20.06.2017

Im Sanatorium. Tag 6

Ich mache einen Abstecher in den Kurpark und bleibe wie angewurzelt stehen: genau unter meinem Baum, unter dem ich jeden Abend Taiji mache, steht ein Chinese mit einer Gruppe Schülern. Sie bewegen sich langsam und sanft wie Blätter im Wind und praktizieren tatsächlich Taiji, aber einen anderen Stil. Ich bleibe eine Weile stehen und schaue fasziniert zu.

19.06.2017

Im Sanatorium. Tag 5

Es ist 7:30 Uhr, wir sitzen beim Frühstück. I. erzählt begeistert von dem Weidekörbchen, das sie gestern bei der Kreativtherapie geflochten hat. Gleich wird sie sich auf den Weg zum Lach-Yoga machen, ich beglückwünsche mich innerlich, dass ich weder zu Weidekörbchen noch zu Lach-Yoga verdonnert wurde. Ich höre mir einen Vortrag über Entspannungstechniken an, bevor es weiter ins Gesundheitszentrum zur Wirbelsäulengymnastik und danach zur Krankengymnastik zu Herrn S. geht. Herr S. ist da, sein Kind lässt auf sich warten. Dann ein Termin bei meiner Ärztin, die mir in Punkto gesunde Ernährung zustimmt und mir noch Seiten aus ihrem Ernährungsbuch kopiert: Gewürze, die gut gegen zu hohes Cholesterin und gegen Krebs sind. Darüber freue ich mich. Auch über meine gute Laune solle ich mich freuen, meint sie und nicht die Mitpatienten als Maßstab nehmen. Am Nachmittag noch ein Vortrag über korrekte Büstenhalter und Silikoneinlagen, diverse Modelle werden durch die Reihen gereicht. Ich muss an die BH-Präsentation im Krankenhaus denken, auch diesmal ist die Damenwäsche für eine ältere Klientel gedacht, ich reiche sie einfach nach links weiter an I., die schon etwas interessierter guckt.

Dann in die Therme, ich schwimme ein paar Runden in der Sonne, bevor ich wieder in den Kurpark gehe und – auf den See blickend – Taiji unter den großen Bäumen praktiziere. Ich wandere eine letzte Runde um den See, eine Entenfamilie kommt mir auf dem Waldweg entgegen, und ich könnte hier bis in alle Ewigkeit den See umrunden, ein bisschen wie Patrick Süsskind’s Herr Sommer. Ich würde nie mehr krank werden.

18.06.2017

Im Sanatorium. Tag 4

Wieder einmal stehe ich mit prüfendem Blick vor dem Spiegel. Mir ist beim Frühstück aufgefallen, dass viele Mitstreiter müde aussehen. Sehe ich auch müde aus? Ja, ich sehe auch müde aus, muss ich mir unfreiwillig eingestehen. Ich erinnere mich daran, dass ich gestern Abend in Lübeck bei „den Jungs“ zum Grillen war, Sekt getrunken habe und bei der nächtlichen Rückkehr von Eingang zu Eingang des Gebäudekomplexes gelaufen bin, um festzustellen dass alles abgeschlossen ist. Große Erleichterung, als ich doch noch eine Tür finde, die offen ist und durch leere Gänge und einen dunklen Speisesaal schleiche, um wieder ins Haus 1 in mein Zimmer in den zweiten Stock zu gelangen. Kein Wunder also, dass ich müde aussehe.

An der Bushaltestelle stelle ich fest, dass hier kein Bus zum Timmendorfer Strand fährt, was eigentlich mein Ausflugsziel sein sollte. Ich steige stattdessen in den Bus nach Travemünde. Der Weg ist das Ziel – zumindest bei mir und meinen Busfahrten. Wir fahren durch einen Wald, durchqueren ein Industriegebiet mit riesigen Hornbach-, Aldi-, und Ikea-Outlets, es geht durch Einfamilienhaussiedlungen, bei denen die Autos auf den Auffahrten stehen und Rosen in den Vorgärten ranken. Sonntags in Deutschland. Nach knapp einer Stunde erreichen wir Travemünde.

Das letzte Mal war ich im Februar in Travemünde, einen Arzttermin hatte ich schon eingeholt. Jetzt bin ich zurück. Es ist noch etwas grau, ich wandere die Strandpromenade entlang, kaufe mir ein Tuch (hand-made in Hamburg), trinke einen Kaffee im Strandkorb und blinzele irgendwann in die Sonne.

Im Sanatorium verpasse ich gerade den Spielmannszug des VFL Bad Schwartau, der in der Musikmuschel im Kurpark spielt, aber auch Travemündes Spielmannszug ist an der Promenade aktiv – hey Pippi Langstrumpf – scheppert es, die Musik vermengt sich mit der des Leierkastenmanns, der eine Ecke weiter an der Promenade steht.

Ich spaziere etwas weiter, setze mich vor „mein“ Atlantik Grand Hotel, bestelle etwas zu Mittag und bin bestens gelaunt (note to myself: am Dienstag beim Termin mit dem Psychologen fragen, ob das normal ist, meine verdächtig gute Laune).

Ich stehe am Strand und schaue auf den Sonnenschutz der Strandkörbe. Rote Farbe. Blaue Farbe. Grüne Farbe.

 

16.06.2017

Im Sanatorium. Tag 2 – Nachtrag 2

Vor der Zimmertür stoße ich mit meiner Nachbarin zusammen. Sie hält eine Schüssel mit Salat in der Hand, selbstgemacht, auf dem Zimmer. Das Essen sei hier ungesund, erklärt sie entschuldigend, sie hätte sich auch schon beschwert. Ich triumphiere innerlich.

Die Kartoffel-Wedges ignorierend, stelle ich meinen geschmuggelten Becher im Speisesaal ab und mache mich auf den Weg in den Kurpark. Buddhas Wächter ruft.

16.06.2017

Im Sanatorium. Tag 2 – Nachtrag

Da die Programmpunkte „Kennlerntreffen“ und „Soziales Seminar“ doch etwas an meiner guten Laune gezerrt haben, kurzen Prozess gemacht: Obst und andere leckere Lebensmittel eingekauft und mir on top einen Blumenstrauß geschenkt. Becher Kaffee auf’s Zimmer geschmuggelt und vorgezogenes Abendmahl genossen. Die Kantine fällt somit für mich aus – Problem gelöst, Stimmung wieder gut.

Nach heftigem Unwetter kommt auch die Sonne wieder zum Vorschein, ich werde mich gleich den chinesischen Kampfkünsten im Kurpark widmen.

16.06.2017

Im Sanatorium. Tag 2

Ob ich gegen etwas allergisch sei, fragt mich die Diätassistentin bei unserem Termin. Gegen ungesunde Ernährung, antworte ich.

Am Restauranteingang ist ein Mahnmal aufgebaut, das Nutella, Haribo, Fertigsuppen & Co mitsamt den Zuckerwürfeln zeigt, die in den Lebensmitteln enthalten sind. Am Buffet gestern Abend stand ich allerdings unschlüssig zwischen verarbeiteter Wurst, hellem Brot, Kartoffelpuffer und Kaba-Kakao herum, alles Dinge, die ich aus meinem neuen Leben gestrichen habe, da sie nicht in meine Definition von gesunder Ernährung fallen. Es werden bei der Reha auch Ernährungs- und Diät-Vorträge gehalten, was ich gut, wenn auch skurril finde, wenn ich die angebotenen Speisen sehe.

Ich zähle auf, was ich alles nicht mehr esse, schnell wird der Dame klar, dass bis auf Käse und Gurkenscheiben nicht viel bleibt, was mir zusagt. Meinem Vorschlag, dass ich mir Obst und Avocados mitbringe, wird zugestimmt. Es solle nur nicht ausarten mit meinem eigenen Büffet. Ich lächele zustimmend und gehe gedanklich durch, wie ich weitere Dinge in den Speisesaal schmuggeln kann.

Auf zum dritten Termin des Morgens, um 9.00 Uhr sitze ich beim Ergotherapeuten. Auf den Blick in meine Patientenkarte – beidseitige Brustkrebs-OP und Bandscheiben-OP – stellt er fest, dass ich hiermit schon die schweren Dinge abgedeckt hätte. Ich weise darauf hin, dass er mich nicht demotivieren solle, was auch immer wir hier ergomässig machen, um mein Befinden zu optimieren – ich bin dabei. Er drückt 20 Minuten am Rücken und der rechten Schulter herum, dann sind wir fertig. Beim nächsten Mal wird er mit der Narbentherapie beginnen. Wenn er dann nicht gerade sein zweites Kind bekommt, das nächste Woche Stichtag hat. Fröhlich verabschieden wir uns, vielleicht sehen wir uns in der kommenden Woche wieder. Vielleicht aber auch nicht.

 

15.06.2017

Im Sanatorium. Tag 1

Am Hamburger Hauptbahnhof sind die Anzeigetafeln ausgefallen, ich stehe mit meinem Gepäck an der Treppe zu Gleis 5 und schaue mich um. Ob er mir helfen kann, fragt der Herr von der Bahn, der eine Übersicht für die nächsten Zugabfahrten dabei hat. Ja, sehr gern, antworte ich, ich suche einen Fahrstuhl. Er deutet direkt hinter mich.

Ich steige ein, es ist sogar eine Bahn früher als geplant, es geht in Richtung Lübeck. Dort kaufe ich mir einen Kaffee, setze mich ans Gleis 8 in die Sonne und warte auf den Anschlusszug Richtung Bad Schwartau. Ich freue mich.

Ob ich ihren Platz möchte, fragt die Dame in der Bahn, ich verneine, etwas überrascht, die Bahn ist fast leer. Ich gehe weiter, sie behält mich im Auge, auch sie steigt in Bad Schwartau aus, bleibt neben mir stehen, bis ich sie frage, ob wir dasselbe Ziel hätten. Das haben wir, sie arbeitet im Sanatorium, in dem ich gleich einchecken werde. Da das abgesprochene Taxi nicht da ist, marschiere ich mit ihr und meinem Gepäck zu Fuß zur Klinik. Wir plaudern während ich versuche, mir den Weg zu merken. Kann ich natürlich nicht. Ich war schon immer ein Orientierungslegastheniker.

Das Sanatorium ist riesig, hier habe ich mich schon vor fünf Jahren verlaufen, damals, als ich wegen meiner gecrashten Bandscheibe zur Reha musste. Auf dem Weg zur Registrierung in meiner Abteilung verirre ich mich, eine nette Schwester gabelt mich in Haus 4 auf und bringt mich ins Haus 2. Danach gehts wieder zurück an die Rezeption in Haus 3, von dort geht es weiter auf mein Zimmer ins Haus 1. Der Vormittag gestaltet sich sportlich, ich bin ob des ganzen hin und her bereits erledigt.

Beim Mittagessen gibt es feste Tische, ich sitze bei E. und I., auch beide Brustkrebs-Patientinnen, die über ihre Chemo-Nachwirkungen berichten. Ich sei sicher froh, dass ich das nicht mitmachen musste, stellt I. fest, ich spüre ihren Blick auf meine langen offenen Haare.  Das stimmt, sage ich. Davor hatte ich Angst.

Nach dem Mittag der erste Arzttermin, Frau Dr. B. ist sehr nett, wir verstehen uns, ich bin über eine Stunde bei ihr und verpasse damit den nächsten Termin – die Führung durch die Klinik. Aber die kenne ich ja auch schon von meinem letzten Aufenthalt, sagt Frau Dr. B.. Ich bejahe und denke an meine unfreiwillige Exkursion durch alle Häuser des Geländes. Den Vortrag über „warum-eigentlich-Reha“, den sie am Nachmittag hält, dürfe ich auch ausfallen lassen, ich mache nicht den Eindruck, als ob ich nicht wüsste, warum ich hier bin. Und dann schenkt sie mir ein großes Herzkissen des „Heart Pillow Projects“, handgenäht von einer Dame aus Bad Schwartau. Das Kissen reduziert Schmerzen, die durch Narben und Schwellungen entstanden sind. Auf dem Zettel dazu steht: „Es ist etwas ganz persönliches für Dich, woran Du Dich halten kannst – und es sieht hübsch aus!“ Das tut es. Meines ist blau-rot. Und ein bisschen rosa.

Den Nachmittag verbringe ich mit einem Spaziergang um den See, kaufe mir in der Innenstadt Obst (ich habe meine kleine Saftpresse eingepackt) und verbringe Zeit im Kurpark, wo ich auf der Wiese unter den Bäumen Taiji praktiziere.

09.06.2017

Unterwegs.

Auf dem Bahnsteig Menschengewimmel, Hunderte schienen den Zug stürmen zu wollen – Familien, viele Kinder, Mütter mit Säuglingen auf dem Arm und sogar eine dicke Bäuerin, die Hühner in einem Käfig mitschleppte.
Georges Simenon, Der Zug aus Venedig

Die fünf Herren, die auf dem Hamburger Hauptbahnhof vorm U-Bahn-Ausgang in der Menschenmenge stehen, tragen edle graue Anzüge. Sie scheinen auf jemanden zu warten und passen nicht so recht in die Gegend, in der sich sonst Drogendealer und Heimatlose aufhalten. Mein erster Impuls ist es, auf meine Kollegen zuzugehen, sie zu begrüßen; ich freue mich, sie zu sehen. Trotzdem gehe ich weiter, biege nach rechts ab ins Reisecenter, um mir das Bahnticket für meine Fahrt zur Reha-Klinik zu kaufen. Irgendwie passt das nicht, ich in alter Jeans und Sneakers, und was genau soll ich sagen, außer einem „hallo, schön euch nach einigen Monaten wieder zu sehen, was macht die Arbeit“? Wie ein Schachspieler sehe ich den nächsten Moment vor Augen, der wohl ein betretendes Schweigen wäre, ein paar hilflose Bemerkungen, ein suchender Blick in die Gegend.

Ich kaufe die Fahrkarte, kehre auf den Bahnhofsvorplatz zurück, die Kollegen sind verschwunden. Ich nehme die S-Bahn zum Jungfernstieg. Im Alsterhaus kaufe ich mir eine neue Jeans, seit ich vier Kilo abgenommen habe und das neue Gewicht halte, habe ich ein Problem mit dem Inhalt meines Kleiderschrankes. Überraschenderweise passt mir die erste Hose, die mir die Verkäuferin in die Umkleide reicht, ich nehme sie mit und schlendere weiter  zum Gänsemarkt. Da auch Zeit für die Einnahme meiner Anti-Krebs-Medikamente ist, gönne ich mir ein spätes Mittagessen im Blockhouse, natürlich kein rotes Fleisch und keine Pommes sondern die light-Variante: Putenmedallions und Ofenkartoffel.

Überhaupt bin ich mit meiner neuen Ernährungsweise konsequent und sehr zufrieden, genauso wie mit dem täglichen Sportprogramm, das ich durch motivierende Ereignisse wie einen Kosmetiktermin im Nivea-Haus, einem Friseurbesuch oder eben den Kauf einer Hose anreichere. Mein privates Reha-Projekt läuft; ich hoffe, dass die eigentliche Reha, die Mitte nächster Woche startet, inhaltlich mithalten kann. Vor allem hoffe ich, dass ich dort die Käseglocke, die über mich gestülpt ist, abstreifen kann – noch ist die Fatigue ein Teil meines täglichen Lebens, noch bin ich unkonzentriert und in vielen Dingen schlichtweg langsam.

Zuhause räume ich den Kleiderschrank aus, eine neue Hose bedeutet, eine andere auszusortieren. Ich sortiere drei Hosen aus, vier Schals, zwei Gürtel sowie drei Stoffbären und einen grünen Drachen, was auch immer die Horde Stofftiere im obersten Fach des Kleiderschrankes zu suchen hat. Ich stopfe sie in Tüten, wandere wieder los und werfe sie in den Container, der vor der Katharinenkirche steht.

Abends bekomme ich Post von J., der koreanischen Fotografie-Studentin, die mir erste Abzüge unseres Fotoshootings zum Thema „meine zukünftige Beerdigung“ schickt. Die Fotos sind sehr schön, zwischen Lächeln und Nachdenklichkeit, direktem Blick in die Kamera und Blicke in die Ferne ist alles dabei. Ich freue mich. Und empfinde das Projekt nicht als morbide, sondern hilfreich, die Beschäftigung mit dem eigenen Tod, dem Leben, den Wünschen. J.’s Plan ist es, ihre Semesterarbeit in einer Galerie auszustellen, und ich bin gespannt, wie andere Teilnehmerinnen ihre Beerdigungsfotos inszeniert und was sie zum Thema Tod und Leben zu sagen haben.

04.06.2017

Zuhause.

Der Mensch ist vielerlei, aber vernünftig ist er nicht.
Oscar Wilde

Auszug aus dem Arztbrief vom Radiologischen Zentrum vom 29. Mai.
Behandlungsbedingt litt die Patientin unter einer deutlichen Fatigue-Symptomatik. Bei Abschluss der Therapie zeigte die Haut im Bereich des Bestrahlungsfeldes ein Erythem Grad II mit deutlicher Hyperpigmentierung sowie ein minimales Brustödem.

Note to myself:
Es war vernünftig, seit Beginn des Dramas einem selbst auferlegten google-Verbot zu folgen.
Note to myself:
Es war nicht vernünftig, das google-Verbot zu ignorieren und Begriffe wie Erythem und Ödem zu googeln (Bildauswahl).
Lesson learnt:
Schlimmer geht immer.

 

03.06.2017

Unterwegs.

I travel because I like to move from place to place, I enjoy the sense of freedom it gives me, it pleases me to be rid of ties, responsibilities, duties, I like the unknown; I am often tired of myself and I have a notion that by travel I can add to my personality and so change myself a little. I do not bring back from the journey quite the same self that I took.
W. Somerset Maugham

Es ist kalt und stürmisch, die Wellen ragen dunkelgrau über der Nordsee auf, brechen mit einem gewaltigen Tosen, die salzige Gischt fliegt mir ins Gesicht, während ich am Nordsee-Strand entlang wandere. Ich fühle mich frei. Und glücklich.

Es hat mich nicht gestört, dass die Bahn in Hamburg mit Verspätung losfuhr, es hat mich nicht gestört, dass der Kellner mir im Restaurant einen anderen Tisch zuwies, weil der ursprünglich eingenommene Platz reserviert war, und auch für das Problem mit dem Badeanzug, mit dem ich eigentlich in den Hotelpool wollte und den ich auf der Haut nicht ertragen kann, finde ich eine Lösung: ich setze mich im Bademantel an den Beckenrand und lasse einfach die Beine ins Wasser baumeln. Alles ist gut.

Mein Hotelzimmer ist wundervoll, es liegt unter dem Dach und hat schräge Decken, das Sonnenlicht flutet durch Bad und Schlafzimmer, das Boxspringbett hat eine perfekte Matratze, es gibt sogar ein Obstkörbchen und eine Minibar mit Gratis-Getränken. Wenn ich aus dem kleineren Fenster schaue, sehe ich das Meer.  Es ist so nah.

Am Bahnhof warte ich auf den Bus, der mich nach List, ganz in den Norden von Sylt, bringen soll. Da als erstes ein Bus nach Hörnum fährt, ändere ich kurzerhand meinen Plan und springe hinein; auf geht es in den Südteil der Insel. Flexibilität kann ich.

Ich schaue aus dem Fenster, sehe Dünenlandschaften und reetdachgedeckte Häuschen an mir vorbeirauschen, ich sehe mein Spiegelbild, das mir zulächelt. Ich lächele zurück.

Hörnum ist langweilig, der Hafen klein, ich wandere etwas unentschlossen am Meer entlang, dann steige wieder in den Bus. Nach der Hälfte der Strecke steige ich aus, links und rechts sind Dünen, hinter einer liegt die Sansibar. Das Ziel gefällt mir, ich marschiere bergauf und bergab, um mich dann vor der Sansibar auf einer Holzbank niederzulassen, das Gesicht in der Sonne, ein Glas Prosecco in der Hand. Es ist 11.00 Uhr morgens, ich bin bestens gelaunt.

Wieder zurück in Westerland, beschliesse ich, den Mittagsschlaf, den ich eigentlich eingeplant hatte, ausfallen zu lassen, nun geht es weiter nach Kampen und List. Der Bus ist voller Schulkinder, das Leben tobt. Nachdem auch List etwas enttäuschend ist, fahre ich wieder zurück. Ich habe Zeit, ich kann machen was ich möchte. Ich bummle durch die Friedrichstraße, gehe in Geschäfte, probiere Hosen und Schuhe an, esse etwas kleines zu (Nach)Mittag, bevor ich mich im Hotel für den nächsten Strandspaziergang umziehe. Unterwegs entdecke ich ein schönes Restaurant mit Blick auf’s Meer, ich beschliesse, dort zu Abend zu essen, gehe zurück ins Hotel, ziehe mich wieder um, bevor es zum Dinner geht. Ich sitze auf der Terrasse des Restaurants, es ist kühl aber sonnig, die untergehende Sonne spielt mit den Wolken, ich freue mich über den sehr leckeren Salat mit gratiniertem Ziegenkäse.

Auch am nächsten Tag gehe ich lange am Strand spazieren, der Wind hat sich gelegt, die Sonne strahlt, die Strandkörbe füllen sich mit Badegästen.
Ich bin ganz bei mir und gleichzeitig Teil des ganzen fröhlichen Trubels, der das Drama der letzten Wochen verdrängt.