18.9.2018

Unterwegs.

Mein Taiji-Lehrer sitzt auf dem Gartenstuhl und schaut mich an. Ich warte ja noch auf etwas von ihm, stellt er fest. Das stimmt, antworte ich.

Er weiß von meiner Bucket List, auf der, irgendwo zwischen Everest und Antarktis, steht, daß ich die 19er Form fehlerfrei laufen können möchte.

Dann möge ich jetzt mein bestes geben und ihm die Form vorlaufen, fährt er fort. Ich atme tief durch, gehe in die Vorbereitungsstellung und beginne: Buddhas Wächter tritt aus dem Tempel… Eine kleine Stand-Korrektur bei einer Figur, den Rest laufe ich durch. Circa fünf Minuten später stehe ich wieder auf der Ausgangsposition, diesmal in der Endhaltung. R. erhebt sich, streckt mir die Ghettofaust entgegen, lobt mein Durchhaltevermögen und bestätigt mir offiziell, daß ich die 19er Form laufen kann. A tick on my bucket list ✔️. Ich freue mich sehr, ab jetzt folgt das finetuning.

Meine Mitstreiter – P. und R. üben die 38er, C. und I. die 75er – sind im Nachbargarten.

C., die auch letztes Jahr Brustkrebs hatte, hat mir vorhin eine SMS geschickt, ob ich heute zum Taiji kommen würde. Nun hält sie mir eine große Tüte mit frisch gepflückten Äpfeln aus ihrem Garten hin. Sie sind ungespritzt und duften. Wieder bin ich dankbar, daß ich hier bin, hier in dem verwunschenen Garten des Psychologenhauses, hier in der Dämmerung eines spätsommerlichen Abends, hier umgeben von wunderbaren Menschen, hier mit einer Tüte Äpfeln in der Hand und dem Wissen, einen weiteren Punkt auf meiner Liste abhaken zu können.

Das Leben ist schön.

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15.9.2018

Unterwegs.

Es wird dunkel. Der September ist der letzte Monat, in dem wir dienstags Taiji draußen im Garten praktizieren; ab Oktober werden wir auf Wintermodus umstellen und im Yogaraum meditieren. Außerdem kommt erschwerend hinzu, daß am heutigen Wünsch-Dir-was-Dienstag vier Schüler etwas anderes möchten: H. stimmt für die 38er Form, N. hat sein Schwert mitgebracht, ich tendiere zum Vertiefen der 19er Form, R. kann sich nicht entscheiden und macht mal hier und mal dort mit. Unser Lehrer nimmt das mit Gleichmut, er hat für jeden von uns Zeit, bis wir uns um 20.00h verabschieden.

Bei den Herzis werden Kalender abgeglichen; wir beschließen, uns an einem Abend im November treffen, um Tibetfotos anzuschauen. T. raunt mir zu, daß sie eigentlich auch an Antarktisbildern interessiert sei; ich werde den zehnminütigen Film, den der chinesische Vogelkundler gedreht hat, auch noch mitnehmen, denn der ist wirklich beeindruckend. H., die kleine alte Dame, wärmt sich neben mir auf und schimpft; der Rücken und die Knie tun weh, der Körper mache nicht mehr so mit, wie sie es will. Ich stelle freundlich fest, daß sie nun keine 20 Jahre mehr sei und mit Chor, Square Dance, Theater, Fahrradfahren und Herzsport doch noch sehr aktiv sei. Sie sei 82 Jahre, antwortet sie und setzt wieder an, daß sie früher aber fitter gewesen sei. H. ist an unserem Tibetabend interessiert, auch wenn sie etwas schmunzeln muß, daß ich nicht wirklich trekken oder gar klettern war; sie hat in den 50ern bereits den Kilimandscharo erklommen, in den 70ern war sie dreimal in Nepal im Himalaya. Auch ich sei keine 20 Jahre mehr, erinnere ich sie grinsend.
In der Umkleide sagt mir B., daß sie ganz viel an mich gedacht hätte, und das ich meine Träume jetzt umsetze. Sie hatte auch einen großen Traum: eine lange Wanderung durch die USA zu machen. Das ginge nun nicht mehr. Aber sie denke über eine kleine Alternative nach; es gebe Fahrten mit Planwagen in der Heide, man übernachtet im Planwagen und macht kleinere Spaziergänge. Eine gute Idee, finde ich. Machen, was man noch machen kann.

Am Donnerstag im Fitnessraum treffe ich wieder auf G., mit der ich auch jedes Mal plaudere. Heute okkupieren wir beide den Spiegelraum; während sie sich boxenderweise mit dem Personal Trainer vorwärtsbewegt, laufe ich meine Form und versuche, den beiden auszuweichen.

Im Glitzerwasser in der Sonne lacht mir meine Freitagsfreundin zu; die 80jährige mit der tollen Figur, die ich auf maximal Mitte 60 geschätzt habe, trägt wieder einen bunten Badeanzug und eine pinke Blumenbadekappe. Ich passe mich ihrer Geschwindigkeit an, plaudernd schwimmen wir nebeneinander her. Seit 30 Jahren mache sie fünf- bis sechsmal die Woche Sport, und ab und an gehe sie von zu Hause los und spaziere um die Außenalster. Das seien 15 Kilometer Strecke. Wir stellen fest, daß wir an derselben Bahnstation wohnen und sozusagen Nachbarn sind. Hafenkinder. Wir nehmen dieselben Vitamin D-Tabletten, essen gern Salat und Rohkost und freuen uns wie kleine Kinder, wenn wir das Außenbecken für uns allein haben. Insgeheim nehme ich sie mir als Vorbild – so fit, fröhlich und gesund möchte ich mit 80 Jahren auch noch sein. Die Zeichen stehen gut.

Montag: 120 Min. Strandwanderung auf Sylt ✔️
Dienstag: 90 Min. Taiji ✔️
Mittwoch: 60 Min. Herzsport ✔️
Donnerstag: 60 Min. Geräteraum und Taiji ✔️
Freitag: 50 Min. Schwimmen ✔️
Samstag: Trödeltag (80 Min. zu Fuß gelaufen) ✔️
Sonntag: Spaziergang, Schwimmen oder Taiji auf dem Dach – mal schauen.

11.9.2018

Im Krankenhaus.

Wie es am Mount Everest gewesen sei, fragt mich Dr. C. Es ist die erste Frage, die mir die Gynäkologin stellt und nicht die einzige zu meiner Reise. Auch über Ernährung, Klöster, Höhe und Mitreisende möchte sie mehr erfahren. Dabei brenne ich darauf, ihr zu sagen, daß ich gerade aus der Radiologie im Erdgeschoß komme und die Mammographie und der Ultraschall wieder gut ausgefallen sind. Selbst meine Unsicherheit ob des dritten Knotens, den ich ertastet habe und den sie vor drei Monaten nicht nachvollziehen konnte, konnte ausgeräumt werden. Knoten 3 sei kein Knoten, erklärt die Radiologin, sondern Milchgänge, die sich mit dem Alter verändern, man erst eine Tiefe ertaste und dann etwas festes. Knoten 1 und 2, die mich schon seit der Strahlentherapie begleiten, sind auch unverändert. Also alles unbedenklich.

Ob man noch etwas zur Eierstockkrebsfrüherkennung machen könnte, möchte ich wissen. Mehr als Ultraschall und Tastuntersuchung ginge nicht, und beides hätten wir gemacht. Ich bekomme mein Tamoxifen-Rezept, verabschiede mich, wandere zum Blumenladen und schenke mir einen gelben Blumenstrauß. Dann lade ich mich auf eine Kürbiscremesuppe im Feinkostladen mit Blick auf die Elbe ein. Dafür muß diesmal das Nachsorgetermin-Ritual des Glas-Sekt-auf-das-Leben-trinken ausfallen: mein dritter Arzttermin wird mich nachher zum Hausarzt führen, der mir eine Überweisung ins Krankenhaus für die Radiojodtherapie meiner Schilddrüse ausstellen wird. Besser heiter als angeheitert beim Hausarzt erscheinen, denke ich und bleibe bei der Suppe.

1 Jahr, 6 Monate und 5 Tage krebsfrei.

8.9.2018

Unterwegs.

Eine Reise beginnt für mich in dem Moment, in dem ich die Haustür hinter mir schliesse. Ich mag die Fahrt mit dem Bus (zum Bahnhof) oder dem Taxi (zum Flughafen), ich mag es, aus dem Fenster zu schauen und den Hafen im Morgenlicht vorbeigleiten zu sehen, die Containerschiffe, die langsam die Elbe hochfahren und die Kräne, die von der Sonne in sanfte Pastelltöne getaucht werden.

Im Winter mag ich die Strecke in der Frühe zum Flughafen, wenn es dunkel ist und nur das eine oder andere Fenster der Jugendstilvillen am Rothenbaum leuchtet und die Stadt unter einer Schneedecke schläft.

Ich mag es, mir im Buchladen Zeitschriften für die Reise auszusuchen, mir einen kleinen Milchkaffee zu bestellen und die vorbeihastenden Menschen zu beobachten. So viele Menschen, so viele Ziele.

Heute Morgen stehe ich auf dem Bahnsteig in Altona und warte, dass mein Zug nach Westerland einfährt.

6.9.2018

Unterwegs.

Nächste Woche bringt ihr bitte Eure Kalender mit, ruft die Trainerin. Soeben habe ich verkündet, dass einige Herzis sich einen Tibetvortrag gewünscht haben. Auch unsere Trainerin möchte dabei sein, da sie aber mittwochs nach dem Herzsport noch die Prellballgruppe betreut, müssen wir einen anderen Termin suchen. Heute sind die aktiven Herzis zusammengeschrumpft: T. sitzt auf der Bank mit einer Zerrung im Fuß, H., die kleine alte Dame sitzt mit einem Spinalkanalproblem neben ihm. Auch Dr. A. hat sich zu den beiden gesellt und berät. M., der sonst immer schnaufend auf der Bank saß, ist in eine andere Gruppe gewechselt, bei der man nicht soviel laufen muss. S. möchte in eine Lungensport-Gruppe wechseln, er bekommt schlecht Luft. B. und C. sind heute auf einer Demonstration. Somit sind wir nur noch vier Sportsfreunde, die die Halle zum Federballspielen der Länge nach nutzen können. Später frage ich H., wie es ihr ginge. Nicht gut, antwortet sie. Sie bekomme jetzt Spritzen gegen die Schmerzen, die Ärzte möchten nicht operieren, da sie schon einmal eine Rücken-OP hatte und außerdem alt sei. Sie ist wütend auf ihren nicht mehr funktionierenden Körper; es fiele ihr immer schwerer, zum Chor oder ins Theater zu gehen oder gar Fahrrad zu fahren. Und so ein Schicksal der im Kopf fitten und immer interessierten H., die  in den 70ern zum Trekking mit dem Alpenverein im Himalaya war. Ich hoffe, daß auch sie zum Tibet-Vortrag kommen wird.

Einen Abend vorher war ich mit C. an der Außenalster. Sie sieht aus wie immer, auch wenn wir uns ewig nicht gesehen haben. Auch ich hätte mich nicht verändert, sagt C. Man würde uns auch nicht ansehen, was uns heute Abend nach so langer Zeit zusammengeführt hat. C. erzählt von ihrer Familie, den Reisen in die USA, daß sie so gern noch Australien sehen würde und was sie mit den Töchtern noch erleben möchte. Die Abiturabschlüsse miterleben. Oder den ersten Freund. Und sie erzählt vom Krebs, der zurückgekommen ist. Und nicht mehr gehen wird. Von den Schmerzen. Von der Angst, vielleicht doch nicht mehr soviel zu erleben, wie sie gern möchte. Ich erzähle von der Arbeit, meinen Reisen in die Antarktis und zum Everest und meinem Sport- und Ernährungsprogramm. Sie lobt meine Disziplin und bereut, dass sie nicht ganz so konsequent war. Trotz der düsteren Gemeinsamkeit, die uns heute zusammengebracht hat, ist es ein sehr schöner und intensiver Abend. Außerdem haben wir mit einem Glas Sekt angestoßen. Auf uns. Und auf das Leben.

29.8.2018

Unterwegs.

Ich stehe in der alten Turnhalle des Sportvereins und bin gerührt: P. klatscht begeistert in die Hände, als ich das Thema Fotovortrag Tibet anspreche, um den sie mich letzte Woche gebeten hatte. Auch M. und B. möchten dabei sein und mehr über das Land in weiter Ferne, das sie aufgrund ihrer Herzprobleme nie selbst besuchen können, erfahren. Dr. A., die ich sehr gerne mag, und die auch immer am Reisen ist, hat auch Interesse. Nächste Woche werde ich das Thema offiziell in der Runde ansprechen, heute habe ich das zwischen dem ganzen Pulsen und den bunten Pezzibällen verbaselt. Wenn ich schon nicht an Souvenirs für die Herzis gedacht habe, dann gibt es nun wenigstens eine Reisereportage nach einer unserer nächsten Sportstunden.

Ich sitze auf der Bank an der Bushaltestelle neben mir und beobachte mich. Heute Mittag war ich mit S., einem Freund und ehemaligen Kollegen, in einer karibischen Salatbar. S. ist mit C. verheiratet, auch sie ist eine ehemalige Kollegin, wir drei haben zusammen gelernt. S. hat mir vor zwei Jahren erzählt, dass C. vor einigen Jahren Brustkrebs hatte. Heute erzählt er mir, dass der Krebs zurückgekommen ist. Knochenmetastasen. Metastasierender Brustkrebs ist unheilbar. Das weiß ich. S. weiß das natürlich auch. Zurückgezogen haben sie sich, sie leben glücklich mit den beiden Töchtern im Teenager-Alter, ab und an gingen sie in ein Restaurant, und sie fahren in Urlaub. Gesellschaften geben sie schon lange nicht mehr. Ich erzähle S., warum ich gerade jetzt etwas außergewöhnliche Reisen mache. Ich erzähle ihm von meiner Bucket List und davon, dass auch ich letztes Jahr Brustkrebs hatte. Und das wir jetzt leben. Nicht gestern und nicht morgen.
Auch S. würde gern zum Everest, am liebsten bis zur Spitze. Aber er fahre mit der Familie in die USA. Das sei auch sehr schön.
Später sende ich ihm eine Nachricht; wenn C. mal mit einer „Artgenossin“ reden möchte, könne sie mich kontaktieren. Ein paar Minuten später werden mir liebe Grüße ausgerichtet und C.’s Handynummer geschickt.
Ich sitze auf der Bank neben mir und beobachte mich.
Was macht die Nachricht von C.’s Wiedererkrankung mit mir? Sie lässt mich innehalten, stimmt nachdenklich und traurig und zeigt mir wieder auf, wie fragil das Leben und wie wertvoll der Moment ist.
Angst macht mir die Nachricht nicht, nicht auf mich bezogen. Ich werde C. diese Woche kontaktieren. Vielleicht freut sie sich. Vielleicht hilft ihr das. Vielleicht hilft mir das auch, auf die eine oder andere Weise.

Ich stehe im verwunschenen Garten des Psychologenhauses und bin ein bißchen stolz. Und glücklich. Wir sind nur drei Schüler, meine Mitstreiter sind schon viele Jahre beim Taijiquan, sie möchten in der (schwierigen) 38er Form weiterkommen. Ich „kann“ nur die 19er Form. Aber heute darf ich das erste Mal bei einer anderen Form mitmachen.

Ich komme nach Hause und schaue in den Briefkasten. Es ist eine Karte angekommen. Vom Nordpol. Vom Schiff, mit dem ich in der Antarktis war.
Es wird Zeit, die nächsten Ziele zu planen.

23.8.2018

Unterwegs.

Das Pulsen fällt heute aus, ruft unsere Trainerin. Dafür erzählt uns C. von ihrer Reise nach Tibet!
Um es kurz zu machen, sage ich, ich habe mein Ziel erreicht: ich stand im Basecamp auf 5200m vorm Mount Everest. Dann ergänze ich doch noch etwas mehr, denn die Herzis sind nicht nur sehr interessiert, sondern freuen sich augenscheinlich, daß ich wieder zurück bin. Und beim Aufwärmen dürft ihr C. noch weiter mit Fragen löchern, sagt die Trainerin, und wir laufen armrudernd und mit Tischtennisschlägern und Bällen bewaffnet durch die alte muffige Halle des Sportvereins. Ich beantworte unterwegs noch die Fragen meiner Sportsfreunde.

Schade, dass H. nicht da ist, die hätte das auch sehr interessiert, sagt P.
H., die kleine alte Dame mit den vergnügten Augen, war in den 70ern dreimal im Himalaya und am Everest unterwegs – allerdings Trekking über mehrere Wochen mit dem Alpenverein – das ist nochmal eine ganz andere Hausnummer. Schon öfters haben wir uns darüber unterhalten, genauso wie über unsere Abenteuer in der chilenischen Atacama-Wüste, die wir auch beide bereist haben.

Die Hälfte des Aufwärmtrainings verbringe ich allerdings auf der Bank, denn auch Dr. A. ist neugierig und möchte einiges über die Reise wissen.

Ob ich nicht mal einen Vortragsabend machen könne, über meine ganzen Reisen, fragt mich P. Grundsätzlich könne ich das, wenn Interesse bestünde, antworte ich. Ob ich eine Gebetsfahne mitgebracht hätte, fragt die Trainerin. Das habe ich. Und was ich mir noch mitgebracht hätte, möchte P. wissen. Eine Klangschale, erzähle ich und bereue in diesem Moment, dass ich zwar Glücksbringer für meine Meditationsrunde mitgebracht habe, aber gar nichts für die Herzis.

Und wie ich das mit meinem Herz gemacht hätte, fragt P. wieder. Ob es besondere Medikamente gäbe? Ich schaue irritiert, aber verstehe dann, was sie meint, schliesslich bin ich bei den Herzis. Mein Herz ist gesund, sage ich. Ich bin in der Herzsportgruppe, weil Dr. A. mich netterweise aufgenommen hat, da sie der Meinung ist, dass Krebssportgruppen nichts für mich sind. Ich hatte Krebs.
Und dann verstehe ich die anrührende Begeisterung und die vielen lebhaften Fragen der Anderen:  Herzis können nicht nach Tibet reisen.

Note to myself: bei der nächsten Reise unbedingt an Mitbringsel für die Herzis denken.

19.8.2018

Unterwegs.

Montag: Schwimmen ✔️und Taiji ✔️

Dienstag: Schwimmen ✔️und Taiji ✔️

Mittwoch: nach der Arbeit auf Umwegen nach Hause gewandert ✔️

Donnerstag: Fitnessraum/Geräte ✔️

Freitag: Schwimmen ✔️

Samstag:
Ich wollte ja auch lieber ins Fontenay in die Bar, raune ich meinen Freunden zu, nachdem S. feststellt, dass wir beim nachbarlichen Gartengrillfest den Altersdurchschnitt senken. Meinen mitgebrachten Salat stelle ich auf den Buffet-Tisch, mein Hähnchenfleisch gebe ich in die Obhut des Grillmasters, mein Wasser mit frischer Zitrone und roten Johannisbeeren und das selbstgemachte Tzatziki platziere ich vor mir auf dem Tisch.
Auf meinem Teller landen schnell leckeres Krustenbrot, Melonensalat mit Chili und Schokokuchen, ich ertappe mich dabei, wie ich regelmäßig in die Schüssel mit dem süßen Popcorn und der Schokolade greife. M. schiebt die Schüssel von mir weg. Ich ziehe die Schüssel wieder zu mir heran. Einen Schluck Weißwein zum Anstoßen nehme ich dann auch gern, höre ich mich sagen und frage mich, wie man denn so inkonsequent sein kann.
Der Abend wird immer lustiger. Eine Nachbarin, mit der wir höchstens einen Gruß wechseln, erklärt uns in 30 Sekunden, dass sie ihren Freund für eine Jüngere freigegeben hat (hat er nicht noch vor meiner Tibetreise bei ihr gewohnt?) weil sie keine Kinder bekommen kann (sie ist locker Ende 40) und stellt uns ein paar Minuten später ihren neuen Freund (der hat schon Kinder) vor. Und dann bringt sie noch den Attaché samt Entourage des Präsidenten vom Niger mit, die, anzugsbekleidet, nicht recht ins Bild der Gartenparty passen wollen. Und ihr erzählt mir von New York und der geplanten Südafrika-Reise, ich stehe gerade vorm Mount Everest – alles langweilig, gegen diese Show hier, kommentiere ich. Mittlerweile freuen wir uns, daß wir hier im Garten auf der Holzbank am Grill sitzen und auch das Rätsel lösen, warum die letzten Wochen die Möwen in der Gegend so einen Lärm veranstaltet haben (Möwenbaby fiel auf Nachbars Balkon, nach Beratung mit dem Tierheim: durchfüttern. Möwenbaby samt Möwenmutter sind nach 2 Wochen glücklich von dannen geflogen).

Sonntag: ausgiebiger Spaziergang durchs Viertel (einen neuen Park mit Berg entdeckt). ✔️
Schoko- und Zitroneneis mit Sahne (wo ist meine Disziplin geblieben?).
Eventuell nachher noch zum Schwimmen.

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12.8.2018

Epilog

Was bleibt.

Bauern-, Mönchs- und Nomadenbesuche in den Weiten Tibets, die wieder einmal mehr verdeutlichen, dass es unterschiedliche Lebensmodelle gibt, die nicht schlechter oder besser als das eigene sind. Lächelnde und zufrieden aussehende Menschen.

Ein Berg, der nicht nur ein Berg ist, sondern mir persönlich viel bedeutet, da er mir in einem entscheidenen Moment meines Lebens als erstes in den Sinn kam. Und der, als ich vor ihm stand, sich in seiner ganzen Schönheit zeigte, nachdem er sich vier Wochen lang in Wolken verhüllt hatte. A tick on my bucket list.

Weite Steppenlandschaften mit glatten Seen, riesigen Bergketten, wilden Eseln, Yaks, Schafherden und Kühen, die überall am Wegesrand längstrotten. Picknick mit Eiern und Kartoffeln.

Tibetische Baggerfahrer, die immer hilfsbereit zur Stelle sind.

Dankbarkeit für das, was selbstverständlich scheint: fliessend warmes Wasser, saubere Bettwäsche, eine Toilette, eine Tasse Tee und freundliche Menschen wo immer man hinkommt, gute Gespräche und Lachen.

Flüchtige Abschiede am Flughafen. Viele werde ich nicht wiedersehen. Doch einige werden bleiben.

Und hey, ist schon mal jemandem aufgefallen, wie sauber die Toiletten auf dem Frankfurter Flughafen sind?

– Ende –

11.8.2018

Tag 13

Ein letztes Mal Frühstück und ein letztes Mal Lunch auf dem wunderbaren Dach unseres kleinen pittoresken Hotels in Lhasa. Dazwischen eine letzte Runde mit dem Pilgerstrom den Barkhor umrunden, die letzten Souvenire erstehen, zum Potala Palast schlendern und mit der Fahrrad-Rikscha zurück ins Hotel fahren.

Dann stehen die letzte lange Busfahrt an und drei Flüge, bis Hamburg wieder erreicht ist.