3.7.2018

Unterwegs.

K. ist allein im verwunschenen Garten des Psychologenhauses und praktiziert die Stehende Säule. Ganz ruhig steht sie mit geschlossenen Augen unter den alten Bäumen, die Sonnenstrahlen spielen mit ihren Locken.

Wir stehen oben am Fenster und sehen ihr eine Weile zu. Anscheinend hat sie vergessen, daß am ersten Dienstag im Monat Meditation im Yogaraum statt Taiji-Unterricht im Garten stattfindet.

R. ruft leise ihren Namen, K. reagiert nicht. Was wir nun machen sollen, frage ich.

Nichts, sagt mein Lehrer. K. habe eine Lösung für sich gefunden. Und sehe damit sehr zufrieden aus. Das stimmt, finde ich und werfe noch einen letzten Blick in den Garten, bevor wir die Fenster schliessen und uns der Meditation zuwenden.

In der Pause wird R. zu ihr gehen und unsere Abwesenheit erklären, wir werden sie lachen hören. Und nach der Meditation werden wir auf eine glücklich aussehende K. treffen, die allein 90 Minuten im Garten trainiert und ihre Lösung gefunden hat.

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30.6.2018

Zuhause.

Es ist an der Zeit, sich mit meiner anstehenden Tibetreise zu beschäftigen.

Im Reiseführer heißt es zum Hotel in Shelkar: „Einfache 4-Bett-Zimmer, Plumpsklos und heißes Wasser aus der Thermoskanne, das man auch zum Waschen in eine Plastikschüssel umfüllen kann“.

Mein Hotel heißt so wie das, welches hier im Reiseführer beschrieben ist.

Ab jetzt werde ich beten, daß ich mich täusche.

Aber ab jetzt weiß ich auch, weshalb ich gegen Typhus & Co geimpft bin.

Weil das nächste große Abenteuer ansteht.

Life is now.

29.6.2018

Unterwegs.

Avocado, Himbeeren, Bananen, Zitrone, Wurzeln, Nektarinen, Ingwer, Zartbitterschokolade.

Wem von uns die Zartbitterschokolade gehöre, fragt der Kassierer. Die gehöre den Jungs hinter mir, antworte ich und schaue auf’s Band. Die circa 20-Jährigen haben exakt dieselben Dinge wie ich auf das Band gelegt, inklusive der Zartbitterschokolade. Das ist in dem Penny, der zwischen Kaifu-Bad und Bahnhof liegt, eher ungewöhnlich. Normalerweise stapeln sich Fertiggerichte, Chips und Alkohol auf dem Band vor und hinter meinen Einkäufen.
Ich greife nach einem Kinderschokoriegel aus dem Regal über der Kasse. Möchtest Du auch einen? fragt der eine Junge seine Begleitung. Ne, sowas esse ich nicht, antwortet dieser.
Ich fühle mich ertappt, eigentlich esse ich sowas auch nicht mehr. Aber nach dem Schwimmen und einer auch sonst aktiven Woche gönne ich mir den Riegel, ausnahmsweise, als kleine Belohnung.
Der Kassierer lacht und amüsiert sich über unsere identischen Einkäufe, meinen Einkauf stopfe ich in die Schwimmtasche.

Glitzerwasser, gebräunte Haut, Sonnenschein, Vogelgezwitscher, blätterraschelnde Bäume, ein Schokoriegel. Wem denn dieser schöne Tag gehöre, frage ich mich. Der gehöre mir, antworte ich und schaue in den Himmel.

19.6.2018

Unterwegs / Im Krankenhaus.

Wenn K. an den Landungsbrücken mit einem Blumenstrauß vor mir steht und zu weinen anfängt.
Wenn ich gerührt darauf hinweise, daß ich am Leben und gesund und munter bin.
Wenn die portugiesischen Kellner in der Tapas-Bar die Hand auf’s Herz legen und ihre Nationalhymne mitsingen.
Wenn die Leinwand einen blauen Warnhinweis anzeigt, daß in 10 Sekunden das Bild ausfällt.
Wenn alle Gäste laut bis 0 ‚runterzählen und das Bild weg ist.
Wenn die Kellnerin auf unseren Tisch klettert um das Gerät wieder in Gang zu bringen.
Wenn die Iraner mit beflaggten Autos durch das Portugiesenviertel fahren.
Wenn wir uns mit den Portugiesen freuen.

Wenn H. beim Taiji sagt, daß sie den Unterricht so wunderbar findet und sie glücklich macht.
Wenn ich ihr zustimme.

Wenn ich mir Sorgen mache, da ich meine, einen neuen Knoten zu spüren. Sicher bin ich mir nicht.
Wenn ich im Krankenhaus zur Nachsorge bin und die Ärztin Entwarnung gibt.
Wenn ich den nächsten Doppeltermin im Krankenhaus für den September abmache.

Wenn ich danach zum Schwimmen gehe, da das Bad nur 5 Minuten entfernt liegt.
Wenn es regnet und die Sonne nicht strahlt aber ich strahle, weil ich so fröhlich bin. Und erleichtert.

Wenn ich nachher – wie nach jedem Nachsorge-Termin – wieder an die Elbe gehen und ein Glas Sekt trinken werde.

Wenn wir leben.

15.6.2018

Zuhause.

Meine Kollegin postet einen Artikel, der darüber informiert, daß ein Stern von einem schwarzen Loch gefressen wurde.

Wenn das mit der Erde geschehen würde, wären sämtliche Probleme auf einen Schlag gelöst.

Derweil ist mein Blutdruck bei 0:E2 gelandet.

Bei solchen News ist es nur konsequent, daß ich mich heute Abend zum WM-Spiel-Schauen Portugal:Spanien im lebendigen Portugiesenviertel am Hafen verabredet habe.

Life is now.

12.6.2018

Unterwegs.

G. huscht um die Rhododendronbüsche, ihre lila Haarsträhnen flattern im Wind. Die russische Künstlerin ist spät dran. Ich winke ihr aus der Stretchübung heraus zu. Auch R., T. und C., mit der ich das Schicksal Brustkrebs teile, stehen im Halbkreis um unseren Lehrer. Über uns hängen schwere graue Wolken, die Hitze der letzten Tage ist einer kühlen Brise gewichen. Solange es aber über 0 Grad sind und es nicht regnet, trainieren wir draußen im Garten.

G. und ich wechseln mit unserem Lehrer in den Nachbargarten und vertiefen die Übergänge zwischen den einzelnen Formen. Unsere Mitstreiter bleiben jenseits der Hecke, sie haben sich die 75-er Form gewünscht.

Nach knapp zwei Stunden gehen wir rüber um uns zu verabschieden. C. ruft, ich solle warten, sie habe mir etwas mitgebracht. Sie streckt mir ein Glas entgegen: selbstgemachtes Holunderblütengelee aus eigener Ernte. Ich freue mich.

Wir schlendern zusammen zum Bahnhof, G. möchte gerne mit zum Schwimmen kommen, können tue sie es allerdings nicht sehr gut. Ich versichere ihr, dass man auch im Aussenbecken stehen kann, wir halten locker den Sonntagabend fest. C. möchte sich noch etwas über Ernährung unterhalten, dann verabschieden wir uns.

Zuhause wartet meine Sonderaufgabe, das Blutdruckmessen. Ich habe das Unterfangen nach bereits einem Tag auf zwei Messungen – morgens und abends – reduziert, zur Arbeit nehme ich das Gerät sicher nicht mit. Und überhaupt passt der Blutdruck nicht zu mir, denn er ist wankelmütig. Der obere Wert schwankt zwischen 145 und 90, wirklich stimmen kann das nicht, auch wenn ich mich strikt an die Anleitung halte und das Gerät nur einen Knopf hat. Ich beschließe, dieses Projekt nicht überzubewerten und es nächste Woche beim Nachsorgetermin im Krankenhaus anzusprechen.

11.6.2018

Unterwegs.

Ich sei wieder richtig fit, stellt mein Taiji-Lehrer am Montagabend fest. Nachdem vor ein paar Tagen mein Hausarzt beim Belastung-EKG gefragt hatte, ob ich eigentlich Sport mache (ja – sechsmal in der Woche!) und mir dann noch das Blutdruckmessgerät verschrieben hat, freue ich mich umso mehr über das Feedback meines Lehrers, bei dem ich zweimal wöchentlich trainiere.

Heute ist das Training in Altona. Die Fenster der alten Turnhalle sind weit geöffnet, davor liegt der Park mit den großen Bäumen. Wir lassen unsere Gedanken davonfliegen, sagt R. als wir zur Stehenden Säule, dem meditativen Teil des Unterrichts, übergehen. Am Fenster fliegt eine Amsel vorbei.

Es ist so schön auf den Park und das Sonnenlicht zu blicken, das mit den Blättern spielt und bis zu uns in die Halle kommt, daß ich die Augen bei der Übung nicht schließen sondern die friedliche Stimmung aufnehmen möchte.

Danach folgen ein- und doppelhändige Seidenübungen, bevor wir die 19-er Form laufen.

Bis morgen dann, rufe ich zum Abschied. Morgen trainieren wir wieder in kleiner Runde im verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Ich freue mich jetzt schon.

4.6.2018

Beim Hausarzt.

Das erste Mal seit Jahren habe ich top Cholesterinwerte. Normalerweise liegen die immer viel zu hoch; nur aufgrund der Tatsache, dass alle anderen Blutwerte gut sind, war das nie ein Problem. Wie ich das gemacht hätte, möchte mein Hausarzt wissen. Ernährungsumstellung, antworte ich stolz und berichte, was ich seit einem Jahr esse und was nicht mehr. Er ist begeistert. Dann könnten wir das Thema zu-hohe-Cholesterinwerte abhaken. Im Gegenzug nehmen wir das Thema Vitamin D-Mangel auf, aber das hätten sehr viele Menschen, und die Tabletten wurden mir schon von der Orthopädin verschrieben. Er korrigiert die Dosis.

Das Belastungs-EKG zeigt auf, dass mein Herz fit ist – gut für Tibet! – mein Puls und mein erhöhter Blutdruck würden allerdings zu schnell ansteigen. Ob ich keinen Sport machen würde? Keinen Sport machen? Was für ein Affront! Ich bin fast empört und stelle fest, dass ich 5-6 Mal die Woche trainiere; zwar nicht für Olympia, aber moderat.

Mir wird ein Blutdruckmessgerät verschrieben, ich solle einen Monat drei Mal täglich messen und dann mit der Auswertung wiederkommen. Oder – noch besser – mein Arzt springt auf – was ich von einer 24-stündigen Überwachung halten würde, das Gerät würde automatisch alle 30 Minuten messen. Davon halte ich gar nichts, antworte ich, da mir Lymphknoten entfernt wurden und das zu Ödemen führen könne. Dann der andere Arm, meint mein Arzt, er lässt nicht locker. Ich erinnere ihn daran, dass ich beidseitig Brustkrebs hatte, und somit kein gesunder Arm für diese Aktion zur Verfügung stünde. Das versteht er, auch wenn ich das Gefühl habe, dass er das Drama Brustkrebs nur allzugern verdrängt. Schon vor 14 Tagen musste ich ihn darauf hinweisen, dass ich in der Tat regelmässig Medikamente einnehme, was eigentlich auch keine Neuigkeit für ihn sein dürfte. Aber es beruhigt ihn, dass ich regelmässig ins Krankenhaus zur Nachsorge gehe, in zwei Wochen ist der nächste Termin. Mich beruhigt das auch, da ich manchmal unsicher bin, auch wenn mein Verstand sagt, dass nichts sein dürfte.

Wir unterhalten uns noch etwas über gesunde Ernährung, dann wünscht er mir enthusiastisch eine gute Reise, ich gebe es auf zu sagen, dass wir uns wohl vorher nochmal sehen werden (Blutdruckaktionsmonat), aber heute war ein turbulenter Tag in der Praxis, das hat schon die medizinische Assistenz verlauten lassen.

In der Apotheke nebenan gebe ich mein Rezept ab; nach den T-Impfungen für Tibet (Tetanus-Typhus-Tollwut) kann das Projekt „vier Wochen Blutdruck-Überwachung“ demnächst starten.

3.6.2018

Unterwegs.

Ich setze mich auf. Die Menschen um mich herum packen ihre Badesachen ein; der eben noch blaue Himmel ist diesig und verschwimmt mit der Nordsee. Ich nehme mein Badetuch und mache mich auf den Rückweg.
Dann kann ich doch noch das nette Angebot meines kleinen Hotels, das am äussersten Zipfel von Westerland liegt, annehmen, es gibt verschiedene Kaffeesorten und Kuchen zwischen 15.00h und 17.00h auf’s Haus. Mit einem Latte Macchiato, zwei Keksen und einem Buch mache ich es mir  im Strandkorb, der im Garten steht, gemütlich.

Da ich keine Lust habe, heute Abend wieder ins Zentrum von Westerland zu marschieren, folge ich dem Tipp der Hotelmanagerin und zwei anderen Gästen, die ich an der Rezeption treffe: auf dem Campingplatz könne man sehr gut essen, dort gebe es eine Osteria. Das klingt skurril, und in mir schlägt definitiv kein Camperherz, aber ich bin neugierig und abenteuerlustig. Am Waldrand des Südwäldchens wandere ich Richtung Campingplatz, zur linken liegen Felder und Wiesen, ab und an überholt mich ein Radfahrer.
Die Campingwagen stehen dicht an dicht, dazwischen sitzen Menschen auf Klappstühlen. Ehrlich gesagt, ich kann mir schöneres vorstellen. Ganz am Ende des Platzes ist ein Holzhaus, das die Osteria beherbergt. Ich setze mich wieder in einen Strandkorb, der vor dem Haus steht und bin gespannt. Der junge Kellner ist supernett, duzt mich und rät zum Grauburgunder. Dazu nehme ich Putensteaks mit Gemüse und Kartoffelspalten. Ich freue mich, dass ich dem Tipp der drei Damen gefolgt bin, das Essen ist wirklich sehr lecker und das Ambiente ungewöhnlich, zumindest für mich.

Zurück geht’s durch den Wald; das Licht fällt durch die Baumwipfel, an einem See blühen gelbe Blumen. So gelb wie mein Dachzimmer im Hotel, das nicht nur gelbe Wände sondern auch gelbe Jalousien an allen drei Fenstern hat, durch die die Sonne den Raum zum Leuchten bringt.