18.10.2017

Unterwegs.

Now is now. I‘m focusing on the positive. I learned some important things about life, others, and myself. I feel I now have a clearer perspective on life. I see things today I never saw before.

Jon Krakauer, Into thin air

Und bei C. wird es im Urlaub ganz kalt sein, sagt die Trainerin. Minus 20 Grad, antworte ich. C. fährt in die Antarktis, lässt sie die Sportis wissen. Zum Campen, füge ich hinzu. Ich finde, das klingt spektakulärer als nur Antarktis. Ausserdem stimmt es.

Jetzt kommt Leben in die Herzis, deren Herzen langsamer als meines schlagen, was ich heute beim Pulsen feststellen musste. Das sei wegen der Betablocker, erklärt mir die Ärztin. Mein Puls sei im normalen Bereich.

Ob es eine Liste gebe, was ich einpacken müsste (ja), wo die Reise losginge (Ushuaia/Argentinien), was es für Tiere dort gebe (Pinguine, Robben, Seelöwen), wollen die Herzis wissen. Es ist das erste Mal, dass wir uns während des Aufwärmens angeregt unterhalten.

H., eine kleine grauhaarige Dame mit freundlichen Augen, fängt an zu erzählen: 1969 sei sie auf dem Kilimanscharo gewesen und überhaupt auf vielen Bergen, 5000er und 6000er. H. trägt ein T-Shirt mit Gebirgssilhuette und dem Slogan „50+“. Das finde ich lustig, denn sie ist bestimmt um die 80 Jahre alt.

Argentinien kenne sie, auch Chile, sie hätte früher viele Länder bereist. Backpacking. Kenne ich auch, habe ich auch gemacht, rufe ich und bin begeistert. Wir waren beide auf 4600 Metern in der Atacama-Wüste und haben die Geysire sprudeln sehen.
Heute könne sie nicht mehr reisen, sagt H.
Aber die Erinnerungen, die bleiben, sage ich.
Sie werde vergesslich, entgegnet H.
Darauf fällt mir nichts ein, und H. fragt, ob ich schon mal Pinguine gesehen hätte.
Habe ich, in Argentinien, als wir mit dem Boot durch den Beaglekanal gefahren sind.

Nächste Woche werde ich sie fragen, ob sie auch schon mal am Mount Everest gewesen ist. Der steht auf meiner Bucket-List. Und ich stehe hoffentlich nächstes Jahr im Basecamp, Northface.

Advertisements

16.10.2017

Unterwegs.

Genau die Stelle tut weh, rufe ich dem Krankengymnast zu, der, während ich mich bäuchlings auf der Liege befinde, im Bereich der linken Kniekehle herumdrückt.

Der innere Beugemuskel des Knies braucht Massagen und Wärme, lautet das Fazit. Gut, endlich zu wissen, was mir bei einigen Bewegungen Schmerzen bereitet. Und gut, dass man was dagegen tun kann. Ich bekomme eine Übung für zuhause mit auf den Weg und werde das Montags-Taiji,  das wir mit der Stehenden Säule beginnen, ausfallen lassen. Die Übung ist sicher nicht optimal für meinen angeschlagenen Beugemuskel.

Alternativ geht es zum Walken, danach dann Übungen mit der Pilates-Rolle.

15.10.2017

Zuhause.

Meine Freundin M. bittet mich, „das Taschentuch aufheben“ zu demonstrieren. So heisst die Form natürlich nicht, es gibt keine konkrete Bezeichnung für den Taiji-Teil, der an „die schräge Stellung einnehmen“ anknüpft. Aber es sieht aus, als wolle man mit der linken Hand ein imaginäres Taschentuch vom Boden aufheben.

Demonstration zwischen Kaffeetassen und Doppel-Dinkelkeksen, M. scheint zufrieden.

15.10.2017

Unterwegs.

Keine spektakulären Vorkommnisse am Donnerstag im Fitnessraum zu verzeichnen (lässt man den schwer stöhnenden Sporti ausser acht, der – spätestens, als er nen Kopfstand macht – alle Blicke auf sich gezogen hat).  Das Schwimmen am Freitag im Glitzerwasser des Outdoorbeckens kristallisiert sich zum Höhepunkt der sportlichen Wochen heraus.

Am Samstag nehme ich mir bewusst nichts weiter vor, gehe gemächlich Einkaufen und putze rudimentär die Wohnung. Die restliche Zeit liege ich auf dem Sofa, lese einen Comic, schaue fern, trinke einen Kaffee und relaxe. Um 18.00 Uhr werde ich nervös und stelle fest, dass mir die tägliche Bewegung fehlt. Laufe eine 19er Form im Wohnzimmer.

Am Sonntag springe ich früh aus dem Bett, frühstücke, gehe hinaus in den Nebel und schaue der Sonne zu, wie sie sich langsam durch das Grau über der Elbe kämpft. Sie gewinnt.

Wandere zurück nach Hause, gehe in den Garten und laufe im Sonnenschein drei weitere 19er Formen.

11.10.2017

Unterwegs.

Wir könnten ja schon mal pulsen, schlägt einer der Herzis vor. Und wir machen einfach ganz langsam, füge ich hinzu.

Sechs Herzis, eine Trainerin und ich – Frau Dr. A. ist nicht in Sicht. Und ohne ärztliche Aufsicht dürfen wir nicht mit dem Sport anfangen. Da sei schon so einiges passiert, erklärt die Trainerin und schaut mich an. Die Worte hängen in der Luft, was genau schon so passiert ist, will ich lieber gar nicht wissen. Da sie mir letzte Woche von ihren Sportstunden mit den Kindern vorgeschwärmt hat, die ein „lebendiges“ Kontrastprogramm zum Sport mit den Herzis sind, ahne ich düsteres. Und umsonst steht die Erste-Hilfe-Box samt Defibrillator auch nicht in der Halle.

Zum Glück weht Dr. A. im pinken Trenchcoat um die Ecke, die langen Haare wie immer offen und zerzaust. Wir können starten.

Nach Pulsen – das ich noch immer nicht durchschaut habe – und Aufwärmen zu Walzerklängen stehen wir uns paarweise zum Ringwerfen gegenüber. Mein Partner ist M., bei dem ich jede Woche Angst habe, dass er umkippt. Falsch liege ich damit nicht, er sitzt meistens schnaufend auf der Bank. Auch jetzt schnauft er wieder, während wir uns mehr schlecht als recht die Ringe zuwerfen. Ein Ring trifft mich unglücklich am Mittelfinger, irgendeine Ader platzt, die Fingerspitze wird dick, blau und heiss. Kampfverletzung, rufe ich M. zu und halte den Finger in die Luft. Ob ich mich setzen möchte, schnauft M. und schaut hoffnungsvoll. Ich zerstöre seine Hoffnung sofort. Wir machen weiter, ist nur ein Finger, nicht so schlimm, rufe ich wieder. Ich halte den Finger auch nicht Frau Dr. A. unter die Nase, mich ärgert ja schon, dass ich bei Streckübungen immer unter Sonderbewachung stehe. Und schon ertönt ein „Aber C. muss aufpassen“ zu mir herüber.

Morgen ist wieder Gerätetrainung im Reha-Zentrum. Ohne Pulsen, ohne strenge Überwachung und ohne Walzerklänge. Und ohne blauen Finger.

10.10.2017

Unterwegs.

Die Yoga-Leute, die nach uns den Raum haben, hätten den Vorschlag gemacht, ein Mal leise an die Tür zu klopfen, damit wir wüssten, dass sie da seien, erklärt unser Meditationslehrer, der übrigens auch unser Taijilehrer ist.
G. und ich müssen lachen. Die Yogatruppe besteht aus circa 15 Leuten, die laut trampelnd die Treppe des Altbaus hochpoltert, um sich dann vor unserer Tür zu unterhalten. Die Befürchtung, sie nicht wahrzunehmen, teilen wir nicht.
Heute ist Sitzmeditation im Yogaraum des Psychologen-Hauses in der Schanze. Vom Raum, der im zweiten Stock liegt, guckt man in den verwunschenen Garten, in dem wir in der Sommersaison Taiji praktizieren.
Der Yogaraum strahlt Ruhe und Wärme aus; die Wände sind hellgelb gestrichen, der Teppich orangefarben, die hohen Decken sind mit Stuck verziert, das Licht ist gedimmt. Wir sitzen auf Schafsfellen und Meditationskissen und haben uns in rote Wolldecken eingehüllt. Nach den Dehnübungen schweigen wir, nur unterbrochen von den Worten unseres Lehrers, der uns in die Stille der Meditation führt.
Heute sind wir nur zu zweit, die russische Künstlerin G., die ich ob ihres Akzentes als Belgierin ausgemacht hatte und ich. G. ist sehr sympathisch; quirlig, lustig, aufgeschlossen. Schon gestern beim Taiji haben wir uns über Klamotten ausgetauscht, während die Schwerter unserer Mitschüler herumgereicht wurden.
Wir könnten doch mal zusammen shoppen gehen, schlägt G. mir heute vor. Ich willige fröhlich ein. Und beende den heutigen Tag mit 6.500 Schritten.

09.10.2017

Unterwegs.

Die Gruppe hat einen kleinen Kreis gebildet und schaut auf den Boden. In den Händen halten sie Schwerter. In der Mitte des Kreises liegt eine tote Mücke. Nicht erstochen, sondern mit einem Schwert zerquetscht.

Das erste Opfer des Zusatzprogramms, das sich unser Taiji-Lehrer für seine Schüler überlegt hat. Schwertkampf. Nach dem regulären Unterricht wird eine halbe Stunde drangehängt. Ich mache nicht mit, mir ist das zu lang, ausserdem bin ich immer noch mit der 19er Form beschäftigt.  Ich befürchte, dass mich weitere Lerneinheiten intellektuell überfordern könnten. Neben mir sind noch ein paar andere, die sich gegen den Schwertkampf entschieden haben. Trotzdem halten wir alle die Schwerter in der Hand, die unsere Mitschüler stolz und auch etwas aufgeregt herumzeigen. Wir freuen uns mit ihnen und scherzen herum.

Damit die Wartezeit zum Extra-Programm nicht zu lange wird, dürfen die Schwertkämpfer die Reeling Silk-Übungen mit Waffe üben, während wir Unbewaffneten die gängige Abwehrhaltung einnehmen.

Bevor es aber richtig losgeht, laufen wir unsere 19er Form – in Zeitlupe, während unser Lehrer durch die Reihen geht und korrigiert. Wer sich mit Taiji auskennt, weiß, dass es extrem anstrengend ist, die eh schon langsamen Bewegungen fast im Stand zu machen.

Um 20:00 Uhr ist für uns Unbewaffnete der Unterricht vorbei. Ich marschiere zur Bushaltestelle, es ist dunkel, es regnet, nachher wird mein Schrittzähler 9.000 Schritte anzeigen – das ist eine gute Leistung neben den 90 Minuten Taiji und dem Arbeitstag, der hinter mir liegt.

Ich gehe über die Brücke, die über die grau-braune Elbe führt und biege in meine Straße ein. Polizeiwagen stehen vor dem Wohnkomplex, der neben meinem Haus liegt. Eine Anwohnerin erklärt den Polizisten, dass die Gebäude eine Tiefgarage haben, die die Häuser verbindet. Da könnten sie entkommen sein. Ich gehe weiter. Und überlege, ob ich mich nicht doch noch für den Schwertkampf entscheiden sollte.

06.10.2017

Unterwegs.

Nach dem Orkan ist vor dem Schwimmen. Wenn mir vor ein paar Monaten jemand gesagt hätte, dass ich Anfang Oktober unter freiem Himmel meine Bahnen ziehe, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Du BIST verrückt, sagt meine Freundin M.

Aber nein, antworte ich. Ich bin glücklich, wenn ich, die Sonne im Gesicht, auf die buntgelaubten Bäume zuschwimme. Um mich herum glitzert das Wasser.

29.09.2017

Unterwegs.


Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

und auf den Fluren laß die Winde los.
Rainer Maria Rilke, „Herbsttag“

Es wird Herbst. Trotzdem packe ich meine Schwimmsachen zusammen, da ich dem Bad in Eimsbüttel, das über geöffnete Aussenbahnen verfügt, eine letzte Chance geben möchte. Zweimal war ich bereits dort, beide Male hat es mir nicht gefallen. Doch heute ist Freitag, es ist Mittagszeit, ich habe Feierabend und wähne die arschbombenden Familienväter bei der Arbeit und die krakeelenden Kinder zuhause am Mittagstisch. Ich habe Recht. Nur ein paar Kampfschwimmer sind auf der Schnellbahn unterwegs und einige Damen und Herren, die gemächlich ihre Bahnen ziehen.

Die Sonne scheint und lässt das Wasser glitzern, die Blätter der Bäume neben dem alten Backsteingebäude, das den Innenpool beherbergt, leuchten rot, braun, gelb und grün. Ich beglückwünsche mich zu der Entscheidung, dem öffentlichen Bad noch eine letzte Chance gegeben zu haben und blinzele in die Sonne.
Auf dem Rückweg zum Bahnhof komme ich an „meinem“ kleinen Krankenhaus vorbei, das neben einer alten Kirche liegt. Es macht einen friedlichen Eindruck, hier in der Nebenstraße mit den vielen Bäumen. Nichts lässt erahnen, dass dieser Ort eines der größten Brustkrebszentren Deutschlands ist.

Da das Schwimmbad heute gut abgeschnitten hat, wird der Herbst- und Winterplan für meine sportlichen Aktivitäten angeglichen:
Montag: 90 Minuten Taiji
Dienstag: 120 Minuten Dehnübungen und Sitzmeditation
Mittwoch: 60 Minuten Herzsport
Donnerstag: 60 Minuten Fitnessraum im Reha-Zentrum
Freitag: 60 Minuten Schwimmen
Am Wochenende gibt es ein flexibles Programm, das sich aus WS-Gymnastik, Spazierengehen/Joggen und Schwimmen zusammensetzt.

Ich habe mir angewöhnt, mich öfters neben mich zu stellen und zu beobachten: wie fühle ich mich bei der Arbeit (da gehe ich ja auch noch täglich hin), bei den vielen sportlichen Aktivitäten und Freizeitvergnügungen wie Theater-, Lesungs- oder Restaurantbesuchen mit Freunden, den spontanen Wochenendausflügen nach Sylt oder Wien, unterbrochen durch Stunden, die ich mit einem Buch auf dem Balkon verbringe?

Die Antwort ist: sehr gut.
Ich fühle mich fit, ausgeglichen und zufrieden. Ich fühle Dankbarkeit dafür, dass ich am Leben bin und es genießen kann.

#Krebs

20.09.2017

Im radiologischen Zentrum.

Dann müssen Sie aber zwei bis drei Stunden warten, sagt die Rezeptionistin. Ich mag es nicht, einfach MRT-Bilder in die Hand gedrückt zu bekommen, um sie dann eine Woche später mit meinem Orthopäden zu besprechen. Ich bestehe darauf, im Anschluss an das MRT mit einem Radiologen Rücksprache zu halten. Auch wenn ich warten muss.

Das Prozedere zum MRT ist unspektakulär, wenn man bereits fünf Wochen tägliche Strahlentherapie mit Luftanhalten hinter sich hat. Ich werde gebeten, im Flur Platz zu nehmen, eine Ärztin kommt auf mich zu und fragt nach meinem Namen. Sie lächelt und verspricht, sich die Bilder sofort anzuschauen. Beim Warten höre ich das Klicken auf dem PC, während sie sich durch die Aufnahmen arbeitet.

Sie kommt zurück, lächelt immer noch und gibt Entwarnung. Keine Metastasen. Und auch sonst nichts Schlimmes am Knie auszumachen. Sie ermuntert mich, weiterhin unverzüglich den Arzt aufzusuchen und nicht abzuwarten, wenn etwas anders scheint als sonst. Nächste Woche werde ich dann zum Orthopäden gehen, um zu klären, was man jetzt gegen die (leichten) Schmerzen machen kann.

Ich frühstücke beim Bäcker, dann fahre ich nach Hause und buche mir ein Ticket für meine US-Lieblingsband Too Many Zooz, die gestern Abend verkündet hat, im November spontan für einige Auftritte nach UK zu kommen.  Und ich komme nach Edinburgh!

Grundsätzlicher Beschluss für 2017:
Um das Jahr „break even“ beziehungsweise in Balance abzuschliessen, werde ich jedem Moment der Angst und des Schmerzes schöne Momente entgegensetzen.

#Krebs