Unterwegs.

Was uns sofort ins Auge fällt, sind die bunten Blumen. Die sehen fröhlich und nach Frühling aus. Die Urne ist aus Holz, ganz schlicht, auch das sieht schön aus und passt zu unserem Großonkel, genauso wie die bunten Frühlingsblumen, die so wunderbar seine Freundlichkeit und seine Verbundenheit zur Natur widerspiegeln.
Als wir zur Beerdigung fuhren, haben wir gerätselt, wer wohl die Trauerrede halten wird. Onkel G. war erklärter Atheist. Seine Tochter und sein Schwiegersohn sind Pastoren.

Eine Pastorin erscheint, Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm, immerhin weist sie darauf hin, dass Onkel G. nicht gläubig aber doch getauft war, wir singen Himmel, Erde, Luft und Meer, in den Liedern kommt die Natur vor, es ist ein gelungener Kompromiss, finde ich. Wir weinen etwas, aber eher, weil wir berührt sind, unser Großonkel ist immerhin 93 Jahre alt geworden und friedlich eingeschlafen. Die Pastorin lässt sein Leben Revue passieren, auch das ist schön, die Erinnerungen werden geweckt an den orangenen VW-Bus, mit dem er in den Schulferien – unser Onkel war Rektor einer Sonderschule – durch Europa gereist ist, genauso wie die unbeschwerten Familienausflüge mit seinem kleinen Segelboot über die Elbe hinüber nach Schweinesand.

Tante W., die nun Witwe ist, setzt sich beim Kaffee neben mich: Deine Reiselust hast Du von Onkel G. geerbt, sagt sie. Das glaube ich auch, antworte ich, von meinen Eltern kommt das jedenfalls nicht. Die stranden ja regelmässig in Neustadt an der Ostsee (den bösen Blick meiner mir gegenüber sitzenden Eltern ignoriere ich geflissentlich).
Zwei mir unbekannte Damen fragen mich nach der Antarktis und dem Everest, anscheinend bin ich Gesprächsthema bei der Verwandtschaft und auf alle Fälle von Interesse für die beiden Damen, die Deutschland noch nie verlassen haben.

Am Sonntag beim Frühstück im Wasserschloss arbeiten meine Cousine T. und ich die Beerdigung und unsere Familiengeschichte auf. Und Uroma F. war im Waisenhaus und hat dort unseren Uropa kennengelernt, sagt T. Ich bin verblüfft, das habe ich ja noch nie gehört! Dann wissen wir gar nicht, wo wir herkommen? Wir schicken eine sms an meinen Vater, das muss rückbestätigt werden. Und auch, wie die Geschwister von unserer Oma W. hießen. Du hast aber einen Stammbaumzettel von uns! kommt postwendend zurück, und sie würden gerade essen. Zwischenzeitlich sind uns noch weitere Fragen eingefallen, die wir simsen, es folgt eine kurze Auskunft und ein Mahlzeit!, damit wird uns klargemacht, dass die Prioritäten um 11.45h gerade nicht auf der Familiengeschichte liegen.

Wir könnten mal mit allen zusammen frühstücken gehen oder ein ein Familienfest planen! Wahrscheinlich lernen wir noch so einiges über die Familiengeschichte. T. und ich sind in unserem Element. Nach Schweden (T.) und Israel (ich) werden wir das angehen.

Eigentlich wollte ich farblich abgestimmte Blumen pflanzen; nun kaufe ich lila und weiße Hyazinthen, gelbe Narzissen, pastellgelbe und rosafarbene Rosen, es wird bunt, bunt wie der Frühling. Und bunt wie das Leben.

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10 Gedanken zu “03.03.2019

  1. Mit 93 Jahren friedlich einschlafen und von der Familie so herzlich verabschiedet werden – das wünsche ich mir auch!

    Herzliches Beileid! Und Glückwunsch zu deiner Familie!

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    1. danke, er war das letzte Jahr müde geworden, aber das ist in dem Alter ok. Ich kann mich gut daran erinnern, dass er auch im hohen Alter immer fit und mit dem Fahrrad unterwegs war. Ich glaube ja mittlerweile fest daran, dass Fitness und positives Denken uns lange leben lässt 🙂

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  2. Das ist ne spannende Sache mit der eigenen Familiengeschichte. Als ich im Januar in Mecklenburg war und mit meiner Cousine loszog zu schauen woher wir stammen, hat sich so viel gefügt. Und ich erfuhr Dinge, die ich irgendwie wusste, aber eben nur irgendwie wusste. Jetzt weiß ich mehr, und ich bin ein Stückchen ganzer geworden. Und weiss jetzt auch, warum Schilf und Sumpf und Wasser immer gesucht hab hier in Bayern. Weil ich ne nordische Sumpfpflanze bin, deshalb. Sozusagen genetisch bedingt. Ja, mach dich mit deiner Cousine auf die Suche, es ist spannend! Liebe Grüße Kat.

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    1. Und scheinbar zieht es auch meine Sohn genetisch bedingt immer wieder in den Norden . Er hat jetzt ne WG gefunden und zieht gerade um. Also, mein Weg hinauf ist nicht zu Ende 😉

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