11.11.2018

Unterwegs.

Den kalten Wind auf den Wangen spüren, während ich auf der Fähre nach Övelgönne fahre.
Den Kragen meiner roten Jacke höher ziehen.
Den Elbsand an den Schuhen mit der Hand abstreifen.
Dem Rascheln der goldgelben Blätter lauschen, durch die ich marschiere.
Die kleine Pause, in der ich mein Ingwer-Wasser, die Wurzel und die Dinkel-Sesambrote auspacke, die ich zur mittäglichen Einnahme des Tamoxifens esse.
Immer weiter gehen, weiter und noch weiter und irgendwann beschließen, nicht umzukehren.
In Teufelsbrück auf dem Anleger in der Sonne sitzen und auf die Fähre nach Finkenwerder warten.
In die Sonne blinzeln.
Dem Drang widerstehen, ein Würstchen mit Senf zu kaufen.
Den Beschluss fassen, sich zuhause mit einem Hafer-Apple-Zimt-Crumble zu belohnen.
Die Elbe glitzern sehen. Feststellen, daß „Glitzern“ mein Lieblingswort ist.
In Finkenwerder auf die nächste Fähre umsteigen und Richtung Landungsbrücken fahren.
Den beiden taubstummen Damen fasziniert zusehen, die sich angeregt in Gebärdensprache unterhalten.
Der Radler, der mit einem dünnen gelb-schwarzen Shirt bekleidet ist und sich schützend die Arme um den Oberkörper schlingt.
Die kühle, leicht salzige Luft einatmen.
Noch einmal auf eine andere Fähre umsteigen und nachhause fahren.
Bei meiner kalifornischen Freundin nachfragen, ob sie und die anderen ok sind (sind sie).
Den Apple-Crumble in den Ofen schieben und sich über den Apfel-Zimt-Duft freuen.

Kleine Übung in Achtsamkeit.

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6.11.2018

Unterwegs.

Ich atme tief durch, als ich nach draußen schwimme. Das Wasser ist kalt, die Luft noch kälter. Dunst steigt über dem Aussenbecken des öffentlichen Bades auf, doch einige Tapfere ziehen ihre Bahnen. Das 90-jährige Pärchen ist nach mehreren Wochen Krankheit wieder dabei, drei plaudernde Rentnerinnen und ich. Auf der Schnellbahn ist mehr los; in gleichmäßigem Rhythmus kraulen die Kampfschwimmer hin und her, Wassertropfen fliegen durch die Luft um wieder ins Becken einzutauchen.

Während ich meine Bahnen ziehe, denke ich an das phänomenale Konzert und die Ansprachen, die Matt, Leo und der King of Sludge auf der Bühne gehalten haben: wie dankbar sie seien, dass sie hier in Zürich auftreten können und überhaupt 11 Monate im Jahr on tour sind – weil wir, ihre Fans, es ermöglichen, weil wir sie sehen möchten, eine Band, die mit täglichen Auftritten in der U-Bahn in New York gestartet ist. Und sie so gut wie nie ihre Familie und die Freunde sähen, weil sie nie zu Hause seien, sagt Matt. Aber dass er täglich mit seinen zwei besten Freunden zusammen sein darf, antwortet Leo. Und dass sie ihren Traum leben. Und jeder seine Träume leben soll. Und dass Kreativität wichtig sei, bei ihnen dürfe jedes Bandmitglied auf der Bühne machen was es will.
Und das schafft wunderbare einzigartige Konzerte, die alle anders ausfallen, das kann ich mittlerweile gut beurteilen.
Außerdem stünden sie – wie nach jedem Konzert – zum meet & greet mit ihren Fans zur Verfügung, sie freuen sich darauf, Fragen zu beantworten oder selfies mit ihnen zu machen.
Nicht nur die Musik ist brillant – auch die Werte, die die Band hier anspricht, stimmen mit meinen überein: Dankbarkeit, Demut, Respekt, positives Denken und das Leben der eigenen Träume.

Auf dem Flughafen stöbere ich mich durch die Lindt- und Sprüngli-Shops: ich suche nach Schokolade mit über 73% Kakaoanteil, die ich noch nicht kenne. Und werde bei einem anderen Schweizer Label fündig – Noir Noisette – sans sucre ajouté. Ohne Zucker, mit Stevia. Ich kaufe eine Tafel für mich und eine für C., die ich ihr heute als Dank für die Äpfel zur Meditation mitbringen werde.

4.11.2018

Unterwegs.

Ich könnte jetzt schreiben, dass ich an einem Sonntag Abend irgendwo in ner Industriegegend in Zürich gelandet bin.

Und dass sich die Toiletten Richtung Tiefgarage befinden.

Und dass ich mich mal wieder frage – und mich dabei amüsiert beobachte – was ich hier eigentlich mache (seit wann bin ich überhaupt zum Fangirl mutiert? Nach so vielen beruflichen Jahren mit Künstlerkontakt).

Und dass ich aufgeregt bin.

Und mich so freue.

Dass ich (wie bei jedem TMZ- Konzert) ganz vorn vor der Bühne stehe und tanze.

Dass Leo dann plötzlich samt Saxophon neben mir im Publikum steht. ❤️

Ich kann’s auch kurz fassen: simply happy. simply grateful to be here.

4.11.2018

Unterwegs.

Ob ich bar zahlen könne, fragt mich der indische Fahrer des Shuttlebusses, der mich in die Stadt bringt, sein Kreditkartengerät sei defekt. Ich bejahe. Und frage mich, was er getan hätte, wenn ich verneint hätte; wir befinden uns gerade in einem Tunnel zwischen Flughafen und dem Zentrum von Zürich.

Als wir den Tunnel verlassen, ist es grau. So habe ich mir Zürich nicht vorgestellt; in meiner Vorstellung gab es einen blauen See, umrahmt von hübschen Häuschen, grünen Wiesen und Berge mit schneebedeckten Gipfeln. Aber es ist einfach nur grau.

Der Fahrer, dessen einziger Gast ich heute in der Frühe bin, hält vorm Hotel Seefeld. Wir seien da, sagt er. Nein, antworte ich. Mein Hotel hieße Seegarten, nicht Seefeld. Wir fahren weiter, an jeder Ecke etwas langsamer, es könnte ja die richtige Straße überraschend auftauchen. Ein Navi scheint es nicht zu geben. Irgendwann taucht wirklich die richtige Straße auf, ich zahle mit einem quietschgrünen Schein und bekomme ein paar kümmerliche Münzen zurück. Die Fahrt war teuer. Nicht so teuer wie ein Taxi, aber teurer als die Bahn. Allerdings habe ich keine Lust darauf, an einem Sonntagmorgen um 9.00h mit meinem nicht vorhandenen Orientierungssinn in einer fremden Stadt konfrontiert zu werden.

Im Hotel werde ich sehr herzlich willkommen geheißen, das Zimmer sei noch nicht ganz bezugsfertig (was mich am frühen Sonntagmorgen und einer eigentlichen Check-In-Zeit von 15.00h nicht weiter wundert), aber ich könne gern ins Restaurant gehen, erstmal in Ruhe frühstücken und Zeitung lesen. Man geleitet mich zu einem schönen Tisch am Fenster und bringt mir den gewünschten grünen Tee. Ich nehme mir eine Banane, frische Ananas und ein Croissant vom Buffet zum zweiten Frühstück an diesem Morgen und freue mich über das hübsche Ambiente aus dunklen Stühlen und Tischen, den Sektgläsern und Kristalleuchtern.

Um 9.45h ist mein Zimmer, das versteckt hinter einer Doppeltür liegt, fertig; der Tag kann beginnen.

31.10.2018

Unterwegs.

Ob ich allein mit dem Stretching-Part klar komme, fragt mein Lehrer. Ich bejahe. Er liegt bereits auf seinem Schafsfell und ist schon im zweiten Teil unserer Übungen angelangt. Kein Wunder; er hat um 18.00h mit dem Unterricht begonnen, eine halbe Stunde früher als geplant, und eine Stunde vorher spontan per sms angekündigt. So spontan bin ich nicht, ich muss erst von der Arbeit nach Hause fahren, mich umziehen, um dann in die andere Richtung zur U-Bahn zu laufen und zum Psychologenhaus zu fahren, welches in einem anderen Stadtviertel liegt.
Auch meine Mitschüler scheinen nicht so flexibel gewesen zu sein, ich bin die Erste, die nach meinem Lehrer im Meditationsraum eingetroffen ist.
Still schweigend beginne ich mit dem Stretching.
Um 18.30h trifft C. ein, sie habe die sms unseres Lehrers zu spät gesehen. In der Hand hält sie eine große Tüte mit Äpfeln aus ihrem Garten. Für mich. Ich sage ihr, wie sehr ich mich über die Äpfel freue, sie freut sich wiederum, dass ich mich freue.
G., N. und J. erscheinen erst gar nicht zur Meditation, wir bleiben in kleiner Besetzung und richten unseren Platz mit Schafsfell, Decke und Sitzkissen ein.
Wir haben zwar heute früher angefangen, was allerdings nicht heißt, dass wir früher aufhören – unser Lehrer liebt seinen Job und hängt gern extra Zeit dran, wann immer er es einrichten kann. Heute haben wir – nach dem Stretching – 90 Minuten Zeit für unsere Sitzmeditation, unterbrochen von einer kurzen Pause, in der wir schweigend durch den Raum gehen.
Am Ende des Abends tauschen wir uns aus; was macht die Meditation mit uns? Wie geht es uns? Mir geht es gut; ich bin so gern in diesem Raum mit dem orangenen Teppich, den hohen Wänden und dem Stuck an der Decke, vor allem bin ich gern ein Teil dieser kleinen angenehmen Gruppe, die Geborgenheit gibt. Diese Zeit des „Nichtstuns“, in der wir nur auf uns selbst achten brauchen, ist für mich wahrer Luxus.

Zuhause fülle ich meinen Obstkorb auf und hole den Koffer aus dem Keller. Am Wochenende geht es nach Zürich, Too Many Zooz – meine Lieblingsband – kommt wieder nach Europa. In Zürich war ich noch nie, also ein Grund mehr, dort ins Konzert zu gehen.

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19.10.2018

Zuhause.

Es passiert mir sehr selten, glücklicherweise, dass ich Angst bekomme, in Schockstarre falle und mich am Eingang zur Hölle wähne. Die Welt steht still und ich daneben, versuchend, meinen Verstand zu nutzen.

Heute nach dem Schwimmen bei herrlichem Wetter im Außenbecken ist so ein Moment.

Im Briefkasten ein Brief vom Krankenhaus, in dem ich am Dienstag zur Vorstellung war. Der Untersuchungsbefund. Viele mir unbekannte Begriffe, Zahlen, Abkürzungen, Zeichen, dazwischen die Worte „positives Malignitätszeichen“, „abklärungsbedürftig“, „thyroid cancer guidelines“. Diese Worte kenne ich, aber ich will sie nicht sehen, nicht in meinem Befund. Kurz überlege ich, mit dem Brief rüber in die Praxis meines Hausarztes zu laufen, aber dort ist schon Feierabend. Ich rufe im Krankenhaus an, ich möchte den Brief verstehen. Die freundliche Dame am Telefon stellt fest, dass gerade kein Arzt greifbar sei, um mir den Befund zu erklären, sie aber (eigentlich genau wie ich bei klarem Verstand) nicht denke, dass dort etwas sehr Schlimmes drin stünde, dann hätte man mir das sicher direkt gesagt, und meine Krankenhaustermine seien für Ende November bestätigt. Aber sie werde jemanden bitten, mich zurückzurufen. Keine zwei Minuten später habe ich einen Nuklearmediziner am Telefon, der Entwarnung gibt: die Begriffe, die mir ins Auge gestochen sind, stünden unter „Methodik“ und haben nichts mit meinem individuellen Befund zu tun. So etwas weiß ich natürlich nicht, ich bin kein Mediziner aber reagiere bei meinem Vorbefund sensibel. Das versteht mein Telefonpartner sehr gut, er kann mich beruhigen, ich bedanke mich für den umgehenden Rückruf, wir wünschen uns ein schönes Wochenende.

Eine halbe Stunde bleibe ich in Nach-Schockstarre einfach am Küchentisch sitzen, bevor ich meine Theaterkarte für den Abend herauslege. Eigentlich langt mir ein Drama am Tag. Das Drama des Abends betrifft mich zum Glück nicht.

“When we are born, we cry that we are come to this great stage of fools.”
William Shakespeare, King Lear

note to myself: Befunde zukünftig direkt an den Hausarzt schicken lassen. Den Befund vom Humangenetiker habe ich letztes Jahr schließlich auch direkt an meinen Arzt im Krankenhaus schicken lassen.

16.10.2018

Im Krankenhaus.

Das Handy klingelt. Am Telefon ist die Radiologin, bei der ich vor zehn Minuten in der Nuklearmedizin gewesen bin. Sie hätte bei meinem Hausarzt angerufen, dort habe man zwar meine Blutwerte, die ich auch vorhin dabei gehabt hätte, aber nicht die speziellen Blutwerte, die sie bräuchte. Kein Problem, sage ich, dann gehe ich zu meinem Hausarzt und lasse dort Blut abnehmen. Wenn ich noch nicht allzu weit weg sei, könne ich auch zurück ins Krankenhaus kommen, dann hätten wir das schon mal abgehakt.

Weit gekommen bin ich in der Tat nicht. Ich sitze im Café auf dem Krankenhausgelände in der Sonne. Das Café, in gesunden Grüntönen und hellem Holz gehalten, heißt „Healthy Kitchen“, was mich schon wieder ärgert, da es dort vorrangig Burger, Pizza und Weizenbrötchen mit Wurstaufschnitt gibt. Dabei wollte ich dort frühstücken, wenn ich aus der Nuklearmedizin wieder ‚raus bin. Jetzt bestelle ich nur einen Kaffee.

Dann geht es wieder zurück durch die ganzen Gänge und Treppenhäuser, dieses Krankenhaus ist riesig und korrespondiert nicht mit meinem nicht vorhandenen Orientierungssinn. Die Blutabnahme findet im Liegen statt, nachdem mich die Arzthelferin fragt, ob ich mit dem Blutabnehmen Probleme hätte. Wir könnten es mal so versuchen, antworte ich etwas zögerlich, sie winkt ab und holt eine Krankenbahre. Es wäre ihr heute schon ein Patient umgekippt, das würde ihr langen. Ich halte mich tapfer.

Da ich mit der Radiologin sehr schnell einig ob der preferierten Behandlungsmethode werde, wird nur ein Ultraschall gemacht und zwei vorstationäre und ein stationärer Termin  für den November festgelegt. Dann kann das Projekt „Schilddrüse“ endlich in Angriff genommen werden, nachdem es letztes Jahr in der Prioritätenfolge zurückgefallen ist.

Ich frage, ob die Radiojodtherapie in Kombination mit den ganzen Mammographien und der Strahlentherapie aus dem Vorjahr zu Problemen führen könnte – anders gefragt: wieviel Strahlen kann der Mensch ab? Das könne man leider so nicht pauschal beantworten – da es bei mir aber um Teilstrahlungen ginge, sehe sie diesbezüglich keine weiteren Probleme auf mich zukommen. Ich hätte zwar gedacht, dass man die Strahleneinheiten alle addieren und dann ins Verhältnis zu Alter/Größe/Gewicht/Geschlecht setzen könne, aber das kann man nicht.

Dann bringe ich die zwei Paranüsse zur Sprache, die ich täglich wegen des Selens esse. Die seien ja auch radioaktiv. Der Arzt im Mammazentrum hat beim Vortrag über Mikronährstoffe von denen abgeraten und stattdessen zu Tabletten geraten. Ein Freund, dem ich von den Paranüssen erzählt habe, sei allerdings nicht vom Hocker gekippt. Er ist Radiologe. Die Ärztin lacht, auch sie kippe jetzt nicht vom Hocker, die zwei Paranüsse könne ich weiterhin essen.

Da der stationäre Aufenthalt schon mal eine Woche dauern kann, die man sozusagen in sensorischer Deprivation verbringt (das Zimmer darf nicht verlassen werden, u.U. darf man später über die Station gehen), möchte ich wissen, ob es ein Trimmrad auf dem Zimmer gibt. Gibt es nicht. Keine Sportmöglichkeiten. Aber ich dürfte Terraband, Tube, Ball & Co. gern mitbringen.
Auch eigene Nahrung darf ich mitbringen, auch wenn es vorher noch ein Gespräch gebe, was der Patient essen mag. Da ich mittlerweile ein etwas schwierigerer Fall geworden bin, und meine bisherigen Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte nicht mit meiner jetzigen Ernährung korrespondieren, werde ich Nüsse, frisches Obst und Gemüse einpacken. Sicher ist sicher.

Ich verlasse das Krankenhaus zum zweiten Mal und bin positiv überrascht, daß ich auch hier wieder an wirklich freundliche Ärzte und Assistenten geraten bin.

Nachtrag:
Der blog wird weiterhin vorrangig Fitness, Ernährung, Reisen und andere Bucket-List-Items zum Thema haben. Es werden keine weiteren Krankheiten in den Fokus rücken. Weil ich mich auf das Positive im Leben konzentriere.

14.10.2018

Unterwegs.

Und danach kaufe ich mir ein Croissant für’s Frühstück, sagt meine innere Stimme, als ich mich auf den Weg in den Hafen mache, wo ich mir ein schönes Plätzchen zum Taiji-Üben suchen möchte. Nein, kein Croissant, antworte ich und lasse vorsichtshalber das Geld zuhause. Erstens zeigt die Waage eine Tendenz nach oben, zweitens wird das Wetter wieder wunderbar, da werde ich mir eventuell später ein Eis gönnen wollen. Eine kleine Sünde ist ok, zwei gestatte ich mir nicht.

Im Hafen sind nur eine Handvoll Angler um den Ponton verteilt, sonst ist es ruhig zu dieser frühen Stunde. Der Himmel ist leuchtend blau, die Elbe glitzert, an den Kaimauern wuchert es grün. Ich atme tief durch und beginne mit der 19er-Form.

Gestern Abend Treffen mit Freunden. Wir sitzen im Kerzenschein auf dem Balkon, den Blick gerichtet in den dunklen Garten und die weißen Jugendstilhäuser um uns herum. Es ist warm, so warm, als säßen wir in einer lauen Sommernacht, es mutet skurril an, Mitte Oktober, hier in Hamburg. Ab und an zwitschert ein Vogel, wir lachen, essen kleine Köstlichkeiten und trinken Rosé. Der Co-Gastgeber ist gebrieft und schenkt mir immer nur ganz wenig nach – so habe ich am Ende des Abends vielleicht ein Glas Wein getrunken, auch wenn es ausschaut, als hätte ich mehrere Gläser gehabt. Das gefällt mir, so mache ich nicht den Eindruck einer Spaßbremse und habe den ganzen Abend ein leicht gefülltes Glas in der Hand.

Da der Oktober ja als Brustkrebsmonat deklariert wird, habe ich es endlich vollbracht und einen Gastartikel für die liebe Nicole und ihre tolle Website https://www.prinzessin-uffm-bersch.de geschrieben (https://www.prinzessin-uffm-bersch.de/2018/10/07/der-feind-in-mir/).  Nicole, die einen Sohn mit schwerer Mehrfachbehinderung hat,  erkrankte 2010 an Brustkrebs. Heute arbeitet sie wieder und begleitet außerdem Menschen im Hospiz auf ihrem letzten Weg. Auf ihrer Website gibt es viele gute Tipps für Betroffene und Angehörige und ganz viel Mut und Hoffnung zu finden.
Das erinnert mich daran, daß auch ich mir vorgenommen habe, ehrenamtlich tätig zu werden um etwas von der Hilfe, die ich erfahren habe, zurückzugeben.

11.10.2018

Unterwegs.

Die Herzis müssen ohne mich Federball spielen. Ich stecke auf dem Weg zum Turnverein in der Bahn fest, technische Störung. Nach einer gefühlten Ewigkeit und der Durchsage, daß die Bahn nur noch eine Station weiterführe und dann Ersatzbusse eingesetzt würden, steige ich aus und in eine andere Linie um, die mich in Richtung Heimat bringt. Später lese ich, daß es eine Schießerei gab und die bewaffneten Täter in den U-Bahntunnel geflüchtet sind, der Bahnverkehr bis 21.30h eingestellt und auf der Straße Superstau war.
Ich ziehe mein Sportzeug an, gehe in den Garten, mache etwas Taiji und marschiere noch einmal um den Block, dem Sonnenuntergang entgegen.

Im Briefkasten ist eine Postkarte aus der Reha-Klinik:

Liebe Frau R.,

ich wollte mich (leider mit einiger Verspätung!) bei Ihnen ganz herzlich für den Roman bedanken, der mir beim Lesen große Freude bereitet hat! Vielen Dank dafür und weiterhin alles Gute für Sie! T.S.
PS: Ich glaube, die Zuckertüten sind noch unverändert 😉

Ich freue mich sehr über die handgeschriebene Karte der Psychologin, bei der ich vor über einem Jahr einige Termine in der Klinik hatte. Anscheinend habe ich einen bleibenden Eindruck hinterlassen mit meiner Beschwerde über die Zuckertüten auf den Tischen im Speisesaal von Krebskranken, die auch noch mit der Aufschrift „wir machen Sie gesund“ versehen waren.

Mein Azubi schaut mich an: er hätte gelesen, dass es sehr gesund sei, frische Zitrone und Ingwer ins Wasser zu tun. Und wer mache das immer? frage ich zurück. Wir! ruft er. Bei mir lernt er fürs Leben.

Sechs Paar weiße Sportsocken gekauft.

9.10.2018

Unterwegs.

Ich starre auf meine Füsse und rolle innerlich mit den Augen. Unterschiedliche Socken. Rechts mit Loch am kleinen Zeh und durchgeschubberter Hacke, links mit grauer fetter Aufschrift ‚Artengo‘. Das lese ich über Kopf. Was das heissen soll, weiss ich nicht.

C. hat sich in der Pause in ihre rote Wolldecke eingerollt, J., unser Lehrer und ich gehen schweigend durch den Meditationsraum. Am Fenster bleibe ich stehen. Es ist weit geöffnet, die kühle Abendluft streift mein Gesicht, mein Blick geht in den verwunschenen Garten des Psychologenhauses, der jetzt im Dunkeln liegt. Wie können Baumkronen eigentlich so schön rund wachsen, frage ich mich, bevor wir die Fenster wieder schließen und mit dem zweiten Teil des Sitzens in Stille beginnen.