Heute vor einem Jahr.

Heute vor einem Jahr sitze ich um 8.45h in der Praxis einer nervösen Gynäkologin.

Heute vor einem Jahr werde ich nach einer Untersuchung ohne viel Worte wieder ins Wartezimmer geschickt, mit einer Überweisung zum Radiologen in der Hand. Auf der Überweisung lese ich „Verdacht auf Mammakarzinom“.

Heute vor einem Jahr wird mir die Überweisung nach ein paar Minuten wieder weggenommen und durch eine andere ersetzt, auf der „Suspekter Tumor“ steht.

Heute vor einem Jahr stehe ich fassungslos vor einer Praxis, langsam realisierend, was die Worte der ersten Überweisung bedeuten.

Heute vor einem Jahr sitze ich weinend beim Bäcker neben der Praxis.
Heute vor einem Jahr fahre ich statt ins Büro nach Hause. Bus, Bahn oder Taxi – ich kann mich nicht erinnern, wie ich nach Hause gekommen bin.

Heute vor einem Jahr habe ich „Brustkrebs“ gegoogelt. Und mir nach fürchterlichen Bildern und den mir ins Auge springenden Worten Tod, Schmerz, Lebenserwartung das googeln verboten.

Heute vor einem Jahr bin ich der Meinung, dass ich nur noch zwei bis drei Wochen zu leben habe. Eine fixe Idee, die sich festgesetzt. Eine fixe Idee, die mir Todesangst macht.

Heute vor einem Jahr sehe ich vor meinem inneren Auge meine Tante, die an Brustkrebs gestorben ist. Wie schön, dass ich Dich noch einmal sehe, sagt sie auf einem Familientreffen, bereits vom Tod gezeichnet.

Heute vor einem Jahr brechen existenzielle Fragen über mich herein, die ich nicht zu meiner Zufriedenheit beantworten kann.
War es das schon?
Kann das wirklich alles gewesen sein?
Hast Du das gemacht, was Du in Deinem Leben machen wolltest?
Was wird bleiben?

Heute vor einem Jahr erkläre ich der Internistin, dass sie mich nicht ins Krankenhaus zur Schilddrüsen-OP überweisen kann, da mir etwas dazwischengekommen sei. Heute vor einem Jahr breche ich weinend bei der Internistin zusammen.

Heute vor einem Jahr hat mir die gynäkologische Praxis einen Termin beim Radiologen abgemacht, bei dem ich eine Woche später vorstellig bin – um festzustellen, dass man mir den Termin bei einem anderen Radiologen abgemacht hat. Den Zettel mit der Adresse, den mir die Praxis doch mitgegeben hatte, halte ich in der Hand. Ich bin verzweifelt.

Heute vor einem Jahr habe ich eine Woche durchgeweint.

Heute vor einem Jahr ist die Welt schwarz.

Heute vor einem Jahr hat sich vieles verändert.
Zum Guten.

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26 Gedanken zu “22.2.2018

  1. Was sagt man als Aussentsehender, Fremder? Der selbst nicht so eine Situation erlebt hat – aber ähnliches, nahe an einem dran? Wo man ähnlich Gedankengänge hatte und einiges nachvollziehen kann, wenn auch nicht alles und nicht alles gleich.
    Darf, soll man, wie zu einem Geburtstag, gratulieren? Oder ignoriert man es und übergeht es einfach?
    Ich denke ich wünsche Dir einfach von Herzen alles Gute und noch viele Sonnentage und Reisen und Erlebnisse und das Gefühl, das trotz allem Übel und Sorgen, auch Gutes daraus erwachsen kann und ist. Das man erkennt wie endlich Zeit ist und wieviel man davon vertrödelt, unbedacht und immer auf „DEN“ Moment wartend: Wenn erstmal dies und das eingetreten ist…Dann…! Wer kennt das nicht. Aber „DER“ Moment ist immer jetzt und will mit allen Sinnen aufegenommen werden. Geht vielleicht nicht immer aber wenn man mehr auf sich achtet und hört gelingt einem das vielleicht immer öfter.
    Alles Gute für Dich, mit allen Guten Wünschen
    Anke
    PS: vielleicht kennst Du das Rilke Geidcht „Wunderliches Wort“ das passt für mich sehr gut zu diesen Gedanken

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    1. ❤️ lieben Dank, Anke. Ich bin heute etwas emotional, fühle mich aber auch wie am Geburtstag. Seit dem Drama habe ich soviel erlebt und Neues kennengelernt und geändert, viele Menschen kennen gelernt – da begreife ich den Gau als positiven Wendepunkt in meinem Leben.

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  2. Oh, ich kann Deine Achterbahngefühle so gut nachvollziehen. 2001 hieß es zu 50% Schilddrüsenkrebs, Diagnose nur nach OP feststellbar. Na super: War gutartig, aber Schilddrüse ist weg. Schiete. Ich wünsche Dir alles Gute und denke, dass Du auf einem guten Weg bist. Ich habe meine Geschichte übrigens aufgeschrieben. „Depression oder Krebs, das ist hier die Frage“, leider nur bei Amazon als E-Book oder auf Papier. Liebe Grüße

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    1. meine Schilddrüse habe ich jetzt immer noch, ist aber unter regelmässiger Kontrolle. Momentan ist mir auch nicht einer OP, im Herbst sehen wir weiter: OP oder Radiojod-Therapie. Mal schauen. Depressiv bin ich ganz und gar nicht, das fehlte noch. 😉 Hoffe, bei Dir ist jetzt alles gut 🌸

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  3. Du hast einen weiten Weg hinter dir! Ich freue mich, dass es dir heute wieder so gut geht! Ich wünsche dir, dass du weiter gesund bleibst und noch viele schöne Urlaube machen kannst, die ich durch das Lesen mit dir erleben darf 🙂

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    1. danke Dir 🙂 nachdem mir die Praxis auch noch falsche Formulare fürs Krankenhaus ausgestellt hat (und mich fahrlässig nur einseitig untersucht hat und der Radiologe dann zwei Tumore fand), bin ich im Mammazentrum/Krankenhaus hängengeblieben. Da sitzen die Experten, die auch menschlich top aufgestellt sind. Da gehe ich alle drei Monate hin, mindestens 5 Jahre lang – also alles gut 😀

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  4. Kann ich sehr gut nachvollziehen.
    Wenn Du nicht mal eine Chemo machen musstest, dann ist Deine Prognose exzellent. Meine leider nicht, denn ich hatte leider befallenen LK. Wenn ich eine gute Prognose hätte dann würde ich das Thema Krebs so schnell wie möglich abhaken, weil es sehr unwahrscheinlich ist dass da noch was kommt und „es sich nicht lohnt“ sich noch weiter damit zu belasten. Aber welcher Umgang einem gut tut ist ja ganz individuell.

    Liebe Grüße

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    1. tut mir sehr leid, dass bei Dir LK befallen waren, das ist natürlich eine andere Ausgangsposition. Einfach „Abhaken“ kann ich das Drama nicht, ich denke, es wird immer irgendwie präsent sein, und sei es bei der täglichen Medikamenten-Einnahme oder den ganzen Arztterminen über die nächsten Jahre. Das ist auch völlig ok, es nicht zu verdrängen. Es macht mir keine Angst, daran zu denken. Ich hoffe, Du behältst mit Deiner mir ausgestellten Prognose recht; auch wenn ich einen beidseitigen Krebs etwas verdächtig fand. 🙂 Ganz liebe Grüsse aus Hamburg

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  5. Ich habe genetischen BK und komischerweise war aber nur eine Seite befallen. Hast Du einen Gentest machen lassen ?
    Für die Prognose spielt es keine Rolle ob eine oder zwei Seiten befallen sind, also soweit ich gelesen habe und ich habe sehr viel über BK gelesen . Die wichtigsten Prognosefaktoren sind die LK, die größe des Tumors (bei mir war er sehr groß ) bei Dir ja glaube ich gelesen zu haben war er sehr klein und das Grading und hormonpositiv ist auch mit einer besseren Prognose verbunden. Du hast woh von allen Prognosefaktoren die „besten“, weshalb die Ärzte ja auch keine Chemo für nötig gehalten haben. Es müsste schon ganz dumm zugehen, wenn da noch was kommen würde. Je mehr die Diagnose zurückliegt desto mehr verblasst die Erinnerung an den Schock der Diagnose etc. und desto normaler fühlt man sich wieder.
    Dein erfülltes Leben trägt dann ja auch noch viel zur Gesundung bei . Ich wünsche Dir, dass Du auch noch einen lieben Partner kennenlernst, der damit keine Berührungsängste hat. Man kann zwar auch alleine glücklich sein aber mit einem Menschen an seiner Seite der einen liebt und mit dem man schöne Momente teilen kann wird es noch schöner. Ohne meinen Mann hätte ich das psychisch nicht geschafft aber ich habe ja wie schon geschrieben auch keine so gute Prognose.
    LG

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    1. Liebe Lisa, meine Tumore waren 1,1cm und 1,3cm gross, WHO Grad 1 bzw 2. Da beidseitig Krebs und BK im engeren Verwandtenkreis vorhanden waren, wurde ein Gentest gemacht. BRCA1/2 unauffällig, dafür ein defektes Darmgen gefunden (deshalb nun alle 2 Jahre zur Darmspiegelung). Ich habe bewusst nix gegoogelt und voll meinen Ärzten im Mammazentrum vertraut. Das war für mich sehr gut. Hätte ich am Anfang gewusst, was überhaupt Lymphknoten sind etc, hätte mich das noch nervöser gemacht. Manchmal schützt Naivität 😉 Es tut mir leid, dass Du genetischen Brustkrebs hast; freue mich aber, dass Deine Familie Dich auffängt und Du trotzdem unsere nordische Lieblingsinsel geniessen kannst. Schönes WE 😘

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  6. „Manchmal schützt Naivität.“ – daran ist sehr viel Wahres und für das Seelenheil und die Psyche kann es wirklich ein Segen sein, wenn man grenzenloses Vertrauen in die behandelnden Ärzte entwickeln und die Therapien annehmen kann, ohne sie zu hinterfragen.

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  7. Gestern habe ich in der aktuellen Geo Saison geblättert. Sehr inspirierend, der Artikel über eine Antarktis-Kreuzfahrt.
    Ich weiß ja, der Mt. Everest steht auf deinem Programm, aber wie würde dir der Kilimandscharo gefallen?

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