzte Woche gebeten hatte. Auch M. und B. möchten dabei sein und mehr über das Land in weiter Ferne, das sie aufgrund ihrer Herzprobleme nie selbst besuchen können, erfahren. Dr. A., die ich sehr gerne mag, und die auch immer am Reisen ist, hat auch Interesse. Nächste Woche werde ich das Thema offiziell in der Runde ansprechen, heute habe ich das zwischen dem ganzen Pulsen und den bunten Pezzibällen verbaselt. Wenn ich schon nicht an Souvenirs für die Herzis gedacht habe, dann gibt es nun wenigstens eine Reisereportage nach einer unserer nächsten Sportstunden.

Ich sitze auf der Bank an der Bushaltestelle neben mir und beobachte mich. Heute Mittag war ich mit S., einem Freund und ehemaligen Kollegen, in einer karibischen Salatbar. S. ist mit C. verheiratet, auch sie ist eine ehemalige Kollegin, wir drei haben zusammen gelernt. S. hat mir vor zwei Jahren erzählt, dass C. vor einigen Jahren Brustkrebs hatte. Heute erzählt er mir, dass der Krebs zurückgekommen ist. Knochenmetastasen. Metastasierender Brustkrebs ist unheilbar. Das weiß ich. S. weiß das natürlich auch. Zurückgezogen haben sie sich, sie leben glücklich mit den beiden Töchtern im Teenager-Alter, ab und an gingen sie in ein Restaurant, und sie fahren in Urlaub. Gesellschaften geben sie schon lange nicht mehr. Ich erzähle S., warum ich gerade jetzt etwas außergewöhnliche Reisen mache. Ich erzähle ihm von meiner Bucket List und davon, dass auch ich letztes Jahr Brustkrebs hatte. Und das wir jetzt leben. Nicht gestern und nicht morgen.
Auch S. würde gern zum Everest, am liebsten bis zur Spitze. Aber er fahre mit der Familie in die USA. Das sei auch sehr schön.
Später sende ich ihm eine Nachricht; wenn C. mal mit einer „Artgenossin“ reden möchte, könne sie mich kontaktieren. Ein paar Minuten später werden mir liebe Grüße ausgerichtet und C.’s Handynummer geschickt.
Ich sitze auf der Bank neben mir und beobachte mich.
Was macht die Nachricht von C.’s Wiedererkrankung mit mir? Sie lässt mich innehalten, stimmt nachdenklich und traurig und zeigt mir wieder auf, wie fragil das Leben und wie wertvoll der Moment ist.
Angst macht mir die Nachricht nicht, nicht auf mich bezogen. Ich werde C. diese Woche kontaktieren. Vielleicht freut sie sich. Vielleicht hilft ihr das. Vielleicht hilft mir das auch, auf die eine oder andere Weise.

Ich stehe im verwunschenen Garten des Psychologenhauses und bin ein bißchen stolz. Und glücklich. Wir sind nur drei Schüler, meine Mitstreiter sind schon viele Jahre beim Taijiquan, sie möchten in der (schwierigen) 38er Form weiterkommen. Ich „kann“ nur die 19er Form. Aber heute darf ich das erste Mal bei einer anderen Form mitmachen.

Ich komme nach Hause und schaue in den Briefkasten. Es ist eine Karte angekommen. Vom Nordpol. Vom Schiff, mit dem ich in der Antarktis war.
Es wird Zeit, die nächsten Ziele zu planen.