19.1.2019

Unterwegs.

Eine weiße Schneedecke, die sich über die Gärten des Belvedere, die Oper, die Burg, den Stephansdom und die Kärtner Straße legt…den Gefallen tut mir meine Lieblingsstadt leider nicht. Stattdessen liegt der Himmel grau und schwer über Wien. Es ist kalt.

Um 4.15h bin ich in Hamburg aufgestanden, um 9.30h stehe ich bereits an der Rezeption des weißen stuckverzierten Hotels, das nur einen Steinwurf von der Wiener Oper entfernt liegt. Das Zimmer, welches man für mich im siebten Stock reserviert habe, stehe erst zum regulären Check In um 15h bereit. Man könne mir aber ein Zimmer in der ersten Etage anbieten, das ich sofort beziehen könne. Ich fahre in den ersten Stock, packe kurz aus und mache mich auf den Weg zum Naschmarkt. Ein frühes Mittag mit Shakshuka, das Neni ist proppenvoll. Ich sitze am Tresen und schaue dem lebhaften Treiben zu.

Es ist schön, hier zu sein; ich mag es, Vertrautes wiederzusehen und gleichzeitig Neues zu entdecken. Ich mag es, ganz spontan zu entscheiden, was ich als nächstes machen möchte, ich liebe die Freiheit, einfach dem zu folgen, wozu ich gerade Lust habe.

Heute habe ich Lust auf einen Bummel durch die Kärtner Straße und die Geschäfte. Im Stephansdom zünde ich wieder zwei Kerzen an (eine für Dich, lieber Alex – für ein gesundes, langes Leben).

Im Café an der Oper gönne ich mir Topfenstrudel und ein Glas Sekt, bevor ich eine Ruhepause im Hotel einlege und mich für den Abend im Burgtheater zurechtmache.

Moderne trifft Klassik, und das gleich doppelt: das Ticket ist per App auf meinem Smartphone gelandet, meine Loge in der altehrwürdigen Burg hat ein eigenes Vorzimmer mit samtroter Couch, verschnörkeltem Spiegel und Garderobe.

Die klassische Tragödie Medea (nach Euripides, 431 v.Chr.) wird in die heutige Zeit verlegt und basiert auf einer realen Tragödie, die sich in den USA ereignete.

Anna ermordet ihre Kinder und zündet das Haus an, während der Ruß ganz sanft in das schneeweiße Bühnenbild rieselt.

Auf dem Platz gegenüber vorm Rathaus wird Schlittschuh gelaufen.

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18.1.2019

Zuhause.

Wenn mein lieber Freund mitteilt, daß er ab jetzt Veganer sei.
Wenn ich innerlich mit den Augen rolle und antworte, daß man da aber Nahrungsergänzungsmittel einnehmen müsse, um keine Mangelerscheinungen zu bekommen.
Wenn ich ein paar Tage abwarte und nachfrage, ob er immer noch Veganer sei.
Wenn er dies bejaht. (Disziplin können wir.)
Wenn ich feststelle, dass er mit dem Fisch-Restaurant, in dem wir – wie jedes Jahr zum Geburtstag – einen Tisch gebucht haben, selbst vorab diskutieren könne, was man ihm denn nun kredenzen dürfe.
Wenn der Tisch im Fisch-Restaurant abbestellt wird.
Wenn ich mich auf die Suche nach einem anderen Restaurant begebe, das am Feiertag geöffnet hat und etwas Veganes vorbereiten kann.
Wenn das Restaurant an der Elbchaussee sagt, sie könnten sich auf Veganer einstellen.
Wenn das vorgeschlagene 5-Gänge-Menü so interessant klingt, dass ich es für mich auch vorbestelle.
Wenn alle Gäste um uns herum Steaks und Enten und Gänse und Klöße mit Sauce essen.
Wenn das vegane 5-Gänge-Menü optisch grandios ausschaut und auch noch lecker ist.
Wenn wir für’s nächste Jahr sofort wieder reservieren. Veganes Menü, versteht sich.
Wenn ich abends in der Bar einen alkoholfreien Basilikum-Cocktail trinke.
Wenn ich mich frage, wo das noch enden soll 🤔

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15.1.2018

Unterwegs.

Und hier ist unsere sonnige Oase, sage ich. Wir stehen in Socken auf dem orangenen Teppich des Meditationsraumes, das Licht ist weich, die Heizung wärmt, an der Wand leuchtet die goldene Buddha-Figur.
R. hat sich über den Dauerregen beklagt, er und C. und ich sind klatschnass im Psychologenhaus eingetroffen. Den Regen finde ich auch schön, sage ich, und auch den Sturm, das Wetter ist so lebendig, jeden Tag neu und jeden Tag anders. Ich sehe das also von der positiven Seite, setze ich hinzu und schaue aus dem Fenster. Auf der gegenüberliegenden Seite trainieren Fussballer im Flutlicht, in dem der Regen tanzt, der Rasen leuchtet grün.

Nächste Woche sei er nicht da, sagt unser Lehrer, aber wir können trotzdem zum Meditieren kommen. C. und ich nicken uns zu, R. übergibt mir den Schlüsselbund, damit bin ich für den Meditationsraum am nächsten Dienstag verantwortlich. Und der andere Schlüssel sei für die Eingangstür, falls die abgeschlossen sein sollte. Die Eingangstür steht immer offen. Jeder kann ins Psychologenhaus spazieren, in die Gesprächsräume, die Küche, die Stube und in den verwunschenen Garten. Die Psychologen scheinen ein solides Grundvertrauen in die Menschen zu haben.
Dann könnte ich endlich mein Mobiliar herschaffen und hier einziehen, wo ich jetzt die Schlüssel zu meinem Lieblingshaus habe, sage ich.

Am Bahnhof erzähle ich C. von meinen selbstgemachten zuckerfreien Zitronen-Joghurt Gums und den Müsliriegeln, die erstaunlich lecker sind.
Am Bahnhof bleiben wir jeden Dienstag zwanzig Minuten stehen.
Am Bahnhof sprechen wir über ‚unser‘ Thema.
Wir machen das richtig, sagt C. und guckt mich erwartungsvoll an. Wir machen das richtig, bestätige ich ihr. Sie strahlt. Das höre sie immer so gern von mir, dass wir das richtig machen. Mit dem Sport. Mit der Meditation. Mit der gesunden Ernährung. Mit dem positiven Denken. Ein Restrisiko bleibt, meine ich. Aber auch die Gewissheit, sich niemals Vorwürfe machen zu müssen, denn wir tun alles, was wir tun können.
Wir machen das richtig.

Und dann wandere ich wieder zurück durch den Regen und den Sturm, durch die Lichter am Hafen und durch das Leben.

7.1.2019

Unterwegs.

Du bist vor einer halben Stunde von der Arbeit nach Hause gekommen, nass und verfroren, und nun willst Du schon wieder los?!? Mach‘ doch den Weihnachtsbaum nochmal an, leg‘ Dich auf’s Sofa und lies den Krimi weiter, den Du gestern angefangen hast. Vielleicht noch ein leckeres Brötchen mit Mandelmus und einen Tee?
Ich ziehe mein Sportzeug an und versuche, den inneren Schweinehund zu ignorieren.
Du kannst auch im Wohnzimmer Stretching machen. Oder meditieren? Und dann auf’s Sofa? Es ist so schön warm hier!
Ich ziehe die Regenhose über.
Ich ziehe die Regenhose wieder aus.
Ich fange an, mich zu ärgern.
Ich schaue auf die Uhr. In drei Minuten müsste ich los, wenn ich den Bus noch kriegen will.
Und dann steht der Bus wieder im Stau, und Du verpasst (und das nicht zum ersten Mal!)  den Anschlussbus und kannst im Regen zurücklaufen. Für nichts und wieder nichts. Besser, gleich zuhause zu bleiben!
Ich liege aber gut in der Zeit, ich kann einen Bus früher bekommen, dann klappt es auch mit dem Umsteigen an den Landungsbrücken.
Ich ziehe die Regenhose wieder an.
Ich packe die Turnschuhe ein, eine Box mit Nüssen und eine Flasche Wasser, in die ich schnell noch etwas frische Zitrone presse.
Der Schweinehund hüpft wild vorm Fenster und zeigt auf den Regen und die Dunkelheit. Langsam werde ich wirklich wütend. Es ist das erste Taiji-Training in diesem Jahr, das kann nicht schon geschwänzt werden! Ich ziehe die Antarktisjacke an, nehme meinen Rucksack und marschiere zur Bushaltestelle.
In den Unterstand an der Haltestelle regnet es hinein, mein Gesicht und meine Haare sind bereits nass, egal wie ich mich drehe.
Noch kannst Du umkehren, ruft der Schweinehund.
Ich versuche, den Kapuzenpullover tiefer ins Gesicht zu ziehen.
Der Bus kommt. Ich steige ein.
Ich bekomme an den Landungsbrücken den Anschlussbus, sogar einen früher als gedacht.
Auf dem Weg durch den Park zur Turnhalle kommen mir einige Mitschüler entgegen. Du kannst gleich wieder mit uns umkehren, wir gehen einen Tee trinken! Unser Lehrer komme später, und F. hätte den Schlüssel für die Halle vergessen und sei gerade auf dem Weg zurück nach Hause um ihn zu holen. Das Café hat geschlossen, wir stehen im Eingang, immerhin ist es trocken. Ich konnte mich kaum aufraffen, sagt K. Aber die erste Stunde im neuen Jahr kann man ja nicht schwänzen.
Unser Lehrer kommt, auch er durchnässt, wir warten immer noch auf F. und den Schlüssel. P. reicht eine Packung Schokokekse herum, die Stimmung ist fröhlich. R. ruft F. an und fragt wo er mit dem Schlüssel bliebe, ach Mallorca, das sei ja nett, sie lachen und scherzen am Telefon.
Die Schokokekse drehen eine zweite Runde, bevor wir wieder zurück durch den Park in Richtung Halle laufen.
F. taucht auf, mit ihm der Schlüssel, wir fangen leicht verspätet an, was unser Lehrer mit dem Ausfallen der Pausen wieder wettmacht.
Aufwärmen, Reeling Silk, drei 19-er Formen. Die Fenster sind geöffnet, trotzdem schwitze ich. Taiji ist anstrengend, auch wenn es nicht so aussieht.
Bis nächste Woche, verabschiede ich mich von K. Natürlich, antwortet sie. Bis nächste Woche!
Ich laufe im Regen durch Altona zurück zur Bushaltestelle, an türkischen Gemüsehändlern und Teestuben vorbei, meine Laune ist jetzt wieder bestens, wie eigentlich immer nach dem Unterricht.
Irgendwo hinter mir stolpert der Schweinehund hinterher. Abgehängt, rufe ich ihm über die Schulter zu. Disziplin kann ich. Und Laune aufbessern sowieso.

Montag Taiji: ✔️

so stell ich mir den inneren Schweinehund vor. (Also wie das Pokémon Traumato)

4.1.2019

Unterwegs.

Pinker Punkt im trüben Grau.

Damit ist die Entscheidung gefallen; statt ins warme Innenbecken zu gehen, mache ich mich auf den Weg ins Aussenbecken des öffentlichen Bades.

Meine 80-jährige Schwimmfreundin ist nach längerer Abwesenheit wieder aufgetaucht und winkt mir zu; ihre Badekappe leuchtet im Dunst, der aus dem Becken steigt und sich mit dem Nieselregen vermischt. Fünf Grad plus immerhin, denke ich und schwimme dem grauen Himmel und meiner Schwimmfreundin entgegen.

G. – heute haben wir unsere Namen ausgetauscht – hält ihre Hand hoch, als ich ihr zurufe, dass ich sie schon vermisst habe. Gebrochen, ruft sie zurück und dreht das Gelenk hin- und her. Deshalb konnte sie die letzten Wochen nicht zum Schwimmen kommen; aber gestern wurde der Gips abgenommen, somit sei sie ab heute wieder am Start. Auch ihre Gymnastikkurse musste sie ausfallen lassen, stattdessen sei sie täglich ihre 15 Kilometer vom Hafen aus, wo sie wohne, um die Aussenalster spaziert. Das komme mir bekannt vor, erzähle ich ihr, auch ich wurde zwei Wochen durch die Radiojodtherapie vom Schwimmen und meinen Sportkursen abgehalten und sei etwas ratlos durch die Gegend gewandert. Eine ungewohnte Situation für uns beide, so ganz ohne tägliches Fitnessprogramm dazustehen.

Heute schwimmen wir wieder eine knappe Stunde gemütlich nebeneinander her und plaudern, vergessen, dass es nieselt, dass der Himmel grau und das Wasser kühl ist, vergessen die Zeit und haben Spaß daran, zusammen unsere Bahnen zu ziehen.

28.12.2018

Rückblick. Ausblick.

Rückblick.
Wien – Sylt – Travemünde – Zypern – Amsterdam – Myanmar – Travemünde – Sylt – Tibet – Sylt – Travemünde- Zürich – Sylt – Travemünde

14 Reisen in 12 Monaten. Davon 6 Auslandsreisen. Da bin ich jetzt auch etwas baff, als ich meinen Kalender durchblättere.

Montag: Taiji – Dienstag: Meditation (Winter) / Taiji (Sommer)  – Mittwoch: Herzsport – Donnerstag: Geräteraum – Freitag: Schwimmen – Sonntag: Schwimmen/Spaziergehen

6 Tage die Woche Sport und Achtsamkeit, 52 Wochen lang, nach der Arbeit. Es hat Spaß gebracht.

Highlights 2018
Ich stand auf 5200 Metern im Basecamp (Northface) des Mount Everest. Meine Nr. 1 auf der Bucket List. ✔️
Mein erster Gedanke, als ich die Krebsdiagnose hatte, war, dass ich nicht zum Everest gereist bin. Und es jetzt nicht mehr tun kann. Weil es ‚das‘ nun gewesen ist. Ein (wenn nicht sogar DER) mentaler Tiefpunkt im Drama.
Umso wichtiger für mich, genau dieses Abenteuer jetzt angegangen zu sein. Um – was auch immer noch kommen mag – nie wieder den Gedanken haben zu müssen, es nicht gemacht zu haben.
Ein emotionaler Moment, als die Wolken, die über Wochen den Everest verdeckt haben, sich beiseite schoben, am 8. August. Am Tag, an dem er unser Tagesziel war. In dem Moment, als wir vor ihm standen.

Mein Taiji-Lehrer, der mich im Sommer die 19-er Form vorlaufen ließ, um mir dann offiziell zu bestätigen, dass ich sie jetzt laufen kann. Auch das war ein Punkt auf meiner Bucket List. ✔️
Viele wunderbare Taiji-Stunden im verwunschenen Garten des Psychologenhauses mit meinem Lehrer und den Mitschülern.

Dreimal durfte ich dieses Jahr meine Lieblingsband Too Many Zooz live erleben: Amsterdam, Hamburg, Zürich. Jedesmal in der ersten Reihe, jedesmal aufgeregt und glücklich, tanzend und verschwitzt. Ein Foto mit der Band. ❤️ Noch ein ✔️ auf der Bucket List.

Viele schöne Momente im öffentlichen Bad, draußen beim Schwimmen. Den Dunst sehen, der vom Wasser aufsteigt. Das Glitzern der Wasseroberfläche. Die Sonne, die mich zwinkern lässt. Die Bäume, bunt gefärbt. Die klare Luft im Winter. Die Gespräche mit meiner 80-jährigen Schwimmfreundin mit der pinken Badekappe.

Herzerwärmende Momente bei den Herzis. B., die in die Hände klatscht und sich so freut, als ich auf ihren Vorschlag eingehe, einen Vortrag über Tibet zu halten und meine Fotos zu zeigen. Weil Herzis da nicht hinfahren können. H., mit der ich statt in der muffigen Halle in Gedanken im Himalaya unterwegs bin. Dr. A., die immer fröhlich und ansprechbar ist, nicht nur bei Herzproblemen.

Die Wellen und der Wind in Westerland. Die friedliche Stimmung auf der Hafenmole in Travemünde. Der blinkende Leuchtturm. Enlightenment Day of Buddha, zelebriert bei der Shwedagon Pagode in Yangon. Und ich mittendrin in den myanmarischen Festivitäten.

Das Entdecken neuer Lieblingszeitschriften (ein Gesundheitsmagazin und ein Magazin über Psychologie), die ich mir als Reiselektüre im Buchladen auf dem Bahnhof oder am Flughafen kaufe.

Der Gedankenaustausch bei der Meditation mit meinem Lehrer und den Mitschülern. Besonders mit C., die auch letztes Jahr Brustkrebs hatte. Die vielen Äpfel und Birnen aus C.’s Garten und das selbstgemachte Reneklodengelee, welches sie mir mitbringt.

Viele Theater- und Konzertbesuche und Stunden mit Freunden und Familie.

Meine erste Buchveröffentlichung im Dezember! Eine sechsseitige Reisereportage (Auftragsarbeit, nicht zu verwechseln mit dem Logbuch) über die Antarktis wurde in einem Reiseführer veröffentlicht. Darauf bin ich stolz.

Dank der Radiojodtherapie Ende November kann ich viel besser atmen und schlucken und schlafen. Die ersten Blutwerte zeigen, dass die Schilddrüse trotz der heimtückischen radioaktiven Attacke tapfer weiterarbeitet und nicht bockig mit einer Unterfunktion kontert.

Mich neben mich zu setzen und zu fragen: wie geht es Dir? Das tue ich häufig. Ich achte auf mich selbst.

Die Erkenntnis, dass es darum geht, sich selbst zu lieben. (klingt egozentrisch und pathetisch, aber ein liebevoller Umgang mit sich selbst ist lebenswichtig).

Nicht-Highlights 2018
Momente der Angst, wenn mir irgendetwas wehtut, was ich nicht einordnen kann. Rippenschmerzen. Schulterschmerzen. Geschwollener Lymphknoten. Der falsch gelesene Arztbericht der vorstationären Untersuchung der Schilddrüse des großen Krankenhauses. Worte wie Malignität, Thyroid Cancer Guidelines und abklärungsbedürftig lassen meinen Verstand kurzzeitig aussetzen. Die Angst hat einen realen Hintergrund. Deshalb ist sie ok. Und es ist ok, achtsam zu sein. Und – sobald der Verstand wieder durchblitzt – diesen zu nutzen und lösungsorientiert vorzugehen. Das läuft eigentlich ganz gut. Und es sind sehr wenige Momente, in denen ich mich ängstige.

Stress bei der Arbeit. Lösungsvorschläge habe ich bereits erarbeitet. Es liegt ausschliesslich an mir, welchen Weg ich nun einschlagen werde. Wie allerdings schon die Psychologin im Juli 2017 im Sanatorium treffend feststellte – ich bin niemand, der mit einem Sachbearbeiterjob glücklich sein würde. Mein ungebrochener Enthusiasmus und Ehrgeiz machen dem einen Strich durch die Rechnung. Das wird noch interessant in 2019.

Ausblicke und Ziele 2019.
Ich werde am 25. März nachts unter dem Sternenhimmel am See Genezareth stehen.
Und im toten Meer baden.
Im Zodiac um Eisschollen herummanövrieren, während über mir die Nordlichter, die Aurora Borealis, tanzen, irgendwo in Grönland, irgendwo im Schnee.
Ich werde Too Many Zooz auf einem Konzert ihrer Europatournee 2019 zujubeln, in einer Stadt, in der ich noch nicht gewesen bin.
Zu einer britischen Hochzeit nach Cheshire werde ich fahren. Mit Hut.
Viele schöne Stunden mit Taiji und Mediation und beim Schwimmen im Aussenbecken des öffentlichen Bades werde ich erleben. Das steht fest, genauso wie mein Sportprogramm.
Treffen und Lachen mit Freunden und Familie.
Die Stiftung ‚meines‘ Krankenhauses ehrenamtlich unterstützen.
Neue Ziele ausmachen.
Vielleicht doch Trekking zum Basecamp (Nepal/Southface) mit George Hillary (dem Enkel von Sir Edmund Hillary) auf die Bucket List setzen. George Hillary hat ein Everest-post von mir auf Instagram gelikt, ich bin begeistert! (note to myself: auch dort wird es keine sanitären Anlagen geben – und Du hast in Tibet wirklich darunter gelitten! Und wer beim Stiefmütterchenpflanzen schon Rückenprobleme bekommt, der wird nicht tagelang mit Rucksack durchs Gebirge klettern können! tbd with myself)

Gesund bleiben.

Ich freue mich auf 2019.

23.12.2018

Meine Weihnachtsgeschichte oder der 25. Dezember

Seit frühester Kindheit pflegt unsere Familie eine besondere Weihnachtstradition: Wir gehen am 25. Dezember in die Abendvorstellung des Hansa-Theaters. Das Hansa-Theater liegt am Steindamm; ein altes Variete-Theater, das nicht so recht in seine verwahrloste  Umgebung in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs passt. Das Hansa-Theater hat seine besten Zeiten hinter sich. Hier traten schon Hans Albers auf und Siegfried und Roy mit ihren Tigern. Und hier gehen wir jedes Jahr mit der Familie hin. Als Kind war dies ein größerer Ausflug – nebst Eltern und kleinem Bruder waren auch Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, Oma und Opa und sogar Uroma mit von der Partie. Übrig geblieben sind meine Eltern und ich. Die anderen Familienmitglieder sind gestorben oder wohnen jetzt in anderen Teilen der Welt.

Jedes Jahr gibt es das gleiche Procedere: bevor wir in die Abendvorstellung können, müssen wir noch mindestens eine halbe Stunde im kalten Auto auf dem kleinen Parkplatz hinter dem Theater warten, da mein Vater alle Jahre wieder Angst hat, nicht rechtzeitig einen Parkmöglichkeit zu finden. So sitzen wir im dunklen im Auto auf dem halbleeren Platz und schauen gespannt auf die Wohnwagen der Künstler, die hier ebenfalls parken, sehen das Licht hinter den kleinen Fenstern mit den Spitzengardinen, und manchmal sieht man sogar schon einen Pudel, der später auf der Bühne das Publikum begeistert.

Wir gehen stets durch den Hintereingang ins Theater, an der Garderobe und den wunderschönen antiken Toiletten vorbei,  hinein in den Saal. Vorne im Saal und in den Logen stehen runde Tische – der hintere Bereich besteht aus kleinen Viererreihen mit plüschigen Sesseln, vor denen ein schmaler Tisch mit dekorativen Schmiedeelementen, einer kleinen Lampe und dem Schalter, mit dem man den Kellner rufen kann, angebracht ist. Früher bestellten wir uns immer den Theaterteller: der bestand aus kleinen Stücken Schwarzbrot mit Käse und Mettwurst, und als Deko  gab es zwei Salzstangen. Noch Wochen nach unserem Besuch bekamen wir zuhause zum Abendbrot von unserer Mutter einen Theaterteller.

Nach der Diashow, die die Geschichte des Hansa-Theaters zeigt und dem ersten  Einsatz des Live-Orchesters, beginnt die Show: Willkommen im Hansa-Theater. Clowns schlagen Purzelbäume,  der Pudel vom Parkplatz springt mit seinen Brüdern und Schwestern durch die Reifen, die Akrobaten bauen menschliche Pyramiden, während sie auf dem Rad die kleine Bühne umkreisen. Wir sitzen im hinteren Teil des Saals – der Grund ist, dass wir alle nicht darauf erpicht sind, von den Spaßmachern auf die Bühne gebeten zu werden und ihnen bei ihrem Auftritt zu assistieren – und das passiert hier in schöner Regelmäßigkeit, wenn man vorne seinen Platz hat.

Einmal waren wir am 26. Dezember in der Vorstellung. Am 26. Dezember habe ich Geburtstag.  „Hat heute jemand Geburtstag?“ fragt der Komiker auf der Bühne. Meine im ganzen Saal verstreute Familie dreht sich erwartungsvoll zu mir um. Mein Herz schlägt bis zum Hals – ich will nicht auf die Bühne. Also melde ich mich nicht. Eine andere Dame meldet sich – sie bekommt ein Geburtstagsständchen vorgetragen – Happy Birthday, rückwärts gesungen. Grad noch mal gut gegangen, auch wenn die Familie etwas enttäuscht über meine Nicht-Meldung ist. In der Pause stehen die Raucher vor der Tür und schauen auf den tristen Steindamm. Ich stehe vor dem Tannenbaum im Foyer, der jedes Jahr reich mit Lametta behängt und mit glänzenden silbernen Kugeln geschmückt ist. Das ist mein Lieblingsweihnachtsbaum. Mein eigener Weihnachtsbaum sieht heute noch aus wie ein Zwilling des Baumes im Hansa-Foyer.

Es kann übrigens noch schlimmeres passieren, als unfreiwillig auf der Bühne  assistieren zu müssen. Ich bin 9 Jahre alt. Wir sitzen an unserem schmalen Tisch mit dem hübschen Gitter, das uns von der Reihe vor uns trennt. Und da passiert es. Mein Orangensaft kippt um. Gebannt starre ich auf den Saft, der langsam in den Kragen des Herren vor mir tropft. Clowns schlagen Purzelbäume, der Pudel vom Parkplatz springt mit seinen Brüdern und Schwestern durch die Reifen – und der Saft tropft weiter in den Kragen meines Vordermannes. Von der Show bekomme ich nichts mit – der Herr zum Glück auch nichts von dem Unglück hinter ihm. Selbst nach der Pause – und ich erwarte ein Donnerwetter – geschieht nichts.

Doch es kommt schlimmer.

Jedes Jahr nach der Pause folgt der eigentliche Höhepunkt. Es  sind nicht die Radfahrer, Sänger oder Bauchredner, die uns zu Tränen rühren und unser persönliches Weihnachts-Highlight sind. Jedes Jahr nach der Pause, wenn die Zuschauer ihre Plätze eingenommen haben und es dunkel und still im Saal wird, ertönt „O Tannebaum“;  die schwarz gekleideten Kellnerinnen mit den weißen Spitzenschürzen und die  einen schwarzen Anzug tragenden Kellner schreiten langsam hintereinander die Gänge hinunter, jeder hat einen kleinen beleuchteten Weihnachtsbaum in der Hand. Während die Kirchenglocken vom Band läuten, wünscht uns das Hansa-Theater frohe Weihnachten. Es ist der festlichste Moment im Jahr.

Eines Jahres waren wir am 27. Dezember in unserem Hansa-Theater: die Pause ist beendet, wir sitzen im Dunkeln erwartungsvoll auf unserem Platz, die Kellner nehmen ihrerseits ihre Plätze im Saal ein – und dann geschieht es. Kein „O Tannebaum“ erklingt – es ist ein anderes Lied – und schlimmer – die Kellner haben ihre Weihnachtsbäumchen gegen silberne Tabletts  ausgetauscht, die sie emporstrecken. Auf den Tabletts präsentieren sie dicke rosa Glücksschweine. Was für eine Enttäuschung! Seitdem gehen wir wieder am 25. Dezember ins Hansa-Theater. Nicht am 26. Dezember und erst recht nicht am 27. Dezember.

Das Theater  war einige Jahre geschlossen; als ich vor der Schließung ein letztes Mal die Karten an der Kasse am Steindamm holte, durfte ich mir meine Sitzplätze im Saal aussuchen. Die Proben liefen gerade, als mir der alte Herr zeigte, unter welchen Plätzen ich noch wählen könnte. In den Jahren dazwischen sind wir in die Oper ausgewichen: Hänsel und Gretel statt Clowns, Zauberflöte statt Akrobatik, Boheme statt Theaterteller.

Nun hat das Hansa-Theater seine Pforten wieder geöffnet. Meine Eintrittskarten muss ich zwar im Internet auf dem Sitzplan auswählen, der klassische Theaterteller wurde vom teuren Fischteller verdrängt, wir gehen nicht mehr mit der Großfamilie sondern zu dritt. Aber wir gehen wieder am 25. Dezember in die Abendvorstellung. Und wir freuen uns auf das Ende der Pause. Dann werden die Kellner wieder zu „O Tannebaum“ mit ihren beleuchteten Tannenbäumchen ihre Aufstellung einnehmen und uns frohe Weihnachten wünschen.

Dezember 2010

Ich wünsche Euch ein besinnliches Weihnachtsfest und friedliche Feiertage.

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18.12.2018

Unterwegs.

J. trägt einen grün-seidenen Kimono als er die Tür öffnet. Er ist barfuß. Ich schnaufe. Die  Wohnung liegt im Dachgeschoß eines Altbaus in Eimsbüttel, einen Fahrstuhl gibt es nicht, dafür fünf Stockwerke und eine Wendeltreppe. Zur letzten Meditation des Jahres hat J. uns zu sich nach Hause eingeladen; nach dem Sitzen wollen wir gemeinsam essen. J. führt mich durch die Wohnung, die anders aussieht, als ich es von dem (normalerweise) im Anzug erscheinenden Mitstreiter, der bei einem Flugzeugbauer arbeitet und Meetings mit chinesischen Kunden hat, erwartet habe. Die Zimmer sind mit japanischen Tatami-Matten ausgelegt, auf denen bunte Kissen liegen, eine Klangschale steht vorm Spiegel auf dem Flur. Es gibt unzählige Bücher und Holzkisten.  Frauenportaits aus einem entfernten Jahrhundert hängen museumsgleich an den Wänden, aber auf Oberschenkelhöhe. Jetzt weiß ich, was mich irritiert. In dieser Wohnung gibt es keine Möbel. Kein Bett, kein Kleiderschrank, keine Couch, keine Sitzecken, keine Stühle, keine hohen Tische. Zwei Sitzgelegenheiten ohne Beine und ein Tisch, vor den man sich hinknien kann, stehen im Wohnbereich. Dann passt es auch mit den niedrig hängenden Bildern an den Wänden, denke ich.

C. erscheint, auch sie ist am Schnaufen. Sie streckt mir ein Glas selbstgemachtes Reneklodengelee entgegen, ich habe ihr ein Gesundheitsmagazin mitgebracht. C. hat einen Radiobeitrag eines Arztes über Mikronährstoffe gehört, über den sie sich sofort mit mir austauschen möchte. Ich esse immer das, was mir schmeckt, sagt unser französischer Gastgeber. Er weiß nicht, daß zwei Brustkrebspatientinnen vor ihm stehen, die ihre Ernährung auf den Kopf gestellt haben und sich dienstags nach der Meditation mit Begeisterung darüber austauschen. Wir sind jedenfalls schon gespannt, was es nachher bei unserem Franzosen zu essen geben wird.

Der Gong ertönt, am immer leiser werdenden Ton gleite ich hinab in mein Inneres und fokussiere mich auf den Atem. Mit dem Gongschlag 70 Minuten später kehre ich wieder zurück.

Wir platzieren die bunten Sitzkissen um den niedrigen Tisch, es wird eng mit sechs Personen, aber es geht. J. hat eine Süßkartoffel-Ingwer-Suppe mit frischen Kräutern gekocht. Dazu gibt es einen grünen Salat, leckeres dunkles Brot, Butter, diverse Käsesorten,  vegetarische Brotaufstriche, Mandarinen und grünen Tee. C. und ich sind begeistert, das passt perfekt in unser Ernährungskonzept.

Die Konversation ist locker und anregend; mit R. besuchen wir Meditations-Retreats und reisen nach China, mit N. verfolgen wir das dumpfe Grollen in der Mongolei, das langsam anschwillt und zu einer riesigen Yak-Herde gehört, die um uns herum galoppiert, ich nehme die Gruppe mit in die weiten Hochsteppen des Himalaya zum Teetrinken, derweil unser Bus im reißenden Fluss feststeckt und auf Rettung wartet. Wir besuchen C. in ihrem schönen Garten im Grünen, aus dem sie mir immer Äpfel mitbringt und fahren mit A. und J. nach Japan.

Es ist ein wundervoller Abend, an dem wir gemeinsam durch die Welt und zu uns selbst reisen. Wir schmieden Pläne für’s nächste Jahr. Vielleicht ein gemeinsames Retreat. Vielleicht zusammen C. in ihrem Garten besuchen. Und gemeinsam Schweigen werden wir sowieso.

passend zum post trifft gerade das Rezept ein (evtl geht auch Haferdrink statt Milch – muss ich mal testen)

10.12.2018

Unterwegs.

Dort, wo sonst der Strand ist, ist nun das Meer. Der Sturm heult durch die Kälte, die meterhohen Wellen werfen sich krachend ans Land. Hinter den dunklen Wolkenschichten leuchtet es. Die Sonne scheint sich vervielfältigt zu haben. Gischt fliegt durch die Luft und mir ins Gesicht. Die Lippen sind salzig, die Augen voll Sand, sie tränen. Oder es ist der Regen, der an den Wangen herunterläuft, oder das Meer. Ich gehe eine Synergie mit der Natur ein, die so wild um mich tost. Das ist Leben. Und es ist wunderbar.

Nachtrag: ich vermute, dass ich heute beim großen Bahnstreik in der einzigen Bahn saß, die fuhr. Pünktlich. Nach Westerland.