Im Krankenhaus.

Nachts höre ich die Hubschrauber. Nebenan ist die Notaufnahme.
Es regnet.
Das Zwischenbad, das ich mir mit einem älteren Herren teile, ist dauernd besetzt. Ich höre, wie er mit seinem Stock hinein humpelt und die Zwischentür zu meinem Zimmer abschliesst. Auf dem Bord stehen seine Zahnbürste, Zahnpasta und eine geöffnete Dose mit einer Seife. Sonst nichts.
Ich lege meine Zahnbürste, Zahnpasta, Narbensalbe, Sanddorn-Duschlotion, Reinigungsmilch und Sanddorn-Bodylotion daneben und beschließe, meine anderen Cremes und Dosen im Zimmer zu lassen.

Gestern Abend, beim Hören von Chopins Klavierkonzerten, habe ich das Fenster ausser Gefecht gesetzt, nachdem der Pfleger fragte, ob alles ok sei und ich dies bejaht hatte. Ich muss läuten, ich kann das Fenster nicht die ganze Nacht geöffnet lassen, es ist schon jetzt empfindlich kalt in meinem Zimmer. Waren Sie das?, fragt er mich. Ich muß das bejahen, außer mir ist ja kein anderer Mensch in der Nähe. Er hat den passenden Schlüssel dabei, mit dem er das eingedrückte Schloss wieder öffnen kann. Es ist mir schon etwas peinlich, aber nun kann ich das Fenster wieder schliessen.

Ich lege mich ins Bett, den Kopf am Fussende, damit die Hilfsgriffe nicht über mir hängen und schaue etwas Aktenzeichen XY. Es klopft, es ist spät, es ist der Nachtpfleger.
Er wolle sich kurz vorstellen und schauen, ob alles ok sei – und stellt fest, dass ich falschrum liege und der Fernseher in einem schlechten Winkel zum Gucken stünde. Das stimmt, sage ich, aber ich habe mich nicht mehr zu melden gewagt, ich hätte ja schon das Fenster…er lacht. Das habe er schon gehört. Dann richtet er mir den Fernseher ein. Nicht so dicht an mich rankommen, rufe ich, ich strahle! Ja, sagt er, er kenne die Regeln, alles gut. Mir gefiele es hier bisher, plaudere ich los. Der Pfleger schaut überrascht, ich lobe das Mittag, das freundliche Personal, mein schönes Zimmer…aber ich dürfte auch die Nachteile hinterher in den Bewertungsbogen reinschreiben, antwortet er. Ich vermute, er hat eine andere Sichtweise auf das Leben und Arbeiten im Krankenhaus. Ausschlafen könne ich morgen auch, das Frühstück gebe es erst ab 8.00h.

Ich stehe um 7.00h auf, mache mich frisch (duschen darf man nur alle drei Tage) und lege eine Runde Stretching ein. Meine Schilddrüse ist angeschwollen. In dem gegenüber liegenden Gebäude gehen die Lichter an; die Büros füllen sich, Ärzte und Pfleger laufen durch die Gänge, an einem Fenster zieht sich ein Arzt um. Ich schaue interessiert und wende den Kopf ab, als er nur noch in karierten Boxer-Shorts da steht. Als ich wieder hinschaue, ist er angezogen, diesmal im weißen Outfit.

Ich lese etwas, werkele am Konzept für die Stiftung des Mammazentrums, bestelle mir die Weihnachts-LP meiner Lieblingsband und Weihnachtskarten von der Deutschen Krebshilfe und lege eine Liste mit Buchbesprechungen für 2019 an.
Dann Taiji-Übungen, 19er-Form und Reeling Silk. Zur Weihnachtsmusik von Too Many Zooz tanze ich durch’s Zimmer, bis es an der Tür klopft. Oh, ich sei gerade mitten in…schon ok, antworte ich schnell, und folge der Ärztin zum Strahlenmessen.

Als ich später wieder ins Badezimmer gehe, ist es um eine Seifendose, eine Zahnbürste und eine Zahnpasta leerer.

Hier hat alles einen barcode. Ich auch.
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4 Gedanken zu “29.11.2018

    1. ich kann mich nicht entsinnen, mich überhaupt schon mal gelangweilt zu haben 🙂 Döschen, Tuben…was frau halt alles so braucht! Leider kein Trockenschampoo, das wird mir B. schicken – illusorisch, sich in 2x 80sec zu duschen und Haare zu waschen 🙂

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