Unterwegs.

Mir ist heiß. Der Sitznachbar zu meiner Rechten zieht sein Jackett an. Ich rolle die Ärmel meiner dünnen Bluse hoch, tupfe mir mit dem Taschentuch über das Gesicht und ärgere mich, dass ich keinen Fächer mitgenommen habe.

Ich sitze in der ersten Reihe (Pressekarte) der ausverkauften Elbphilharmonie, interessanterweise in der rückseitigen ersten Reihe. Der Dirigent steht ein paar Meter von mir entfernt, ich sehe sein Gesicht, seine Emotionen, das akzentuierte Führen seines Orchesters.

Direkt in der Reihe vor mir sitzen die Harfen und die Trommeln, ich kann die Noten mitlesen (wenn ich denn Noten lesen könnte).

Nach einer kurzen ersten Halbzeit mit dem Oboisten Albrecht Mayer, der mit den Bamberger Symphonikern Elgar und Strauss spielt, gönne ich mir in der Pause ein Glas Rotwein.
Ich mag eigentlich Rotwein nicht so gerne, allerdings wird er mehrmals in meinem Krebs-Ernährungsbuch sehr positiv erwähnt (hoher Resveratrol-Gehalt, sprich krebshemmende sekundäre Pflanzenstoffe), sodaß ich beschlossen habe, wenn ich zu Events gehe, mal ein Glas Rotwein zu trinken.

Nach der Pause ist es im Saal immer noch heiß. Meine Sitznachbarn links und rechts von mir tragen weiterhin hartnäckig ihre Jacketts. Der Sitznachbar zu meiner Rechten weist mich darauf hin, dass der glatzköpfige Trompeter, der fast in Greifweite vor uns sitzt, Falten auf der Glatze hätte, als habe er eine gekräuselte Stirn, aber eben auf dem Hinterkopf. Sobald er allerdings Trompete spiele, würden die Falten weg und der Hinterkopf glatt sein. Da werde ich mal darauf achten, sage ich. Und ob ihm eigentlich gar nicht heiß sei, so im Jackett? Doch sei ihm, antwortet er. Und behält sein Jackett an.

Wir hören Bedrich Smetanas mit Abstand bekanntestes Orchesterwerk: Mein Vaterland. Ein Heimspiel für den tschechischen Chefdirigenten Jakub Hrusa, der  mit den Bamberger Symphonikern brilliant durch die sechs sinfonischen Dichtungen führt; die leisen Töne wechseln sich mit dem mitreißenden Fliessen der Moldau ab, die eine wunderbare Synergie mit dem wellenförmig angelegten Saal eingeht, ich kneife die Augen etwas zusammen und stelle mir vor, wie die Balkone anfangen sich zu bewegen, ganz leicht, wie Wellen, wie Wasser, wie die Moldau, und ich denke, wie schön es ist, jetzt hier zu sein und der Musik zu lauschen. Wieder mal fühle ich tiefe Dankbarkeit.

Wir nicken uns zu, der Sitznachbar zu meiner Rechten und ich; er hat Recht, der Trompeter hat während des Spielens einen ganz glatten Hinterkopf bekommen, wahrscheinlich entspannt ihn das Musizieren.

Wir drehen uns ausserdem unwirsch nach hinten um, wo sich zwei Damen anfangen zu unterhalten (merke: in Klassikkonzerten unterhält man sich nicht, es sei denn, der Sitznachbar hat einen Hitzschlag erlitten, was hier allerdings in der Elbphilharmonie durchaus realistisch ist).

Ausserdem ist die Akustik sehr gut; bei der nächsten ruhigen Passage öffnet eine Frau den Reissverschluss ihrer Handtasche und fördert ein cellophaniertes Bonbon zutage, das ausgewickelt werden möchte (merke: in Klassikkonzerten steckt man sich nach der Pause, bevor es weitergeht, das Bonbon in den Mund, wenn man denn eins essen möchte). Ich werfe einen bösen Blick durch den Saal nach rechts hinüber, die Schuldige ist dank der guten Akustik sofort auszumachen.

Ein wunderbares Konzert, mit Rotwein (für mich) und Bonbons (für Andere) und immer noch nix über Kreuzblütler referiert.

3 Gedanken zu “30.05.2019

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