08.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 3

Noch immer stürmt es. Die chinesische Übermacht an Bord hat sich merklich reduziert. Die Seekrankheit greift um sich. J. ist blass und fühlt sich nicht gut, D. bestelle ich ein Frühstück auf die Kabine. Im Restaurant lerne ich zwei Deutsche kennen sowie G. aus Georgien, Jay aus Wales, A. aus der Schweiz und G. und A. aus Chicago. R. der Oberkellner, begrüsst mich: Ms Anja, please have a look to the buffet – we have almond milk for you.

Ich bin sprachlos; auf dem Fragebogen, den man vor Antritt der Reise ausfüllen musste, hatte ich vermerkt, dass ich Wert auf gesunde Ernährung lege und Mandel- oder Kokosmilch bevorzuge. Mehr Service geht nicht.

Ich statte der Brücke einen Besuch ab, ich bin der einzige Gast.

Der Whirlpool auf Deck 5 ist abgedeckt. Ich setze mich in eine windgeschützte Ecke und schaue über das leere Deck. Hier haben wir nachts in der Antarktis zur Discomusik des DJ‘s getanzt, während sich das Eis immer dichter an die Sea Spirit geschmiegt hat. Titanic-Feeling.

Heute tanzen die Wellen.

Spucktüten sind die Gänge hinunter an den Wänden drappiert, das Bordshopping, das Kayak-Intro und der Vogelkunde-Vortrag werden verschoben, es ist ja kaum ein Passagier auf den Beinen. Zum Glück werden die für 16.00h angekündigten Crepe Suzette in der Lounge nicht verschoben. D. lasse ich auf der Kabine schlafen und trete den wackeligen Weg in die Lounge an. Ich plaudere mit G. aus Berlin und A. aus der Schweiz.

Ob ich ein Schokocroissant möchte, fragt D. Sie habe einige aus dem Hotel aus Reykjavik mitgebracht. D. sitzt in der Kabine auf dem Sofa neben ihren unausgepackten Koffern, in dem sich neben den Croissants noch Äpfel, Kekse, Müsliriegel und ein grosses Sortiment an Tabletten befinden. Ausserdem könne sie gerade ihre Wasserflasche nicht finden. Ich helfe ihr beim Suchen.

Kein Maskara heute, zu gefährlich bei dem Sturm, da könne man sich ja die Augen ausstechen, stellt meine quirlige Zimmergenossin fest.

Ich habe D. angeboten, beim Auspacken und Verstauen zu helfen, vielleicht später, nach dem nächsten Vortrag, und weg ist sie.

Nach dem Dinner hole ich mir an der Rezeption meine Charge Tabletten gegen Seekrankeit. Aufregung am Fenster, ich schaue hinaus: die ersten schneebedeckten Berge und ein hellblau schimmernder Eisberg tauchen auf. Vor uns liegt Grönland.

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07.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 2

In der Hotellobby treffe ich auf J., sie stammt aus Maine. Wir tauschen unsere Kabinennummern aus, auch sie hat als Solo-Traveller noch weitere Mitbewohnerinnen, die sie – genauso wie ich – noch nicht kennen gelernt hat. J. ist mir sympathisch, und ich bedauere es ein bisschen, dass wir nicht dieselbe Kabinennummer haben.

In Kabine 335 sind zwei Betten, eine Flasche Rot- und eine Flasche Weisswein mit vier Gläsern arrangiert – ein Upgrade, hatte ich doch eine Dreibett-Kabine gebucht. Eine Dame Mitte Siebzig tritt ein. Wache blaue Augen, weisse Haare, silberne Ohrringe, rundliche Figur. Willkommen, D. aus North Carolina! Einer ihrer Koffer fehle, stellt sie fest, und schon ist sie wieder verschwunden.

Später freuen wir uns, dass wir nicht nur jede eine Flasche Wein als Willkommensgruss bekommen haben, sondern auch freie Soft Drinks und alkoholische Getränke zum Lunch und Dinner geniessen dürfen. Das passe gut, sagt D., es gebe 19 Biersorten an Bord, die könne sie dann alle durchprobieren. Allerdings finde sie gerade ihren Zimmerschlüssel nicht. Ich helfe ihr beim Suchen.

Das Abendessen verpassen wir. Wir sitzen auf meinem Bett und schauen auf den Horizont. Wenn sie zurück nach Hause komme, gehe es erstmal zum Arzt, zum zweiten Mal habe sie Hautkrebs bekommen. Ich erzähle ihr vom Brustkrebs, auch D. hat ihre Ernährung umgestellt und reist jetzt durch die Welt.

Gerade kann sie aber ihr Ladekabel nicht finden. Ich helfe ihr beim Suchen.

In der Nacht wache ich auf. Es stürmt. Das Schiff scheint auf den Wellen zu schweben, bis es krachend wieder ins tosende Meer hinunterkippt, begleitet vom Stöhnen des Holzes und dem Klappern der vielen Fächer und Schubladen. Zum Glück haben wir unseren Wein sicher im Schrank verstaut.

06.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 1

Der dritte Bus, den ich innerhalb weniger Stunden in Reykjavik besteige und der mich zu Bus Nummer 4 bringen wird, weckt Heimatgefühle: sämtliche Beschriftungen sind auf deutsch, die Sitze aus bekanntem grau-roten-Stoffbezug, auf denen „Hochbahn“ zu lesen ist. Moin, Moin, Reykjavik!

Ich steige in Bus Nummer 4, den ich nach Durchquerung des Busterminals auf der anderen Seite finde, und dann geht es los mit dem Golden Circle Express. Nationalpark, Geysire und Wasserfälle stehen auf dem Programm. Wir fahren durch bergiges Gebiet, Dampf steigt an den Hügeln auf und vermengt sich mit den Wolken, die grau und bleiern über einer faszinierend kargen Landschaft voller Felsen und Flüsse hängen.

Meine blonde Sitznachbarin kommt aus Yorkshire, lebt aber mir ihrem Mann, der weiter vorn im Bus zu finden ist, in Irland. Sie haben zwei Esel. Ich erzähle ihr von John-Willie, dem Esel, mit dem ich vor ein paar Jahren Irland durchwandert habe. Das Wetter war da im Übrigen genauso wie hier: Regen rinnt unablässig die Fenster hinunter, mehr als 8 Grad hat es nicht. Die Luft ist klar und frisch und, so die nette Britin, höre es ja immer auf zu regnen, wenn wir den Bus verliessen. Zumindest für die ersten Minuten.

Don’t test the temperature with your hands, it will burn. The nearest hospital is 62km away. Die Warnung vor den Geysiren, deren Wasser 80-90 Grad heiss ist, steht drohend vor den brodelnden Löchern. Vor mir bückt sich jemand, um den Finger ins Wasser zu halten. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?

Als ich mich abends im Hotel zum Gym aufmache, wimmelt es in der Lobby von Chinesen, die mit Thermoskannen bewaffnet sind. Ich bin mir fast sicher, dass sich unsere Wege morgen wieder kreuzen werden: morgen stechen wir in See.

05.09.2019

Logbuch Arktis.
Prolog.

Ich möchte das Nordpolarmeer sehen.
Ich möchte die Nordlichter beobachten, die gelb-grün am schwarzen Himmel tanzen und die Eisberge im dunklen arktischen Meer verzaubert strahlen lassen.
Ich möchte die klare Luft fühlen, kalt, salzig und rau, die durch die Dänemarkstraße nach Ostgrönland zieht.
Ich möchte die Gischt im Gesicht spüren, salzig und kühl, während wir in Schlauchbooten durch das ewige Eis gleiten.
Ich möchte die Wale sehen, deren Rücken glänzend aus dem Meer auftauchen, bevor sie wieder in der Tiefe verschwinden.
Ich möchte die Gletscher kalben hören, das dumpfe Grollen und das laute Krachen, wenn sie zusammenbrechen.
Ich möchte die Eisberge sehen, die in unendlich vielen Blautönen glitzern und unseren Weg in die Kälte säumen.
Ich möchte am Tag die helle Sonne sehen und nachts den Mond. Und die vielen Sterne, hoch über uns.
Ich mache mich auf den Weg.

04.09.2019

Unterwegs.

Es wird Herbst.
Schon gestern Abend auf dem Weg zur Meditation fiel mir auf, dass es dunkler wird.
Wie lange machen wir eigentlich noch dienstags Taiji im Garten? fragt mich mein Lehrer. Die kleine Gruppe schaut erwartungsvoll zu mir herüber. Bis Ende September, antworte ich, danach wird es zu dunkel. Dann fängt unsere Winterzeit an, in der wir jeden Dienstag meditieren. Das mit der Dunkelheit leuchtet unserem Lehrer ein, also meditieren wir am ersten Dienstag des September-Monats und haben dann noch ein paar Taiji-Stunden im verwunschenen Garten des Psychologenhauses, bis wir im Oktober in den Wintermodus wechseln.

Auch am Mittwoch ist der Himmel wolkenverhangen, als ich mich auf den Weg ins öffentliche Bad mache.
Sie haben schon wieder die Farbe gewechselt!, ruft mir Walross 1 entgegen. Ich erzähle ihm, dass der rote Badeanzug in meinem Koffer sei und ich deshalb heute in dunkelblau und weißen Pünktchen antrete.
G., meine 80-jährige Schwimmfreundin, bahnt sich den Weg zu mir durch und umarmt mich. Sie freue sich so, mich zu sehen, ruft sie und strahlt. Ich strahle zurück.
Es ist Mittwoch, 11.00h, und dieselben Menschen, die sonst am Freitag um 12..15h ihre Bahnen im Aussenbecken ziehen, sind auch heute hier. Nur Hyazinth fehlt. Der kleine Spanier ist eigentlich jeden Wochentag im Aussen- und im Innenbecken zu finden, erst schwimmend, dann Wassergymnastik machend, immer lächelnd, immer freundlich. Ein guter Mensch, sagt G., der neben dem Schwimmen ehrenamtlich im Hospiz als Sterbebegleitung tätig sei.

Am Montag habe sie an mich gedacht; sie möchte wissen, wie es mir beim Projekt „Darmspiegelung“ ergangen sei. Wir lachen zusammen, während ich die Aktion nochmal für sie zusammenfasse, dann gehen wir zum Thema B12 und D3 über, während wir nebeneinander herschwimmen.  Aber wenn Du aus der Arktis zurück bist, dann müssen wir uns unbedingt auf einen Kaffee treffen, sagt G. Ich bejahe, das müssten wir auf alle Fälle tun, und wir freuen uns, die Wolken brechen auf, wir halten unsere Gesichter in die herbstliche Sonne, es ist so schön, das Leben.

Zuhause packe ich die restlichen Dinge in den Koffer: rot, weiß, dunkelblau, schwarz. Alles passt zu allem. Alles kommt mit.
Morgen geht es auf Reisen.

03.09.2019

Unterwegs.

Seit einer Stunde stehe ich in der Küche und bügele an der blauen Outdoorhose herum. Blau ist sie gerade nicht mehr, denn ich habe sie eingewachst, damit sie wieder wasserabweisende Eigenschaften annimmt. Fön oder Bügeleisen, sagt das YouTube-Video, das ich befrage, wie ich die nun weisse Hose wieder blau bekomme. Ich wähle das Bügeleisen, was schneller gehen soll, aber nicht gerade meine Königsdisziplin ist.

Überhaupt – will ich diese Hose wirklich mit in die Arktis nehmen? Der Knopf geht nicht mehr zu, der Reissverschluss auch erst seit gestern wieder, was ich allerdings dem Projekt „Darmspiegelung“ zu verdanken habe und somit kein dauerhaftes Schliessen des Reissverschlusses zur Folge haben wird.
Ich habe zugenommen.

Ich brauche eine neue Outdoorhose, sage ich zum Verkäufer des riesigen Outdoorgeschäftes in Barmbek, so eine wie die, die ich trage, aber eine Nummer grösser, denn Skiunterwäsche passe nicht mehr drunter. Ich senke die Stimme und wispere ihm zu: Größe 40.
Die identische Hose in einer Nummer größer passt. Knopf und Reissverschluss gehen zu, auch Skiunterwäsche wäre kein Problem. Allerdings widerstrebt es mir, etwas Größeres als 36/38 zu kaufen – und siehe da: das Hausmodell in beige passt mir perfekt in Größe 38. Und die Beine lassen sich auch abnehmen. 2 in 1 – damit kann ich die knielange beige Hose und die normale beige Hose wieder aus dem Koffer nehmen. Ich nehme sie mit. Genauso wie ein seifenförmiges Stück Wachs zum Einwachsen meiner blauen Hose, eine blaue Fleecejacke und eine karierte Bluse. Karierte Blusen gehen immer. Genauso wie gestreifte T-Shirts.

Ich gebe für den Einkauf ein kleines Vermögen aus, allerdings finde ich, dass ich mir auch etwas gönnen darf, immerhin habe ich in 14 Tagen eine Mammographie und eine Darmspiegelung hinter mich gebracht sowie freiwillig (und ohne Grund!) einen Termin beim Zahnarzt abgemacht.
Wobei ich lieber 365 Mammographien im Jahr machen würde plus einen Termin beim Zahnarzt on top, als nur eine Darmspiegelung, was den Grad des Elends aufweist. Hoch ist er. Sehr hoch.

Nicht nur eine Mangelernährungswoche bestehend aus Weizenmehl-Kartoffeln-Nudeln liegt hinter mir – das konträre Ernährungsprogramm zu meiner Nüsse-Vollkorn-Obst-Gemüse-Ernährung, auch ist das Mittel, von dem man einen Liter in zwei Schritten (der zweite nachts um 3.30h) trinken muss, begleitet von diversen Litern Wasser, ein Desaster. Ich gehe klar über meine Grenzen, auch wenn ich mir, nachts auf dem Balkon unterm schwarzen Himmel, nasezuhaltend das Glas an den Mund setze und an die Menschen denke, die weitaus Schlimmeres über sich ergehen lassen müssen, eine Chemo oder eine Stoma, beispielsweise. Da ich das vermeiden will, komme ich um die alle zwei Jahre stattfindende Darmspiegelung nicht herum.

Immerhin kann ich den Reissverschluss der blauen Outdoorhose wieder zumachen, ein unerwarteter Erfolg, und ein zu Recht verdienter obendrein.

Ich schütte die isotonischen Getränke und den Apfelsaft weg und werfe die restlichen Weizenkekse in den Müll – vor des Nachbarn Tür stellen kann ich solche angefangenen Dinge nicht – nichts soll mehr an die Darmspiegelung erinnern, und ausserhalb dieser extremen Miss-Ernährungswoche kann ich diese Dinge nicht gebrauchen. Ich bin erstaunt, wie sehr mir meine gesunde Ernährung fehlt und mache einen Ausflug zum Isemarkt, um Brombeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Äpfel, Wurzeln, Vollkornbrot und etwas Frischkäse an den Ständen zu erwerben.

Dabei trage ich die blaue Outdoorhose, irgendwie finde ich sie doch sehr schön, sie darf mit in die Arktis, beschliesse ich, gewachst und gebügelt und die Wanderstiefel auch, neu eingefettet und imprägniert.

20.08.2019

Im Krankenhaus.

Flashback, Dezember 2016.
Ich erstarre: es fühlt sich an, als ob mir jemand eine schwere Zementplatte auf den Oberkörper drückt. Ich kann nicht atmen. Panik steigt auf.
Ich bin allein auf dem Vaporetto in Venedig, irgendwo auf dem Canale Grande, irgendwann im Dezember. Es nieselt. Schlaganfall. Herzinfarkt. Ich hebe vorsichtig den Arm (funktioniert), versuche zu lächeln (funktioniert), spreche ein paar Worte (funktioniert). Soll ich sitzenbleiben? Soll ich aussteigen? Ich steige aus, ich muss mich bewegen, um die Panik in den Griff zu bekommen, ich laufe durch die engen Gassen, links und rechts ragen die Palazzi empor. Nach einer Weile wird es besser. Ich entspanne mich.
Zuhause stellt mein Hausarzt fest, dass die Blutwerte gut sind, das EKG und Belastungs-EKG unauffällig, der Blutdruck ebenso.
Noch später bin ich davon überzeugt, dass das der Moment war, in dem der Brustkrebs Einzug erhielt.

100 Euro möchte ich bitte in isländische Kronen tauschen, sage ich zum Bankangestellten. Während ich das sage, frage ich mich, was ich denn mache, wenn…
Morgen ist der jährliche Mammographie- und Ultraschalltermin in „meinem“ Krankenhaus. Sollte ich nicht besser abwarten, ob…
Nein, antworte ich mir. Was auch immer sein wird, ich fahre in die Arktis.
Der nette Mann am Schalter nimmt sich extra Zeit, erklärt mir die neuen und die alten Banknoten und woran ich diese erkennen würde, wir scherzen und lachen, während sich die bösen Blicke der Wartenden hinter mir in den Rücken bohren und ich mich frage, ob ich mit dem Geldtausch nicht doch besser abwarten sollte.
Nochmal nein.
Ich fahre in die Arktis.

Es ist ungewöhnlich, dass ich nervös werde, allerdings kann ich mir das Ziehen in der linken Brust nicht erklären, das immerhin drei Wochen anhielt, bevor es, genau wie sämtliche Rippenschmerzen, von allein wieder abklang.
Zerrungen vom Sport oder so, denke ich.
Deine Nervosität hat einen realen Hintergrund, erinnere ich mich.
Zur Vorsicht informiere ich ein paar Freunde, dass man mir am Dienstagmorgen bitte die Daumen drücken möge. Vier umgehende Zusagen, vier ist eine gute Zahl, wie ein Glückskleeblatt, das passt.

Alles unauffällig, keine Veränderungen, sagt die Radiologin. Sie untersucht extra vorsichtig, aber einen Grund für die Schmerzen gebe es hier nicht.

Das gute Ergebnis teile ich zwanzig Minuten später der Gynäkologin mit. Sie fragt nach, welcher Radiologe mich heute untersucht hätte, ruft dort an und lässt sich meine Auskunft bestätigen.
Note to myself: Du musst an Deinem Auftreten arbeiten. Wer Ringel-T-Shirt, Jeans und Turnschuhe trägt, scheint nicht glaubwürdig zu sein.
Note back to myself: Aber das Ringel-T-Shirt ist ganz neu. Das hast Du extra angezogen!
Wir plaudern noch etwas über die Arktis, verabschieden uns, ich trete wieder hinaus in die Sonne und atme tief durch. Ich bin dankbar, demütig und glücklich.

Auf ins öffentliche Bad!
Im Aussenbecken sind nur ein paar Damen-mit-Kopf-über-dem-Wasser-Schwimmer unterwegs. Ich unterhalte mich mit Hyazinth (der kleine Spanier scheint hier im Bad zu wohnen), dann gleite ich langsam der Sonne entgegen.

Heute zähle ich keine Bahnen. Heute schaue ich nicht auf die Uhr. Heute freue ich mich über die Sanftheit des Wassers, das mich umschliesst und über die kleinen silbrigen Wellen, die bei meinen Armbewegungen entstehen.
Von der Kampfschwimmerbahn spritzen Wassertropfen herüber, sie wirbeln durch die Luft, bevor sie sich auf unserer Seite mit dem hellblauen Nass vereinigen.

Ich ziehe meine Bahnen, blinzele ins Licht und denke: heute glitzert das Wasser besonders schön.

2 Jahre, 5 Monate, 1 Woche und 4 Tage krebsfrei.

16.08.2019

Unterwegs.

Da war ich noch gesund, denke ich, als die nächste Erinnerung bei Facebook aufploppt. Das denke ich immer, wenn die Fotos, die mir plötzlich angezeigt werden, älter als 2,5 Jahre sind. Du bist gesund, korrigiere ich mich (wenn man mal von dem defekten Gen, der wankelmütigen Schilddrüse, der tauben Wade und dem chronischen Husten absieht, was ich aber alles nicht als „krank“ bezeichne). Ich schaue mir die Erinnerungen besonders genau an; wie habe ich da ausgesehen, wie geschaut? Und stelle fest, dass ich jetzt besser aussehe und zufriedener dreinschaue. Das ist interessant. Und gut.

Da ich am Montag (keine Lust) und Dienstag (Unterricht fiel aus) mein Sportprogramm zuhause auf dem Dach absolviert habe, beschliesse ich, am Mittwoch zur Taiji-Class zu gehen. Der Mittwoch-Slot (ehemals Herzi-Programm) „verkommt“ immer mehr zum social-Slot, heute entscheide ich mich aber für das zweistündige Taiji-Programm.

In der alten Halle, die inmitten eines schönen Parks in Altona liegt, fällt mir auf, dass nur die  richtig guten Taiji’ler am Start sind. Schon das Aufwärmprogramm ist neu; unser Lehrer, der extrem kompetent und enthusiastisch ist, hat sich wieder etwas Neues für uns überlegt. Natürlich ist es anstrengend, natürlich bin ich nach fünf Minuten durchgeschwitzt, der Blick zur Seite bestätigt aber, dass es meinen Mitstreitern nicht anders geht. Die ersten klagen über Kreislaufprobleme, was mit einem „richtig atmen!“ kommentiert wird. Mitleid hat unser Lehrer nicht, da können H. und P. am Boden liegenbleiben.

Da wir die äussere Form ja alle können und wir hier nicht mehr Level 1 sind, möchte unser Lehrer in der nächsten Zeit den Fokus auf die innere Form legen. Die Stehende Säule wird in sechs Varianten aufgeteilt, nach denen mir die „normale“ Stehende Säule lächerlich unanstrengend erscheint. Weiter geht es mit Fang Song, und was bei unserem Lehrer so einfach erscheint, ist extrem ambitioniert.

Nach 90 Minuten der erlösende Aufruf, dass wir in die Form gehen. Ich freue mich. Unser Lehrer ergänzt: die 75er Form. Ich freue mich nicht mehr. Ich kann nur die 19er Form. Spätestens jetzt ist mir klar, warum beim Mittwoch-Unterricht nur die langjährigen Schüler angetreten sind; von der 19er über die 75er bis hin zur 38er und der Schwertform sind sie fit. Ich könne einfach kopieren, ruft mir mein Lehrer zu. Nach langer Zeit fühle mich wieder wie ein Anfänger. Trotzdem stapfe ich nach dem Unterricht glücklich nach Hause.

Das pink Deiner Badekappe beisst sich mit meinem knallig pink-roten Badeanzug, lache ich meiner Schwimmfreundin zu. G., die mich schon vermisst hatte, macht mir Komplimente zum neuen Outfit, wir schwimmen plaudernd nebeneinander her, dank des kühlen grauen Wetters ist es leer im Aussenbecken des öffentlichen Bades, einfach perfekt für uns.
Ihre Tochter fände sie albern, weil sie in ihrem Alter immer noch so großen Wert auf ihr Äußeres lege, sagt G. Ich finde das toll, antworte ich. Warum sollte man nicht auch mit 80 Jahren schick angezogen sein und auf seine Figur achten; das zeigt doch, dass man sich wertschätzt.
G. sieht das genauso so, sie erzählt von ihrem jungen und gutaussehenden Arzt, dem angeknacksten Fuss (der sie natürlich nicht vom Schwimmen abhält), der Fahrt nach Glückstadt und ihrem Blazer, der nicht mehr zugeht.

Am Freitag Mittag im Aussenbecken überkommt mich ein Urlaubsgefühl, obwohl ich bis vor einer halben Stunde im Büro mit Irland und Myanmar ge-skype-meetet und mit Zypern und Singapur telefoniert habe. Wie wunderbar ist es, plaudernd seine Bahnen zu ziehen und sich darüber zu freuen, einfach hier zu sein.

Fitnessprogramm der Woche:
Montag: Stretching ✔️
Dienstag: Taiji und Tubes ✔️
Mittwoch: Taiji-Class ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag/Sonntag: natürlich etwas Taiji und/oder Schwimmen

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12.08.2019

Unterwegs.

Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn der Arzt, den ich zwei Jahre zuvor für 10 Minuten bei einem Info-Gespräch gesehen habe, sagt, dass er sich an mich erinnere?

Ich erinnere ihn daran, dass ich ein defektes NTHL1-Gen habe und deshalb wieder zur Spiegelung kommen solle. Aber wir hätten ja damals nur zwei kleine Polypen enfernt, nix dramatisches. Nun interveniert er; das Gewebe müsse man beobachten, deshalb sässe ich wieder hier.

Wieder mal habe ich einen Arztbrief missverstanden; ich dachte, alles sei gut.

Mir wird Blut abgenommen, mit einem Termin und dem Konzentrat zum Einnehmen stehe ich wieder vor der Tür.

Jetzt bin ich aber schon etwas amüsiert: statt mir zwei Jahre trübe Gedanken wegen des defekten Gens zu machen, habe ich zwei fröhliche Jahre gelebt.

Ich sitze am Kanal, trinke einen grünen Tee und beschliesse, mir auch weiterhin keine Sorgen zu machen. Was kommt, wird kommen, was fernbleibt, bleibt fern. Es macht schlichtweg keinen Sinn, sich vorab unnütz zu sorgen.

Nächste Woche wieder Doppel-Nachsorge-Termin in „meinem“ Krankenhaus, Anfang September die Spiegelung, und dann geht’s in die Arktis. Das Leben ist schön. Alles andere akzeptiere ich sowieso nicht.

09.08.2019

Unterwegs.

Schwimmen gehen: 1
Pokemon jagen: 1
Pinakotheken: 6
Deutsches Museum: 6 (1)
Pasing-Arkaden: 2
Zoo: 4
Olympiapark: 5
BMW-World: 3

Am Wörthsee versuche ich anhand von Schulnoten herauszufinden, was ich mit Kind 1 an „unseren“ Neffen-Tanten-Tagen unternehmen könnte.
Mit Kind 2 habe ich nur einen gemeinsamen Tag, und mit der Zwillingsschwester war das auch in einer Minute geklärt: Sealife und Shopping.
Mit Kind 1 gestaltet sich die Planung schwieriger.

Was ist das graue unter dem grünen T-Shirt?, frage ich Kind 1.
Ein anderes T-Shirt, antwortet der 9-jährige.
Ausziehen, sage ich, nur das grüne T-Shirt wird angezogen.
Kind 1 steht vom Frühstückstisch auf, geht in sein Zimmer, zieht sich um und kommt zurück. Jetzt ist etwas blaues unter dem grünen Shirt.
Was ist das?, frage ich wieder.
Kind 2 antwortet stellvertretend: das ist sein Pyjama!
Kind 2 lacht.
Ich rolle innerlich mit den Augen und schicke Kind 1 wieder zurück auf Los.
Nur das grüne T-Shirt, nix darunter, rufe ich hinterher.

Ich bin allein mit den Zwillingen, der Rest der Verwandtschaft ist bereits zur Arbeit gegangen.

Kind 2 isst seine Crunchies, allerdings hat es Joghurt, Milch und Obst verweigert. Ich beschliesse, mich nicht zu ärgern und keine Diskussion anzufangen. Schliesslich muss ich heute noch den ganzen Tag mit Kind 2 verbringen; wie geplant, wollen wir ins Sealife gehen und danach noch in die Pasing-Arkaden, Geschäfte gucken. Ich bin gespannt, ob wir da hinfinden, die S-Bahnen in München waren gestern komplett ausser Betrieb, Kind 1 und ich steckten nach dem Besuch des Deutschen Museums (das raketenartig von 6 auf 1 in der Benotung rutschte, als Kind 1 feststellte, dass es dort komplette Flugzeuge und U-Boote gibt) am Isartor fest und mussten mit diversen Trams den Weg in Richtung Heimat antreten.

Den Weg zum Frühstückstisch tritt Kind 1 allerdings nicht an.
Eine Fliege ist in meinem Zimmer, höre ich ihn rufen, komm schnell, Tante A., wir müssen sie fangen und Esmeralda (die fette Spinne auf der Terasse) zum Fressen geben!
Ich lasse Kind 2 mit den Crunchies zurück und gehe auf Fliegenjagd.
In 10 Minuten holt Dich Dein Freund ab, und Du bist noch nicht mal ordentlich angezogen! Das ändern wir jetzt mal schnell.

Kind 1 sind wir los. Unser erster kompletter Neffen-Tanten-Tag wurde mit 1- benotet (weil  die Bahn nicht fuhr und wir in einer überfüllten Tram feststeckten). Da Kind 1 allerdings einen tollen Orientierungssinn hat, haben wir es tatsächlich wieder bis nach Hause geschafft, nach fast 90 Minuten im Bergwerk, das sich anscheinend unter dem kompletten Deutschen Museum befindet, 2 weiteren Stunden zwischen Schiffen und Fluggeräten, einem Mittagsstop beim Italiener, einem weiteren Stop bei der Eisdiele und letzte Stops im Park, um noch ein paar Pokemon fangen.

Die S-Bahnen sind auch heute noch ausser Gefecht; München im Ausnahmezustand.
Wir auch.
Kind 2 hat (wie ich) leider gar keinen Orientierungssinn, der Weg ins Sealife ist ambitioniert. Wir sind beide überrascht, wie gut wir dort hin- und sogar wieder zurückfinden.
In den Pasing-Arkaden muss ich mit in die pinke Plastik-Welt der Puppen. Geduldig stehe ich neben Kind 2 und lasse es in Ruhe schauen. Es hat sein Taschengeld eingepackt (das Geschenke-Budget für die Kinder haben wir bereits im Merch-Shop des Sealife aufgebraucht). Nach einer gefühlten Ewigkeit darf ich hier wieder raus. Nun verlaufen wir uns doch noch ein wenig und werden vom Regen überrascht. Der Nichten-Tanten-Tag bekommt eine 2 (weil die Bahn nicht fuhr und es anfing zu regnen).

Der nächste Neffen-Tanten-Tag findet im Schwimmbad statt.
Ich wollte dort nicht hin, weil mir die Verantwortung zu groß ist. Die Eltern sehen das gelassen, Kind 1 könne 20 Bahnen am Stück schwimmen und ist im Schwimmverein. Den Weg zum öffentlichen Bad weiß es natürlich auch, genauso wie das Prozedere von Schliessfächern, Umkleiden etc, das hier ganz anders als in meinem öffentlichen Bad in Hamburg ist.
Ich weigere mich die riesige Rutsche runterzurutschen, muss aber diverse Male durch den Strömungskanal, in den sprudelnden Whirlpool, ins Aussenbecken, in den nächsten Whirlpool, Kind 1 lacht und taucht und taucht und lacht, als der Wasserfall, unter dem ich aus Versehen stehe, angeht und meine Haare nun doch klatschnass werden.
Wir haben Spass: nach zwei Stunden im Wasser kann ich Kind 1 überzeugen, dass es Zeit zum Essen  ist. Zum Thailänder möchte das Kind, und danach noch in den Wald zur kleinen Kirche zur Pokemon-Arena (die wir zum dritten Mal während des Urlaubs ansteuern). Der Tag bekommt eine 1- (weil ich ihm keine Pommes Frites gekauft habe, wobei er mich auch gar nicht gefragt hatte).

Dafür habe er aber Tante A.s Behindertenausweis gesehen (hellgrün mit Foto und Zahlen  drauf), den ich im öffentlichen Bad für die Ermässigung vorgezeigt habe. Das Behinderten-Thema hat mein Bruder beim Abendessen angesprochen und damit die Neugierde der Kinder geweckt: ich sähe nicht behindert aus, ich hätte keinen Rollstuhl, ich bin so gar kein Vergleich zu ihrer Cousine, der man ihre (geistige) Behinderung anmerkt. Auf dieses Thema war ich nicht vorbereitet, um es kindgerecht zu kommunizieren. Etwas unsouverän gehe ich darüber hinweg; bis zum nächsten Aufeinandertreffen habe ich viel Zeit, um mir etwas zu überlegen, sollte das Thema nochmal auftauchen.
Jetzt überlege ich erstmal, ob ich noch zum Schwimmen gehe, am Abend, wo es dunkel wird, hier im Nieselregen, hier wieder in Hamburg.

28.07.2019

Unterwegs.

Es ist heiss. Das ist allerdings kein Argument, das Fitnessprogramm zu vernachlässigen, doch muss es den Gegebenheiten angepasst werden.

Da unser Taiji-Lehrer im Urlaub ist, beschliesse ich, am Montag und Dienstag nicht mit der Gruppe zu trainieren sondern mein Programm zuhause auf dem Dach zu absolvieren. Es ist warm, aber für Stretching, Tubes und die eine oder andere Form ist es wettertechnisch durchaus ok. Ausserdem mag ich es, auf der Yogamatte zu liegen, in den blauen Himmel zu schauen und dem Flug der Möwen zuzusehen.

Mittwoch, 35 Grad. Auf diesen Abend habe ich mich schon so lange gefreut! Meine Lieblingsband aus New York ist in der Stadt.
Die Tickets haben wir längst gekauft, genauso wie mein Outfit, welches ich eigentlich anziehen wollte. Allerdings passt ein schwarzer, enger Rollkragenpulli mit halblangen Ärmeln nicht zur Wetterlage oder in die Tiefen eines Musikclubs, wobei ich mit der Annahme richtig liege, dass es dort, auch wenn man fast zwei Stunden wild in der ersten Reihe tanzt, kühler ist als draussen.
Was für ein grandioser Abend!
Fangirlmässig warten wir nach dem Auftritt auf die Band, die wie immer bereitwillig für Fotos zur Verfügung steht. Ich bedanke mich bei ihnen für die tolle Musik, erzähle, dass ich sie heute das siebte Mal live sehen durfte und Leo eines meiner Fotos bei Insta geteilt hat.
Wir machen Fotos, ich bin glücklich.
Erstmals habe ich auch eine Freundin dabei, die nicht wie die anderen Freunde (und alle sind bisher freiwillig mitgekommen!) eigentümlich ruhig geblieben ist sondern genauso begeistert in der front row mitgetanzt hat. Die Band wird uns definitiv wiedersehen.

Heatwave am Donnerstag. Bei 36 Grad Aussentemperatur lasse ich den Besuch des Gyms ausfallen. Minimales Stretchingprogramm im Wohnzimmer, nicht der Rede wert.

Freitag wechsele ich auf die Kampfschwimmerbahn, auf der nur ein Kampfschwimmer und drei moderate Schwimmer (also meine Artgenossen) vorzufinden sind. Es schwimmt sich hier erstaunlich gut. G., meine Schwimmfreundin, ist nicht im Aussenbecken des öffentlichen Bades zu sehen, ich plaudere ein wenig mit Hyazinth, der genauso strahlt wie die Sonne am Himmel.

Am Samstag beschliesse ich, antizyklisch vorzugehen: um 20.00h schlage ich im Schwimmbad auf, eine gute Idee, die meisten Gäste sind bereits gegangen. Gemütlich ziehe ich meine Bahnen und bin zufrieden mit mir und der Welt.

Sonntag morgen um 8.00h gehe ich in den Hafen und mache Taiji. Noch sind keine Touristen unterwegs, nur ein Angler steht am Hafenbecken und versucht sein Glück. Lustigerweise treffe ich auf drei Chinesen im traditionellen Taiji-Outfit, die den Yang-Stil praktizieren, während ich weiter meinen Chen-Stil verfolge. Ein friedlicher Start in den Tag.

Montag: Stretching, Taiji ✔️
Dienstag: Stretching, Taiji ✔️
Mittwoch: Tanzen ✔️
Donnerstag: Hitzefrei
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Taiji ✔️

Nachtrag:
Das mir nachmittags auf dem Balkon eine Maus gegenübersitzt, bringt mich kurzzeitig aus der Balance. Lösungsfindung nächste Woche.

 

20.07.2019

Unterwegs.

Karl-Heinz?!? Kannst Du Würstchen und Kaffee holen, wir gehen schon mal an den Strand!

Sowas kann man sich nicht ausdenken, so ist das auf der Strandpromenade in Westerland. Wunderbar!

Bereits um kurz vor 11h kann ich in mein Zimmer, es ist sehr schön und unter dem Dach mit Blick auf die Friedrichstrasse, das Wlan erkennt meint Handy wieder, so ist das, wenn man nach Hause kommt. Jedenfalls fühlt es sich so an.

Trotz mehrmaliger Nachricht einer Bekannten, dass es auf Sylt regnen täte und alles etwas enttäuschend sei, lasse ich mir die Laune nicht vermiesen. Mit Nörglern und ewigen Zweiflern hab‘ ich es nicht so. Ausserdem zeigt die Wetter-App Sonnenschein an. Und selbst wenn dem nicht so wäre: ich mag jedes Wetter. Von Badeanzug bis Regenjacke habe ich alles im Gepäck.

Die Sonne scheint.

Ich packe den Koffer aus und finde in meinem Schuhbeutel Euro 50,-. Die habe ich ja mal gut versteckt, denke ich, und packe das Geld ins Portemonnaie, das Extra-Budget darf ausgegeben werden.

Der Entschluss ist gefasst: ich werde das verlängerte Wochenende in Westerland vertrödeln, zwischen Friedrichstrasse und Strand. Kein Stress. Kein Programm. Ich darf machen, was ich will. Als erstes will ich Frozen Joghurt mit Mangostücken, damit verziehe ich mich an den Strand. Ich wandere umher, suche mir ein nettes Plätzchen und packe mein Buch aus, das der Verlag gerade rechtzeitig zur Abreise zugesandt hat.

Lesend pendele ich zwischen Strand und meinen Lieblingsrestaurants, es gefällt mir ausserordentlich gut.

Nachts lasse ich das Fenster geöffnet; Lachen, Musik und Möwengeschrei dringen ins Zimmer, auch das mag ich, es ist lebendig, es klingt nach Süden.

Am nächsten Morgen habe ich um 10.15h bereits Nüsse, Wasser, Bananen, ein gelbes Tuch und eine gelbe Handtasche gekauft (note to myself: die gefundenen Euro 50,- hast Du jetzt bereits mehrmals ausgegeben). Die Handtasche und das Tuch kommen nächste Woche mit ins Konzert meiner Lieblingsband und passen perfekt zu Leos gelb-orange-gefärbten Haaren (note to myself: no further comments…Du Fangirl….note back to myself: Und? Ich kann machen, was ich will!).

Es ist windig, der Sand verfängt sich in den Haaren, klebt im Gesicht und an den Füssen, ich wechsele wieder in den Strandkorb meines Lieblingsrestaurants und esse zu Mittag. Danach ein Frozen Yoghurt mit frischen Erdbeeren, ein frischer Minztee, etwas Strand, etwas lesen und viel leben, das ist alles, was zählt, und zwar jetzt.

14.07.2019

Unterwegs.

Mir ist aufgefallen, dass ich seit zwei Wochen eine gewisse Grundmüdigkeit und Antriebslosigkeit an den Tag lege. Ausserdem zwickt wieder eine Rippe (diesmal auf der linken Seite). Ich vermute, dass die Schilddrüse jetzt doch noch in eine Unterfunktion rutscht; das lässt auch die Nachricht der Arzthelferin auf dem Anrufbeantworter vermuten. Nichts machen, aber in drei Monaten zur nächsten Blutabnahme erscheinen! so die dreimal ausgesprochene Warnung.

Die kleine Recherche ergibt, dass man natürlich etwas gegen eine Unterfunktion machen kann (und die vermutlich daraus resultierende Müdigkeit). Ich kaufe mir Jodsalz. Selen nehme ich über die täglich verzehrten Paranüsse auf, Zink durch die vielen anderen Nüsse, Brokkoli und Spinat.
Ausserdem stoße ich auf Brokkolisprossen, die bis zu einen 100 Mal höheren Gehalt an Sulforaphan aufweisen als reifer Brokkoli. Auch die werden eingepackt.
Die gesundheitliche Lage wird beobachtet und ggbs. nach dem Urlaub des Hausarztes näher in Augenschein genommen.

Den Samstag verbringe ich eine Stunde auf dem Dach und mache Stretching und Taiji-Übungen. Hier bin ich sehr gern, hier bin ich bei mir. Ich liege auf meiner Yogamatte und schaue in den grauen Himmel. Die ersten Regentropfen fallen und laufen mir übers Gesicht. Hinter den Wolken schreien die Möwen.

Sonntag Morgen – anderer Tag, andere Uhrzeit, aber bei meiner 36igsten Bahn taucht plötzlich G., meine Schwimmfreundin mit der pinken Badekappe, auf. Gerne hätte ich ihr meinen neuen Badeanzug vorgeführt, aber heute bin ich wieder in dezent schwarz-weiß-gepunktet unterwegs. Ich erzähle ihr, dass Walross 1 (sie weiß sofort, wen ich meine) uns an unseren Farben und Schwimmbewegungen erkennt und er mich auf mein neues Outfit angesprochen hätte.
Da es einfach schön ist, mit G. im fast leeren Aussenbecken des öffentlichen Bades durch die Bahnen zu trödeln, schwimme ich heute mal 44 Bahnen. Damit hätte ich 1 Kilogramm abgenommen und dürfte jetzt richtig viel essen, stellt G. fest.
Zuhause gehe ich in die nächste Runde meiner Bounty-Produktion.

(note to myself: wer 44 Bahnen schwimmen kann, ohne groß ausser Atem zu geraten, ist gesundheitlich im grünen Bereich)

Mein Wochenrückblick:
Mo: Taiji/Stretching ✔️
Di: Meditation Class ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen (1.000m) ✔️
Sa: Taiji/Stretching ✔️
So: Schwimmen  (1.100m) ✔️

12.07.2019

Unterwegs.

Haben Sie die Farbe gewechselt?
Das fragt mich nicht etwa meine Schwimmfreundin G. (die auch heute anscheinend wieder weit vor unserer gemeinsamen Zeit zum Schwimmen gewesen ist) sondern Walross 1.
Walross  1 taucht unvermutet vor mir im Aussenbecken des öffentlichen Bades auf und spricht mich an. Wir haben noch nie miteinander gesprochen.
Stimmt, antworte ich, ich habe die Farbe gewechselt; fällt das auf?
Meine Antwort ist ziemlich blöd, denn ich trage, statt wie sonst dezent schwarz-weiß gepunktet, zum ersten Mal meinen neuen Badeanzug, der ausschaut, als würde ich zum Baywatch-Team gehören. Aber in knallig.
Das Rot ist Neonfarben, leuchtet im Becken und anscheinend auch in der Tiefe, jedenfalls so sehr, dass es Walross 1 angezogen hat.
Das wird sich hier wie ein Lauffeuer verbreiten, meint Walross 1. Feuer passt in der Tat ganz gut zur Beschreibung meines Outfits, ich muss lachen. Von unten, fügt er hinzu, sehe man viel besser, er könne schon anhand der Bewegungen  und der Farben ausmachen, wer im Becken schwimmt.
Ich entgegne, dass, sollte ich mal auf den Grund sinken, man mich sofort sehen und retten könne.
Ausserdem finde ich mich gerade schick, denke ich, als ich mit ausgebreiteten Armen am Beckenrand ins hellblaue Wasser schaue und auf meine mittlerweile bronzegefärbten Beine und den knalligen Badeanzug blicke. It’s a match.
40 Bahnen (1.000 Meter) später bin ich 40 Bahnen glücklicher.

Auf dem Anrufbeantworter ist die Arzthelferin, die mir kurz vor Praxis-Urlaub die Blutwerte durchgibt: Vitamin D prima, den TSH-Wert (Schilddrüsenwert) solle ich in drei Monaten unbedingt nochmal prüfen lassen. Aber nichts in der Zwischenzeit unternehmen! Das wiederholt sie dreimal. Und richtet noch liebe Grüße vom Arzt aus. Ich vermute, dass er sich an unsere Vitamin D-Diskussionen und meine eigenmächtigen Änderungen in der Einnahme erinnert hat und jetzt Warnungen durchgeben lässt.

Auf das Nachmittagsmeeting mit dem Herausgeber der Zeitung, für die ich nebenbei schreibe, habe ich keine Lust. Ich bin in der Stimmung, die journalistische Arbeit an den Nagel zu hängen. Viel Zeit bleibt mir neben meinem Volltagsjob und dem täglichen Sportprogramm sowieso nicht.
Interessant, dass ich aus dem Meeting mit dreimal so vielen Themen für die nächsten Monate nach Hause gehe. Seit wann bin ich so wankelmütig?

06.07.2019

Unterwegs.

Ich freue mich, dass vor dem öffentlichen Bad nur eine Handvoll Fahrräder steht. Das heisst, dass es leer sein wird.
Ich ärgere mich, denn das Bad ist leer, nämlich ganz leer, denn es hat heute wegen Warnstreik geschlossen.

Schon neulich bin ich wieder umgekehrt, abends, bei 33 Grad, als die Fahrräder bis auf die Straße standen und eine lange Schlange am Eingang an der Kasse wartete.
Wie neulich gehe ich statt ins öffentliche Bad zum Erdbeerstand, der an der U-Bahn-Station aufgebaut ist, und hole mir frische Erdbeeren.
Eine Planänderung muß her, zumal ich schon am Mittwoch und Donnerstag – bis auf etwas Stretching – nicht sporten konnte. Ich ziehe den samstäglichen Einkauf vor, putze die Wohnung, wasche Wäsche und lasse die Schwimmtasche für Samstag gepackt; der Trödeltag wird zum Schwimmtag umfunktioniert.

16 Grad, die grauen Wolken hängen schwer über dem Aussenbecken des öffentlichen Bades: das perfekte Wetter zum Schwimmen. Ich habe eine Bahn für mich allein, nur vier weitere Schwimmer sind auf meiner Seite des Beckens zu sehen. Auf der Kampfschwimmerseite mache ich J., meinen französischen Meditationsgefährten, aus, winke und rufe ihm einen Gruß hinüber.

Zwei junge Japaner tauchen auf. Leicht gebräunt, bunt spiegelnde Taucherbrillen im Gesicht, ihre perfekt geformten Körper stecken in modischen Badehosen. Man sieht ihnen an, dass sie Leistungsschwimmer sind, was sie kurze Zeit später, als sie in den Pool gleiten, bestätigen. Auf einmal scheinen die Kampfschwimmer, inklusive J., ganz langsam zu schwimmen, so wie wir auf unserer Seite, Gattung alte-Damen-mit-Kopf-über-dem-Wasser-schwimmen (machen übrigens auch Männer und jüngere Damen).
Die beiden Jungs sind mindestens doppelt so schnell wie die anderen Kampfschwimmer, machen exzellente Unterwasser-Wenden, kraulen, delphinen, rückenschwimmen, brustschwimmen, ihre Körper gleiten elegant durch das Blau, die Arme gestreckt, es scheint, als seien sie, kaum dass sie gewendet haben, schon wieder auf der anderen Seite des Beckens angelangt.

Ich schwimme auf meiner Seite auf der Aussenbahn und lasse mich von der Ästhetik der beiden Schwimmer verzaubern. Der einzige Nachteil ist, dass sie das Wasser immens aufwirbeln und ich nach kurzer Zeit aussehe, als würde ich tauchenderweise durch’s Becken schwimmen, obwohl ich immer versuche, den Kopf trocken zu halten. Auch die anderen Kampfschwimmer sind beeindruckt, genauso wie die Bademeister, und schauen den beiden Japanern zu.

40 Bahnen (das sind 1.000 Meter) später begutachte ich vorm Spiegel in der Umkleide meine Bauchmuskeln und fange an, insgeheim zu vergleichen. Das ist natürlich albern: die beiden Japaner waren nicht nur jünger, sondern Leistungsschwimmer, muskulös und ohne ein Gramm Fett. Fett bin ich nun auch nicht, aber (note to myself: du bist auch kein 20-jähriger Hochleistungssportler!) die Muskeln könnten durchaus noch etwas definierter sein. Die Lösung ist schnell gefunden: regelmässige Planks vorm Zubettgehen, und am Sonntag die nächsten 1.000 Meter schwimmen. Und hoffen, dass wieder nur eine Handvoll Fahrräder vor dem öffentlichen Bad stehen, aber einem geöffneten Bad.

03.07.2019

Unterwegs.

Durch das weit geöffnete Fenster schaue ich in den Park.

Radfahrer sitzen im Gras, um sie herum liegen die Räder.

Kinder spielen Ball. Sie lachen.

Die Meditationsgruppe schweigt.

Ein Mädchen übt mit dem Langstock. Ich erkenne sie; es ist die kleine Chilenin, die manchmal zum Taiji-Unterricht erscheint.

Ein Mann jongliert.

Ein anderer sitzt auf der Bank und hält einfach nur sein Gesicht in die Sonne.

Der Wind weht durch die Blätter und malt Streifen ins Gras. Blüten rieseln von den Bäumen herab, sie glitzern golden in der Sonne, wie Sternenstaub.

Ich spüre den Wind, der durch das Fenster weht, ich sehe den Spatz, der durch das Gras hüpft.

Ich schaue in den Park.

Eigentlich sollte ich meine Augen bei der Stehenden Säule schliessen.

Aber die Welt ist so schön.

02.07.2019

Unterwegs.

Ich laufe die alte Treppe hinunter, vom zweiten Stock ins Erdgeschoss, wo neben der Küche das Regal mit den roten Wolldecken steht. An den Füßen trage ich nur Socken, dazu ein geringeltes T-Shirt und eine Jogginghose. Ich fühle mich ganz wie zuhause, dabei bin ich im Psychologenhaus, wo wir Taiji im verwunschenen Garten hinter der Küche praktizieren oder wie heute oben im Meditationsraum in Stille sitzen und die Decken benötigen.

Da „unser“ Raum verkleinert wurde, um ein weiteres Psychologenzimmer herzurichten, sind „unsere“ Decken ins Erdgeschoss unter der Treppe vor die Küchentür verlagert worden. Dafür wurde der Raum um zwei Sessel, einen kleinen runden Tisch, eine Pflanze vor dem Fenster und einer blechern klingenden Klangschale ergänzt. Die Psychologen haben sich Mühe gegeben und sich in Interior-Design versucht. Erwartungsvoll stehen sie in der Tür, erklären uns stolz, dass sie weitere Lampen an den Wänden angebracht haben und auch die neue Pflanze den Raum verschönert; wir nicken und sagen etwas Freundliches, sie meinen es gut mit uns. Was wir allerdings brauchen, ist Platz und Weite, um den Raum zu durchschreiten und unsere Felle, Decken und Kissen auszubreiten.

Wenn unsere Tür geschlossen ist, räumen wir alles zur Seite. Später, wenn die 10-Mann-starke Yogagruppe kommt, werden die Möbel kurzerhand ins Treppenhaus verfrachtet. Aber das bekommen die Psychologen zum Glück nicht mit. Es ist ihr Haus. Wir sind die Gäste.

Im Raum bleiben dürfen die kleinen Schränkchen mit den Plastik-Spielfiguren und die (vermutlich) lebensgroße Stofftierlöwin und ihr Löwenbaby.

Manchmal schauen uns die Psychologen aus dem Fenster des Altbaus zu, wenn wir im Garten Taiji machen. Oder sie kommen direkt in den Garten. Sie sind aufgeschlossen, neugierig und unterhalten sich gern mit uns. Wenn ich mal einen Psychologen bräuchte, würde ich hier sofort einen ansprechen. Dann könnten wir im Garten sitzen und reden. Allerdings brauche ich keinen Psychologen; lieber hätte ich den Garten oder den Meditationsraum, aber ohne den ganzen Klimbim, den gutgemeinten.

Die nächsten Wochen ist unser Lehrer im Urlaub, und ich habe wieder die Schlüssel für das Psychologenhaus. Und wer die Schlüssel zu einem Haus hat, darf da auch in Socken rumlaufen und sich wie zuhause fühlen.

23.06.2019

Unterwegs.

Da steht sie, nachts an der Aussenalster, die langen roten Haare sind zerzaust, ihr Gesicht ist blass. Vor ihr steht ein kleiner Koffer, in der einen Hand hält sie die Unterlagen aus dem Krankenhaus, aus dem sie eben geflüchtet ist, in der anderen das Handy, mit dem sie mir Nachrichten schickt.

Dreimal habe ich nachgefragt, ob sie Hilfe benötige, ich sei da, dreimal hat sie geantwortet, dass sie ok sei und alles im Griff habe. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt, aber wir kennen uns nicht gut genug, ich muss ihre Entscheidung respektieren.

Ob ich das Krankenhaus xy kennen würde? Nein, schreibe ich zurück, sie solle in ein Taxi steigen und in das große Krankenhaus fahren, in dem habe ich im letzten November sehr gute Erfahrungen gemacht. Wenn sie allerdings einen Rettungswagen rufen würde, würde dieser sie sofort in das Krankenhaus zurückbringen, das sie soeben entgegen dem Rat der Ärzte fluchtartig verlassen hat.
Weil sie dort schon seit einigen Tagen mit Schmerzen liegt.
Weil nach drei Tagen morgens endlich ein MRT gemacht wird und abends die Info erfolgt, dass man etwas sehen würde, aber man wüsste nicht genau was, man müsste wohl mal nachschauen.
Weil der Arzt nach einer Minute entschwindet, obwohl sie noch nicht einmal ihren Satz beendet hat.
Weil die Zimmergenossin hustet und hustet und sich immer wieder im Bett erbricht und keine Schwestern da sind.
Weil es schmutzig ist.
Weil sie unbedingt weg möchte.
Was sie denn tun solle?

Ich erinnere mich, als ich vor einigen Jahren in dieses Krankenhaus als Notfall eingeliefert wurde.
An den Schmutz (die Urinbehälter der ehemaligen männlichen Zimmerbewohner lagen noch im Bad, überall war Staub).
An eine Ärzteschar, die in der Zimmerecke stand und in dritter Person über mich gesprochen hat, obwohl ich doch im Raum war.
An das Verweigern eines neuen MRTs, obwohl ich einen lauten Knall im Rücken gehört und unvorstellbare Schmerzen gespürt hatte.
Über eine Woche im Krankenhaus liegend mit Schmerzmitteln, die nicht geholfen haben.
An den Oberarzt, der nach der OP im Aufwachraum kleinlaut feststellte, dass man das Unterfangen unterschätzt habe, und es eine schwere Operation war, die Bandscheibe in viele Teile zersprungen, man nicht wüsste, ob man am richtigen Wirbel operierte, der Nerv nicht mehr lag, wo er eigentlich hingehörte, und meine Schmerzen mit Folterschmerzen verglich.
Aber an diese Worte würde ich mich später nicht erinnern, hier im Aufwachraum, fügt er hinzu.
Und doch erinnere ich mich sehr gut an jedes seiner Worte.

Wenn sie es körperlich schaffe, das Krankenhaus zu verlassen und in ein Taxi zu steigen, dann würde ich ihr dazu raten. Nun steht sie im Dunkeln an der Alster und wartet auf ein Taxi.

Wir bleiben in Verbindung, vorsichtshalber gehe ich noch nicht ins Bett sondern warte auf dem Sofa ab, sie kommt in der Notaufnahme des großen Krankenhauses an und kommt auch sofort dran, sie liegt dort in einem Bett, man untersucht sie und entscheidet, in der nächsten Stunde zu operieren. Höchste Zeit, sagen die Ärzte, die Werte seien schlecht. Und entfernen den entzündeten Blinddarm und auch ein Stück des bereits entzündeten Darms.

Unsere Stand Up Paddling Tour, die wir eigentlich heute machen wollten, verschiebt sich entsprechend. Ich gehe schwimmen, schwimmen ist gut, vor allem im Glitzerwasser, und schwimmen muss ich sowieso können, wenn ich mich auf ein wackeliges Brett auf die Hamburger Aussenalster wagen möchte.

Mo: Taiji ✔️
Di: Schwimmen  ✔️Taiji ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sonntag: Schwimmen  ✔️ Tubes ✔️

20.06.2019

Rezept: Eis am Stiel

Premiere! Auf vielfachen Wunsch teile ich mein Rezept für Eis am Stiel. Das ist insofern amüsant, da ich überhaupt keine Küchenfee bin, mich nicht an Rezepte halte und einfach alles zusammenwürfele. Kochen kann ich gar nicht (und interessiert mich auch nicht. Essen tu ich wiederum sehr gern).

Allerdings finde ich mein zusammengewürfeltes Eis am Stiel ausgesprochen lecker! Natürlich ist es simpel herzustellen (sonst würde ich das gar nicht machen).

Zutaten 
ne Portion Magerquark
ne ebenso große Portion griechischer Joghurt (10% Fett)
etwas Wasser
etwas Xylit (Birkenzucker), wem das ganze sonst zu sauer wird

Dazu kommt…

für Zitroneneis:
Zitronensaft von 2 Zitronen

für Himbeereis:
eine Handvoll frische Himbeeren

für Schokoladeneis:
Kakaopulver (also richtiger Kakao, nicht Kaba oder gesüsstes Zeugs)

Die Masse einfach mit dem Schneebesen fluffig schlagen, in die Eisförmchen füllen, und ab in den Gefrierschrank.

That’s it.

Soll ich ab und an Rezepte posten? Ich kann mittlerweile auch Müsliriegel und Milchschnitten und Rharbarbergrütze.

Fotos: 1. Zitronen- und Himbeereis in Einem (wollte gestreiftes Eis machen, aber das ging nicht) 2. Zitronen-Eis 3. Schoko- und Zitroneneis in Förmchen

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18.06.2019

Im Krankenhaus.

Ich habe schlecht geträumt. Vom Nachsorgetermin, den ich mir nach Intervention on top besorgt habe, da ich gern – wie in den Richtlinien Onkologie erwähnt – alle Vierteljahr zum Check Up gehen möchte. Meine Umfrage unter Brustkrebspatienten (Jahr 1-3 nach Diagnose) ergab dasselbe Resultat: bis auf U., meine Schwester im Herzen, die alle 6 Monate zur Untersuchung antreten soll, haben alle Mitstreiterinnen vierteljährliche Nachsorgetermine. U. und ich haben allerdings dieselbe Ärztin.

Angst vor dem heutigen Termin habe ich nicht. Als ich mich auf den Weg mache, ist mir aber etwas flau im Magen. Seit 22.00h habe ich nichts mehr gegessen, damit ich nüchtern um 11.00h im Dachgeschoss des kleinen Krankenhauses erscheine, sollten die Blutwerte überprüft werden. Meine Blutwerte waren letztes Mal nicht sensationell („grundsätzlich in Ordnung“ laut des beiliegenden Grusses in der Post, was mich genauer hat hinschauen lassen).

Die Blutwerte waren ja nicht sensationell, sage ich zu meiner Ärztin. Sie schaut in den Computer, sie fände die Werte ok, kein Grund zur Beunruhigung.
Ich erwähne, dass ich über die letzten Monate zweimal Schmerzen in einer Rippe gehabt hätte, die allerdings auch wieder verschwunden sind. Panisch bin ich deshalb nicht, aber aufmerksam. Sollten die Schmerzen nochmal kommen, würde ich das untersuchen lassen wollen.
Ich ernähre mich gesund, stellt sie eher fest als das sie fragt. Ich bejahe. Warum der Cholesterinwert wieder höher ist, kann ich nicht erklären.

Auch der Tastbefund ergibt nichts Neues, nur die beiden Knoten im linken Narbengebiet, aber die habe ich seit der Strahlentherapie.

Es geht mir gut, ich sehe gesund aus, das merke ich selbst, als ich im Wartezimmer sitze. Man kann den Menschen, die hier warten, ansehen, wie es ihnen geht; die Sorgenfalten im Gesicht, das permanente Wippen des Fußes, die vorneübergebeugte Haltung beim Sitzen, der abwesende Blick. Wieder einmal mehr ist mir klar, dass ich Glück gehabt habe, dass ich physisch und psychisch so gut aus dem Drama rausgekommen bin.

Ich freue mich, dass Prof. Dr. M. (mein Lebensretter) ins Wartezimmer schaut um seine Patientin zu holen und mich freundlich grüßt, sie wird wohl die nächste sein, der er hoffentlich das Leben retten wird.
Ich nehme mein Rezept und mache mich auf zum Schwimmen.

2 Jahre, 3 Monate und 4 Tage krebsfrei.

Foto: Belohnung für den Tag – ein selbstkreiertes Zitronen-Himbeereis, zuckerfrei.

16.06.2019

In vino veritas.

Nachdem ich nun in meinem Ernährungsbuch auf die positiven Effekte des Rotweins gestoßen bin und mir gestern und heute Abend ein Gläschen gegönnt habe, stoße ich auf ein ganzes Kapitel, das Alkohol thematisiert. Grundsätzlich: Alkohol ist zu vermeiden. Rotwein ist erwiesenermaßen die Ausnahme: dank des hohen Resveratrol-Gehaltes und anderer sekundärer Pflanzenstoffe (u.a. Anthocyanidine, Proanthocyanidine, Flavonole, Phenolsäuren) sinkt das Krebsrisiko bei maßvollem Genuss (das bedeutet nicht mehr als ein kleines Glas für Frauen am Tag, am besten sei Pinot Noir aus Burgund).
ABER: bei Brustkrebs wird es schwierig (die chemischen Erläuterungen lasse ich weg, die sind mir auch zu kompliziert). Mehr als ein 0,1l-Glas darf es nicht sein, sonst steigt das Brustkrebsrisiko lt Statistik nämlich an!
Da ich eigentlich eh nicht gerne Rotwein trinke und ihn nur gekauft habe, da er als gesund deklariert wurde, werde ich in Zukunft nur ab und an mal ein Gläschen trinken.
Die kleine Flasche ist nun ohnehin getrunken, die nächsten Tage schwenke ich wieder auf Zitronen-, Ingwer- und Minzwasser um.

Nachdem ich heute nicht nur beim Schwimmen war und abends noch spontan aufs Dach zum Taiji-Praktizieren gegangen bin, habe ich mich für nächstes Wochenende zum Stand Up Paddling auf der Alster verabredet. Da bin ich mal gespannt. Gemacht habe ich das noch nie. Zumindest kann ich mich im Ernstfall eine Stunde schwimmend über Wasser halten.

Foto: Das war erstmal das letzte Glas Rotwein.

15.06.2019

Unterwegs.

Wenn ich zusammenzucke, weil mir jemand im Aussenbecken von hinten an die Schulter fasst und ich in J.s lachendes Gesicht schaue, meinem Meditationsgefährten. Wir umarmen uns, plaudern, dann taucht er rüber auf die Kampfschwimmerseite.

Wenn ich mich ins Gras setzte, da mir schwindelig wird und den Jungs (heute sind es nur Jungs!) bei der Stehenden Säule und den Seidenübungen zuschaue. Später wechsele ich mit P. auf die andere Seite des Gartens, zwischen Gänseblümchen und Apfelbäumen erklärt er mir die Feinheiten des zweiten Fauststoßes der 19er-Form, bei der ich seit Neuestem ins Stocken gerate.

Wenn ich den Mittwochabend mit einem Freund auf einem kleinen schaukeligen Party-Schiff auf der Elbe verbringe, während Andreas Dorau mit seinen Musikern live auftritt. Heute ist Record Release Party. Ich trinke ein (alkoholfreies) Bier, während wir an Kränen, Docks und Containerschiffen vorbeishippern.

Wenn ich mir einen Instagram-Account anlege (der Feind in mir) und mir dafür eine Themenwoche überlege (Montag: Achtsamkeit, Dienstag: Ernährung, Donnerstag: Throwback Thursday, Sonntag: Fitness).
Donnerstag ist in der Community #krebsfreidonnerstag. Da ich jeden Tag krebsfrei bin, werde ich antizyklisch und ganz klassisch mit #tbt aufwarten und die Anfänge meiner Krebs-Geschichte dokumentieren.

Wenn die Physiotherapeutin, die heute im Gym Aufsicht führt, sich freut, mich wiederzusehen, und wir uns während meiner gesamten Geräterunde nett unterhalten.

Wenn ich die vielen Fahrräder vorm Schwimmbad sehe und G. mir bereits in der Umkleide entgegenkommt; zu voll sei es, sie sei extra früh zum Schwimmen gekommen und jetzt auf dem Heimweg.
Wenn ich Walross 2 im Innenbecken schwimmen sehe und weiß, dass es dann wirklich voll sein muss.
Wenn Walross 1 draussen unter der Wasseroberfläche schwimmt, die Kinder planschen und Mütter im Wasser herumstehen und ich beschliesse, es mit Kurt Tucholsky zu nehmen: Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
Wenn ich entspanne und durch’s Wasser gleite und mich einfach darüber freue, hier zu sein.

Wenn ich mir 6 Kilogramm unbehandelte Zitronen in Spanien direkt beim Farmer bestelle und überlege, was ich damit anstelle: Zitronenmarmelade, Zitronen-Tarte, Zitroneneis, Zitronenwasser…ich bin gespannt auf die Lieferung!

Wenn ich zum wiederholten Male feststelle, dass ich auf meinen wöchentlichen Schokoriegel verzichten kann und ganz bewusst durch die Süßigkeitenecke im Supermarkt gehe und mir ausdrücklich etwas erlaube. Ich möchte aber keinen Schokoriegel. Ich nehme ein Päckchen Cashewnüsse (gesalzen) mit. Das ist das Ungesündeste in meinem Einkaufswagen.

Wenn ich das erste Mal seit 12 Monaten Alkohol für zuhause kaufe (eine 0,25l-Flasche Rotwein), weil Rotwein ausdrücklich in meinem Krebs-Ernährungsbuch als gutes Nahrungsmittel (hoher Resveratrol-Gehalt) erwähnt wird.

Wenn ich automatisch meinen Hass-Liebe Kreuzblütler Brokkoli in den Einkaufswagen lege. Wenn man den in die Gemüsepfanne schmuggelt und einen Haufen Kurkuma, Pfeffer und scharfes Chili drüberwirft, fällt er nicht weiter auf.

Wenn ich meine Schwimmtasche für Sonntag packe.

Wenn ich das erste Mal einen Blogbeitrag mit einem Glas Rotwein in der Hand schreibe.

Montag: Schwimmen ✔️
Dienstag: Taiji ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Schwimmen (geplant) ✔️

09.06.2019

Unterwegs.

Da steht sie. Nein, sie bewegt sich, es sieht aus, als ob sie ihre Taiji-Form tanzen würde, ganz langsam. Das letzte Mal, als wir uns sahen, hat sie mich angesprochen, da habe ich genau an dieser Stelle den Chen-Stil praktiziert. Die chinesische Nachbarin unterrichtet den Yang-Stil. Ich bleibe stehen, halte inne und lächele, bevor ich weiter zur Arbeit gehe.

Nach der Meditation schlendere ich mit C. zurück zum Bahnhof. Sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll; sie habe sich mit einer lieben Freundin zum Frühstück getroffen, auch sie ist gerade mit Brustkrebs durch OP, Strahlentherapie und Reha gegangen. C. sei erschrocken, die eh schon übergewichtige Freundin habe weiter zugenommen, esse nicht gesund und habe auch angeblich keine Zeit für Sport. Sind wir die Einzigen, denen gesunde Ernährung und Fitness so wichtig sind? Sie bleibt stehen und schaut mit an. Das denke ich nicht, antworte ich und bleibe auch stehen; allerdings sind wir beide wirklich extrem gut aufgestellt, denn wir haben kapiert, dass wir an einer Katastrophe vorbeigeschlittert sind und uns entsprechend gut positioniert, um vorzubeugen. Verstehen tue ich Andere auch nicht, die wieder in den alten Trott zurückfallen und weiterleben, als sei nichts gewesen. Unser Körper hat schliesslich schon mal gezeigt, dass er anfällig ist; deshalb finde ich es wichtig, ihn zu stärken und weniger angreifbar zu machen. C. sieht das auch so. Ich lasse einen Bus in meine Richtung davonfahren, das Gespräch ist zu wichtig.

Ob wir uns nächsten Dienstag wiedersehen? fragt C. Natürlich, antworte ich, da sei ja wieder Taiji im verwunschenen Garten des Psychologenhauses, einer meiner Lieblingsabende der Woche. Darauf freue ich mich immer sehr. Und auch auf unseren intensiven Austausch auf dem Rückweg.

G. ist aufgebracht. Meine Schwimmfreundin treffe ich überraschenderweise auf der Aussenbahn an, normalerweise schwimmt sie am Beckenrand entlang. Heute scheint die Sonne, es ist warm, das Becken ist voller Teenies, die Ballspielen und vom Beckenrand springen. Allerdings ist auch die Ausweichmöglichkeit, auf die Schnellschwimmerbahn überzuwechseln, für uns nicht gegeben; zuviele Kampfschwimmer kraulen dort in hohem Tempo auf ihren Bahnen. Wäre sie bloss früher gekommen, schimpft G. Dann hätten wir uns aber nicht gesehen, antworte ich und versuche sie etwas aufzumuntern. Nebeneinander her schwimmen klappe heute allerdings nicht, ich solle mein Tempo schwimmen, G. fuchtelt hilflos herum, die 80-Jährige ist nicht gern auf der Außenbahn, auch wenn das Wasser nicht allzu tief ist. Ich schwimme vor und bitte mehrere Gruppen Jugendlicher, weiter an die Seite zum Spielen zu gehen. Sie gehorchen. Ich lache G. zu, jetzt haben wir Platz, wir schwimmen knapp 30 Minuten plaudernd nebeneinander her, die Stimmung steigt. Irgendwann muss auch G. über sich selbst schmunzeln, so griesgrämig kenne ich sie gar nicht, sagt sie, nein antworte ich, ich sei verblüfft gewesen, aber nun sei alles gut, es ist so gut, dass wir beide die Zeit vergessen und weit über eine Stunde im Wasser unterwegs sind.

Der Sonntag ist herrlich; kurz nach 10.00h bin ich wieder im Aussenbecken des öffentlichen Bades, wieder scheint die Sonne, wieder ist es warm, die weißen und rosa Blüten an den Bäumen sind endgültig einem tiefen Rot und Grün gewichen, die Rosen blühen, das Wasser glitzert. Kinder planschen friedlich am Beckenrand, die restlichen Schwimmer sind in meinem Tempo unterwegs. Es ist perfekt. Es ist so perfekt, dass ich denke, am Pfingstmontag wieder zum Schwimmen zu gehen.

Mo: Tubes & Taiji ✔️
Di: Meditation
✔️
Do: Gym
✔️
Fr: Schwimmen
✔️
So: Schwimmen
✔️

03.06.2019

Gesund bleiben.

Ich stehe in der Schlange beim Bäcker, es ist 7.30h, ich überlege, ob ich zum Milchkaffee ein Franzbrötchen oder ein Weizenbrötchen mit Salami möchte, ich mag beides ausgesprochen gern. Mein täglicher Start in die Woche, wenn es zur Arbeit geht. Mittags mit Kollegen in die Kantine nebenan, zum Vietnamesen, Chinesen, Italiener, Burger, Döner, Würstchenstand, oder auch mal einen Salat. Zwischendurch etwas Süßes, am liebsten Schokolade oder etwas Obst.

Mein Leben hat sich geändert. Meine Ernährungsgewohnheiten auch. Geblieben ist der Salat und ab und an der Besuch beim Vietnamesen. Die anderen Komponenten sind entfallen, genauso wie die Kollegen, mit denen ich früher in die Mittagspause gegangen bin.

Abends bereite ich meine Snackbox für den kommenden Arbeitstag vor. Das habe ich mir bei einem anderen blog abgeguckt, wo eine Mutter ganz wunderbare Snackboxes für ihre beiden Kinder vorbereitet. Meine sind ähnlich, wenn auch mein Gemüse keine lustigen Augen angesteckt bekommt und das Obst nicht so hübsch ausgestochen wird. Also eher die Edition für Erwachsene.

Es bereitet mir unheimlich viel Spaß, die Snackboxes zu kreieren, und noch mehr Spaß bereitet es mir, diese im Büro auszupacken und alles aufzuessen.

Zum Frühstück gibt es meist griechischen Joghurt (10% Fett) mit frischen Früchten, Haferflocken, Leinsamen, Kürbiskernen, Mandeln, Haselnüssen, Rosinen…ich bastel mir jeden Tag etwas anderes.

Mittags freue ich mich auf meinen Salat mit Leinöl, auch hier variiere ich, je nachdem, was ich gerade eingekauft habe. Dazu ein Dinkel- oder Vollkornbrötchen, für zwischendurch Wurzeln, einen Apfel, Zartbitterschokolade, Nüsse oder einen selbstgebackenen Müsliriegel (zuckerfrei).

Manchmal gibt es auch nur eine Frühstücksbox, da ich mittags zum Afghanen oder Vietnamesen gehe, wo es leckere vegane Gerichte oder auch Hühnchen-Currys gibt. Und freitags ist eh mein kurzer Arbeitstag, an dem ich mittags zum Schwimmen gehe. Da gibt es grundsätzlich das Haferflockenfrühstück.

Ist das Ganze jetzt zeitaufwendiger? Ich denke nicht; ich spare die Zeit, die ich morgens beim Bäcker angestanden habe.
Ist das Ganze jetzt teurer? Ich denke, auch das nicht; spare ich doch einiges an Kosten beim Bäcker und mittags bei den ausserhäusigen Mittagessen ein.
Ist das Ganze jetzt besser? Auf jeden Fall! Es ist Teil dessen, was ich tun kann, um gesund zu bleiben.

Nachtrag:
Und manchmal esse ich auch ein Stück Kuchen oder trinke einen „richtigen“ Milchkaffee oder gönne mir ein Eis, zusammen mit meinen Kollegen.

 

02.06.2019

Fitnessübersicht

Mo: Taiji Class ✔️

Di: Stretching/Taiji at home ✔️

Mi: Taiji Class ✔️

Do: Schwimmen ✔️

Fr: Schwimmen ✔️

Sa: Tubes/Taiji at home ✔️

So: Schwimmen ✔️

Am Sonntag war das öffentliche Bad so voll (kein Wunder bei 30 Grad Sonnenschein), dass ich a) keine Liege auf der Grünfläche bekommen habe und b) zum Schwimmen auf die Schnellschwimmerbahn ausweichen musste. Diese wiederum wichen auf die 50m-Bahnen aus (unbeheizt, ca. 17 Grad); aber Kampfschwimmer sind ja hart im Nehmen.

Zuhause mein selbstgemachtes Schokoladen- und Zitroneneis (zuckerfrei) getestet und für sehr lecker befunden. Von den fünf kreierten Milchschnitten ist nur noch eine übrig. Dafür habe ich noch circa 20 selbstgemachte Müsliriegel.

01.06.2019

Zuhause.

Es ist eine gute Idee, das Frühstück ausfallen zu lassen, wenn man nicht hungrig ist und die Tage zuvor (zu)viel gegessen hat.
Es ist keine gute Idee, das Frühstück ausfallen  zu lassen, wenn einen der Weg zum samstäglichen Einkaufen führt und man dann in den Gängen zwischen Chips und Süßigkeiten hungrig wird.
Ich gehe zurück in den Bereich der Brote und Brötchen und packe mir ein Kürbiskernbrötchen ein, für „auf die Hand“, wenn ich die Kasse passiert habe. Also ungefähr so, wie Eltern das mit Kleinkindern machen, die ebenfalls beim Einkaufen hungrig werden.

Ich schaue auf den Einkaufszettel, vergleiche mit dem, was in meinem Einkaufswagen liegt, es deckt sich, so soll es sein: Tomaten, Ingwer, Gurke, Salat, Avocado, Brokkoli (der Kreuzblütler ist wieder dabei!)  Birne, Trauben, Erdbeeren, Nektarinen, Himbeeren, noch mehr Himbeeren, Vanilleschote, Zimt, Vollkornbrot, veganer Brotaufstrich, Butter, Kakao, etwas Käse, Backpulver, Hafermilch, Kokosmehl; ich stelle fest, dass ich das Geschäft verlasse, ohne einen Schokoriegel gekauft zu haben. Schon gestern nach dem Schwimmen hätte er mir zugestanden, aber auch da hatte ich gar keine besondere Lust auf den Riegel.
Ausserdem stelle ich fest, dass sich mein Einkauf mit vielen Lebensmitteln, die in meinem Ernährungsbuch auf der guten Seite stehen, deckt, und das war nicht geplant.

Der Samstag ist mein Trödeltag, da kann ich machen, was ich möchte. Kein Sportprogramm steht auf dem Plan, aufgeräumt, gewaschen und geputzt habe ich gestern nach der Arbeit und dem Schwimmen und vor dem Besuch des japanischen Kirschblütenfeuerwerks an der Alster mit Freunden, heute verbringe ich den Tag  überraschenderweise in der Küche.

Ich beschliesse, selbst Milchschnitten herzustellen. Und Schokoladen- und Zitroneneis. Schnell ist alles eingesaut, Kakaopulver und Kokosmehl  sind gleichmässig und überall verstreut, Zitronensaft pappt überall, das Agar Agar geliert schneller als gedacht und will den Topf nicht mehr verlassen, dafür kann ich die erste Fuhre der Cremefüllung in die Tonne treten, da verflockt, zum Glück habe ich aber nur die Hälfte der angegebenen Mengen des Rezeptes vorbereitet und habe noch genügend übrig, um die Creme noch mal ordentlich herzustellen.

Mittlerweile ist mir heiß, eigentlich würde ich jetzt lieber beim Schwimmen sein oder auf dem Dach Taiji-Übungen machen, nun stehe ich allerdings im Chaos, das wieder beseitigt werden möchte.
Ich beschliesse, heute nicht auch noch den Spargel und die Kartoffeln zu kochen sondern schlicht einen Rohkostteller vorzubereiten. Ein drittes Mal Abwaschen habe ich keine Lust. Und vielleicht gehe ich heute Abend doch noch auf’s Dach und mache Übungen für die Hüftbeuger und nehme die Stehende Säule zur Entspannung ein. Ich darf am Trödeltag machen, was ich möchte, auch wenn es Sport ist.

Fazit, Stand: 18.40h: nebst einer mehrmals eingesauten Küche habe ich jetzt vier Zitronen- und zwei Schokoladeneis am Stil im Gefrier- und fünf drei Milchschnitten im Kühlschrank. Und noch immer nix über Kreuzblütler geschrieben.

30.05.2019

Unterwegs.

Mir ist heiß. Der Sitznachbar zu meiner Rechten zieht sein Jackett an. Ich rolle die Ärmel meiner dünnen Bluse hoch, tupfe mir mit dem Taschentuch über das Gesicht und ärgere mich, dass ich keinen Fächer mitgenommen habe.

Ich sitze in der ersten Reihe (Pressekarte) der ausverkauften Elbphilharmonie, interessanterweise in der rückseitigen ersten Reihe. Der Dirigent steht ein paar Meter von mir entfernt, ich sehe sein Gesicht, seine Emotionen, das akzentuierte Führen seines Orchesters.

Direkt in der Reihe vor mir sitzen die Harfen und die Trommeln, ich kann die Noten mitlesen (wenn ich denn Noten lesen könnte).

Nach einer kurzen ersten Halbzeit mit dem Oboisten Albrecht Mayer, der mit den Bamberger Symphonikern Elgar und Strauss spielt, gönne ich mir in der Pause ein Glas Rotwein.
Ich mag eigentlich Rotwein nicht so gerne, allerdings wird er mehrmals in meinem Krebs-Ernährungsbuch sehr positiv erwähnt (hoher Resveratrol-Gehalt, sprich krebshemmende sekundäre Pflanzenstoffe), sodaß ich beschlossen habe, wenn ich zu Events gehe, mal ein Glas Rotwein zu trinken.

Nach der Pause ist es im Saal immer noch heiß. Meine Sitznachbarn links und rechts von mir tragen weiterhin hartnäckig ihre Jacketts. Der Sitznachbar zu meiner Rechten weist mich darauf hin, dass der glatzköpfige Trompeter, der fast in Greifweite vor uns sitzt, Falten auf der Glatze hätte, als habe er eine gekräuselte Stirn, aber eben auf dem Hinterkopf. Sobald er allerdings Trompete spiele, würden die Falten weg und der Hinterkopf glatt sein. Da werde ich mal darauf achten, sage ich. Und ob ihm eigentlich gar nicht heiß sei, so im Jackett? Doch sei ihm, antwortet er. Und behält sein Jackett an.

Wir hören Bedrich Smetanas mit Abstand bekanntestes Orchesterwerk: Mein Vaterland. Ein Heimspiel für den tschechischen Chefdirigenten Jakub Hrusa, der  mit den Bamberger Symphonikern brilliant durch die sechs sinfonischen Dichtungen führt; die leisen Töne wechseln sich mit dem mitreißenden Fliessen der Moldau ab, die eine wunderbare Synergie mit dem wellenförmig angelegten Saal eingeht, ich kneife die Augen etwas zusammen und stelle mir vor, wie die Balkone anfangen sich zu bewegen, ganz leicht, wie Wellen, wie Wasser, wie die Moldau, und ich denke, wie schön es ist, jetzt hier zu sein und der Musik zu lauschen. Wieder mal fühle ich tiefe Dankbarkeit.

Wir nicken uns zu, der Sitznachbar zu meiner Rechten und ich; er hat Recht, der Trompeter hat während des Spielens einen ganz glatten Hinterkopf bekommen, wahrscheinlich entspannt ihn das Musizieren.

Wir drehen uns ausserdem unwirsch nach hinten um, wo sich zwei Damen anfangen zu unterhalten (merke: in Klassikkonzerten unterhält man sich nicht, es sei denn, der Sitznachbar hat einen Hitzschlag erlitten, was hier allerdings in der Elbphilharmonie durchaus realistisch ist).

Ausserdem ist die Akustik sehr gut; bei der nächsten ruhigen Passage öffnet eine Frau den Reissverschluss ihrer Handtasche und fördert ein cellophaniertes Bonbon zutage, das ausgewickelt werden möchte (merke: in Klassikkonzerten steckt man sich nach der Pause, bevor es weitergeht, das Bonbon in den Mund, wenn man denn eins essen möchte). Ich werfe einen bösen Blick durch den Saal nach rechts hinüber, die Schuldige ist dank der guten Akustik sofort auszumachen.

Ein wunderbares Konzert, mit Rotwein (für mich) und Bonbons (für Andere) und immer noch nix über Kreuzblütler referiert.

25.05.2019

Unterwegs.

Kaskadenartig fällt die Sonne durch die alten Bäume im Park und streift durch das Gras, aber nur ich sehe das, weil ich bei der Stehenden Säule beim Taiji in der Turnhalle wieder mal die Augen geöffnet lasse, während meine Mitstreiter mit geschlossenen Augen stehen. Ich sehe so gern durch die weit geöffneten Fenster in den Park. Die Vögel zwitschern, und dann ertönt eine Gitarre. Lachen. Gesang setzt ein. Vor der Turnhalle wurden Bänke aufgebaut, auf denen sich jetzt munter plaudernde Leute setzen. Ich schmunzele. Mein Lehrer auch. Er bewegt sich zur Musik, was auch nur ich sehe und lustig finde, meine Mitschüler lassen sich nicht ablenken.

Am Dienstag regnet es sintflutartig, statt im verwunschenen Garten die 19er-Form zu vertiefen, beschließen wir, im Meditationsraum in Stille zu sitzen. C. und ich tauschen Souvenirs aus; sie hat mir aus ihrem Wellnessurlaub Sonnenblumenkekse mitgebracht, ich überreiche ihr eine kleine Holzrose aus Amsterdam. Im Regen laufen wir zur Bahn.

Als ich zu Bett gehe, sehe ich eine Nachricht auf meinem Handy. Ob wir morgen telefonieren könnten, fragt einer meiner Lieblingsfreunde, ihm ginge es gerade nicht so gut. Ich greife sofort zum Hörer, das ist eine sehr untypische Äusserung, ich bin besorgt.
Und dann erschüttert. Und traurig. Und beeindruckt, mit was für einer Ruhe er mir erzählt, was er hat. Krebs.

Ich finde, es langt, dass es mich getroffen hat. Meinen Freunden muss nicht auch noch der Boden unter den Füssen weggerissen werden und ein wackeliger Weg zwischen Angst und Hoffnung bevorstehen. Aber wir können uns das nicht aussuchen. Wir können nicht mal etwas dafür. Aber ich werde da sein und zuhören, trösten, motivieren, Ratschläge geben – was auch immer gerade benötigt wird.

Mein Herz geht auf, nach drei Wochen entdecke ich die pinke Badekappe im Aussenbecken des öffentlichen Bades. Meine Schwimmfreundin ist wieder aufgetaucht. Kreislaufprobleme, Arztbesuche, aber die 80-jährige lässt sich nicht unterkriegen. Zur Gymnastik sei sie dennoch gegangen, und beim Schwimmen ist sie nun auch wieder dabei. Das Wetter ist herrlich, wir schwimmen und plaudern über eine Stunde nebeneinander her, G. strahlt mich an, ich würde so gut und so glücklich ausschauen. Das sagt sie mehrmals. Ich freue mich. Es geht mir auch gut. Mir geht es gut. Freitag mittags das Büro zu verlassen und ins Schwimmbad zu fahren und dann mit etwas Glück auf meine Schwimmfreundin zu stoßen und durch das kühle Wasser zu gleiten, ist einfach wunderbar. Nächste Woche möchte sie mir Fotos ihrer Tochter und der Enkelin zeigen. Vielleicht gehen wir zusammen einen Kaffee trinken.

Am Stand auf dem Bio-Wochenmarkt ist Brokkoli ausverkauft. Und über Kreuzblütler habe ich noch immer nicht geschrieben.

meine Ausbeute vom Wochenmarkt (note to myself: schreib‘ mal über die snackboxes. Und was über Kreuzblütler!)

16.05.2019

Was glücklich macht.

Wir tanzen. Die Masse bebt im Rhythmus der Musik, ein Meer aus Armen reckt sich in die Luft, das Licht, die Farben ändernd, wandert über die Musiker und das tanzende Publikum, das Leo, ein „Too many“ rufend, mit einem frenetischen „Zooz“ antwortet.

Rechts aus dem Augenwinkel sehe ich die circa 75-jährige Frau, die mit mir schon am Eingang gewartet hat und der man eigentlich einen Stuhl vorn an die Bühne gestellt hatte, lachen und tanzen. Daneben eine Gruppe punkiger Mädchen mit zerrissenen schwarzen Netzstrümpfen, kurzen Röcken, knappen Shirts, bunt gefärbten Haaren und wild geschminkt, etwas weiter links ein paar amerikanische Jungs in Jeans und T-Shirt, dann wieder ein paar ältere Jazz-Fans, rechts von mir ein Holländer mit Ohrstöpseln und starrem Blick auf die Bühne, ein anderer mit Glatze und begeistert lachend, links von mir ein sehr sympathisches Amsterdamer Pärchen, mit dem ich schon vor dem Konzert ins Gespräch gekommen bin; nun tanzen wir gemeinsam in der ersten Reihe direkt vor der Bühne, strahlen uns an und rufen uns zu, wie grandios dieser und jener Song ist, lachen über die Choreografie, die es überraschender- und stellenweise gibt und über Leos Gesangsversuche. Saxophon spielen kann er besser.

Ich bin glücklich, hier in Amsterdam nachts im Club, vor mir auf der Bühne die Band, die nicht nur musikalisch einfach grandios ist, sondern auch kommuniziert, wie dankbar sie ist, genau jetzt hier zu sein und das zu tun, wozu sie Lust haben: Live your life. Life is now.
Genau hierher passen die Statements, genau hierher zu dem Abend und der Band, die mich vor zwei Jahren per live-stream virtuell mit in die New Yorker U-Bahn genommen hat, wo sie Tag für Tag spielten und ich für einige Momente vergessen konnte, dass ich mit Fatigue und einer Strahlentherapie geschafft in der Wohnung lag. Und deren Konzertbesuch im August 2017 in Berlin, in einer Dienstag Nacht, mein erstes erklärtes Ziel war, was ich ansteuern würde, denn bis dahin wollte ich gesund sein.

Was für ein wilder, wunderbarer Abend, was für ein Glück, dabei sein zu dürfen.

13.05.2019

Zuhause.

18.00h

Koffer gepackt. Geduscht. Haare gewaschen. Blumen gegossen. Taxi für 4.30h vorbestellt. Handies aufgeladen. Müll weggebracht. Reiseproviant vorbereitet (2 Kürbisbrötchen, 2 Wurzeln, Nüsse).

21.00h

Tickets und Hotel gecheckt. Koffer umgepackt. Das erste Reisebrötchen aufgegessen.

Das fängt ja gut an.

09.05.2019

Zuhause.

Ich überlege, ob ich über Kreuzblütler (dazu gehört mein Hassliebe-Gemüse Brokkoli) schreiben soll.

Ich überlege, ob ich über die Meditation am Dienstag berichte, bei der nur mein Lehrer und ich anwesend waren und wir beide feststellen mussten, wie wunderbar diese 90 Minuten sind, in der wir in die Stille abtauchen, während draussen das Leben tobt.

Ich überlege, ob ich darüber schreibe, dass mir heute ein Kapitän ein Foto seiner Tomaten- und Gurkenplantage geschickt hat, die er auf der Brücke (sprich: seinem Arbeitsplatz oben auf dem Schiff) angelegt hat, was ich zwar einerseits sehr kreativ (und gesund) finde, was andererseits aber nicht geht, da die Fenster auf der Brücke zum Rausgucken sind, damit man nicht überraschenderweise gegen einen Eisberg donnert und nicht für wild rankende Gewächse, die einem die Sicht  auf eben jenen Eisberg nehmen könnten.

Ich überlege, ob ich erzähle, dass ich am Samstag ein Interview mit einem französischen Autor führen werde, der den Prix Goncourt, den renommiertesten Literaturpreis Frankreichs, erhalten hat. Ich bin gespannt auf meinen Gesprächspartner, den ich in einem Café treffen werde. Da mein Französisch zu schlecht ist und seine Deutschkenntnisse nicht für ein Interview reichen, haben wir uns auf englisch geeinigt. Nur die Fragen, die ich ihm stellen werde, die habe ich mir noch nicht überlegt.

Ich überlege, ob das so intelligent war, mich morgen nach dem Schwimmen im Gewühl des Hafengeburtstags mit meinen Schwestern im Herzen zu verabreden. Wir haben uns schon lange nicht mehr getroffen. Ich bin gespannt, wie es ihnen geht.

Am meisten überlege ich aber, was ich am kommenden Dienstag Abend zum Konzert in Amsterdam anziehen möchte; mein Lieblingssaxophonist hat gerade wieder gelbgefärbte Haare, da könnte ich passend dazu den kurzen gelben Rock anziehen. Oder doch eher Jeans, T-Shirt und Trainingsjacke?

Ich überlege…

Das bin ich (anonymisiert) mit meiner Lieblingsband 2018. Auch dort trug ich schon den gelben Rock, passend zu Leos gelben Haaren.
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05.05.2019

Zuhause.

Zehn große Tüten Chips zähle ich auf dem Band an der Kasse, dazu legt der Mann – etwas Abwechslung muß sein – noch Fertigfrikadellen und ein Currywurstgericht. Von diesem Mann trennt mich nicht nur der Warentrenner, denke ich und lege den griechischen Joghurt und die Mango auf’s Band. Mangos gibt es nicht auf dem Biowochenmarkt, auf dem ich am Samstag meinen Großeinkauf tätige.

Chips esse ich eigentlich gern, zählen aber bei mir zu den Todsünden (krebserregend) und werden entsprechend nicht gekauft. Das kritische Nachfragen bei einem Hersteller, der seine gesunden Linsenchips angepriesen hat, ergab, dass auch diese frittiert und somit auch nicht besser sind als die herkömmliche Kartoffelvariante.

Ich beschliesse, in Eigenproduktion zu gehen und finde ein Rezept (welchem ich natürlich nicht folge), in dem man Chips aus roten Linsen herstellt.
Klingt gut, schmeckt ok, mehr allerdings auch nicht (note to myself: Dir fehlten ja auch  Zutaten).
Ich kaufe weitere Zutaten ein, wähle ein anderes Rezept (dem ich auch wieder nicht folge) und gehe in die zweite Produktionsrunde.
Riecht jedenfalls nach Chips, denke ich, was auch kein Wunder ist, habe ich doch großzügig meine Gewürze aus Israel – verschiedene Chilisorten, Pfeffer und Kurkuma – mit verarbeitet, was auch farblich sehr ansprechend ausschaut. Dazu noch frische Zwiebeln, Knoblauch, Tomatenmark, etwas Weinessig und die roten Linsen, die ich vorher erst in Wasser habe quellen lassen, um sie danach noch in einer Gemüsebrühe zu köcheln; zumindest die Zutaten sind alle auf der guten Liste, was Krebsernährung angeht.
Ofenphase 1 läuft. Ich bin gespannt. Die Chips sind weich. Geschmacklich aber nicht schlecht.
Ofenphase 2 läuft. Ich sitze vorm Ofen und schaue zu, ob sich etwas tut. Dabei esse ich Nüsse aus meiner Nusssammlung, die mittlerweile ein ganzes Regal im Schrank füllen. Nüsse sind immer gut. Und schmecken. (note to myself: wenn Du jetzt die Nüsse isst, brauchste auch keine Chips mehr).
Man kann das essen, es schmeckt auch etwas nach Chips, zumindest nach Chili aber die Konsistenz ist katastrophal. Fail, denke ich. Absolute fail.

Dafür war die erste selbstgemachte rote Rhabarber-Erdbeergrütze ein kulinarischer Erfolg. Und die Sportwoche sowieso.

Montag: Taiji-Class ✔️
Dienstag: Taiji-Class ✔️
Mittwoch: Schwimmen ✔️ Taiji at home ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Alsterwanderung ✔️

Fail 1

Fail 2

Dessert kann ich aber gut.

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mein normaler Einkauf  (sieht doch fast aus wie in den Ernährungsbüchern)

30.04.2019

Unterwegs.

Und – was macht ihr am 1. Mai?, möchte unser Lehrer am Dienstag Abend nach dem Taiji-Training von uns wissen.

N.: Bogenschießen!
K.: Joggen!
C.: Crosstrainer!
Ich: Schwimmen!

Wir Taiji’ler sind so richtige Partymäuse 😉

Aber wir haben heute im verwunschenen Garten des Psychologenhauses wieder viel zusammen gelacht.
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29.04.2019

Unterwegs.

Die Sonne schien, da sie keine Wahl hatte, auf nichts Neues.
Samuel Beckett, Warten auf Godot.

Die Sonne scheint auf den Park mit den hohen Kastanienbäumen, sie sinkt langsam tiefer und taucht die Blätter und Gräser in sanftes Licht. Um die Bäume laufen Kinder, sie spielen Fangen mit einem bunten Ball. Die Haare der Mädchen flattern, es ist so warm in der Abendsonne, dass sie nur T-Shirts und Röcke anhaben. Sie lachen, das Lachen weht zu uns hinüber in den alten Turnsaal, dessen hohe Fenster weit geöffnet sind.
Ich lächele, während die Szenen draußen an mir vorbeiziehen, die tobenden Kinder, der Mann im Rollstuhl, die beiden Frauen, die kurz vor dem Fenster halten und neugierig hineinschauen.
Eigentlich sollte ich meine Augen bei der Stehenden Säule, die wir gerade im Taiji-Unterricht praktizieren, geschlossen haben. Du kannst Deine innere Balance nicht finden, wenn Du die Augen bei der Übung geöffnet hast, hat mein lieber Freund mal zu mir gesagt. Ich habe das letzte Woche versucht; im Gym auf dem Stepper und im Pool des schicken Spa’s; ich war neugierig, wie sich das anfühlt, mit geschlossenen Augen Bahnen zu ziehen und mich auf dem Stepper zu bewegen und ob ich dabei meine Mitte finde ohne ins Wanken zu geraten bzw. die Bahn zu verlieren (funktioniert genauso wie bei der Meditation, man muss sich auf den Atem konzentrieren, dann findet man die innere Balance).

Jetzt mag ich meine Augen nicht schließen, viel zu schön ist es, in den Park zu schauen, das wechselnde Licht und die Bäume zu sehen. Außerdem habe ich noch den süßen Geschmack des Kekses im Mund, die F. nach dem Aufwärmen angeboten hat. Es geht mir gut, denke ich, genau hier und jetzt möchte ich sein, genau hier und jetzt mich über den Keks freuen und über das Lachen und Kreischen der spielenden Kinder und den Korrekturen meines Lehrers nachspüren.

Die Sonne scheint immer noch, als ich den Rest des Heimweges zu Fuß antrete, sie steht jetzt ganz tief über dem Hafen und färbt den Himmel rot.

Ich lese noch etwas in dem Buch über Ernährung, welches C. mir geliehen hat.
Wenn wir begreifen, was Krebs ist, dann werden wir erkennen, dass diese Krankheit ein furchtbarer Feind ist, dem wir mit großem Respekt begegnen müssen, damit er uns nicht besiegt.

Die Sonne scheint nicht mehr.

Aber morgen wird sie wieder scheinen, wenn wir im verwunschenen Garten des Psychologenhauses Taiji trainieren, draußen zwischen den Rhododendren und dem blühenden Apfelbaum, den Blumen und den Büschen; wir werden uns in Achtsamkeit üben und stärken und uns nicht besiegen lassen.

22.04.2019

Unterwegs.

C: Asterix ✖️

A: Obelix ✖️

N: Rest ✖️

Abends im Pyjama im Bett liegen und mit meinen kleinen Zwillings-Patenkindern Asterix in Italien lesen. Die Rollenverteilung übernimmt N. C. und ich haben entspannte Abende. Erstmals wird mir klar, wie wenig Obelix zu sagen hat.

Aufwachen am Morgen unter der lachenden Piratensonne.

Bucket List: Zeit mit meinen Patenkindern verbringen ✔️

16.04.2019

Zuhause.

Ich kann nicht kochen. Ich kann nicht kochen, da es mich schlichtweg nicht interessiert, stundenlang in der Küche rumzuwerkeln um dann in viel kürzerer Zeit das aufzuessen, was man in mühevoller Kleinarbeit (und folgendem Großabwasch) zubereitet hat.
Außerdem fehlt mir dafür die Zeit; in meiner Prioritätensetzung sind Haushalt und Küche ans Ende gerutscht.

Schlimm ist das auch nicht, ich esse gern meine Eigenkreationen an frischen Salaten, die selbstgebackenen zuckerfreien Müsliriegel, Rohkost und auch Nüsse. Im Rohzustand bleiben auch die Vitamine der meist auf dem Biowochenmarkt gekauften Lebensmittel erhalten.

Das ich nicht kochen kann, scheint auch meinen Freunden aufgefallen zu sein. Zum Geburtstag habe ich ein Kochbuch und somit den Wink mit dem Zaunpfahl bekommen.
Ich entscheide mich dafür, daß meine Freunde mich nicht auf meinen Makel aufmerksam machen, sondern mir etwas Gutes tun wollen: das Kochbuch gefällt mir. Es ist idiotensicher, die Rezepte lassen sich schnell zubereiten, und man saut nicht die ganze Küche ein.

Wenn man ein Rezept aufschlägt, ist dort erstmal ein großes Farbfoto des jeweiligen Gerichts zu sehen. Die Autorin geht auf Nummer Sicher (sie kennt ihre Zielgruppe). Es folgt der übersichtliche Einkaufszettel und dann das Beste: auf eine Doppelseite sind die Zutaten akkurat und strukturiert aufgemalt, darüber legt man ein Backpapier, die Zutaten aus dem Buch scheinen durch, und man packt das geschnittene Gemüse, Obst usw. einfach obendrauf. Dann kippt man etwas Olivenöl und Gewürze drüber, macht aus dem Backpapier ein Päckchen, bindet es zu, und ab in den Ofen. Fertig.

Das ganze ist so simpel, daß ich mich beim ersten Rezept circa 80% an die Anleitung gehalten habe (ich bin da eher der lockere Koch), ab Rezept Nummer 2 habe ich meine Päckchen selbst kreiert. Geht super. Schmeckt prima.
Und ist eine schöne Alternative zu Rohkost, Salaten und Gemüsepfanne.

Ich kann zwar immer noch nicht kochen, aber meine Kreationen sind hübsch anzusehen und lecker und gesund. Derweil ist die Küche immer noch in einem begehbaren Zustand.

14.04.2019

Unterwegs.

Links von mir liegt der weiße Altbau, ich biege ab und gehe hinein. Nicht nach vorn gucken, mahne ich mich; dort lauern schlechte Erinnerungen. Im Erdgeschoss ist der Eingang zur Praxis des Frauenarztes, der mir vor zwei Jahren eine Überweisung mit den Worten „Verdacht auf Mammakarzinom“ in die Hand gedrückt (ohne das vorher im Gespräch zu thematisieren) und mir dann gleich noch eine Adresse für den falschen Radiologen mitgegeben hat („wir machen seid Jahren keine Mammographien mehr“ sagt die med. Assistenz, als ich eine Woche später zum Termin erscheine. Momente, die ich nie vergessen werde).

Heute muß ich in den zweiten Stock, dort sitzt die Hautärztin, bei der ich auch vor zwei Jahren einen Termin zur Krebsvorsorge hatte und den ich fast abgesagt hätte, da ich in dem Moment nicht davon ausging, dass ich den noch brauche (ich war im Katastrophenmodus).  Im Nachhinein war es gut, dass ich hingegangen bin, da es eine sehr emphatische und eloquente Ärztin ist, die sich auf De-Eskalation versteht und das Thema Brustkrebs mit mir durchgesprochen hat.

Gut sehen Sie aus, sagt sie heute zu mir und schaut mich an. Sie korrigiert sich. Sie sehen sehr gut aus. Ich freue mich, sie möchte wissen, was seit dem letzten Besuch alles so passiert ist. Ich fange an zu erzählen. Von dem Leben im Jetzt. Von den Reisen. Von Sport und Meditation. Von gesunder Ernährung. Von der Wertschätzung jedes Tages. Davon, daß ich gesund bin. Davon, daß ich das Drama als positives Ereignis sehen kann und mein Leben viel bewusster lebe.

Morgens fahre sie immer mit dem Fahrrad zur Arbeit, an der Alster längs, erzählt sie mir. Und heute habe ein kleiner Laster mitten auf der Straße gehalten. Das habe sie gewundert. Den Fahrer habe sie dann am Alsterufer ausgemacht. Er machte Fotos. Weil es ein so wunderschöner Sonnenaufgang war.
Wir sind auf einer Wellenlänge und tauschen uns weiter aus, dazwischen prüft sie akribisch die Muttermale, Arme hoch, Fußsohlen zeigen, alles ist gut. Ich setze mich wieder hin, unser Gespräch ist noch nicht zu Ende.
Als ich die Praxis verlasse, schaue ich auf die Uhr. 30 Minuten hat unsere Unterhaltung gedauert, abends um 18.30h, und ich war nicht die letzte Patientin. Aber eine fröhliche (das steht jetzt auch bei ihr im PC).

Außerdem werde ich wieder vierteljährliche Brustkrebs-Nachsorgetermine haben, so wie es im Leitlinienprogamm Onkologie zu finden ist. Einerseits gefällt es mir, dass die Ärzte glauben, dass ich gesund bleibe (das glaube ich selbst auch) – aber da ich bis heute ratlos bin, wieso ich einen beidseitigen Brustkrebs und somit gleich zwei Tumore bekommen habe, möchte ich lieber auf Nummer Sicher gehen und die kürzeren Intervalle einhalten.

Seit Anfang April ist Taiji wieder im verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Das Thermometer zeigt 5 Grad, wir kämpfen uns durch 90 Minuten an der sehr frischen Luft. Zum Glück habe ich meine Skiunterwäsche untergezogen. Dafür hat C. Handschuhe dabei.
Trotz der Kälte finden wir es schön, wieder draußen in unserem Garten zu trainieren.

Dienstag: Taiji ✔️
Mittwoch: Hometraining ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Taiji ✔️

07.04.2019

Unterwegs.

Mein Körper ist von der Reise zurückgekommen. Meine Seele ist zurückgeblieben. Verloren gegangen irgendwo in der Wüste, oben auf dem Berg bei Masada, im Gewühl des arabischen Bazars in Jerusalem, im Olivenbaumgarten in Beit Jala im Westjordanland, am Strand von Tel Aviv, im persischen Garten von Haifa, im Toten Meer.

Es fühlt sich unwirklich an. Vor 24 Stunden habe ich vor der Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg im Regen gestanden, jetzt stehe ich in Hamburg auf dem Isemarkt und kaufe frisches Obst und Gemüse.

C. bringe ich zur Meditation Gewürze aus Jerusalem und leere Gläser mit. Sie hat für mich ein volles Glas mit selbstgemachtem Johannisbeergelee dabei.

Ich habe mir ein Gewürzregal gekauft und fülle meine mitgebrachten Gewürze aus Tüten und Dosen in Glasbehältnisse um. Sieht super aus, ist eine Schweinerei. Am Ende sind alle 18 Gläser mit scharfem Chili, süßem Chili, Kreuzkümmel, Muskatnüssen, Salz, Kardamom, Kurkuma usw. befüllt.

Ist etwas verwischt? fragt mich G. im Aussenbecken des öffentlichen Bades. Sie hat eine Welle abbekommen und fürchtet um ihr Make-Up. Ne, sieht alles noch gut aus, antworte ich. Nachdem ich am Mittwoch nur Hyazinth, den kleinen Spanier, im Bad angetroffen habe, ist am Freitag meine Schwimmfreundin wieder mit am Start. Letzte Woche sei sie 81 Jahre alt geworden, erzählt sie fröhlich. Ich gratuliere ihr zum 62igsten, älter sieht sie wirklich nicht aus. Sie freut sich, wir schwimmen gemächlich und plaudernd den rosablühenden Bäumen entgegen.

Samstag Nacht wache ich auf. Es ist dunkel, die Uhr zeigt 4h an. Trotzdem bin ich hellwach. Allerdings auch kein Wunder, wenn man bereits um 20.30h todmüde ins Bett gefallen ist. Ich checke emails und die gängigen social media accounts, um 5h bin ich immer noch wach und schaue Schuhe im Onlineshop. Vier Paar schaffen es in den Warenkorb. Nur nicht auf „kaufen“ klicken!, warne ich mich. Nachts habe ich grundsätzlich eine andere, eine extremere Wahrnehmung.
Um 9h habe ich nach reiflicher Überlegung ein Paar Schuhe auf „Merkzettel“ zurückgestuft und nach weniger reiflicher Überlegung die restlichen drei Paar bestellt. Ich rede mir gut zu, die Schuhe sind nicht tragisch teuer, aber gesundheitsbequem und schick, sie sehen nach Frühling aus und eigentlich habe ich nicht viele Schuhe. Ich überlege, zu welchen Hosen und Röcken ich sie kombinieren könnte und stelle fest, dass ich eigentlich auch noch die Hosen erwerben müsste, die zu den neuen Schuhen passen würden. Ich rolle innerlich mit den Augen.

Am Sonntag bin ich Punkt 10h im Bad, eine ehemalige Kollegin kommt mir entgegen, obwohl das Bad eigentlich erst um 10h öffnet. Frühschwimmerclub, klärt sie mich auf, da könne man ab 7h morgens schwimmen. Morgens um 7h bin ich noch nicht schwimmbereit (da kaufe ich ja online Schuhe), aber mein Erfolgserlebnis, die erste im Aussenbecken zu sein, tritt somit nicht ein: viele Frühschwimmer sind unterwegs, keine G., kein Hyazinth, nicht mal Walross 1 und Walross 2 sind im Becken auszumachen. Trotzdem bin ich begeistert, die Sonne scheint, lässt das Wasser glitzern und mich ihr entgegenblinzeln.
Später lese ich noch im Garten unter den blühenden Magnolien.
Und irgendwie ist nun auch meine Seele wieder ein Stückchen näher gekommen.

Montag: Tempelberg, Supersprint durch den Münchner Flughafen ✔️
Dienstag: Stretching/Meditation ✔️
Mittwoch: Schwimmen ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

03.04.2019

Logbuch Israel – Epilog.

Was bleibt.

Interessante Einblicke in so unterschiedliche Welten, die sich in einer vereinen.
Ein Fahrstuhl am Freitag, dessen Knöpfe man nicht drücken kann und der in jeder Etage hält und in dem ein Stuhl steht.
Geschirr für den Morgen und Geschirr für den Abend, streng auseinander gehalten.

24 Kilometer von Ramallah entfernt, 20 Kilometer vom Gazastreifen, 5 Kilometer von Syrien, 10 Meter von Jordanien, auf dem Tempelberg vor der Al-Aqsa-Moschee und auf den Golanhöhen gestanden.
An geschichtsträchtigen Orten zu sein, die ich bisher nur aus den Nachrichten kannte und zu denen ich nun eine Beziehung aufbaue und sie versuche zu verstehen.
Rosa blühende Pfirsichbäume, Rapsfelder, Mohnblumen und Olivenhaine auf den Golanhöhen. Unter mir der See Genezareth. Ein scheinbares Paradies, in dem sich Stacheldraht und Bunker verstecken.
Masada in unendlicher Wüste gelegen, oben auf dem Berg  im gleißenden Sonnenlicht.
Im Toten Meer baden.
Durch den persischen Garten zum Bahai-Tempel in Haifa spazieren.
Wandern auf dem Jesus-Trail.

Hunderte weißgewandete Christen, die sich in den schmutzigen Jordan stürzen, um sich dort wie Jesus taufen zu lassen.
Der Ruf des Muezzin über Jerusalem.
Kirchenglockengeläut.
Klezmermusik und fröhlich tanzende Juden, die zum Fest an die Klagemauer ziehen.
Jüdische Frauen mit Perücken und turbanähnlichen Kopfbedeckungen, verhüllt in züchtiger Kleidung.
Moslimische Frauen, verhüllt in schwarze Gewänder.
Große Holzkreuze, die man sich mieten kann, um damit die Via Dolorosa in Jerusalem zu beschreiten, wie Jesus.

Das österreichische ehemalige Hospiz, das mitten in Jerusalem liegt und so etwas wie ein Heimkommen bedeutet, heim zu Kaffee und Sachertorte und warmen Apfelstrudel.
Köstliches Essen in Israel und Palästina, so viele Salate, so viel Gemüse, so viel Obst und so viel Kuchen. Gewürze, die ich im arabischen Bazar und dem Mahane Yehudi-Markt kaufe.
Falafel – unser Highlight zum Mittagessen.
Ein wunderbares Picknick zwischen Olivenbäumen und Kakteen.

Schöne Gespräche und Wunscherfüllung-Freizeit  mit meinen neuen Freunden.

Emotionale Momente.
Im Olivenbaum-Garten stehen von F., der Palästinenserin, der an einer riesigen Betonmauer mit Stacheldraht abrupt endet. In dem wir einen kleinen Olivenbaum pflanzen, und dem wir wünschen, dass er niemals ausgerissen wird. Zur jüdischen Siedlung blicken, die hinter der Mauer liegt.
Yad Vashem. Der dunkle Saal mit den fünf Kerzen, die sich in den Spiegelwänden vervielfältigen und die unerträgliche Dimension des Holocausts und der vielen getöteten Kinder widerspiegelt.
Jüdische Kinder auf dem Dach spielend, hinter Stacheldraht, abgegrenzt vom arabischen Viertel.

Was bleibt, ist außerdem J. Er bleibt in Jerusalem im Krankenhaus. 15E, sein Platz im Flieger, bleibt leer.

Ende

01.04.2019

Logbuch Israel – Tag 11

Es ist 7.50h. Wir stehen im Gedränge und im strömenden Regen vor der Sicherheitskontrolle, die das jüdische Viertel vom Tempelberg trennt. Der Tempelberg ist das Heiligtum der muslimischen Welt, hier stehen die Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom, dessen goldene Kuppel eines der prägnantesten Wahrzeichen von Jerusalem ist.

Wir müssen unsere Taschen ausleeren, Gebetsbücher und Kultgegenstände anderer Religionen dürfen nicht mit zum Tempelberg. Am Tempelberg brechen öfters Unruhen aus; Juden wurde das Zelebrieren von Schlachtopfern auf dem Tempelberg verboten, was Teil einer liturgischen Übung zum Bau des Dritten Tempels sein sollte. Auch hat man bereits die Pläne für den Bau sowie die Innenausstattung organisiert. Ein schwerer marmorner Grundstein für den neuen Tempel wurde bis zur Stadtmauer transportiert: den Grundstein wollte eine Gruppe fundamentalistischer Juden auf dem Tempelberg vergraben. Dass das von der arabischen Welt nicht geduldet wird, war vorhersehbar. Vorsorglich hat man den Felsendom Stück für Stück abfotografiert, um ihn im Ernstfall – eine Sprengung – wieder aufbauen zu können.

Während wir im Regen warten, zieht eine jüdische Familie an uns vorbei, lachend und tanzend, sie singen Hevenu Shalom Alechem und werden von Musikern begleitet. Die Gruppe ist auf dem Weg zur Klagemauer, wo sie heute Bar Mitzvah feiern werden.

Jeden Tag gibt es eine kleine Überraschung von der Reiseleitung: mal ist es frischer Granatapfelsaft, mal arabisches Sesambrot mit salzigem Sanar-Gewürz zum dippen, heute sollte es eigentlich das lang ersehnte Eis werden. Wir stehen mittlerweile vor der Klagemauer (enttäuschend auf der Seite, wo die Frauen hindürfen), nicht nur die Temperaturen sondern auch die Stimmung geht ihrem Tiefpunkt entgegen. Wann können wir zurück zum Bus? wird nicht nur ein Mal gefragt. Eis möchte niemand mehr. Die Reiseleiterin lädt uns in ein kleines Café ein, meine kalten Finger umschliessen die Kaffeetasse, die endlich etwas Wärme bringt. K. und ich teilen uns (mal wieder) ein sehr leckeres Stück Kuchen, das aus Paranüssen, Walnüssen und Schokolade besteht und warm aus dem Ofen kommt.
Ich habe Bedenken, mich zuhause auf die Waage zu stellen; meine Outdoor-Hose, die ich eigentlich für schlechtes Wetter dabei hatte, musste bereits unangezogen im Koffer bleiben, da weder der Knopf noch der Reissverschluss zugehen.

Auf einem Berg in der Nähe der Stadt gibt es ein letztes Glas Rotwein (ich verzichte), dann geht es Richtung Tel Aviv und zum Flughafen.

Der Flug von Tel Aviv nach München hat über 30 Minuten Verspätung, als wir landen, habe ich noch 10 Minuten bis zum Boarding der Anschlussmaschine nach Hamburg. Aus meiner Reisegruppe bin ich die Einzige aus Hamburg; ich spurte mit zwei jungen Israelis, die eine Reihe vor mir im Flieger gesessen haben, los. Ab und an treffen wir auf Flughafenpersonal, die Gate-Änderungen unseres Fluges hochhalten und hektisch in die eine und die andere Richtung zeigen. Wir passieren zwei (!) Ausweiskontrollen und eine Kontrolle fürs Handgepäck, ich laufe weiter und weiter, ich schwitze und bekomme kaum noch Luft. Am Gate ist niemand mehr zu sehen, aber das Lesegerät nimmt mein Ticket noch an, ich renne zum Flieger, geht der nach Hamburg? Ja, antwortet die Stewardess, dann lasse ich mich in Reihe 5 auf meinen Platz fallen. Ich bin am Ende.

Nach 10 Minuten erscheinen meine israelischen Sportskollegen, sie blicken mir anerkennend entgegen. First, rufe ich. Die Daumen gehen nach oben. Meine Stimmung auch. Als Belohnung für diese sportliche Höchstleistung bestelle ich ein halbes Glas Weisswein und esse die kleine Tüte mit den Chips.

Morgen geht es auf die Waage. Und auf den Isemarkt um Gemüse und Obst zu kaufen.

31.03.2019

Logbuch Israel – Tag 10

Sieben Grad. Es giesst in Strömen. Der Himmel liegt bleiern über dem großen steinernden Platz.

Wir gehen langsam durch den dunklen Gang, der nur von fünf Kerzen beleuchtet wird, die sich in zig tausenden Spiegeln vervielfältigen und dem Raum eine unglaubliche Dimension geben. Vom Band ertönen Namen. Drei Monate dauert es, bis alle 1,5 Millionen Namen, Alter und Herkunftsländer verlesen sind. Es sind die Namen von 1,5 Millionen jüdischen Kindern, die im Holocaust ermordet wurden.

Während ich durch das Flackern der Lichter gehe, streichen die Finger meiner rechten Hand über den kleinen Zweig eines Olivenbaumes, den ich gestern im Garten Gethsemane in die Jackentasche gesteckt habe. Ich bin froh, den Zweig in der Tasche zu haben. Es ist gut, sich an etwas festhalten zu können.

Heute besuchen wir Yad Vashem, Gedenkstätte für die Opfer des Holocausts. Ein weiterer emotionaler Moment dieser Reise.

Das Museum erspare ich mir, nach dem Gedenksaal für die Kinder gehe ich erstmal einen Tee trinken.

Auf dem Mahane-Yehuda-Markt kaufen wir Gewürze, Nüsse und Brot, danach ist Freizeit. A., S., K. und ich nehmen das Damaskustor in die Altstadt, wir schlendern nochmal durch das arabische Viertel und den Bazar, der abrupt endet und in den jüdischen Teil übergeht. Eine unsichtbare Grenze trennt das laute Treiben der überfüllten Stände mit Schals, Früchten, Schuhen, Gewürzen, Tees und Schüsseln von Kunsthandel und edlen Silbergeschäften auf der anderen Seite.

Nachdem K. dreimal erwähnt hat, dass sie zu gerne noch einen Apfelstrudel essen würde und wir alle einen guten Kaffee trinken möchten, landen wir wieder im österreichischen ehemaligen Hospiz. Das nächste Mal sollten wir zusammen nach Österreich fahren.

30.03.2019

Logbuch Israel – Tag 9

Könnt ihr mich alle hören? Wir gehen rechts rum, rechts! An der Absperrung (schschhhhhssshhrauschen) vorbei, rechts, die Treppe (schschschhhhhhhrauschen) hoch!!

Letzte Worte aus dem Audio-Guide, bevor die Verbindung zur Reiseleitung abbricht. Statt im Gedränge zwischen Tausenden Gläubigen zu versinken, mache ich am Eingang der Grabeskirche in Jerusalem kehrt und setze mich am Vorplatz auf die Stufen in die Sonne. Ich entdecke R., L. und K., die ebenfalls keine Lust auf die Menschenmassen haben. Jetzt einen Kaffee, sagt R. Und ein Stückchen Apfelstrudel, ergänze ich. Das hätte es im österreichischen ehemaligen Hospiz gegeben, aber wir durften nur auf die Dachterrasse und den Blick über Jerusalem bestaunen.

Wir warten. Punkt 14.45h – auf die Deutschen ist Verlass – kommt der Rest der Gruppe aus der Grabeskirche. Endlich frei, das erste Mal seit Beginn der Reise! Die freie Zeit verbringe ich mit A., K. und S., wir haben jeder einen Wunsch frei. Ich wünsche mir den Apfelstrudel in Österreich, wir kämpfen uns zurück durch die Menschenmassen und den Bazar des arabischen Viertels.

Bei Strudel, Caffe Latte und Sachertorte überlegen sich die anderen Drei, was sie sich wünschen könnten. Shopping! Wir werfen uns wieder ins Getümmel des Bazars und kaufen Schälchen, Schals, Gewürze und geschnitzte Kamele. Endlich sich im eigenen Tempo treiben lassen, das mag ich ja gern.

Ausserdem mag ich K., A. und S. sehr gern, die sich auch für gesunde Ernährung begeistern und sogar fasten. Da jetzt aber Urlaub ist, teilen wir uns am Abend zu Dritt 15 verschiedene Kuchen und Desserts.

Am Vormittag waren wir im Übrigen in mindestens fünf weiteren Kirchen (in einer haben wir gesungen…) und auf dem Ölberg sowie gestern in Bethlehem in der Geburtskirche, damit ist mein Bedarf an Kirchenbesuchen für dieses Jahr gedeckt.

Was sonst noch? Bei der etwas ambitionierten Wanderung über glitschige Felsen gab es einen Kollektivsturz der Luxemburger, zum Glück nur ein paar Schrammen. Und J.? Der liegt noch im Krankenhaus, nachdem die Ärzte eine Lungenentzündung diagnostiziert haben.

29.03.2019

Logbuch Israel – Tag 8

Die Nachbarn riefen, da sind Soldaten und Bagger in eurem Garten! Wir trommelten unsere Familie und Freunde zusammen und rannten los.

Die Olivenbäume müssen weg, sagen die Soldaten. Hier kommt eine Mauer hin.

Wisst ihr, wie lange es dauert, bis ein Olivenbaum Früchte trägt? Eine Generation! Die Bäume sind mit uns gewachsen!

Wir stellen uns schützend vor unsere Bäume. Ich erkenne einen der Baggerfahrer. Warum tust du das? schreie ich.

Weil ich meine Kinder ernähren muss. Wenn ich es nicht mache, holen die Israelis jemand anderen. Es tut mir leid.

Wir weinen, als die Bagger unsere Bäume ausreissen.

F., palästinensischer Tourguide im Westjordanland

Heute nimmt uns F. mit zu sich nach Hause. Wir essen dort, sie erzählt uns ihre Geschichte, wir lernen die andere Seite kennen. Wir fahren zu dem übriggebliebenen Garten. Er grenzt an eine hohe Betonmauer mit Stacheldraht. Hinter der Mauer liegt eine jüdische Siedlung.

Heute pflanzen wir einen neuen Olivenbaum in ihrem Garten. Und wünschen ihm, dass er niemals ausgerissen wird.

28.03.2019

Logbuch Israel – Tag 7

Wenn ich im Beduinensupermarkt für eine Banane, zwei Schokoriegel (Rex und Pokemix) sowie eine Haarbürste 10 Schekel (Euro 2,50) zahle.

Wenn ich nach sieben Tagen endlich wieder eine Bürste habe (im Gepäck hatte ich nur einen zusammenklappbaren Kamm von einer Airline).

Wenn wir bereits um 9.00h die erste Ausgrabungsstätte in Tel Arad besichtigen. Das Wetter spielt mit.

Wenn wir aus Sicherheitsgründen Umwege fahren. Der Gazastreifen liegt 20 Kilometer von uns entfernt. Die Straße über Hebron ist unsicher.

Wenn wir mittags in die Höhlen von Bet Guvrin-Maresha hinabsteigen.

Wenn wir durch Wiesen und Felder wandern.

Wenn wir zwischen Olivenbäumen und Kakteen ein Picknick ausbreiten. Mit Tischdecke.

Wenn wir ein Weingut besuchen und israelische Weine verköstigen.

Wenn wir J. ins Krankenhaus in die Notaufnahme bringen müssen. Seit gestern hat er Husten, Fieber und kann nicht mehr schlucken. Der 85-jährige trinkt nicht und ist schwach. Die Ärzte unter den Mitreisenden kümmern sich gut um ihn und raten abends an, ihn ins Krankenhaus zu bringen. N., unser local guide, bleibt bei ihm.

Wenn wir beim Abendessen festellen, dass ich im Hotel eine Suite mit Blick auf Jerusalems Altstadt bekommen habe, während meine Mitreisenden auf Garagendächer schauen und gelbe Badezimmertüren haben.

Wenn sich die andere Reisegruppe im Hotel an die falschen Tische setzt, die schon für’s Frühstück vorbereitet wurden und die Kellner panisch das Geschirr wegräumen. Ein koscheres Hotel muss für die Mahlzeiten unterschiedliches Geschirr haben. Auf Geschirr, auf denen Milchspeisen lagen, darf kein Fleisch aufgefüllt werden und umgekehrt. Morgens gibt es Milchprodukte. Und abends gibt es Fleisch.

Wenn ich die Abendtour ausfallen lasse, um mal für mich zu sein und mich in die Bar setze. Ich muss die ganzen Eindrücke sortieren. Die Reise ist intensiv. Und eine der schönsten, die ich bisher gemacht habe.

27.03.2019

Logbuch Israel – Tag 6

Wenn man nur flüchtig das Reiseprogramm liest und sich auf einen ruhigen Spaziergang durch alte Gassen eines kleinen Ortes freut, kann es passieren, dass sich Mesada als antike Palastfestung des König Herodes mitten in der Wüste herausstellt. Das ich entsprechend überrascht bin, sage ich niemanden. Wir sind heute Nachmittag in der Wüste gelandet, es ist heiss, die Sonne brennt. Mit der Seilbahn sind wir den Berg zur Festung hinaufgefahren, abwärts werden wir über die Römerrampe hinuntersteigen. Die Wanderelemente dieser Reise mag ich ganz gern.

Heute Vormittag haben wir Steinböcke und Klippschliefer gesehen (von deren Existenz wusste ich bis heute auch nichts), Kamelherden, die majestätisch auf Bergspitzen in der Wüste stehen und einen schwarz-türkis-schillernden Kolibri.

Ausserdem waren wir im Westjordanland in Jericho, das 24 Kilometer von Ramallah entfernt liegt. Es ist spannend, auf einmal in Gegenden zu sein, über die man sonst nur in den Nachrichten hört und die ganz anders wirken als gedacht.

Mein Tageshighlight war am Vormittag: nachdem wir (in meinen Augen durchgeknallte) weissgewandete Christen bei ihrer Taufe im schmutzigen Wasser des Jordans zugeschaut haben (hier wurde auch Jesus von Johannes dem Täufer getauft) und 10 Meter weiter auf jordanischer Seite dasselbe Spektakel stattgefunden hat, waren wir am Toten Meer. Ich habe im Toten Meer gebadet!

Nachtrag: ein weiteres Highlight ist, dass es erstmalig Kaffeeweisser im Hotelzimmer gibt (dafür keinen Föhn. Man kann nicht alles haben).

26.03.2019

Logbuch Israel – Tag 5

Die Sonnenstrahlen legen sich sanft über die Berge. Überall blüht es: gelber Raps mischt sich mit Margariten und tiefroten Mohnblumen, rosablühende Pfirsichbäume wechseln sich mit Olivenhainen und hohen Palmen ab. Auf der Anhöhe 5 Kilometer weiter liegt ein Dorf, das weiß in der Sonne glitzert. Es scheint, als seien wir im Paradies angekommen.

Tatsächlich sind wir auf den Golanhöhen, die zu Syrien gehören und von Israel annektiert wurden. Das Dorf, auf das wir blicken, ist ein syrisches Dorf. Stacheldraht trennt die Straße von der pittoresken Landschaft, ‚Achtung Minen‚ steht auf den Schildern am Wegesrand. Oben auf einem Berg stossen wir auf israelische Bunkeranlagen. Ein Scheinparadies mit einer verlockend schönen Fassade, die sich wie eine Decke aus einem Blütenmeer über Gewalt und Krieg gelegt hat. Unter uns glitzert der See Genezareth in der Sonne.

Ein Überraschungsausflug, nachdem einige Mitreisende sich über den freien Nachmittag in Kinar und dem Hotel ohne nutzbaren Pool, ohne Ortschaft mit Café und ohne Strand am See beklagt hatten. Die Überraschung ist gelungen, wir schauen hinüber zu syrischen und jordanischen Dörfern, hier im Grenzgebiet der Golanhöhen.

Sind alle da?, ruft J. am Morgen in die Runde. Das fragt der Richtige, rufe ich zurück. J. ist heute ohne seine neue Kippa unterwegs, wir stehen vor der Kirche und dem Platz, an dem Jesu die Bergpredigt gehalten hat. Der ganze Vormittag läuft unter dem Motto Jesu: wir besichtigen Kapernaum, wo die Reste des Dorfes stehen, in dem Jesu und auch Petrus gelebt haben. Wir fahren nach Tabgha, dem Ort der wundersamen Brotvermehrung. Wir gleiten mit dem Boot über den See Genezareth, der spiegelglatt vor uns liegt, so als könne man über ihn laufen. Wir (also die anderen) essen Petrusfisch. Wir wandern durch Mangoplantagen. Wir überqueren den Jordan. Ich spaziere am Abend mit A. zum See, an dessen Ufer drei kleine jüdische Jungs herumplanschen und glücklich sind. Wir haben wieder einen beeindruckenden Tag.

25.03.2019

Logbuch Israel 2019 – Tag 4

Haifa Haifa, so heisst doch ein Song, sagt H. aus Hannover (!). So ähnlich, antworte ich, sie meine wohl Hyper Hyper. Meine Beziehung zu Menschen, die derartige Bemerkungen machen (und diese auch noch ernst meinen) und ausserdem Socken mit nem ‚L‘ und nem ‚R‘ tragen, ist kompliziert. Ich gehe zügig weiter.

Heute haben wir in Akko die Moschee, den Hafen und die Kreuzritterstadt besichtigt und zu Mittag am Bazar Falafel gegessen. Nach drei Tagen Falafel haben wir ein Falafel-Ranking angefangen, die heutigen nehmen #2 ein. Auch ein öffentliches-Toiletten-Ranking gibt es, das fällt in Israel sehr gut aus. Bis auf die Toiletten der griechisch-orthodoxen Kirche (keine Spülung, kein Papier und verschmutzt), liegen sie alle gleichauf mit 4,5 Punkten. Seit Tibet bin ich paralysiert, was sanitäre Anlagen angeht.

In Safed gibt es zwei Synagogen und das Künstlerviertel zu sehen, unterwegs verlieren wir J., der gesucht werden muss und nach 30 Minuten mit einer Kippa auf dem Kopf wieder gefunden wird. Danach suchen wir unseren Bus, den wir nach einem ungeplanten Marsch durch die Natur wiederfinden.

Unser staatenloser Busfahrer ist Moslem, die Reiseleiterin Jüdin, A. eine Reihe hinter mir ist Katholikin, eine Reihe weiter sitzen zwei Protestanten. Ich bin Atheist, und zusammen haben wir den Bahá’í-Tempel, die griechisch-orthodoxe Kirche und religiöse Stätten aller möglichen Richtungen angeschaut. Ein buntes Durcheinander und sehr interessant. In der Moschee müssen die Damen die Köpfe bedecken, in der Synagoge die Herren. Aber beim kulinarischen ist alles wieder im Einklang.

Unter uns liegt der See Genezareth, ein paar Kilometer weiter in Sichtweite die Golanhöhen.

Das Hotel in Kinar ist eine grosse Anlage, ich beziehe einen Garten-Bungalow mit nicht funktionierender Heizung. Der Hotelpool sei nicht nutzbar, teilt man mir an der Rezeption mit, als ich mich über die Heizung beschwere und frage, wann die Frauenbadezeiten sind. Auch einen Shop suche ich vergeblich. Dafür finde ich im Hotel eine Synagoge und einen Bunker (wobei ich unsicher bin, ob Nicht-Juden mit hineingenommen werden). Im Foyer spielen Musiker. Die Mitreisenden kehren enttäuscht vom See zurück, kein Strand, kein Café, und ausgerechnet morgen haben wir den Nachmittag zur freien Verfügung.

Übrigens verfolge ich die aktuell alarmierenden Nachrichten. Wir sind zur Zeit am See Genezareth (ziemlich weit weg von Gaza und Tel Aviv).

24.03.2019

Logbuch Israel – Tag 3

Es ist früh am Morgen: die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, in der Luft hängt der schwere Duft von Jasminblüten. Ich stehe auf der Dachterasse; links von mir der Hafen von Haifa, rechts schaue ich auf den persischen Garten, der am Berg angelegt ist und über dem der prächtige Bahá’í-Tempel mit der goldenen Kuppel aufragt.

Hier bekommen wir aber Fusspilz, raunt mir eine Mitreisende zu, als wir die Schuhe ausziehen, um das Innere des grössten Heiligtums der Bahá’í-Gemeinde zu besuchen. Ob sie schon mal in ’nem Schwimmbad gewesen sei?, antworte ich. Mich nerven dauernörgelnde Menschen, die sich nicht auf neue Erfahrungen einlassen und nur negatives zu sagen haben. Entspannt Euch einfach mal und geniesst das Leben…

Wir fahren an einem schweren Autounfall vorbei. Notärzte versorgen die Verunglückten, ich schliesse die Augen. Wie schrecklich, sagt A. hinter mir. Wie schnell kann Glück in Unglück umschlagen. Am Abend beim Verlassen unseres Busses klatschen wir und bedanken uns bei unserem Busfahrer, der uns auch heute wieder sicher zurück gebracht hat.

In Nazareth frage ich A., die Katholikin ist, ob der Erzengel Gabriel Maria zur Verkündigung der Geburt Jesu beim Wasserholen an der Quelle erschienen ist (griechisch orthodoxe Ansicht) oder in der Grotte (katholische Ansicht). Wir haben beide Orte und Kirchen – die Gabrielkirche und die Verkündigungskirche – besichtigt. Nichts von beiden, antwortet A. und ist da erstaunlich pragmatisch: Maria war keine Jungfrau. Eine kreative Idee mit dem Engel, finde ich, wenn man eine Schwangerschaft mitteilen muss. Als Atheist habe ich eh eine entspannte Haltung.

Nach einem frischen Granatapfelsaft und der mittäglichen Falafel auf der Mauer in der Sonne essend, machen wir uns auf den Jesus-Trail und wandern von Nazareth nach Zippori. Zippori war die einstige Hauptstadt Galiläas und ist heute eine imposante Ausgrabungsstätte. Wir wandern durch eine Schafsherde, der Raps leuchtet gelb und überhaupt blüht es bunt um uns herum. Was für ein schöner Tag.

23.03.2019

Logbuch Israel – Tag 2

Weckanruf um 5.45h und ein weiterer um 5.50h; die habe ich aber sicher nicht bestellt! Später beteuert die Reiseleiterin, dass sie die auch nicht geordert hätte. Immerhin hat auch der Rest der Reisegruppe um 5.45h senkrecht im Bett gestanden.

Wir besichtigen Jaffa (ich kaufe mir noch einen frischgepressten Jaffa-Orangensaft), wir entdecken den Wal, der Jona verschluckt hat, auf der Brücke, dort wo mein Sternzeichen angebracht ist, darf ich mir etwas wünschen, mit Blick zum Meer. Wir fahren durch’s Bauhausviertel und besuchen den Platz, an dem Ministerpräsident Rabin erschossen wurde.

In Caesarea, der alten Hafenstadt, die von Herodes gegründet wurde, besichtigen wir Ausgrabungsstätten und gehen an den Strand. Hier wird immer noch gefeiert, es ist Purim, viele sind verkleidet, Musiker spielen auf der Promenade, Kinder spielen im Sand. Die Menschen sind fröhlich, hier tobt das Leben. Zum Mittag gibt es Falafel auf die Hand, wir sitzen inmitten der Einheimischen.

Auch bei den Höhlen von Me’arot wird gefeiert: Familien picknicken unter dem rosa blühenden Judasbaum, wir probieren das hauchzarte Fladenbrot, das die Drusen backen. Dann wandern wir zu den Höhlen hinauf, in denen Neandertaler auf Homo Sapiens stießen.

Im Carmel-Gebirge bei Haifa wird mit einem Glas Wein (ich trinke heute Wasser) angestossen, dann muss sich jeder vorstellen. Ich bin A. aus Hamburg, das ist die Stadt mit der Elbphilharmonie. Die Gruppe lacht. Jetzt kennt man Hamburg. Und die Elbphilharmonie. Und mich auch.

22.03.2019

Logbuch Israel. Tag 1

Ich bereite mich selten akribisch vor.

Im Deutschunterricht in der Schule lese ich nicht wie vorgegeben Lessings Nathan der Weise; einen Abend vor der Klassenarbeit überrede ich meinen Vater, mir sein Ticket fürs Theater zu überlassen (macht der theatermüde Vater gerne!) und schaue mir das Stück an. Das ist effizient. Und visuell bin ich eh aufgeschlossener.

So bin ich auch freudig überrascht, dass am Abend vor der Abreise auf N3 eine Israel-Doku läuft. In den Reiseführer habe ich nicht wirklich reingeguckt.

Ich rufe meine Eltern an; ihr müsst schnell N3 einschalten, da läuft eine Doku über…TRINKE NICHT DAS WASSER AUS DEM TOTEN MEER, DANN STIRBST DU!!!! ruft mein Vater durch den Hörer. Sie gucken bereits die Doku. Ich lege schnell wieder auf.

Am Flughafen stelle ich fest, dass mein Flug nach München Verspätung hat, der darauffolgende ist komplett gestrichen. Am Gate wird bereits ausgerufen: wer einen Anschlussflug hat und schon hier sei, möge sofort kommen und in den früheren Flieger einsteigen. Ich lobe mich ob meiner Überpünktlichkeit.

Wenn man sich nicht akribisch vorbereitet, kann man auch überrascht werden.

In Tel Aviv ist Shabbat, vor der Passkontrolle stehen Tausende Menschen, und das ist kein Witz. Ich gehe zu nem Extraschalter, dort schauen die Menschen irritiert, zeigen auf mich, der Offizielle sagt was auf hebräisch, nun bin ich auch irritiert. Only for Israelis, übersetzt jemand. Wir lachen, ich gehe weiter und verliere mich in der Menge der Tausenden Wartenden.

Nach 90 Minuten bin ich aus dem Chaos raus, ich treffe die Anderen, der Bus fährt zum Hotel, es liegt direkt am Strand und leuchtet ganz bunt.

Durch die Verzögerung (im Übrigen hält am Shabbat auch der Fahrstuhl ungefragt in jeder Etage – und ich wohne im 14. Stock) und der Tatsache, dass es in aller Hergottsfrühe weitergeht, muss ich mein privates Abenddate canceln.

Dafür lerne ich A. aus Linz kennen, sie macht einen netten Eindruck, wir gehen nach dem Dinner an der Strandpromenade spazieren und trinken ein Glas Wein. Ich wollte ja auf meinen zweiten zweiten Geburtstag anstossen (das sage ich ihr natürlich nicht). Wir machen Fotos, am Strand hüpfen ein König und ein Pirat herum. Es ist nicht nur Shabbat, sondern auch Purim.

Vom Bett aus sehe ich das Meer.