22.03.2017

Im Krankenhaus.

Beim Aufwachen erzähle ich der Anästhesistin, dass ich zuhause sei und nicht im Krankenhaus. Das erzählt sie mir später, als sie mich auf der Station besucht.

Ich mache ihm Ärger, sagt Prof Dr M. augenzwinkernd, als ich mit nem Blutdruck von 70:xy und weiteren Problemen wegklappe . ER mache MIR Ärger, entgegne ich. Humor kann ich in jeder Lebenslage.

Sie sind so jung und zart, sagt die Schwester bei der Kontrolle. Das ist nett. Ausserdem sind wir dasselbe Sternzeichen.

Ich hab sie hier alle sehr gern.

Am Schönsten ist aber das Video, was mein Kollege T. mir von seinem wunderhübschen Sohn aus Asien schickt, den seine Frau J. heute geboren hat. Das schaue ich ganz oft an.

Das Leben ist schön.

21.03.2017

Beim Radiologen.

Meiner Ansicht nach ist das Geheimnis des Lebens überhaupt, die Dinge sehr sehr leicht zu nehmen.
Oscar Wilde

Ne, hör‘ auf, sage ich im Keller zu mir und meiner Koffersammlung und beschließe, den kleinen Koffer um eine Strandtasche zu erweitern und nicht mit einem 20kg-Koffer im Krankenhaus aufzuschlagen. Raus aus dem Keller, rein zum Radiologen.

Im Warteraum 1 ist es voll, man fragt sich und die Mitwartenden, ob man hier ob der vielen Türen wohl richtig sei. Das scheint so, immerhin wurden uns die ausgefüllten Formulare abgenommen. Dann Injektionen und ab zum Warteraum 2.

Man freut sich, hier seine schon bekannten Mitstreiter aus Warteraum 1 wiederzutreffen, die Stimmung ist locker, die Unterhaltung auch. Zwei der anwesenden Damen werden morgen mit mir in dasselbe Krankenhaus einziehen, sie werden wohl nach mir auf dem OP-Tisch liegen. Nach einer Stunde dann Fotos, die radioaktive Substanz stellt die Tumore und Wächter gut dar, ich darf gehen. Wir sehen uns dann morgen am Check-In, rufe ich fröhlich in die Runde, die mir um 8.15h die Daumen drücken wird; ich verspreche, ihnen danach die Daumen zu drücken. Man wird sich dann wohl auf den Krankenhausgängen wiedersehen.

20.03.2017

Im Krankenhaus.

Diese Insel war keine „Welt“. Sie war ein Zufluchtsort.
D.H. Lawrence, Der Mann, der Inseln liebte

Ich stehe vor meinem bereits gepackten Koffer, den ich wieder aus- und neu packen kann. Auf Rat meiner Freundin solle ich weite T-Shirts einpacken; diese müssen erst gekauft werden, weite T-Shirts gibt mein Kleiderschrank nicht her, nur eines, aber ein zerknittertes Pikachu-T-Shirt passt nicht recht zum Ernst der Lage. Auch die Liste vom Krankenhaus, die ich heute bekommen habe, sieht anders aus als mein Kofferinhalt.

Beim Internist noch schnell ein EKG machen lassen, der Blutdruck ist zu hoch, der Puls zu schnell, das schreibe ich der jetzigen Ausnahmesituation zu.

Gute Stimmung und Neuigkeiten bei Prof. Dr. M. im Krankenhaus; der Humangenetiker habe ihm Auswertungen geschickt, BRCA1 und BRCA2 sind glücklicherweise nicht mutiert, die anderen Ergebnisse warten wir nicht mehr ab. Der Therapieplan wird noch einmal umgeworfen, mein Knie getätschelt: morgen gehts zum Radiologen zum Markieren, am Mittwoch dann Operation, sprich Entfernung der Knoten. Danach Strahlen- und Medikamententherapie. Auch über psychologische Begleitung diskutieren wir; mir würde erst zeitversetzt klar werden, dass wir gerade über Leben und Sterben sprechen.

Zumindest jetzt bin ich erstmal gutgelaunt, wir haben einen Plan und der heißt Leben. Und Koffer umpacken.

 

19.03.2017


Unterwegs.

Und nun breitete der Mann des weißen Blattes seine Flügel aus, um all dem entgegenzufliegen, gehalten im Wind, der ihm jetzt alle Antworten gab, die er immer herbeigesehnt hatte, denn er war der Einzige, der begriffen hatte, was kein anderer begriff. Eine Feder war zum Fliegen da.
Giorgio Faletti, Die kleine Feder

Wir wollen auf das Leben anstoßen, ruft meine Freundin und bringt zwei Sektgläser von der Theke mit. Draußen giesst es in Strömen, aber auch das finde ich jetzt schön, genauso wie diesen Nachmittag, und Wasser ist Leben. Und Sekt trinken auch.

Nachts wache ich auf und habe Angst, dass das alles zu langsam geht und der Krebs sich seinen Weg sucht.  Ich fange an, den Koffer für das Krankenhaus zu packen.

 

18.03.2017

Unterwegs.

Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.
Samuel Beckett, Warten auf Godot

Im Briefkasten Post vom Humangenetiker, die ich auf dem Weg nach draußen mitnehme. Ich öffne den Brief an der Bushaltestelle, die Blätter flattern im Wind. Der Brief beinhaltet eine Zusammenfassung unseres Gesprächs, ein Hinweis, wenig tierische Fette zu essen dafür aber Obst und Gemüse, Alkohol zu reduzieren und Sport zu treiben und den Vermerk, man habe eine Untersuchung der Gene BRCA1 und BRCA2 veranlasst. Die Untersuchung dauere zwei Wochen.

Wenn man keine präzisen Ratschläge geben kann, gibt es allgemeine Sport- und Ernährungstipps, und zwar dieselben für alle Lebenslagen; mir erscheint das hilflos, ich mache Sport, ich trinke selten Alkohol und ernähre mich nicht von Dosen- oder Tiefkühlkost.

Nachts wache ich auf und beschließe, dass ich keine weiteren zwei Wochen warten möchte: ich warte auf meine beiden Termine am Montag beim Internisten und im Krankenhaus, aber dann erwarte ich Aktionen.

Warten war noch nie meine Stärke.

16.03.2017

Beim Internisten.

Dieses Eis. Diese Steine. Diese Felsen. Das ganze Jahr über sind sie allein. Während einiger Wochen kommen Menschen vorbei. Die Menschen sind bald wieder weg. Die Steine, die Felsen liegen weiterhin hier. So wie sie schon hier lagen, als Ritter mit Lanzen aufeinander losgingen, so wie sie hier lagen, als Seeräuber die Meere unsicher machten, so wie sie hier lagen und schliefen und träumten, als das Nibelungenlied geschrieben wurde, so wie sie hier lagen, als die Völkerwanderung Europa auf den Kopf stellte. Herr Stein, Karl der Große ist gestern gekrönt worden. Wer?
Thomas Glavinic, Das größere Wunder

Unendlichkeit – Endlichkeit.

Endlich stehe ich mal wieder früh auf, um Punkt 8.00 Uhr sitze beziehungsweise liege ich beim Internisten zur Blutabnahme; Blutbild mit Gerinnungswerten, OP-Vorbereitung. Da ich darauf bestehe, dass wir heute den linken Arm nehmen, wird die Liege von der Wand abgerückt, damit die Schwester an den Arm kommt. Ich lege mich mit dem Kopf in Richtung Fussende, so ginge es natürlich auch, sagt die Schwester, und rückt die Liege mit mir obendrauf wieder an die Wand. Wir lachen. Lachen tut unendlich gut.

 

14.03.2017

Unterwegs.

Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
Kurt Tucholsky

Tatsächlich stelle ich eine neue Gelassenheit an mir fest:  ich fange an, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ich halte inne und freue mich über Dinge, die vorher zwar auch schon da waren, die ich aber nicht so intensiv wahrgenommen habe: die Kindergartengruppe in den gelben Warnwesten, die lachend und aufgeregt vor der Elbphilharmonie herumläuft, die frische Brise an der Elbe, die nach Salz und Meer riecht, das neue Auto eines Freundes, dessen Armaturenbrett, Steuer und Sitze aus feinem hellen Leder ich andächtig berühre – ich höre gar nicht wieder auf zu loben – dabei habe ich mir nie etwas aus Autos gemacht.

13.03.2017

Ich bin müde und etwas durcheinander. Das schreibe ich dem Stress der vergangenen Tage zu. Ich laufe von einem Zimmer ins nächste, vergesse was ich wollte, laufe wieder zurück. Von der Einkaufsliste kaufe ich nur die unteren Positionen; das stelle ich fest, als ich wieder zuhause bin. Ich nehme es gelassen und bin freundlich zu mir. Ein neues Kapuzensweatshirt in himmelblau, eine helle Hose, Wäsche, Mütze und eine Jogginghose lege ich mir zu – alles Dinge, von denen ich glaube, dass ich sie in nächster Zeit brauchen könnte.

Die Sache ist mir auf den Magen geschlagen, ich habe keinen Appetit. Deshalb gehe ich jeden Mittag in Restaurants, lese Zeitung und gucke auf die Elbe. Zwischendurch zum Fitness, Schwimmen, Taiji und Spaziergänge, Freunde treffen. Blende ich die Krankheit aus? Oder lasse ich mich einfach nicht hängen?

Ich erinnere mich an die Inschrift eines Grabsteins, den ich beim Neujahrsspaziergang auf dem Wiener Zentralfriedhof entdeckt habe:

Ich lebe so gerne! Ich glaube, ich lebe sogar noch gerne, wenn ich einmal gestorben bin.

09.03.2017

Zuhause, abends.
Anruf von Prof. Dr. M., der wissen möchte, wie es beim Humangenetiker gewesen sei. Interessant, antworte ich, das Ergebnis komme noch. Er wolle mir sagen, dass ich in der Zwischenzeit nicht sterben werde. Das finde ich sehr aufmerksam.